Das Elektronische Studio Basel zu Gast im Radio

Theresa Beyer
Generation Streaming und die experimentelle Elektronik: Studierende des Elektronischen Studios der Hochschule für Musik FHNW Basel haben für Radio SRF 2 Kultur radiophone Kompositionen produziert und knüpfen damit an eine alte Tradition der elektronischen Musik an.

 

Probe des Noise Ensemble unter Anleitung von Svetlana Maraš am Elektronischen Studio Basel

 

Radiophone Klangkunst – das sind experimentelle Wer­ke, die Musikerinnen und Musiker spe­zi­ell für das Ra­dio ent­wi­ckeln. Während im Hörspiel Sprechstimmen erzählen, ist es hier allein der Sound. Solche Radio-Stücke haben ihre eigenen Gesetze: Die Hörsituation ist weniger fokussiert als im Konzert. Man weiss nicht, ob das Publikum über Kopfhörer, Stereoanlage oder das uralte Küchenradio zuhört und ob es nicht zwischendurch telefoniert oder die Teller abwäscht.

«Deswegen darf die Komposition in ihren Details nicht zu filigran sein. Ein Spannungsbogen ist wichtig», sagt der Audiodesign-Student Martin Reck, der am Elektronischen Studio der Hochschule für Musik FHNW Basel gerade seinen Master abschliesst und frisch gekürter Preisträger des Zürcher Nico Kaufmann-Preises ist, der dieses Jahr junge Musikerinnen und Musiker aus dem Bereich der elektroakustischen Musik auszeichnet.

 

Aufnahmen auf einer rostigen Stahlbrücke

Für sein Stück «Zwei Brücken», das er für die Ausstrahlung auf Radio SRF 2 Kultur komponiert hat, hat er einen Tag auf einer stillgelegten Eisenbahnbrücke verbracht, die im nördlichen Basel über den Fluss Wiese führt. Dort hat er seine Stimme, Schritte über den Schotter und Perkussionen auf dem rostigen Stahl aufgenommen.

Diese Fieldrecordings hat er am Computer elektronisch weiterverarbeitet, Effekte, Filter und Synthesizer hinzugefügt. Sein Ansatz ist ein erzählerischer, vielleicht sogar ein therapeutischer: In seinem Stück verarbeitet er eine brutale Szene aus Ivo Andrics Roman «Die Brücke über die Drina», die ihn bis heute nicht loslässt.

 


Martin Reck, Zwei Brücken, UA Basel 2022, Eigenproduktion SRG/SSR

 

Hommage an ein nostalgisches Medium

Auch der Kompositionsstudent Isaac Blumfield hat mit Fieldrecordings von Vögeln, Wald oder Wasser gearbeitet. In seinem Stück Worn like a map verdichtet er sie zu einer vielschichtigen Komposition, die zwischen real und abstrakt changiert. Die akustischen Bilder, die er kreiert, sind wuchtig: «Ich hatte beim Komponieren Träume vor Augen. Aber nicht die schönen, sondern die verwirrenden und widersprüchlichen.»

Diese Bilder in eine Radiokomposition zu bringen war herausfordernd, sagt Isaac Blumfield: «Beim Radio weiss ich ja nicht, zu welchem Zeitpunkt das Publikum einschaltet. Mein Stück muss also auch funktionieren, wenn man die ersten fünf Minuten verpasst hat.»

 


Isaac Blumfield, Worn like a map, UA Basel 2022, Eigenproduktion SRG/SSR

 

Für ihn, der Musik streamt und in seinem Alltag eher Podcasts hört, ist das Radio ein nostalgisches Medium. Es erinnert ihn an seine Kindheit in Minnesota: «Ich habe mit meinen Eltern auf langen Autofahrten Radio gehört und so Musik entdeckt, auf die ich sonst nie gekommen wäre.»

 

Elektronische Klanglabore am Radio

Die Zusammenarbeit zwischen dem Elektronischen Studio der Hochschule für Musik FHNW und Radio SRF 2 Kultur knüpft an eine lange Tradition an. Denn die Geschichte der elektronischen Musik ist eng mit dem Radio verbunden: In den 1950er-Jahren waren es die öffentlichen Radiostationen wie RTF in Paris, WDR in Köln oder Rai in Mailand, in denen elektronische Studios gegründet wurden. In den Nachkriegsjahren war das Radio das Hauptinformationsmedium. Es war mit der neuesten Technologie ausgestattet, von Oszillatoren über Sequenzern bis zu Synthesizern und Tonbandmaschinen.

«Die Pionierwerke elektronischer Musik wurden in diesen Studios produziert und fanden über das Radio ihr erstes Publikum,» sagt Svetlana Maraš, Professorin für Creative Music Technology und Co-Leiterin des Elektronischen Studios. Wie zum Beispiel Ritratto di Città von Luciano Berio und Bruno Maderna. 1954 zeichnen sie, nur mit Klängen, einen fiktiven Tag in der Stadt Mailand nach. Das Genre der radiofonen Komposition, an das die Basler Studierenden heute anknüpfen, war damit geboren.

 

Elektronische Musik geht mit der Zeit

Das elektronische Studio der Musik-Akademie Basel wurde 1975 gegründet, schon damals konnten Studierende Einführungskurse in elektronischer Musik belegen. Zugang zu einem hochspezialisierten Studio zu haben, war zu der Zeit noch ein grosses Privileg. Heute schaffen die Studierenden elektronische Musik am eigenen Laptop und kommen mit grossem Vorwissen aus einer DIY-Kultur.

Das heisst aber nicht, dass digital immer besser ist: Dem Audiodesign-Student Louis Keller haben es die alten Synthesizer und analoge Geräte im Elektronischen Studio Basel angetan.

 


Louis Keller, Bradycardia, UA Basel 2022, Eigenproduktion SRG/SSR

Für seine Performance hat er Klavierakkorde auf Tonband aufgenommen und die Bänder mehrere Meter von einer Maschine zur anderen durch den Raum gespannt. «Der analoge Klang hat eine einzigartige Breite und Tiefe». Seine Perfomance Bradycardia hat er für das Semesterprojekt mit SRF nun für das Radio übersetzt.

An die Aufgabe für das Radio zu komponieren, sind die Studierenden des Elektronischen Studios Basel also ganz unterschiedlich herangegangen. Dies führte wie von selbst dazu, dass die Podcast-Generation eine neue Faszination entwickelt hat für dieses Medium, das 100 Jahre alt ist.
Theresa Beyer

 

Vorbereitungen zum Live-Konzert im SRF-Auditorium Basel

 

Sendung SRF 2 Kultur:
Neue Musik im Konzert, 29.6.22: Classical and Jazz Talents – Live aus dem SRF-Auditorium, Redaktion Annina Salis: Livekonzert Neue elektronische Musik mit Studierenden von Svetlana Maraš – Elektronisches Studio Basel.

neo-profile:
Svetlana Maraš, Elektronisches Studio Basel,  Tim Shatnyy, Dakota Wayne, Anton Kiefer, Cyrill Jauslin, Louis Keller, Isaac Blumfield, Janik Pokorny, Minh Phi  Guillod, Martin Reck