Ungläubig, aber hoffend

Seit Lancierung von neo.mx3 machen die vier Sender der SRG auch Archivaufnahmen der Schweizer musikalischen Avantgarde sukzessive zugänglich. Inzwischen ist bereits ein enormer Fundus an raren Aufnahmen nachzuhören. Der neoblog macht in loser Folge punktuell auf einzelne Musikschaffende, Ensembles oder wichtige Werke aufmerksam.
Der Basler Komponist Jacques Wildberger (1922–2006) -und sein Bezug zu Paul Celan- bilden den Einstieg.

Corinne Holtz: Jacques Wildberger vertont Paul Celan

Paul Celan (1920–1970) kam vor 100 Jahren als Paul Antschel in Czernowitz im damaligen Grossrumänien zur Welt. Er ist einer der meistvertonten deutschen Dichter und prägte über 50 Jahre Musikgeschichte. Der Schweizer Komponist Jacques Wildberger wandte sich in seinem letzten Werk noch einmal Celan zu.

Jacques Wildberger erläutert sein Komponieren

Im April 1953 erreicht ein Zirkular die Vorstandsmitglieder des Schweizerischen Tonkünstlerverbandes. Es betrifft das Aufnahmegesuch des Schweizer Komponisten Jacques Wildberger. Unter den beigelegten Partituren findet sich das Trio für Oboe, Klarinette und Fagott aus dem Jahr 1952, entstanden nach Ende des strikten Studiums bei Wladimir Vogel im Tessin. Wildberger stösst mit seinen ersten eigenständigen zwölftönigen Arbeiten auf offene Ablehnung. „Niemand wird diese Werke je annehmen. Wir werden sie nie hören müssen und können darum ruhig Aufnahme beschliessen.“ Diese zynisch anmutende Bemerkung stammt von Paul Sacher, dem Mäzen und Dirigenten neuer Musik.

Jacques Wildberger: Trio für Oboe, Klarinette und Fagott, 1952

Sacher ist seit 1946 Präsident des Schweizerischen Tonkünstlerverein und seit 1944 in der Arbeitsgruppe Künste der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Sacher hat damals zentrale musikpolitische Ämter inne und wird das Schweizer Musikleben über fünf Jahrzehnte massgeblich prägen. Wer Politik treibt, strebt nach Macht, hält der wegweisende Soziologe Max Weber in seinem ursprünglich als Rede verfassten Text Politik als Beruf  fest. Nehmen wir Weber beim Wort, interessieren Sacher demnach Machtverteilung, Machterhaltung oder Machtverschiebung.

Jacques Wildberger steht für die von Sacher als „konstruiert“ und „rabiat“ bezeichnete „12-Ton-Technik“. Ausserdem vertritt er politische Ansichten, die in der Schweizer Nachkriegszeit verdächtig sind. Wildberger ist drei Jahre lang Mitglied der PdA (Partei der Arbeit) und bleibt auch nach seinem Austritt 1947 – aus Protest gegen Stalins Regime – bekennend links. Dass Paul Sacher ihm niemals einen Kompositionsauftrag erteilt, kommentiert Wildberger im Alter souverän. „Viele sagten mir: Dass er dir keinen Auftrag gibt, ist eine Schweinerei. Ich ging nie darauf ein: das hätte nämlich der Versuch zu einer Intrige sein können.“

Der Kampf um die Möglichkeit von Hoffnung

Ein Kerngedanke von Wildbergers Musik ist „der Kampf um die Möglichkeit von Hoffnung“. Die Hoffnung, dass es einmal besser und gerechter kommt. Obwohl ungläubig, bekennt sich Wildberger zur Auslegung, wie sie im Hebräerbrief 11,1 dargestellt ist: Der Glaube sei eine gewisse Zuversicht dessen, was man hofft.

Dieses Bekenntnis gilt es kompositorisch auszuleuchten: erstmals 1978 in An die Hoffnung für Sopransolo, Sprecher und Orchester.

Jacques Wildberger, An die Hoffnung (1978/79), Sylvia Nopper, Sopran, Georg Martin Bode, Sprecher, Sinfonieorchester Basel, Dirigent Heinz Holliger

Zuletzt dann in Tempus cadendi, tempus sperandi für gemischten Chor und sechs Instrumentalisten, 1998/99 im Auftrag des SWR Stuttgart geschrieben. Die Kantate gleicht einem Vermächtnis des 78jährigen Komponisten. Erneut komponiert Wildberger ein Mahnmal für die ermordeten Juden. Paul Celans Gedichte Tenebrae und Es war Erde in ihnen bilden die Mitte der vierteiligen Kantate.

Tenebrae im Licht von Celan und Wildberger ist ein Tabubruch. Der Dichter tritt als Gotteslästerer auf. Er fordert: Gott muss beten, nicht der Mensch. Der Komponist nimmt diese Übertretung beim Wort und schreibt einen reihenmässig organisierten Protestsong. Wildberger kehrt kompositorisch überhöht zu den Kampfliedern seiner Jugend zurück, die er für das Basler Arbeiterkabarett ‚Scheinwerfer‘ und die Neue Volksbühne Basel geschrieben hat.

Jacques Wildberger: Wir wollen zusammen marschieren, neo: https://neo.mx3.ch/t/1gxW

Jacques Wildberger am Klavier mit den ‘Kampfliedern’

Celan kannte die expressiven Tenebrae-Vertonungen des französischen Barockkomponisten Marc Antoine-Charpentier. Dieser schrieb 31 konzertante Motetten mit Instrumenten auf die Klagelieder des Jeremias. Statt den Zorn über die Zerstörung der jüdischen Tempel zu inszenieren, komponierte Charpentier tröstliche Musik für die Karwoche, die dunkelsten Tage im Kirchenjahr. Celan liess sich ausserdem von Friedrich Hölderlins Patmos-Hymne anregen. Aus ‚Nah ist und schwer zu fassen der Gott‘ wird bei Celan ‚Nah sind wir, Herr, nahe und greifbar.‘ Dann blendet der Dichter in die Gaskammern. ‚Gegriffen schon, Herr, ineinander verkrallt, als wär der Leib eines jeden von uns dein Leib, Herr.‘ Am Schluss steht ein Imperativ: ‚Bete, Herr. Wir sind nah.‘

Paul Celan liest Tenebrae

Wildberger nimmt diesen Tonfall auf und erzeugt in seinem 2 Minuten 30 Sekunden kurzen Satz mit sparsamsten Mitteln höchste Intensität. Peitschenhiebe von Schlagzeug und vierhändig gespieltem Keyboard eröffnen die Musik und mischen sich als Signal immer wieder ein. Tenebrae ist mit Agitato und der Tempovorschrift Viertel=108 überschrieben. Gott braucht die Peitsche, um hinzuhören. Dann erst setzt der Chor ein: achtstimmig vervielfacht, homofon geführt und mit rhythmischen Verschiebungen wie eine Versammlung unterschiedlichster Stimmen. Die Musik stellt sich als Weckruf hinter den Text: ‚Nah sind wir Herr, nahe und greifbar‘.

In Takt 10 wird der Herr fortissimo angeschrien. Wildberger verstärkt die mit Akzent versehene Note mit der Vortragsbezeichnung gridato (geschrien). Fünf Takte lang folgt ein ‚ineinander verkralltes‘ Fortissimo.

Dann beginnt mit ‚Bete, bete zu uns‘ ein ruhiger Formteil. Auf das Schreien folgt das Flehen: gesungen, gesprochen und im stimmlosen ‘nn-ah’ endend. Eine Generalpause markiert hier, bereits im Takt 20, die Mitte des 41 Takte langen Stücks.

Wildberger setzt neu an und lässt den Protest stufenweise ab Celans Textzeile ‘windschief gingen wir hin’ wachsen. Die Musik endet wie der Text als chorischer Imperativ: ‘Bete, Herr, wir sind nah’.

Wildbergers Flughöhe wird in diesem solitären Zugriff auf Celan noch einmal deutlich. Statt den Dichter und sein Lebensdrama wie sonst üblich zu transzendieren, lädt Wildberger zu Widerstand und Handeln ein. «Ich habe nicht das Recht, Hoffnung zu verordnen» – Hoffnung zu komponieren hingegen schon, mit musikalischen Mitteln auf der Höhe der Zeit.
Corinne Holtz

Jacques Wildberger am Bahnhof Karlsruhe

Weitere Werke von Jacques Wildberger sind auf seinem Neo-Profil nachzuhören, oder auf der zugehörigen Playlist.

Sendung SRF 2 Kultur
(verlinken:
Musik unserer Zeit, 18.11.20: Lieder jenseits der Menschen – Paul Celan und die Musik, Redaktion Corinne Holtz
darin: Jacques Wildberger, Tenebrae, Tonbeispiel ab Min 53.36

Musique de création –  Geheimtipp aus Genf im GdN Basel

Ungewöhnlich ist die Besetzung, und überzeugend : drei Schlagzeuge und zwei Klaviere. Und noch ungewöhnlicher ist die Zusammenarbeit mit dem Cartoon-Kollektiv Hécatombe. In Diĝita verbindet das Genfer Ensemble Batida Musik mit Comics. Zu erleben am 26. November im Gare du Nord, im Saisonschwerpunkt „Romandie“.

Der Schwerpunkt des Basler Bahnhofs für Neue Musik erstreckt sich gleich über drei Saisons, mit drei mal drei Konzerten. Damit stärkt er längerfristig Brücken zur anderen Schweizer Sprachregion. Und gerade jetzt sind diese wichtig: denn die Ensembles aus der frankophonen Schweiz können aufgrund des Lockdowns in der Romandie dort nicht auftreten.

Der neoblog portraitiert die Gastensembles und neo.mx3 begleitet zusammen mit RTS Livesendungen zu den Konzerten.

Folge eins: Ensemble Batida Genève: Ein Portrait

Gabrielle Weber
Zum Gespräch traf ich Jeanne Larrouturou, Perkussionistin und Co-künstlerische Leiterin, per Zoom, im Genfer Lockdown. Larrouturou stammt aus Frankreich und wuchs in Genf auf. Nach dem Studium an der Haute école de musique Genève (HME) spezialisierte sie sich an der Hochschule für Musik Basel (FHNW) auf zeitgenössische Musik. Seither agiert sie als Brückenbauerin zwischen den Szenen der beiden Regionen.

Ensemble Batida: Concert Le Scorpion © Pierre-William Henry

Zur Besetzung von Batida kam es eher zufällig. Als “klassische Bartok-Formation ” sei Batida ursprünglich entstanden, sagt Larrouturou. Sie bezieht sich damit auf Bartoks  Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug von 1937/38 für zwei Klaviere und zwei Schlagzeuge. Dazu formierten sich 2010 vier der Ensemblemitglieder für ein Schlusskonzert an der HME. Weitere gemeinsame Auftritte folgten. Als eine Perkussionistin die Gruppe für einen Auslandaufenthalt verliess, sprang Larrouturou ein, und blieb anschliessend gleich dabei. Die Kernformation besteht seither unverändert: die drei Perkussionistinnen Jeanne Larrouturou, Alexandra Bellon und Anne Briset ergänzen Viva Sanchez Reinoso und Raphaël Krajka am Klavier.

Ein Glücksfall, denn für die einmalige Besetzung entstanden viele neue Werke. Einerseits von befreundeten KomponistInnen, andererseits durch kollektives Komponieren der Ensemblemitglieder. Und auch das begann zufällig. In einem Projekt mit einer Tanzkompagnie habe der Choreograph Batida gebeten, etwas zu komponieren. “So kamen wir zum ersten Kompositionsauftrag. Und das gemeinsame Komponieren führten wir anschliessend weiter. Als nächstes komponierten wir für ein Projekt mit einem Marionettentheater”, so Larrouturou.

Ensemble Batida, Haïku, kollektive Komposition 2013

“Die Art wie wir komponieren kommt stark aus dem Experimentieren. Wir haben eine Idee der generellen Struktur, eines Konzepts. Dann ‘machen’ wir: wir spielen, wir hören uns gegenseitig an, nehmen uns auf, hören das Aufgezeichnete gemeinsam. Wir strukturieren, organisieren und notieren “. Eine Art der Kreation also, die Improvisation und Notation verbindet. In der Regel werden auch improvisatorische Elemente beibehalten.

musique de création

In einem musikalischen Genre will sich Batida nicht eindeutig verorten. “Wir sehen uns in der zeitgenössischen Musik. Wir mögen aber nicht so sehr was hinter dem Etikett steht”, meint Larrouturou. In Frankreich gäbe es verschiedene gelungenere Bezeichnungen: ‘Musique de création’ sei für sie am treffendesten: “der Begriff ist genug offen, schliesst aber gleichzeitig die alte „zeitgenössische Musik’ aus”.

Ensemble Batida: Mean E, kollektive Komposition 2013

Batida hatte bislang kaum Auftritte in der Deutschen Schweiz. Nach dem Concours Nicati in Bern 2014 folgten Auftritte beim Festival Zeiträume Basel und in Andermatt. Ganz im Gegenteil zur französischen Schweiz wo das Ensemble an vielen Festivals präsent ist, wie auch zum Ausland. In Frankreich, Russland, Portugal, Zypern waren sie bereits auf Tournee. Eine weitere – mit Diĝita in die USA – ist geplant (und wegen der Pandemie bereits schon  verschoben).

Wie erklärt sich Larrouturou diesen überschaubaren Austausch der Sprachregionen?

“Ich lebe seit zirka vier Jahren in Basel und habe mein Netzwerk in Basel, Genf und Lausanne. Mich erstaunt immer wieder, dass die Szenen sich gegenseitig wenig kennen. An der Hochschule in Basel stellte ich fest, dass es grundsätzliche Unterschiede in der ästhetischen Ausrichtung gab. An gewissen Musikschaffenden kommt man in Basel nicht vorbei, die waren aber in der Romandie kaum präsent. Die französische Schweiz ist stärker mit Frankreich, die deutsche Schweiz stärker mit Deutschland vernetzt”, meint Larrouturou.

Zusammen mit dem Komponisten Kevin Juillerat, Basler Studienkollege und in Lausanne domiziliert, kuratiert Larrouturou die Lausanner Konzertreihe Fracanaüm. Dort versuchen die beiden solche Gräben zu überwinden. ” Die Frage woher jemand kommt stellen wir uns gar nicht. Wir laden unser Netzwerk aus beiden Regionen ein. Aus solchen kleinen Initiativen entstehen Beziehungen auf lange Sicht “, ist Larrouturou überzeugt.

Batida geht es aber auch um Brücken zwischen den Sparten. Die meisten Projekte sind  transdisziplinär angelegt und entstehen in Kollaboration mit weiteren Kunstschaffenden, mit Tanz, Marionettentheater, Architektur, Video oder Comiczeichnern.

Mit dem Genfer Zeichnerkollektiv Hécatombe kollaborieren Batida seit einem ersten gemeinsamen Projekt 2016 laufend.

Ensemble Batida & Hécatombe: Oblikvaj, kollektive Komposition 2016-2018

“Beim ersten gemeinsamen Projekt Oblikvaj (2016-2018 ) stellte sich gleich heraus, dass wir dieselbe Wellenlänge hatten. Jedes der fünf Hécatombe-Mitglieder schuf eine grafische Partitur, je einen 24seitigen schwarz-weiss Comic. Batida reagierte darauf mit kollektiven Kompositionen. Das funktionierte blendend”. Später gab es dann Konzerte mit Live-Begegnungen.

In Diĝita geht es nun erstmals um den gemeinsamen Kreationsprozess. “Im Sommer 2019 vergruben wir uns alle zusammen in einer 14tägigen Retraite in einem alten Hof ‘au milieu de nulle part’. Wir brachten keine Instrumente mit, sondern sammelten vorhandene Klänge und zeichneten diese auf, bspw. von grossen Maschinen, Traktoren und Motoren.”

Diĝita, Trailer ©Gare du Nord, Batida & Hécatombe

Der Titel Diĝita steht einerseits konkret für die ‘Finger’, andererseits für digital vs. analog. Die aufgezeichneten und gesampelten Klänge verweisen auf das Digitale, die Musikerperformer auf die Arbeit mit Fingern. Die Musiker spielen innerhalb eines transparenten Kubus. Die Wände sind Screens, auf die 3D-Videos der Zeichner projiziert werden: lebensgrosse Comicfiguren auf den Videos überlagern und verfremden so die realen Musikerkörper im Kubus.

Diĝita konnte am 31. Oktober noch ein Konzert in Lausanne geben: “Das war ein Erlebnis in extremis. Uns war klar, dass wir sobald nicht mehr live spielen würden und wir haben den Moment noch stärker ausgekostet” meint Larrouturou dazu. Die weitere Diĝita -Tournee mit Folgekonzerten in Genf ist nun durch den Lockdown der Romandie unterbrochen.

En passant stellte sich im Gespräch heraus, dass Batida dieses Jahr gerade sein zehnjähriges Bestehen feiert. Ein Fest mit Partnern und Publikum in Genf sei geplant, aufgrund der Pandemie werde es aber sicherlich erst 2021 stattfinden.
Gabrielle Weber

 

Ensemble Batida Portrait ©Batida

Ensemble Batida: Klaviere: Viva Sanchez Reinoso, Raphaël Krajka
Percussion; Jeanne Larrouturou, Alexandra Bellon, Anne Briset
Diĝita: Video: Giuseppe Greco, Ton: David Poissonnier

Gare du Nord: Batida & Hécatombe: Diĝita, 26.11.20, 20h
(aufgrund des Basler Lockdowns spielten sie 2x für 15 Personen, mit Livestream für alle anderen)

Ensemble Batida, FracanaümKevin Juillerat, haute école de musique genève – neuchâtel, Hochschule Musik Basel, Hécatombe,

Sendung RTS:
l’écho des pavanes, 20.11.20, rédaction Anne Gillot, Gespräch mit Désirée Meiser, Intendantin Gare du Nord
Sendung SRF 2 Kultur:
in Musik unserer Zeit zu neo.mx3, 21.10.20, Redaktion Florian Hauser / Gabrielle Weber

neo-Profiles: Ensemble Batida, Gare du NordAssociation Amalthea, Kevin Juillerat

 

Wien Modern spielt ohne Publikum

17 Neuproduktionen als Stream im Lockdown: 6.-29.11.20

Gabrielle Weber
Die Stadt Wien traf es hart. Zuerst frühzeitig zur Quarantäneregion erklärt, dann der kurzfristig ausgerufene Lockdown für den Monat November. Kurz darauf die unfassbare Terrorattacke. Das einzigartige Musikfestival Wien Modern ist zeitlich und geographisch mittendrin. Es bespielt die Wiener Innenstadt normalerweise jeweils während des ganzen Monats an diversen Orten.

Saal Konzerthaus ohne Publikum ©Markus Sepperer 

Unter dem Motto “Stimmung” spürt das Festival vielschichtig und vieldeutig der aktuellen Stimmungslage im Jahr 2020 nach. 44 neue Produktionen und 85 neue Stücke hätten zur Aufführung kommen sollen, verteilt auf 32 Tage. Nur das Eröffnungswochenende fand mit Publikum statt. Gezeigt wurden sechs Produktionen und damit gerade mal 14% des Gesamtprogramms.

Am dritten und zugleich zweitletzten Abend konnte noch die Uraufführung von Edu Haubensaks Grosser Stimmung gespielt werden. Wien Modern scheut keinen Aufwand – fast vorausahnend wurde der Zuschauerraum des Wiener Konzerthauses für die elf verschieden gestimmte Konzertflügel leergeräumt. Das Publikum war freilich noch präsent – auf den Rängen.

So konnte Haubensaks Grosse Stimmung erstmals als Ganzes live erlebt werden. Denn nach Teilaufführungen wurde die geplante integrale Uraufführung im Sommer an der Ruhrtriennale bereits Pandemiebedingt abgesagt. Angereist waren trotz Quarantäne die drei Schweizer Pianistinnen Simone Keller, Tomas Bächli und Stefan Wirth.

Edu Haubensak, Grosse Stimmung © Markus Sepperer

Dann kam der Lockdown mit Veranstaltungsverbot und Ausgangsbeschränkung. Rasch fiel der Entscheid: Insgesamt 24 Veranstaltungen und damit über die Hälfte der Konzerte werden nun ohne Publikum aufgeführt und per Stream kostenlos öffentlich zugänglich gemacht.

Bereits fünf Tage nach dem Lockdown fand das erste Konzert vor leerem Saal für den Stream statt: die Uraufführung von Sofia Gubaidulinas lange erwartetem neuem Orchesterwerk Der Zorn Gottes im Musikverein am Freitag, 6. November. Unter dem Dirigat von Oksana Lyniv spielt das Radiosinfonieorchester Wien (RSO). Die geplante Uraufführung bei den Salzburger Osterfestspielen mit der Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann erlebte nach mehrmaligem Verschieben bereits eine coronabedingte Absage.

Dass es nun online doch zur Uraufführung kam, ist gerade jetzt, in der vom Terror versehrten Stadt Wien, wichtig. Die Aufführung versteht Gubaidulina als Zeichen des Friedens in einer Zeit des zunehmenden Hasses und «einer allgemeinen Überanspannung der Zivilisation“.

Klaus Lang: tönendes Licht

Klaus Lang, tönendes Licht, Livestream aus dem Stephansdom, 19.11.20

Wichtige weitere Highlights sind am 18. November im Wiener Konzerthaus ein Konzert mit drei Uraufführungen. Nebst neuen Werken von Friedrich Cerha und Johannes Kalitze wird auch ein Stück von Matthias Kranebitter, dem Preisträger des Erste Bank Kompositionspreises uraufgeführt – eine neue Enzyklopädie der Tonhöhe und Abweichung. Aufgeführt durch das Klangforum Wien und dirigiert von Kalitzke selbst. Oder live aus dem Wiener Stephansdom am 19. November die Uraufführung tönendes licht von Klaus Lang, ein “Riesenorgelkonzert” (Zit. Wien Modern) für die weit auseinandersitzenden Wiener Symphoniker unter Leitung von Peter Rundel.

20 Jahre Ensemble Mondrian – Jubiläumskonzert in Wien: Die Produktion musste am 16.11.2020 aufgrund einer Schweizer Quarantänevorschrift leider auf 2021 verschoben werden.

 

Portrait Mondrian Ensemble & Thomas Wally © Markus Sepperer

Auch aus der Schweiz gibt es etwas zu hören: Am 21. November präsentiert das Mondrian Ensemble zu seinem 20Jahr-Jubiläum in Wien Werke von Martin Jaggi und Thomas Wally, beides langjährige Weggefährten des Basler Ensembles.


Ensemble Mondrian, Thomas Wally, Podcast

Uraufführungen von Andres Bosshard mit Zahra Mani und Mia Zabelka mussten hingegen auf November 2021 verschoben werden. Ebenso das Konzert des Basler Ensembles Nikel mit Werken von Thomas Kessler und Hugues Dufourt.

Bernhard Günther, der künstlerische Leiter von Wien Modern, äusserte sich in einem längeren Statement zum Lockdown und zur kulturellen Stimmung in Österreich folgendermassen: ” Die Stimmungslage in diesem Bereich ist derzeit so, dass es dringend ganz deutliche Signale braucht, damit Kultur nicht als Opfer des Gesundheitswesens, des Wintertourismus in den Bergen und des Weihnachtsgeschäfts empfunden wird. Es ist klar, dass ein Kapitän versuchen muss, einem Eisberg auszuweichen, aber er muss jetzt alles dafür tun, damit das Schiff nicht an der anderen Seite auf Grund läuft.”  (Zit. Günther)

Durch die Streams versucht nun Wien Modern, einen Teil des Wiener kulturellen Lebens aufrecht zu erhalten und zugänglich zu machen. Vielleicht kann damit immerhin -gemäss dem Festivalmotto- die aktuelle Stimmungslage etwas verbessert werden, auch wenn die existenzbedrohende Lage für das Kulturschaffen dadurch nicht geschmälert wird.

Als Zeichen der Solidarität seitens SRF 2 Kultur und neo.mx3 freuen wir uns, an dieser Stelle auf die Streams hinzuweisen.
Gabrielle Weber

Portrait Bernhard Günther © Wien Modern

 

Der Zorn Gottes ist ab 6. November 7 Tage lang per Stream nachzuhören auf: www.wienmodern.at

Alle Streams sind zu finden auf: Wien Modern
sowie teilweise auf den Homepages von Musikverein und ORF RSO 

Sendungen SRF 2 Kultur

Kultur kompakt Podcast9.11.20: Theresa Beyer, “Der Zorn Gottes” entlädt sich im Stream zur UA Wien Modern, Sofia Gubaidulina:

Neoblog, Corinne Holtz: Wenn aus Leidenschaft Subversion wird – Portrait Simone Keller

Kontext, 21.10.20, Corinne Holtz: Zehn neu gestimmte Klaviere

In Musik unserer Zeit21.10.20: Florian Hauser / Gabrielle Weber:  zu neo.mx3: Simone Keller & Edu Haubensak

Neo-profiles
Simone Keller, Stefan Wirth, Wien Modern, Edu Haubensak, Mondrian Ensemble, Martin Jaggi, Thomas Kessler

“Das Universum der Klänge ist unendlich”

Hier sollte zunächst ein rundum strahlendes Geburtstagsportrait zu 10 Jahren ensemble proton bern stehen. Dazu gehörten zahlreiche Veranstaltungshinweise zur Jubiläumssaison.

Mit Martin Bliggenstorfer, dem Managing director, führte Christian Fluri deshalb kurz nach dem Lockdown der ersten Pandemiewelle ein Gespräch. Zu diesem Zeitpunkt äusserte er sich voller Zuversicht und Tatendrang.

Jetzt, kurz vor der ursprünglich geplanten grossen Geburtstagsfeier am 16. November, stecken wir mitten in der zweiten Welle. Und sie trifft uns mit unerwarteter Heftigkeit.

Wie sich die neue Situation aufs ensemble proton bern und seine Jubiläumssaison auswirkt, besprach ich daher mit Bliggenstorfer nochmals. In einem zweiten Gespräch, direkt nach der Bekanntgabe der neuen Vorgaben des Bundesrates vom 18. Oktober. Seither ändern sich die Maßnahmen laufend weiter und die meisten Aufführungen sind faktisch unmöglich geworden.

Das ensemble proton bern steht damit im Beitrag auch stellvertretend für viele Ensembles, Musikschaffende und Veranstalter, die plötzlich mit Absagen, Verschiebungen und einer unplanbaren Zukunft konfrontiert sind.

ensemble proton bern: Gruppenportrait © Oliver Oettli


Christian Fluri
Das ensemble proton bern forscht mit grosser Passion seit zehn Jahren nach neuen Klängen, neuen Stücken und neuen Komponisten wie Komponistinnen. Es gehört international zu den gefragtesten Ensembles und wird oft an Festivals und zu Konzerten in- und ausserhalb Europas eingeladen.

Seit seiner Gründung 2010 hat das in der Dampfzentrale Bern domizilierte Ensemble in 128 Konzerten 273 Werke von 180 Komponist*innen gespielt, 175 davon waren Uraufführungen. Es trat vor grossem Publikum in der Mariinsky Concert Hall in St. Petersburg auf und tourte nebst weiteren Highlights an der Westküste der USA.

Während der ersten Coronawelle hat das Ensemble noch einigermaßen Glück gehabt, wie Managing Director, Oboist und Lupophonspieler Martin Bliggenstorfer im Gespräch sagt: “Gerade vor dem Lockdown konnten wir in der Dampfzentrale noch das Konzert protonwerk no. 9 spielen. Die Wiederholung im Gare du Nord Basel mussten wir aber bereits absagen.”

protonwerk, das ist ein Förderprogramm für junge Komponist*innen, denen das Ensemble Kompositionen in Auftrag gibt.


Adrian Nagel, Netzwerk, UA: protonwerk no.7 / ensemble proton bern 2017

“Unser auf Mai geplantes Programm terrible ten, ein Konzert mit Uraufführungen von Thomas Kessler (My lady soul) sowie Michael Pelzel und Stefan Wirth, konnten wir kurzfristig verschieben und bereits im September spielen. So ging zumindest nichts von unseren geplanten Programmen ganz verloren“ freut sich Bliggenstorfer.

Gemeinsames Musizieren vermisst

Den Wiedereinstieg ins Konzertleben nach dem Lockdown konnte das Ensemble kaum erwarten. terrible ten war dann auch etwas ganz Besonderes: erstmals wieder gemeinsam zu musizieren und das Musikmachen mit dem Publikum live zu teilen, sei für alle Beteiligten ein Erlebnis gewesen, meint Bliggentorfer.


Thomas Kessler, My lady soul, UA ensemble proton bern 2019

Auch wenn die Musiker*innen des Ensembles die Zeit des Lockdowns produktiv nutzen konnten. “Was uns gefehlt hat, war das gemeinsame Musizieren, der direkte Kontakt miteinander, die Proben mit den Konzerten vor Augen. Zugleich hatte es aber auch etwas Gutes, für ein paar Wochen Kopf und Körper etwas ausruhen zu lassen.”

Existenzangst musste das Ensemble bis zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise keine haben. “Wir mussten für ausgefallene Konzerte keine Subventionen und Unterstützungsbeiträge zurückgeben. So konnten wir unsere Honorare und die unserer Gäste auszahlen.” Bliggenstorfer ist sehr dankbar für die grosszügige Haltung der Geldgeber in der Schweiz.

“Das Universum der Klänge ist unendlich..”

Das ensemble proton bern  ist also  nach wie vor bestens aufgestellt und will sich stetig weiter entwickeln. Dies jedoch ohne seinen langjährigen Dirigenten Matthias Kuhn, der seit der Gründung dabei war. “Er will sich künstlerisch neu ausrichten.” Das versteht Bliggenstorfer, so wichtig Kuhn für den Aufbau des jungen Ensembles gewesen ist. Künftig arbeitet das Ensemble mit achtköpfiger Stammbesetzung und ohne festen Dirigenten. Kammermusikalische Projekte sollen so vorangetrieben werden, wie auch Konzerte und Auftritte mit grösseren Besetzungen und Gastdirigenten.

Ungebrochen ist die Leidenschaft für die Neue Musik in ihren unterschiedlichen Stilen und Ausrichtungen. Denn Scheuklappen hat das ensemble proton bern keine. Es zeigt mit seiner Spielfreude, wie lustvoll, lebendig und vital zeitgenössiche Musik ist. “Das Universum der Klänge und deren Kombinationsmöglichkeiten ist unendlich”, weiss Bliggenstorfer: “Es gibt ein Leben lang Neues zu entdecken”.


Verschiedene Komponisten click & faun, ensemble proton bern 2019

Auch seien die Klangmöglichkeiten der neuen Instrumente noch lange nicht ausgeschöpft: so die von Richard Haynes wiederentdeckte Klarinette d’amore, die von Martin Bliggenstorfer und Elise Jacoberger gespielten Doppelrohrblattinstrumente Lupophon und Kontraforte, auch Maximilian Hafts Strohgeige – oder die Vielfalt im Bereich der elektronischen Klangerzeugung. Das ensemble proton bern wird weiter forschen.
Christian Fluri

2. Gespräch am 21. Oktober 2020:
Gabrielle Weber
Trotz der wachsenden Unsicherheit und drohender Einschränkungen war Bliggenstorfer am 21. Oktober noch zuversichtlich, Konzerte so lange als möglich durchzuführen: “Kulturelle Veranstaltungen sollten nicht abgesagt werden, solange sie nicht verboten sind. Natürlich muss das Schutzkonzept perfekt umgesetzt sein. Das funktionierte bislang auch gut.”

Fest standen noch Auftritte als main act im Jubiläumsprogramm „5 Jahre Kultur-Kino Rex“ zusammen mit zwei Visual Artists. Da sollte der Komponist Ennio Morricone von einer unbekannten Seite beleuchtet werden. „Morricone kennt man ja landläufig als Filmmusikkomponisten – er war aber auch in der ‘Kunstmusik’ aktiv, u.a. als Trompeter der Gruppo di improvisazzione Nuova Consonanza, in den 60er/70er Jahren”.

Mit den neuen Berner Auflagen vom 23. Oktober – Kinos und Museen waren per sofort zu schliessen – mussten die Konzerte aber wenig später abgesagt werden.

“fette fête” – das Konzert zum 10 Jährigen Bestehen des Ensembles

Die “fette fête” war für den 16. November in Bern geplant: eine grosse Geburtstagsfeier mit Uraufführungen und Werken von Louis Andriessen, Christian Henking und Annette Schmucki. Ausserdem vergab das Ensemble einen Kompositionsauftrag an den jungen Schweizer Komponisten Tobias Krebs. “Wir freuen uns ausserordentlich darüber – er ist ein hervorragender junger Komponist, den wir von protonwerk kennen”.


Tobias Krebs, ambra, UA Duo Vers 2018

An einer Durchführung hielt Bliggenstorfer beim Gespräch noch fest, denn “solange es möglich ist, Kunst live erlebbar zu machen, wollen wir die Möglichkeit zu Konzertieren nicht aufgeben. Wir wollen verantwortungsvoll mit der Situation umgehen, indem wir das Schutzkonzept einhalten”.

Auf das Konzert muss nun leider – seit den neuesten Auflagen – doch ganz verzichtet werden (Stand 30.10.20). Es soll im Februar 2021 nachgeholt werden (tbc.)..

Eine weitere Planungsunsicherheit kommt für zukünftige Projekte mit Gästen aus dem Ausland hinzu: “Wenn sie nicht einreisen können, müssen wir nach Ersatz suchen.” Und geplante Auslandengagements fallen vorläufig aus. Für die Jubiläumssaison hatte das Ensemble Einladungen bspw. nach New York und Salzburg.

Was das alles finanziell bedeutet,  ist noch nicht abzuschätzen: “Momentan stehen wir finanziell immer noch gut da. Aber ungewiss sind die mittel- bis langfristigen Auswirkung der Krise auf die Förderlandschaft.”

Das ensemble proton bern zeigt sich weiterhin voller Tatendrang. Forscher- und Innovationsgeist sind ungebrochen, Spiel- und Entdeckungslust ebenso. Wie aber die langfristigen Folgen für Konzerte, und insbesondere die weitere internationale Positionierung, ist gerade nicht abzusehen.
Gabrielle Weber

 

ensemble proton bern Gruppenportrait © Oliver Oettli

 

Konzerte Jubiläumssaison 20/21 &aktuelle updates

30.Oktober: The dark side of Ennio Morricone, Kino Rex Bern: ABGESAGT

16. November: “fette fête” – 10Jahre proton, Dampfzentrale Bern: ABGESAGT: VERSCHIEBEDATUM 2. Februar 2021 (tbc)**
17. November, 20h, Konzert Gare du Nord Basel: protonwerk nr.9 (Wiederaufnahme)

Sendungen SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit, 28.10.20: Redaktion Florian Hauser, Gespräch zu My lady soul, mit Thomas Kessler, Martin Bliggenstorfer, Bettina Berger, Vera Schnider
Neue Musik im Konzert
, 28.10.20: My lady soul mit terrible ten, Konzertaufzeichnung vom 15.9.20, Dampfzentrale Bern, Redaktion Florian Hauser.
Musikmagazin, 25.7.20: u.a. Richard Haynes, Redaktion Florian Hauser

**DATUM OFFEN: Neue Musik im Konzert: “fette fête”, Konzertaufzeichnung, Dampfzentrale Bern, Redaktion Florian Hauser.

ensemble proton bern, Martin Bliggenstorfer, Matthias Kuhn, Richard HaynesHanspeter Kyburz, Louis Andriessen

neo-profiles: ensemble proton bern, Thomas Kessler, Michael Pelzel, Stefan Wirth, Christian Henking, Annette SchmuckiTobias KrebsTobias Krebs

Wenn aus Leidenschaft Subversion wird

Portrait Simone Keller – Pianistin, Kuratorin, Performerin und Musikvermittlerin

Corinne Holtz
Das Jahr 2020 beginnt dicht getaktet mit Konzerten. Für Laptop4, ein instrumentales Theaterstück von Lara Stanić, schaltet das Kukuruz Quartett auch Kamera und Mikrofon ein. Für die Produktion des Ensemble Tzara und Uraufführungen von Patrick Frank und Trond Reinholdtsen sitzt Simone Keller am Klavier. Am Tag vor der Ankündigung des Lockdown, am 12. März, präsentiert sie zusammen mit dem Ensemble thélème ein launiges Programm mit Vokalmusik von Guillaume de Machaut bis Francis Poulenc.

Portrait Simone Keller © Lothar Opilik

Dann gehen die Lichter aus. Auch die Uraufführung Grosse Stimmung  von Edu Habensak für verschieden gestimmte Klaviere ist betroffen. Die Ruhrtriennale wird abgesagt, das Festival Wien Modern jedoch soll Ende Oktober stattfinden. Die Parkettsessel im grossen Saal des Wiener Konzerthaus müssen weichen. Es wird Platz geschaffen für insgesamt zehn unterschiedlich gestimmte Konzertflügel.

Simone Keller, Tomas Bächli und Stefan Wirth haben fest vor, am 31. Oktober den über drei Stunden dauernden Zyklus zu spielen. Das Finale ist ein neu beauftragtes Tutti, bei dem Studierende der Universität für Musik und darstellende Kunst mitwirken.
«Ja, wir reisen nach Wien, ausser es gäbe wirklich ein Einreise-Verbot. Auch die Quarantäne würden wir in Kauf nehmen. Ich habe Anfang September bei den Wiener Festwochen gespielt. Die Veranstalter haben unendlich sorgfältig Regeln und Massnahmen eingehalten, damit die Vorstellungen stattfinden konnten.»


Rat einer Frau: “weniger Emotionen zeigen und die Frisur vorgängig mit einem Mann absprechen..”

Simone Keller spricht auch offen über die finanziellen Folgen der Pandemie. 80% der Verdienstausfälle konnte sie in den letzten Monaten durch die staatlichen Unterstützungsmassnahmen decken. Das neue Covid-Gesetz, seit September in Kraft, sichert den Erwerbsersatz bis Juni 2021. Berechtigt ist aber nur, wer gegenüber den Einnahmen von 2015-2019 eine Umsatzeinbusse von mindestens 55% belegen kann. “Das ist natürlich ein Hohn, wenn man wie ich im Jahr nur 40’000 Franken verdient, also auch mit 100% nur knapp durchkommt.”

 

Simone Keller in Lara Stanic, Fantasia für Klavier-Solo und Elektronik, 2020

Die Krise ist existenziell. Trifft sie Frauen härter als Männer? «Als freischaffende Künstlerin bin ich sowieso zuunterst in der Nahrungskette. Dort wird wahrscheinlich nicht mehr nach Geschlecht abgestuft.» Anders sieht es aus, wenn Frauen auf die Bühne kommen und Signale senden, die das Publikum bewertet. «Für mich war die Rückmeldung einer Frau in einer hohen Leitungsfunktion ein Schlüsselerlebnis. Sie riet mir, weniger Emotionen beim Musizieren zu zeigen und meine Frisur immer vorgängig mit einem Mann abzusprechen. Sie selber würde immer ihren Ehemann fragen, wie er ihr Äusseres bewerte, bevor sie zu einem wichtigen Termin gehe.» Seither schaut sich Simone Keller «auch den Sexismus unter Frauen genauer» an.

Simone Keller spielt Julia Amanda Perry © Wiener Festwochen 2020 reframed

“möglich machen, was unmöglich ist”

Die Musikerin erforscht sich selbst, wenn sie wenig bekanntes Repertoire erschliesst und erfrischende Formen der Programmierung wagt. Zum Beispiel im Rahmen der Carte blanche, die ihr der Jazzclub Moods in Zürich gewährt hat. «Möglich machen, was unmöglich ist», sagt die Pianistin und Kuratorin am ausverkauften Eröffnungsabend des Festivals ‘Breaking Boundaries’. Ihr Treiber scheint Leidenschaft und Subversion in einem zu sein, getragen vom Feuer, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen.

Drei Spielorte hat sich Simone Keller für die drei Programmpunkte ausgedacht: vier Konzertflügel in jeweils eigener Stimmung für einen Querschnitt aus Edu Haubensaks Klavierzyklus Grosse Stimmung, sechs Klaviere für Musik von Julius Eastman -interpretiert auch von drei Asylsuchenden als MitmusikerInnen-, sowie den Flügel aus dem Moods für die Improvisation von Vera Kappeler und Peter Conradin Zumthor am Schlagzeug. «Der Aufwand war enorm, die Realisierung verdanken wir dem Einsatz des Klavierbauers Urs Bachmann und seinem Team.»


Einladung zum Farbenhören – eine einzige Taste wird zum Mikrocluster

Simone Keller versprüht Funken wenn sie loslegt. Jeder Ton bekommt jene Zufuhr an Energie, die er braucht. Präzise platziert in Raum und Zeit, geformt aus pianistischem Feinsinn. Patterns werden zu nachvollziehbaren Phrasen. Schockmomente sind ebenso überlegen ausgearbeitet wie lyrische Gesten. Die extrem physische Musik Haubensaks wird plastisch. Als “Geräuschkuben” bezeichnet Haubensak die resultierenden Klänge: sie springen die Zuhörerin regelrecht an. Das Schwirren der sich überlagernden Schwingungen etwa in Collection II  setzt nie gehörte Farben frei. Es wetterleuchtet im Ohr. Haubensak hat für die Skordatur von Collection II eine eigene Mischstimmung kreiert. Jede Lage des Klaviers bekommt dadurch einen besonderen Charakter. Werden alle drei Saiten (bzw. Töne) einer Taste unterschiedlich gestimmt, weitet sich der Horizont. Eine einzige Taste wird zum Mikrocluster. Das Klavier entgrenzt sich, wenn alle 241 Saiten anders gestimmt sind. Und der Angriff auf das Herrschaftsinstrument wird zur Einladung zum Farbenhören.


Simone Keller spielt Edu Haubensak Pur, für Klavier in Skordatur (2004/05, rev. 2012)

Simone Keller formuliert über die Kunst hinaus «kühne Wünsche»: Soziale Absicherung von Künstlerinnen und Künstlern, ein Grundeinkommen bei gleichzeitiger Selbstverantwortung des Risikos, Einbindung von Aussenseitern in die kulturelle Praxis. Dort wird es vermehrt zu tun geben, denn die Krise hat eben erst angefangen. Die Pianistin leitet seit 2014 zusammen mit dem Regisseur Philipp Bartels das Künstlerkollektiv ‘ox+öl’. Es führt Kompositions- und Improvisationswerkstätten durch: für und mit Kindern mit Migrations­hintergrund. Es gibt partizipative Konzerte: mit jugendlichen Gewalt­verbrechern im Gefängnis.

Simone Keller wappnet sich für die unwägbare Zukunft. Im Sommer hat sie sich auf ein weiteres Feld eingelassen: eine «Intensiv-Weiterbildung in Gebärdensprache, ausgelöst von einem Musiktheaterprojekt mit Gehörlosen». Vielleicht macht sie eine Ausbildung und wird Gebärdensprache-Dolmetscherin, «ein sehr gesuchter Beruf». Es kann sein, «dass ich meine soziokulturelle Arbeit im Gefängnis und im Asylbereich vertiefen werde und weniger selber konzertiere.»
Corinne Holtz

Portrait Simone Keller

Festival Wien Modern, Edu Haubensak: Grosse Stimmung, 31.10.20

Simone Keller, Wien Modernox&öl – Breaking Boundaries Festival, Philipp Bartels, Edu Haubensak, Tomas Bächli, Stefan Wirth, Ensemble Tzara, Lara Stanic, Patrick Frank, Ensemble thélème, Duo Kappeler Zumthor, Urs Bachmann, Trond ReinholdtsenMoods Club, Kukuruz Quartett

Sendungen SRF 2 Kultur:
Kontext, Mittwoch, 21.10.20, 17:58h: Künste im Gespräch, Redaktion Corinne Holtz

in: Musik unserer Zeit, Mittwoch, 21.10.20., 20h: Redaktion Florian Hauser / Roman Hošek / Gabrielle Weber: Sc’ööf! & neo.mx3

Neo-Profiles:
Simone KellerEdu Haubensak, Lara Stanic, Stefan Wirth, Ensemble Tzara, Patrick Frank, Peter Conradin Zumthor, ox&öl, Kukuruz Quartett, Trio Retro Disco

Texte:
Thomas Meyer: Edu Haubensak – Das wohlverstimmte Klavier, in: Schweizer Musikzeitung, Nr. 11, November 2011
Edu Haubensak: von früher…von später. Im Dickicht der Mikroharmonien, in: MusikTexte 166, August 2020
Pauline Oliveros: Breaking Boundaries

“der grösste Beethoven-Fan aller Zeiten..”

Michael Wertmüller schreibt Beethovens Fragment der 10. Sinfonie weiter. Zu hören ist das Resultat in der Kölner Philharmonie am 14. Oktober. An den Donaueschinger Musiktagen* kommt gleich danach ein neues Werk zu Uraufführung: Ein regelrechter Sprint fürs SWR Sinfonieorchester, das sich in reduzierter Grösse den Bedingungen erhöhter Hygiene-Ansprüche zu stellen hat.

Der Wahlberliner vermischt meisterhaft Musik-Stile, Genres, Formate und Formationen. Er ist zugleich als Jazzschlagzeuger wie auch als Komponist international unterwegs. Und seine Stücke sind stets schrill, schnell, und hochkomplex. Damit rüttelt er permanent an Neue Musik-Clichés und lässt sich nirgends verorten.

Wertmüller und Beethoven oder Wertmüller und die Pandemieauflagen: geht das?

Ob und wie, verrät Wertmüller im Interview per Zoom nach Frankfurt, wo er sich gerade für Besprechungen zu einer kommenden Musiktheaterproduktion aufhielt.

Full blast, Peter Broetzmann sax, cl Marino Pliakas e-b Michael Wertmueller dr

Gabrielle Weber
Sie sind in Frankfurt, Sie arbeiten wieder mit Leuten zusammen, reisen.. Hat sich Ihr Arbeiten seit der Pandemie verändert?  Mehr online, weniger Reisen..?

Mein Arbeiten als Komponist hat sich nicht verändert – ich war schon vor Corona auch mal wochenlang allein zu Hause und habe niemanden gesehen. Natürlich gibt es weniger Treffen, arbeite ich mehr per Zoom – wie alle. Bis auf das Wegbrechen von Live-Auftritten hat sich wenig verändert.

Ist an Live Konzerten Vieles ausgefallen?

In den letzten fünfzehn Jahren machte ich quasi ein Cross-Fade durch: das Verhältnis kippte von vielen Tourneen und temporärem Komponieren ins Gegenteil. Deshalb war es für mich nicht so einschneidend: Nur eine grosse USA-Tournee mit meinem Trio wurde abgesagt.

Ihr Trio: Full Blast?

Ja genau, meine Jazzband mit Peter Brötzmann und Marino Pliakas. Es war eine grosse USA-Tournee geplant, quer durchs Land, von Ost nach West. Diese Absage schmerzt. Zumal wir in der Vergangenheit einige erfolgreiche Tourneen in den Staaten hatten. Wir wurden an diverse Festivals eingeladen und waren oft ohne staatliche Unterstützung, quasi selbsttragend unterwegs.


Michael Wertmüller, Full blast, Suzy, 2008

Sie stecken mitten in den Vorbereitungen zu Ihrer 10. Sinfonie in Köln.. Ihr Stück ist in eine Trilogie** eingebunden.. Teil eins wurde aufgrund der Pandemie auf später verschoben, Teil zwei anders konzipiert: gab’s auch bei Ihrem Projekt unsichere Momente?

Interessanterweise nicht. Es spielt ja in der Philharmonie. Die ist riesengross, hat 2100 Plätze. Und das Projekt war immer kammermusikalisch angelegt. Ob noch was kommt, weiss ich nicht…Es werden aber auch nur 200 Personen reingelassen.

Es sind ja noch drei Wochen bis dahin… wie sieht ihr Projekt aus?

Mein Stück, die 10. Sinfonie, findet im grossen Saal statt. Es ist ein konzertantes Musiktheater. Ich vertonte einzelne Passagen aus einem Text von Gesine Danckwart, einer jüngeren Berliner Autorin. Es interpretieren drei Sängerinnen, zwei Streichquartette und zwei Ensembles. Insgesamt sind es um die 25 Musikerinnen und Musiker.

Daneben gibt’s ein anderes, getrenntes Projekt, eine Klanginstallation. Die ist an vier Tagen zu erleben, im ganzen Haus verteilt.

Sie komponierten Beethovens 10. weiter?

Das war eher ein Arbeitstitel. Es gibt ja nur kleinste Fragmente, nicht mehr als vier-fünf-taktige Skizzen. Ich verwendete nur ein klitzekleines Thema. Beethoven ist in diesem Projekt relativ irrelevant für die Töne an sich. Novoflot, die fürs Projekt verantwortliche Opernkompanie, stellte sich und mir die (grosse) Frage: wie würde Beethoven heute klingen?

Relevant ist für mich, dass ich überhaupt zu Beethoven gefragt wurde. Denn ich wäre fast beleidigt gewesen, wenn ich zum grossen Beethoven-Jubiläum nichts hätte machen können. Ich bin der grösste Beethoven-Fan aller Zeiten.

“..ich bin der grösste Beethoven-Fan aller Zeiten..”

Wie kam es zu dieser Begeisterung?

Ich war schon als Kind Fan von seiner Musik. Wie auch von Miles Davis und John Coltrane.. Ich bin eigentlich ein einfacher, recht romantisch veranlagter Typ. Ich kann mich begeistern..

Portrait Michael Wertmüller

Äussert sich die Begeisterung in Ihrem Komponieren?

Beethoven ist dauernd im Unterbewusstsein präsent. Die Musik, die ich liebe, die begleitet mich immer und überall, auch im Alltag. Auch Coltrane, Miles, oder Bruckner und Shostakovich. Das fliesst automatisch in meine eigene Musik ein, sei es, dass ich spiele oder dass ich komponiere.

Wird’s in Köln konkreter oder bleibt’s beim Unterbewussten?

Es bleibt beim Unterbewussten. Die Frage wie Beethoven heute komponieren würde, beantwortet unsere Besetzung: Johnny La Marama, eine angesagte Berliner Jazzband, dazu das Ensemble of Nomades, das bringt die Neue Musik ein, und drei Sängerinnen mit klassisch-romantischen Background. Das sind die drei Welten, die für mich heutzutage gültig sind. Und das zu verbinden, könnte sicherlich etwas sein, was Beethoven heute gewollt hätte.

Es heisst oft, die Musiker seien restlos überfordert, wenn Sie Ihre Stücke zu interpretieren haben, und das Publikum auch.. wird das diesmal so sein?

Die Musik wird relativ verträglich, sogar gefällig  sein. Sehr harmonisch und auch tänzerisch. Wehtun könnte höchstens die Intensität. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich dem Publikum viel zutrauen kann – ich unterschätze es nicht.


Michael Wertmüller: Musikfabrik Köln, Antagonisme contrôlé, 2014

In Donaueschingen gibt es gleich danach ein neues Stück von Ihnen in der Baarsporthalle zu hören…

Donaueschingen ist jedes Mal eine grosse Herausforderung. Diese ganze Tradition, immer wieder. Auch wenn ich schon öfters eingeladen wurde, überlege ich mir dafür immer extra etwas dazu.

..ein “grössenwahnsinniges Stück..”

Das Stück hatte sich den Bedingungen erhöhter Hygiene-Ansprüche zu stellen.. eine Kammermusikminiatur..

Es ist absolut keine Miniatur. Ganz im Gegenteil: es ist “grössenwahnsinnig” geworden. Und zwar absichtlich. Wegen dieser Corona-Betroffenheit. Die ist überall und die habe auch ich.

“Grössenwahnsinnig”? Dann waren die pandemiebedingten neuen Vorgaben inspirierend, nicht ärgerlich?

Die Besetzung wurde reduziert, das normale Sinfonieorchester quasi halbiert. Damit hatte ich keine Probleme. Ich habe das Stück solistisch besetzt und extra virtuos geschrieben. Es wird eindringlich, pathetisch, schrill und sehr virtuos. Ich habe keine Mühe damit, zu antizipieren. Als Musiker, als Künstler müssen wir antizipieren können, sonst sind wir verloren.

..antizipieren..?

Ich nehme die Situation ernst und habe vollstes Vertrauen in die Regierung, in die Experten. Jetzt gilt es aber durchzuhalten und konsequent zu bleiben.

Und die Dinge, die ich jetzt machen darf – wir können ja momentan froh sein, wenn überhaupt Kultur stattfindet-, möchte ich richtig machen: wenn schon, denn schon. Ich möchte jetzt aufschreien, richtig laut und richtig wild – das tue ich mit meinem Stück. Es wird ein Schrei, ein Aufschrei.
Interview: Gabrielle Weber


Michael Wertmüller, Zeitschrei für Piano, Bass, Schlagzeug, Steamboat Switzerland, 2015

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**im Rahmen des Berliner Projekts Labor Beethoven 2020 – Festival zeitgenössischer Musik zum Beethoven-Jubiläum, in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste Berlin


#3 Die 10. Sinfonie, 14.10.2020, 20h: Philharmonie Köln: Novoflot Opernkompanie, Ludwig van Beethoven, Michael Wertmüller.
Weitere Vorstellungen sind im Dezember in Berlin geplant (Daten&Ort folgen später)

Neues Werk Donaueschinger Musiktage, 16.10.2020, 18h / 21h*:
SWR Symphonieorchester, Eröffnungskonzert, Dirigent Titus Engel: Paul Hindemith, Kammermusik Nr.1 (1922), Michael Wertmüller, Neues Werk / UA; Oliver Schneller, The New City / UA, Lula Romero, displaced / UA, Klaus Lang, Neues Werk / UA, Cathy Milliken, Neues Werk / UA

*DONAUESCHINGER MUSIKTAGE kurzfristig ABGESAGT (12.10.20):
Am Freitag, 16. Oktober um 20 Uhr, sendet SWR2
einen Probenmitschnitt des Eröffnungskonzerts.

Michael Wertmüller, SWR Symphonieorchester, Titus Engel,  Novoflot Opernkompanie Berlin, Steamboat SwitzerlandPeter BrötzmannDonaueschinger Musiktage, Kölner Philharmonie, Gesine Danckwart, Johnny La Marama, Ensemble of Nomades

Neo-Profiles: Michael Wertmüller, Steamboat Switzerland, Donaueschinger Musiktage

Ein Prost auf die Neue Musik!

RTR feiert den Launch von neo.mx3 mit einem Extrakonzert am 11. Oktober in Chur – zusammen mit dem Bündner Ensemble ö!. Dabei werden zahlreiche Werke von Schweizer Musikschaffenden aufgeführt. RTR zeichnet sie per Video auf und stellt sie anschliessend umgehend auf neo.mx3 und rtr.ch/musica zur Verfügung.

Thomas Meyer im Gespräch mit dem Geiger und Komponisten David Sontòn Caflisch, künstlerischer Leiter des Ensemble ö!.

Seit 2002 existiert das Ensemble ö! Es entstand damals aus einem ebenfalls von Ihnen 1991 gegründeten Streicherensemble (Musicuria). Sie waren damals noch im Gymnasium… Was war Ihr Anliegen?

Schon bei Musicuria integrierten wir in jedem Programm ein Stück Neue Musik, ja manchmal auch eine Uraufführung. Das Interesse verlagerte sich dann immer mehr in diese Richtung, und schliesslich entstand daraus mit einigen Streichern von Musicuria sowie Bläsern, Klavier und Schlagzeug das neue Ensemble ö!.

David Sontòn-Caflisch & Ensemble ö!

Was bedeutet der ungewöhnliche Name?

Als ich das Ensemble präsentierte und dabei sagte, man solle den Unterschied zwischen E und U nicht mehr machen, hat die Bündner Presse das eigenwillig interpretiert: e und u ergäben zusammen eu und das werde, französisch ausgesprochen, zum ö. Ursprünglich jedoch dachte ich an das ö!, mit dem man sich im Bündnerland zuprostet. Es ist schlicht ein Prost auf die Neue Musik.

In der Programmation nehmen Sie sich jeweils bestimmte Themen vor.

Wir setzen uns pro Saison ein Thema, das wir mit sechs Programmen im Detail beleuchten. Es geht mir als künstlerischem Leiter nicht nur darum, gute Stücke auszuwählen, sondern auch gescheite Programme zu machen, die eine Geschichte erzählen und so aufgebaut sind, als gäbe es pro Abend ein grosses Stück, an dem verschiedene Komponisten beteiligt sind.


Stephanie Hänsler, Im Begriffe, ensemble ö! 2017

Die Weite des Alls und die Einzigartigkeit der Kunst..

Die laufende Saison steht unter dem Motto „Sonnen“.

…ein weites Feld. Wenn man in den Sternenhimmel schaut, vergisst man ja häufig, dass fast alle diese leuchtenden Punkt Sonnen sind. Jede von ihnen hat ihre eigene Welt, und diese Welten sind unglaublich weit voneinander entfernt. Unser nächster Nachbar schon ist über vier Lichtjahre weit weg. Das zeigt einerseits, wie klein, andererseits, wie einzigartig wir sind. Wir sind in der Lage, die Welt über Kunst bzw. über Musik zu reflektieren! Die Weite des Alls steht also neben der Einzigartigkeit der Kunst.

Diese Aspekte beleuchten Sie auf unterschiedliche Weise: Die Konzerte heissen „Lichtjahre“, „Unzugänglichkeit“, „Energie“, „Opium“… Wie gestalten Sie die Programme?

Beim Programm „Lichtjahre“ jetzt im September standen einander beispielsweise Masse und Leere gegenüber: Die Masse von einer Milliarde Sternen kann man sich gar nicht vorstellen; zwischen den Sternen aber ist eine grosse Leere. Zwei Werke des Konzerts (von Vladimir Tarnopolski und Gwyn Pritchard) sind unglaublich dicht komponiert, so dicht, dass man nicht jeder Note folgen kann, sondern nur einer Gesamtidee. Die Stücke von Luciano Berio und von Roland Moser arbeiten hingegen mit der Leere und sind sehr leise. Jenes von Marc-André Dalbavie schliesslich kombiniert beide Elemente.


Jannis Xenakis, Dikhthas, Ensemble ö! 2017

Neu ist, dass Sie für diese Programme mit einem Kuratorium zusammenarbeiten.

Bisher hatte ich mich jeweils intensiv in die Materie eingelesen. Dafür wollte ich nun Fachleute beiziehen. Dieses Jahr sind das ein Philosoph/Psychologe, ein Journalist, eine Schriftstellerin und ein Astrophysiker. Dadurch kommt viel Fachwissen zusammen, um die Themen, die ich wähle, zu vertiefen. In unserer ersten Sitzung gingen wir zusammen jedes Programm im Detail durch und liessen Aspekte aus allen Disziplinen einfliessen. Daraus entstehen dann kurze literarische Texte, die im Konzert eingeflochten werden. Ich möchte dem Publikum nichts rein Theoretisches zumuten; deshalb setzt die Schriftstellerin die Gedanken literarisch um. Die Texte regen aber auch dazu an, das nächste Stück intensiver zu erleben. Sie bilden einen roten Faden zur Musik, die immer noch im Vordergrund steht. Weiterhin gibt es vor dem Konzert Einführungen, in denen ich stärker auf die Musik eingehe.

Die Diskussionen gehen also den Konzerten voraus.

In diesem Jahr schon, es ist ein Pilotprojekt. Später wollen wir diese Sitzungstage auch für die Musiker und fürs Publikum öffnen. Das könnte mit der Zeit eine Begleitung zu den Konzerten werden.

Es handelt sich also um ein vermittelndes und interdisziplinäres Projekt…

Vielleicht eher „transdisziplinär“. Es sind mehrere Disziplinen, die die Musik vertiefen sollen. Es ist ja immer noch etwas in Mode, dass man Konzerte interdisziplinär mit Videoelementen oder Lichtevents anreichert. Das ist berechtigt, aber man muss aufpassen, dass es nicht nur eine äusserliche Ablenkung bleibt. Unsere Musik braucht eine ziemliche Konzentration und soll intelligent kombiniert werden. Da kann man nicht bloss Unterhaltungselemente hinzufügen.

Drei Komponisten tauchen mehrmals auf: der Franzose Tristan Murail, der Österreicher Klaus Lang und der 2017 verstorbene Schweizer Klaus Huber.

Murail schreibt eine sehr sinnliche Musik. Es ist mir wichtig, diesen Aspekt zu betonen, weil gern behauptet wird, dass Neue Musik zu abstrakt sei. Bei Lang fasziniert mich, wie er auf ganz eigene Weise musikalische Weiten schafft. Und bei Huber erinnern wir an einen grossen Schweizer Komponisten, der zurzeit nicht so häufig gespielt wird. Zeitlebens hat er sich mit der Rolle des kleinen Menschen im Universum auseinandergesetzt. Bei seinem Flötensolostück „Ein Hauch von Unzeit“ hat er übrigens einst die Interpreten aufgefordert, neue Versionen herzustellen. Wir stellen gleich zwei neue Ensemblefassungen davon vor.


Klaus Huber, Ein Hauch von Unzeit IV (Fassung für Sopran, Klavier, Flöte, Klarinette und Orgel), Ensemble Neue Horizonte Bern, 1976

Mit den Uraufführungen von Duri Collenberg und Martin Derungs verweisen Sie auch auf Ihre Bündner Ursprünge…

Die beiden stehen für die jüngste und die älteste Generation von Bündner Komponisten, dies innerhalb der „Tuns contemporans“ (Zeitgenössische Töne), unserer Biennale, die wir vor zwei Jahren zusammen mit der Kammerphilharmonie Graubünden gegründet haben. Wir fanden es nötig, dass sich die beiden professionellen Klangkörper des Kantons zusammenschliessen. Es soll die Schwellenangst gegenüber Neuer Musik nehmen. Der Finne Magnus Lindberg wird nächstes Mal als Composer-in-residence dabei sein.

Ladies only!

Für das Festival lancierten Sie auch einen Call for Scores… An wen richtete er sich?

An Komponistinnen jeden Alters aus aller Welt. Das Motto lautet: “Ladies only!”. Es sind 126 Partituren eingetroffen, von denen wir drei bei der Biennale aufführen. Aus diesem Riesenfundus werde ich aber sicher noch das eine oder andere in einer künftigen Saison berücksichtigen.
Interview: Thomas Meyer 

Ensemble ö!-Verbeugung

Concert spezial launch neo.mx3 &Ensemble ö!. 11. Oktober 2020:
Stephanie Hänsler: Im Begriffe, Alfred Knüsel: Mischzonen, Asia Ahmetjanova: La voix, David Sontòn Caflisch: aqua micans (danach als Video auf neo.mx3 und rtr.ch/musica).

Ensemble ö!: Saison 20/21
Tuns contemporans, Biennale für Neue Musik Chur: 9.-11. April 2021

Stephanie Haensler, Asia AhmetjanovaMagnus Lindberg, Tristan MurailVladimir Tarnopolski, Gwyn Pritchard, Klaus LangMarc-André Dalbavie

Neo-profiles: Ensemble ö!, David Sontòn CaflischKlaus Huber, Stephanie Hänsler, Martin Derungs, Roland Moser, Alfred Knüsel

Musicus universalis – Rudolf Kelterborn

Folge 4 der Neoblog-Portraits zum Schweizer Musikpreis 2020:

Rudolf Kelterborn bekommt einen der Schweizer Musikpreise 2020.

Florian Hauser
1985 wars. Da habe ich zum ersten Mal Musik von Rudolf Kelterborn gehört: die unheimlich intensive Cellosonate, die gerade frisch komponiert war. Wie kann jemand, habe ich mich als junger Mensch gefragt, eine solche Musik schreiben? Die zornig ist und klar strukturiert. Sich ihrer eigenen Kraft sehr wohl bewusst. Die diese musikalische Geste in der Tiefe umkreist, beschwört, entwickelt. Bis sie sich hinaufschwingt in die Höhen. Singt, klagt, sich windet, sich verliert. Jubelt. Die erzählt und zu mir spricht.

Rudolf Kelterborn Portrait in jungen Jahren

«Bei meiner Arbeit», hat Rudolf Kelterborn einmal gesagt, «ist für mich nicht in erster Linie wichtig, ob ich etwas grundlegend Neuartiges schaffe. Wichtig ist mir, dass mein Werk bei Zuschauern und Zuhörern etwas in Bewegung setzt. Mit Bewegung meine ich nicht eine nebulose Gefühlsduselei, sondern das Gegenteil von Erstarrung. Auch etwas, das nichts mit der Tagesaktualität zu tun hat, kann aktuell sein, indem es zum Nachdenken anregt, anrührt, beeindruckt, fasziniert, erregt.»

“Etwas grundlegend Neuartiges schaffen..”

Das ist es. Seine Musik soll aus sich selber wirken. Das war und ist immer sein Credo. Und sie braucht auch keine Zusätze. Da ist Rudolf Kelterborn ganz alte Schule, und wenn heute die Musik, die neue Musik immer interdisziplinärer wird, oder transdisziplinärer, wenn sie an den Rändern ausfranst und Allianzen, um nicht zu sagen Amalgame eingeht mit anderen Disziplinen, wenn Theater und Tanz und Installation und Elektronik und Performance und alles mögliche auch noch mitmischen will – dann ist das seine Sache nicht.


Rudolf Kelterborn, Musica luminosa für Orchester 1984/85, Basel Sinfonietta

Er ist ein Urgestein der Schweizer Musiklandschaft, Zeitzeuge fast eines ganzen Jahrhunderts, beherzt, engagiert, voller feinem Humor und unerbittlich. Er ist einer, der es sich und seinem Umfeld nie leicht gemacht hat.

..ein Urgestein der Schweizer Musiklandschaft..

Nicht zufällig hatten die Kolleg*innen seinen Namengern auch mal verballhornt, als er in den siebziger Jahren die Musikabteilung von Schweizer Radio DRS leitete: Poltergern. Ja, er konnte und kann poltern – und zwar dann, wenn er auf Gedankenlosigkeit trifft. Dann ist er streitbar und unbequem und polemisch und vielleicht auch ungerecht.


Rudolf Kelterborn, Klavierstück 7 “Quinterno”, 2005, Klavierduo Soós-Haag

Aber das ist nur die Kehrseite einer Haltung, die das Laue verabscheut und stattdessen das bedingungslose Engagement will. Einer Haltung, die dem Publikum eine dichte, erzählerische, hochemotionale Musik bietet – der es sich dann aber auch bitteschön aussetzen soll. Bequemlichkeit? Bitte nicht. Das Publikum hat ein Recht darauf, gefordert zu werden, daraus dann aber einen enormen Gewinn zu ziehen, einen Erfahrungsgewinn, Erkenntnisgewinn, Lustgewinn.
Florian Hauser

Rudolf Kelterborn Portrait © Universität Oldenburg

Rudolf Kelterborn: Musinfo; Ricordi

Sendung SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit, 16.9.2020: Portrait Rudolf Kelterborn, Redaktion Florian Hauser

Neo-Profiles: Rudolf Kelterborn, Klavierduo Soós-Haag, Basel Sinfonietta, Swiss Music Prize

«neuen Stimmen Gehör verschaffen…»

Folge 3 der Neoblog-Portraits zum Schweizer Musikpreis 2020:

Swiss Chamber Concerts (SCC), so heisst die erste und einzige die ganze Schweiz umspannende Konzertserie mit viel Neuer Musik. Seit Beginn im Jahr 1999 präsentiert sie laufend Uraufführungen aus allen Landesteilen – insgesamt sind es bereits gegen 200. Nun erhielten die SCC den Schweizer Musikpreis 2020.

Swiss Chamber Concerts live © Miguel Bueno

Gabrielle Weber
Den Ausschlag zum Start der Konzertreihe Swiss Chamber Concerts gab die enge musikalische Freundschaft der drei Gründungsmitglieder.

Den Genfer Cellisten Daniel Haefliger, den Basler Flötisten Felix Renggli und Jürg Dähler, Geiger und Bratschist in Zürich, verband die Vision, ihre eigenen, in den drei Städten bestehenden Kammermusikreihen miteinander zu vernetzen. Im Herbst 1999 fand dann die erste nationale Konzertserie statt, unter Mitwirkung von Heinz Holliger, Wegbegleiter bis heute.

Daniel Haefliger sprach mit mir per Zoom aus Genf über Einzigartigkeit und Herausforderungen der SCC. Das Gespräch führten wir auf Französisch. Haefliger ist nicht nur als Cellist ständig unterwegs; zum Gespräch fand er sich nach einer kleinen Schweiz-Rundreise im Zug, den er als seine zweite Heimat und Arbeitsort bezeichnet: zunächst Bern, zur Koordinierung der Saison der SCC, dann Sion, zur Festlegung des Streichquartettunterrichts der Haute Ecole de Musique, und zurück in Genf zur Arbeit an der Homepage der SCC.

Herzliche Gratulation zum Musikpreis! Waren Sie überrascht? Was bedeutet für Sie dieser Preis ?

Wir waren sehr überrascht. Denn für unsere Arbeit erhalten wir in der Regel wenig Anerkennung durch die Institutionen, obwohl unser Publikum zahlreich und begeistert ist. Wir kreieren mit unserer Reihe übers ganze Jahr eine Verbindung zwischen den verschiedenen Sprachregionen und verschaffen regelmässig neuen Stimmen Gehör. Das ist eine komplexe Herausforderung, bei der wir vielfältigen Widerständen begegnen. Denn die Schweizer Musikszene ist in viele lokale Einheiten unterteilt, die kaum zusammenarbeiten. Unser Ideal ist: die gesamte Schweiz in einem gemeinsamen musikalischen Projekt zu verbinden.

Was inspiriert Sie?

Zweierlei: Zum einen als Cellist der musikalische Dialog mit aussergewöhnlichen Solisten und Solistinnen – auf der Bühne und persönlich ausserhalb; zum andern als Inhaber des Lehrstuhls für Kammermusik an der Musikhochschule Lausanne (site de Sion) meine Arbeit mit jungen Musikern und Musikerinnen. In beiden Bereichen versuche ich zu kommunizieren, zu vermitteln und zu vernetzen über Alter, Sprachen und Kulturen hinaus.

“La jeunesse m’inspire et me passionne..”

Brachte die Pandemie Auswirkungen auf die SCC mit sich?

Es ging uns ähnlich wie allen. Wir mussten alle Konzerte gegen Ende der Saison absagen. Direkt nach den Lockerungen spielten wir zusammen mit Heinz Holliger und Thomas Zehetmair ein Konzert mit freiem Eintritt, am 30. Juni in Genf. Es war ein grosser Erfolg und gab uns allen Antrieb für die nächste Saison.

Die SCC sind ein Brückenbauer zwischen den einzelnen Landesteilen: wie kommt die Zusammenarbeit zwischen Städten zu Stande?

Wir bauen auf der Basis unserer persönlichen Beziehungen auf.  Nur so gelingt es, starre kantonale, städtische und institutionelle Vorgaben zu umgehen, die ein Zusammenarbeiten über die Region sonst kaum fördern.


Bettina Skrzypcak, ..e subito parlando, Swiss Chamber Soloists UA 2012

 

„Wir hinterfragen permanent den eigenen Standpunkt.“

Programmieren Sie gemeinsam – Sie sind ja drei künstlerische Leiter?

Was in welchen Städten gespielt wird und an wen wir Kompositionsaufträge verleihen, entscheiden wir in der Regel gemeinsam. Dabei berücksichtigen wir die Nähe der einzelnen Regionen zu den Szenen im nahen Ausland: Genf zu Frankreich, Basel zu Deutschland, Lugano zu Italien.

Andererseits hinterfragen wir permanent den eigenen Standpunkt und passen uns in gewissem Rahmen dem jeweiligen Aufführungsort und Kulturraum an.


Nadir Vassena, archeologie future

Wie gestalten Sie Ihre Programme?

Unsere Konzertprogramme enthalten einen hohen Anteil an Uraufführungen von Komponierenden aus allen Landesteilen. Die neuen Werke zeigen wir immer im Dialog mit grossen Werken des Repertoires, um die Kontinuität in der Musik zu unterstreichen. Unsere Reihe spricht ein offenes breites Publikum an, vor dem sich die neuen Werke bewähren können und müssen.

Wie kommt die Kombination von Klassikern mit zeitgenössischen Werken und Uraufführungen beim Publikum an? Hat sich das über die Jahre verändert?

Wir verbinden nicht nur die neuen Werke inhaltlich mit dem bestehenden Repertoire, sondern tauschen uns mit den Komponierenden laufend zum gesamten Programm aus. Jedes Konzert ist ein in sich stimmiges Ganzes mit eigener Dramaturgie. Dadurch wird die Einzigartigkeit jedes Stücks unterstrichen und es entsteht eine Intensität des Gesamtprogramms. Wir gehen so auf das vermehrte Bedürfnis des Publikums ein, eine Geschichte zu hören.

Gibt es Unterschiede bei den Publikumsreaktionen in den verschiedenen Landesteilen?

Die Städte in den verschiedenen Landesteilen haben ein recht unterschiedliches „kulturelles Tempo“. Die Schweiz ist genau aufgrund dieser heterogenen kulturellen Identitäten so reich. Wir wollen dieser Diversität einen Wert verleihen, indem wir neue Stücke aus der ganzen Schweiz in der ganzen Schweiz zirkulieren lassen. Das ist gleichzeitig eine der Herausforderungen.

Gibt es in der nächsten Saison Uraufführungen, auf die Sie sich speziell freuen?

Kommende Saison haben wir 12 Uraufführungen, u.a. von Nadir Vassena aus dem Tessin, von Heinz Holliger aus Basel, von David Philip Hefti aus Zürich, Xavier Dayer aus Genf. Die verschiedensten Besetzungen sind zu hören, unter anderem Bläsersextett, Cellosolo, Streichtrio, Streiquartett, Stimme und kleines Ensemble. Mir vorzustellen wie diese diversen Stücke klingen werden, darauf freue ich mich immer besonders.

Die Saison beginnt in Bern, im Yehudi Menuhin Forum, am 24. September mit einem Konzert mit Heinz Holliger und Thomas Zehetmair – die Replik des Konzerts vom 30.6. in Genf.


Heinz Holliger, Aleh stavi for Cello solo: Solist Daniel Haefliger

Haben Sie eine Vision, die sich noch nicht verwirklichen konnten? Hat der Preis vielleicht gerade jetzt – rund um die Pandemie – eine besondere Bedeutung?

Visionen haben wir bereits zahlreiche verwirklicht, so die internationale Swiss Chamber Academy und die Swiss Chamber Camerata, die junge professionelle Musiker und MusikerInnen aus dem In- und Ausland zusammenführen. Aber Visionen und Ideale zu verwirklichen kostet Geld. Vielleicht (oder hoffentlich) wird uns dieser Preis dazu verhelfen, etwas höhere finanzielle Beiträge zu erhalten, um langfristigere Verbindungen zwischen den Regionen zu stärken. Aktuell planen wir ja quasi “auf Armeslänge”. Seit Bestehen der SCC ist unsere Arbeit nur mit einem enormen persönlichen Aufwand und viel ehrenamtlicher Arbeit möglich geworden: Wir denken oft an den Gott Shiva mit seinen vielen Armen …
Interview: Gabrielle Weber

 

Daniel Haefliger © Nicolas Schöpfer

 

Die Swiss Chamber Concerts wurden 1999 gegründet von Daniel Haefliger, Felix Renggli und Jürg Dähler. Es folgte die Gründung der Swiss Chamber Soloists, ein fester Pool aus international gefeierten InstrumentalsolistInnen, der die Reihe bespielt, später der Swiss Chamber Academy in Genf, einer national-internationalen Streichquartett-Akademie und der Swiss Chamber Camerata ebenfalls in Genf.
Alle Konzerte der SCC sind in Lugano, Genf, Basel, Zürich und ab dieser Saison auch in Bern zu hören.

Swiss Chamber Concerts, Liste Ur- & Erstaufführungen 1999-2020

Konzert 18.9.20: Festival Label Suisse, 18.9.20.: 21.15h, Werke von: Rudolf Kelterborn, Xavier Dayer, Mozart, Villa-Lobos

Konzert 24.9.20: Yehudi Menuhin Forum Bern:
Heinz Holliger, Thomas Zehetmair, Ruth Killius, Daniel Haefliger

Sendung SRG/RSI: RSI-Neo, 25.8.2020:
Incontro con Daniel Haefliger, Redaktion Valentina Bensi

Neo-Profiles: Swiss Chamber Soloists, Jürg Dähler, Heinz Holliger, Nadir Vassena, David Philip Hefti, Xavier DayerRudolf Kelterborn, Bettina Skrzypczak, Swiss Music Prize

“Buchstaben-Klänge”

In Brunnen findet vom 11. bis 13. September zum zweiten Mal das Othmar Schoeck Festival statt. Die verwunschen-verwitterte Villa der Familie Schoeck, hoch über dem Vierwaldstädtersee, bildet erneut das einzigartige Festivalzentrum.

Der Komponist Stefan Keller hat sich für eine Residenz in der Villa Schoeck beworben – verbunden mit einem Auftrag für ein Lied. 2017 verbrachte er dann einen mehrwöchigen Residenzaufenthalt in der Villa Schoeck.

Nun ist er Composer in Residence am Festival und bringt drei neue Lieder zur Uraufführung.
LIVESTREAM: Konzert Uraufführung Stefan Keller / Keller & Schoeck 

Portrait Stefan Keller @ Villa Massimo ©Alberto Novelli

Alvaro Schoeck, Initiant und Co-Leiter des Festivals rechnete lange mit einer Live-Ausgabe des Festivals in der “absonderlich gebauten Künstlervilla”. Nun steht es fest: Der spezielle Austragungsort lässt sich mit den Pandemieauflagen nur wenig vereinbaren. Die Veranstaltungen finden im historischen Atelier des Malers Alfred Schoeck, dem Vater des Komponisten, statt und werden live gestreamt.

Eine vielfach ausverkaufte Performance, ‘Hauen und Stechen’, durch diverse Räume der alten Villa, verwob Schoecks Leben mit der Gegenwart und war der Renner des ersten Festivals 2016.

In HeimatLos, der Performance der zweiten Ausgabe des Festivals stehen Frauenfiguren im Zentrum. Und es geht um Heimat, als Ort, Begriff, Gefühl. HeimatLos geleitet kleine Publikumsgruppen musikalisch durch die Schoeckvilla – der live-stream folgt ihnen und führt mitten ins Zentrum des Geschehens in den intimen Räumen.

Am Samstag, 12. September, kommen die neuen Lieder von Stefan Keller zur Uraufführung.

Keller befasste sich in seinen Werken bislang häufig mit Musiktraditionen aus anderen Kulturräumen und studierte lange Zeit die Tabla in Indien. Am Eclat-Festival 2020 brillierte er bspw. virtuos in einem eigenen Stück für Tabla, Stimme und Live-Elektronik.


Stefan Keller: Persona, Excerpts, 2019

Fürs Schoeck-Festival macht sich Keller erstmals an die traditionelle Besetzung Stimme und Klavier. Zum Hintergrund der neuen Stücke sprach ich mit Stefan Keller per Zoom nach Berlin, seinem Wohnsitz.

Stefan Keller, was stand am Anfang der drei Lieder – wie/wo begannen Sie das Komponieren?

Ich lebte von September 2019 bis Juli 2020 in Rom, mit einem Stipendium in der Villa Massimo. Die Hochphase der ersten Pandemiewelle verbrachte ich in der Villa, ‘eingeschlossen’ mit weiteren Stipendiaten. Der Lockdown war ja in Italien viel strenger als anderswo. Wir befanden uns real fast im -oft von aussen als solchen bezeichneten- goldenen Käfig: die schöne Villa in wunderbarem Park. Das hatte Einfluss auf mein Komponieren – wie alles was menschlich bewegt-, wenn sich dies auch kaum konkret festmachen lässt. Durch die intensive Erfahrung wagte ich möglicherweise Dinge, die vorher nicht möglich schienen. In dieser ausserordentlichen Zeit begann ich an den zwei weiteren Liedern zu arbeiten.

Was ist ihre Beziehung zum Schaffen Othmar Schoecks?

Vor der Residenz war sie nicht sehr intensiv. Das hat sich mit dem Aufenthalt in der Villa Schoeck geändert: Schoecks Stücke lagen in Partituren herum und haben mich regelrecht ‘angerührt’. Ich war auch über Stilistisches überrascht. Direkte Bezugnahmen gibt es aber in den neuen Stücken kaum. In der Tradition der Gattung Lied, die für Schoecks Schaffen zentral ist, liegt für mich bereits der Bezug.

Das Ambiente der Villa hat mich beim Komponieren inspiriert: ich arbeitete in einem wunderschönen alten Saal mit einem hervorragenden Flügel.

Othmar Schoeck Festival 2016: Performance Lwowski-Kronfoth, HAUEN & STECHEN

Für Stimme komponierten Sie bislang zwar oft, aber nicht für die die traditionelle Besetzung Stimme und Klavier: was bedeutet für Sie die Gattung Lied, wie gingen Sie damit um – auch mit der Tradition?

Das Komponieren für Stimme und Klavier war für mich eine Herausforderung. Das Klavier ist in vielerlei Hinsicht ein unflexibles Instrument, was Klang, Anschlag oder Tonhöhen anbelangt. Bisher setzte ich es eher virtuos und laut ein, was sich nur schwer mit meinem Interesse an der Stimme kombinieren lässt.


Stefan Keller: Breathe / soyuz21, für Klavier, Akkordeon, elektrische Gitarre, Elektronik, 2016

Für die Stimme schwebte mir etwas Fragiles vor, wo es auf Nuancen der Tonhöhen und des Klanges ankommt. Ich näherte mich deshalb einem eher reduzierten Klaviersatz an, um der Stimme genügend Raum zu geben.

Anagramme der Dichterin Unica Zürn* bilden die Textbasis für die Lieder: wie gingen Sie mit der Vorlage um?

In Zürns Anagramm-Gedichten finden sich in jeder Zeile dieselben Buchstaben in anderer Reihenfolge. Diese Kombinatorik der ‘Buchstaben-Klänge’ verleiht den Gedichten fast eine musikalische Ebene. Das wollte ich in der Musik explizit machen. Indem ich entschlüssle, dass die Worte aus einzelnen Lauten zusammengesetzt sind. Die Laute hört man sonst ja nicht in erster Linie, sondern die Worte als Ganzes, mit ihrer Bedeutung.

Die Sängerin singt in zweien der drei Lieder die Worte nicht konventionell oder ‘natürlich’. Sie gibt einzelne, stimmlose Konsonanten an den Pianisten ab, der diese mit seiner Stimme artikuliert. Ziel ist natürlich, dass die Worte danach verständlich sind. Das bedeutet eine hohe Anforderung an rhythmische und dynamische Präzision, sowohl für die Sängerin als auch für den Pianisten.
Interview: Gabrielle Weber

*Unica Zürn (Berlin 1916 – 1970 Paris), deutsch-französische Dichterin und Zeichnerin, bekannt für ihre 123 Anagramm-Gedichte.
Im Liedzyklus verwendet Stefan Keller folgende drei Anagramm-Gedichte:
Der einsame Tisch, Es war einmal ein kleines, Das Leben ist schoen.

Stefan KellerUnica ZürnChris Walton

Othmar Schoeck Festival, Leitung Alvaro Schoeck / Chris Walton:
HeimatLos, 11.9.: 20:30h / 13.9.: 18h
Uraufführungskonzert 12.9., 20h mit weiteren Stücken von Stefan Keller und ausgewählten Liedern von Othmar Schoeck:
UA Keller: Sopran: Truike van der Poel, Klavier: J. Marc Reichow

Internat. Symposium Frauen:Stimmen Samstag/Sonntag, 12./13.9.:
live und per Livestream (Homepage Othmar Schoeck Festival / Zusammenarbeit:  Musikwissenschaftliches Institut der Universität Zürich und Mariann Steegmann Foundation).
Leitung: Dr. Merle Fahrholz, Chefdramaturgin / stellvertretende Intendantin Oper Dortmund

Neo-Profiles: Stefan Keller, Othmar Schoeck Festival, Soyuz21

Bassistin zum Glück

Folge 2 der Neoblog-Portraits zum Schweizer Musikpreis 2020:

Martina Berther – vielfältige Bassistin aus Chur

Martina Berther @ Ester Poly © J. Dubois

Jodok Hess
Martina Berther hat mit Hip-Hop-Bands dem Teufel ein Ohr abgegroovt, macht feministischen Punk-Rock zusammen mit der Schlagzeugerin Beatrice Graf, begleitet hinter Sophie Hunger feinste Pop-Musik oder spielt für Daniela Sarda Elektro-Pop. Und als Frida Stroom experimentiert sie solo auf dem Bass und bewegt sich völlig frei im Bereich Noise.
Eine typische Bassistin also? Ja – nur dass sie die Schnellfinger unter den Bassisten nie so richtig interessiert haben.

Zum Gespräch treffe ich Martina Berther in ihrem Übungsraum in Zürich Affoltern – ein schöner, grosser Raum, mit viel Licht und noch viel mehr Gitarren, Bässen, Effektgeräten, Schlagzeug-Sets überall.

Dass sie sich den Raum mit mehreren anderen Musikern teilt, stresst sie zwar manchmal, weil es eng werden kann. Auf der anderen Seite findet sie es auch gut, weil es automatisch eine gewisse Disziplin erfordert, und weil man sich gegenseitig aushilft.

Überhaupt scheint Martina Berther jemand zu sein, der Limonade macht, wenn das Leben Zitronen offeriert. Schön zum Beispiel die Geschichte, wie sie überhaupt zum E-Bass gekommen ist. Nur wiederwillig überlässt ihr der damalige Dirigent der Jugendmusikschule Chur den Posten:
“In der Jugendmusik in Chur habe ich Trompete gespielt. Was aber nicht so richtig mein Instrument war, zum Glück – denn so blieb ich offen und habe gesucht, welches mein Instrument sein könnte. Und in dieser Jugendmusik gab es einen E-Bassisten, was schon ziemlich revolutionär war, die Jugendmusik war damals noch eher konservativ. Dieser E-Bassist war über 20jährig und musste aufhören, weshalb ein Nachfolger gesucht wurde. Ausdrücklich: Ein Nachfolger. Und als ich mich trotzdem gemeldet habe, da meinte der Leiter: ‘Ouuh, ja da müssen wir eine Sitzung machen, ob das geht, eine Frau am Bass’.”

Andere hätten sich da vielleicht schon beleidigt zurückgezogen. Nicht aber Martina Berther. Sie wartete geduldig das Ergebnis der Sitzung ab.

Dank einer Querdenkerin im Vorstand, die sich sehr stark gemacht hat für mich, wurde ich dann zugelassen. So bin ich also durch einen Glücksfall zum Bass gekommen.

Ein Glücksfall in der Tat! Immerhin ist die Schweizer Musikszene so auch zu einer E-Bassistin als Preisträgerin gekommen. Und genau dieser Preis steht natürlich am Anfang unseres Gesprächs.

25000 Franken in Coronazeiten, da sagt man nicht nein, oder?

Nein! (lacht) – da sagt man nicht nein. Da sagt man auch in Nicht-Corona-Zeiten nicht nein.

Waren Sie überrascht?

Schon, ja! Letztes Jahr war ich an der Verleihung, da hat ihn meine Band-Partnerin Beatrice Graf bekommen (die Schlagzeugerin im Duo Ester Poly), und da habe ich gedacht: Wenn ich weiterhin gut arbeite, vielleicht bekomme ich den dann auch mal. Jetzt ist er einfach viel früher gekommen… (lacht). Aber ich hätte auch noch 50 Jahre weiter gemacht ohne Preis.


Martina Berther / Beatrice Graf @ Ester Poly – FieldsessionB-Sides Festival 2018

Das breite Profil ist also kein Business-Plan?

Nein, definitiv nicht! Das ist aus einer Neugierde heraus entstanden.

Was für Vorbilder haben eine Rolle gespielt?

Orientiert habe ich mich weniger an Musikerinnen oder Musikern, sondern eher an Klängen. Wenn ich irgendeinen Sound gehört habe, von einem Cello, von einem Schlagzeug, da habe ich mir überlegt: Was gefällt mir daran, was davon könnte ich auf den Bass übernehmen?

Also über den Sound?

Über den Sound, oder die Energie – manchmal fällt es mir schwer zu sagen, was mir genau gefällt an einem Musiker, einer Musikerin. Häufig ist es eine Präsenz oder Attitüde. Und das habe ich dann eher versucht als Vorbild zu nehmen. Handkehrum höre ich ziemlich oft: Ich habe wegen dir angefangen Bass zu spielen. Was natürlich schön ist.

Wenn ich mir das Frida Stroom Projekt anhöre, kommt mir Hermeto Pascoal in den Sinn – wegen dem Konzept, dass alles Musik ist. Seine Barthaare sind Musik für ihn, oder eine Banknote, die er zupft. Da habe ich mich gefragt: Ist es diese Neugierde, dass sie über das Geräusch gehen und über die Energie und so etwas Neues suchen?

Ja, das geht mehr über Sound. Das können auch Sachen sein, die beim Spielen passieren. Manchmal merke ich: Das Surren vom Strom, das war eigentlich der schönste Moment von diesen 30 Minuten Improvisation. Und dann interessiert mich das am meisten. Und das ist dann etwas, was ich weiterentwickeln möchte.

“Das Surren vom Strom.. der schönste Moment der Improvisation..”

Wie verhindern Sie, dass ich mich als Zuhörerin, als Zuhörer ausgeschlossen fühle?

Eigentlich, theoretisch gesehen, ist es ziemlich einfach. Indem ich mich auf den Moment einlasse, auf den Raum, auf das Publikum, indem ich mich dabei verletzlich mache und von diesem Punkt aus mit Spielen anfange, wird das Publikum sehr schnell involviert. Schwieriger wird es, wenn ich eine Unsicherheit habe in mir und versuche, die Improvisation nicht zuzulassen. Wenn ich denke: Ich beginne mit diesem Sound.

Das ist dann schon zu viel?

Manchmal schon. Oder wenn ich improvisierend anfange und dann denke ich während dem Spiel: Als nächstes könnte ich das machen. Dann habe ich das Gefühl, ich bin zu sehr bei meiner Arbeit und nehme nicht mehr ganz wahr, was eigentlich passieren würde, im Raum, oder bei meinem Instrument. Denn eigentlich ist ja alles schon da. Man kann mit sehr wenig extrem viel machen. Man muss nur den Mut haben, sich darauf einzulassen. Und wenn ich dagegen ankämpft, aus einer Unsicherheit, dann ist es mehr ich im Kampf gegen irgendetwas.

“Man muss nur den Mut haben, sich darauf einzulassen”


Martina Berther mit Frida Stroom, live am Gamut Festival 2017

Ist dann Improvisation auch so etwas wie ein Sich-Ausliefern? Ein Loslassen?

Für mich schon, ja. Das funktioniert manchmal sehr gut, manchmal weniger gut. Ein sicheres Rezept habe ich da noch nicht gefunden.

Haben Sie nie den Drang in einem solchen Moment einfach mal groovemässig konventionell abzugehen?

(lacht) Ich war ja jahrelang extrem grooveorientiert. Die ersten Bands waren HipHop-Bands, Breitbild zum Beispiel, und auch die Soul-Musik hat mir extrem gefallen. Jetzt im Moment interessiert mich diese eher normale Art Bass zu spielen nicht mehr so sehr.

Frida Stroom © Stefan Berther

Ihr «heart of hearts» ist also momentan eher beim Experimentellen und weniger bei einem Projekt wie Sophie Hunger?

Am Bass schon. Wobei ich gar nicht sage, dass mich Groove-Musik nicht interessiert. Ich habe es einfach schon sehr viel gemacht. Und bei Sophie Hunger wird man durchaus aufgefordert, auch die eigenen Ideen einzubringen. Da muss ich wirklich aus meiner Komfort-Zone raus. Sophie bringt dazu die nötige Energie mit und die Unterstützung. Da habe ich mich auf eine sehr gute Art aufgefordert gefühlt, mich zu zeigen.

Tönt fast ein bisschen nach Jazz?

Ja total! (lacht) Für mich war das eigentlich die grösste Jazz-Band, bei der ich in den letzten Jahren gespielt habe.»
Interview: Jodok Hess

Martina Berther, Beatrice GrafSophie Hunger, Hermeto Pascoal, Frida Stroom, Ester Poly

Sendung SRF 2 KulturJazz&World Aktuell, 15.9.20, Beitrag von Jodok Hess

Neo-Profiles: Martina Berther, Swiss Music Prize

“Ich bin einer der langsamsten Komponisten Europas..”

Dieter Ammann startet weiter durch: mit seinem an den BBC Proms London uraufgeführten und danach weltweit gespielten Klavierkonzert  „The Piano Concerto – Gran Toccata“ erklimmt der in Luzern und Bern lehrende Aargauer Komponist eine neue Karrieresprosse. Nun strahlt das Schweizer Fernsehen SRF in der Sternstunde Musik ein vielschichtiges Portrait aus (auch zu sehen: Ende blogpost). Der Filmemacher Daniel von Aarburg begleitete Ammann in den drei Jahren der Entstehungszeit des Klavierkonzerts: es entstand ein dichtes, subtiles und humorvolles Portrait über einen nicht immer einfachen Prozess, mit Einblicken in Proben, Konzerte und auch private Situationen. Auch Ammanns Jugend und sein Werdegang werden beleuchtet. Im Gespräch mit Gabrielle Weber äussert er sich zum making of von Film und Konzert.

Dieter Ammann beim Komponieren

Für die Komposition von Gran Toccata nahmen Sie sich drei Jahre Zeit, Sie bezeichnen das Komponieren eines neuen Werks als eine Reise.. War das Filmprojekt auch eine Reise?

Es war eine wechselvolle Reise: Ich steckte bereits in einem freien Filmprojekt, initiiert vom Regisseur Arthur Spirk, einem grossen Musikkenner und -liebhaber. Dann wollte SRF selbst ein Filmportrait produzieren. Im Einvernehmen aller wurden die Dreharbeiten komplett neu aufgegleist. Die Regie übernahm Daniel von Aarburg. Bereits beim ersten Treffen sprang sofort der Funke über und daraus entwickelte sich eine unglaublich schöne Zusammenarbeit.

Wie entwickelte sich die Geschichte..?

Ich begab mich mit grossem Vertrauen in die Hände des Filmteams. Der Regisseur schlug jeweils vor, was er filmen wollte. Es entstand enorm viel gutes Material. Gemäss dem Motto “kill your darlings” musste reichlich geschnitten werden. So fehlen etwa meine Unterrichtstätigkeit an der Hochschule Luzern und einige private Szenen, was ich schade finde, bin ich doch unheimlich stark verwurzelt in meiner Familie und der nächsten Umgebung.

Sie leben und arbeiten mehrheitlich in der Nacht.. wie war das kompatibel, wie verlief die Zusammenarbeit mit der Filmcrew?

Für die Filmcrew war es nicht einfach nur ein Job. Sie hat sich komplett reingekniet. So wurde es auch erst möglich, persönliche Dinge aus dem Privatleben zu filmen. Sie nahm auch wie selbstverständlich auf meinen Rhythmus Rücksicht, legte die Dreharbeiten auf den Nachmittag oder drehte auch mal tief in der Nacht. Da war grosser Idealismus dabei.

..und mit dem Solisten, dem Pianisten Andreas Haefliger?

Die Zusammenarbeit klappte sehr gut, war aber nicht immer problemlos.. Gewisse Dinge mussten wir regelrecht ausfechten. Es war spannend, den Weg zusammen zu gehen, und es ist eine Beziehung fürs Leben entstanden.

„The Piano Concerto – Gran Toccata” war und ist ein Riesenerfolg, weltweit: Bekannt ist, dass Sie sich zuerst lange gegen das Schreiben eines Klavierkonzerts sträubten und nur unter der Bedingung akzeptierten, dass eines der US-“Big five”-Orchester* dabei sei… War die Zusage aus Boston ein Schock? War sie inspririerend..?

Ich wollte mich damit eigentlich dieser riesigen Aufgabe entziehen. Ich sage generell bei Aufträgen nur zu, wenn ich voll und ganz hinter den Bedingungen stehen kann. Bei einer früheren Anfrage für eine Oper stellte ich beispielsweise die Bedingung von acht Jahren Entstehungszeit. Diese konnte mir nicht garantiert werden und somit hatten sich die Sondierungsgespräche für mich erledigt.

Fürs Klavierkonzert hatte ich durch die sehr frühe Anfrage schon vor Kompositionsbeginn ein paar Jahre Vorlaufszeit, verfiel also nicht in Schockstarre…

Was stand musikalisch am Anfang des Klavierkonzerts?

Anfangs hörte ich während etwa sechs Monaten eine Unmenge von Klavierliteratur an und legte eine umfangreiche Beispielsammlung von Texturen an.  Mich interessierte, was an Komplexität am Klavier möglich ist – nicht im Sinne bspw. von New Complexity-, sondern intrinsisch, aus dem Instrument heraus entwickelt. Diese Sammlung mit allen Notaten und verbalen Skizzen wurde mir dann während einer Zugfahrt gestohlen. Ich stand quasi vor dem Nichts. Das war ein wahrhaftiger Schock.

Sie sagten einmal: “Die Freiheit steht für mich im Zentrum beim Komponieren von zeitgenössischer Musik”: Gerade bei Aufträgen für grosse Orchester gibt es Rahmenbedingungen, manchmal Widerstände, die einengend sein können. Sie kommen ursprünglich aus der nicht primär komponierten Musik mit Improvisationsanteil, da ist die Freiheit vermeintlich grösser..

Für mich bedeutet es keine Einengung, für 70 MusikerInnen zu schreiben, sondern eine Restriktion, die auch gegeben ist, wenn ich mit einem Algorithmusprogramm am Computer arbeite oder wenn ich für Klaviertrio schreibe. Gerade die Reibung an der Restriktion, das Ausloten der Grenzen entzündet die Fantasie.


Dieter Ammann, Après le silence. Für Klaviertrio, Mondrian Ensemble, 2004/05

Restriktion macht den Stachel der Fantasie aus.

..beim Arbeiten mit Orchestern ist ein strenger Arbeitsrhythmus, meist knappe Zeit für Proben und wenig Freiheit gegeben..

Ich habe nicht bloss hohe Ansprüche an mich, sondern auch an die Interpretierenden meiner Musik. Glücklicherweise setzen sich vornehmlich künstlerisch herausragende Solisten und Ensembles mit meinen Werken auseinander. Wenn also ein Top-Orchester vier Proben ansetzt, dann klappt es tatsächlich an der Uraufführung. Eine Uraufführung entspricht allerdings selten dem interpretatorischen Ideal. Dazu braucht es mehrmalige Aufführungen. M.E. müsste auch die Musikförderung dem nachkommen: weg vom Hype um Uraufführungen, hin zur Verpflichtung von mehrfachem Aufführen neuer Stücke.

Auch beim Klavierkonzert waren interpretatorische Unterschiede festzustellen. Jedes Orchester, jede/r DirigentIn brachte seine/ihre eigene Klanglichkeit ein. Gerade zeitgenössische Orchesterwerke werden  selten wiederaufgeführt. Ich habe aber den qualitativen Anspruch, dem Repertoire Gültiges hinzuzufügen, sodass durch Nachspielungen eine stete Auseinandersetzung mit der Musik möglich wird, wie das etwa bei „glut“ für Orchester der Fall ist.


Dieter Ammann, glut. Für Orchester, Lucerne Festival Academy, Dirigent George Benjamin, 2019

Sie bezeichnen sich selbst als Langsam-Komponierer – es gibt nur alle paar Jahre ein neues Werk von Ihnen… What’s next?

2022 werde ich – huch!- sechzig. Ich freue mich beispielsweise auf eine Residenz beim Sinfonieorchester Basel oder auch auf ein Geburtstagskonzert der Basel Sinfonietta. Vielleicht kommt im sinfonischen Bereich noch das eine oder andere dazu. Auch die verschobene CH-Premiere des Klavierkonzerts findet nun 2022 statt, am Lucerne Festival.

Kürzlich habe ich die Arbeit an einem Konzert für Viola und Orchester aufgenommen, für den Solisten Nils Mönkemeyer, eine Co-Kommission des SOB mit dem Münchner Kammerorchester.  Danach folgt ein Stück für einen der weltbesten Klangkörper, gefolgt von einem Cellokonzert. Wenn ich noch so lange lebe….;-)
Gabrielle Weber

SRF-Filmportrait Dieter Ammann / Gran Toccata, Sternstunde Musik 2020: Regie Daniel von Aarburg / Produzent SRF: Markus Wicker:

 

The Piano Concerto – Gran Toccata, UA-Tournee seit August 2019, Solist Andreas Haefliger, u.a.:
BBC-Proms / London, Taipeh Symphony Orchestra / Taiwan, Boston Symphony Orchestra / USA, Münchner Philharmoniker / Münchner Gasteig, Helsinki Philharmonic / Helsinki.
Die Schweizer Erstaufführung im Rahmen des Lucerne Festival wurde aufgrund der Pandemie auf 2022 verschoben.

Die CD-Einspielung von Gran Toccata mit dem Helsinki Philharmonic unter der Leitung von Chefdirigentin Susanna Mälkki (Label BIS Records) wird umgehend nach Erscheinen auf neo.mx3 zur Verfügung gestellt.
Auf Dieter Ammanns neo-Profil finden sich Kurzvideos des ursprünglichen Materials von Arthur Spirk.

*Big Five: New York Philharmonic, Boston Symphony Orchestra, Chicago Symphony Orchestra, Philadelphia Orchestra und Cleveland Orchestra

Dieter Ammann, Andreas HaefligerLucerne Festival, Sinfonieorchester Basel, Mondrian Ensemble, Nils Mönkemeyer, Basel Sinfonietta

Ausstrahlung: SRF1
Dieter Ammann – Gran Toccata, Sternstunde Musik, So, 23.8., 11:55h; Di, 25.8., 13:00h; Sa, 29.8., 9:40h (Dauer 1Std)

Sendungen SRF 2 Kultur:
Musikmagazin, 22./23.8.20, Redaktion Benjamin Herzog / Beitrag Silvan Moosmüller.
Musik unserer Zeit, 29.7.2020. (Erstausstrahlung 12.2.2020), Unspielbarkeit, Redaktion Theresa Beyer

Neo-Profiles: Dieter Ammann, Lucerne Festival Academy, Sinfonieorchester Basel, Mondrian Ensemble, Basel Sinfonietta

Alpsegen zur Casino-Eröffnung

Christian Fluri
Helena Winkelman, Komponistin, Violinistin und künstlerische Leiterin des profilierten Ensembles Camerata Variabile, ist eine der interessantesten, eigenwilligsten international ausstrahlenden Musikschaffenden der Schweiz und dieses Jahr Composer in Residence beim Sinfonieorchester Basel (SOB).

Helena Winkelman, Portrait mit Geige

Das Schaffen von Helena Winkelman umfasst Kammermusik, Chor – und Orchesterwerke genau so wie Oper und Musiktheater. In ihren Kompositionen entwickelt sie ausgehend von unterschiedlichsten Einflüssen wie dem Barock, dem Jazz oder verschiedenen Volksmusiken eine eigene, unsere Zeit reflektierende musikalische Sprache, die Vielschichtigkeit mit Tänzerischem, Tiefgründigkeit mit Lebensfreude verbindet.


Helena Winkelman, Camerata Variabile: Papa Haydn’s Parrot (2016)

Gleich drei neue Stücke gab das SOB bei Winkelman in Auftrag: Einkreisung und Gemini, deren Uraufführung von Ivor Bolton, Chefdirigent des SOB, dirigiert werden, sowie Goblins für sechs Schlagzeuger.  Und alle drei Werke sind dramaturgisch angelegt und haben eine eigene Lichtregie.

Einkreisung für acht Alphörner – Bergatmosphäre in der Stadt

Einkreisung, gehört zum Reigen der Werke, mit denen das renovierte, im neuen Kleid erscheinende Stadtcasino am 22. August eingeweiht wird. Geschrieben ist das Stück für acht Alphörner in unterschiedlichen Längen und Stimmungen.

“Die Idee beruht auf dem traditionellen Schweizer Alpsegen” sagt Winkelman “Ich wollte für die Eröffnung des Stadtcasinos die Bergatmosphäre in die Stadt, in den Musiksaal bringen und der urbanen Welt etwas von deren Ursprünglichkeit und Frieden mitbringen.”

Die acht Alphornspieler, das Hornroh-Quartett sowie vier HornistInnen des SOB, stehen auf der Bühne und den Emporen im Raum verteilt und kreisen so das Publikum ein. Winkelman beschreibt Einkreisung als ein Werk, das dramaturgisch den Wechsel zwischen ruhigen, fast traditionell klingenden Alpgrüssen und starken Klangschichtungen entlang der Obertonreihen der Instrumente einsetzt. Durch ein staffettenartiges Weiterreichen des Klangs im Kreis wird der neue Konzertraum dabei effektvoll in Szene gesetzt.

Helena Winkelman, Granithörner (Teaser), Camerata Variabile &Balthasar Streiff, 2018

Gemini – Inszenierte Interaktionen

Gemini, ein Konzert für zwei Violinen und Orchester, hat Helena Winkelman für zwei grosse Musikerpersönlichkeiten, Patricia Kopatchinskaja und Pekka Kuusisto geschrieben: es kommt am ersten Abonnementskonzert des SOB im September zur Uraufführung. Das Konzert besteht aus neun kurzen Szenen, die jeweils mögliche Beziehungsmodi zwischen zwei Menschen abbilden. Beide Solisten bekommen einen Schlagzeuger als Sekundanten zur Seite gestellt, der sich mit ihnen performativ durch das Stück bewegt. Die letzten drei Szenen „Battleships“, „Partners in Crime“ und „Horsing around“ bringen in humorvollem, rasantem Frage- und Antwortspiel zwischen Solisten und Orchester  verschiedene Volksmusikelemente ins Spiel. Der Höhepunkt des Stücks wird in einem inszenierten Duell erreicht, in das neben den beiden sekundierenden Perkussionisten auch der Solokontrabassist eingreift.

Während eines längeren Gesprächs über ihre Musik äussert sich Helena Winkelman zum kreativen Prozess und der Verbindung zwischen ihrer Kunst und dem Leben an sich.
“Am Anfang eines Werkes steht oft ein Klang der sich aus einer Verbindung von  Körperspannung, Geste und taktiler Vorstellung bildet> sagt sie.  <Diese drei Elemente wiederum entstehen aus einer inneren Empfindung oder einer Atmosphäre heraus.

In all den Jahren kam ich zur Einsicht,  dass es am Ende gar nicht so einen grossen Unterschied zwischen Komponierenden und Nicht–Komponierenden gibt.  Denn wie beim Komponieren gilt es auch im Leben Entscheidungen zu treffen, entlang derer sich dann der eigene Weg entfaltet. Jedes Detail ist wichtig, die Gründe sind wichtig, alles beeinflusst sich.  Das ist eine oft überwältigende Aufgabe.

Als KomponistInnen halten wir quasi eine Lupe über diese Entscheidungsprozesse. Wir zeigen im Idealfall, dass es möglich ist, eine gute Wahl zu treffen.”

Bewusstes Formen der Welt

“Ich möchte hier der oft geäusserten Ansicht widersprechen, dass Kunst dazu da ist, das Leben zu interpretieren, zu reflektieren und es zu verarbeiten. Wir befinden uns in einer Welt der Verherrlichung der Exekutive. Folgerichtig wird Kunst als wenig wichtig wahrgenommen. Doch was wäre, wenn das Leben stattdessen UNS nach einer möglichen, gewünschten Richtung fragte? Wenn tatsächlich viel mehr, als wir denken, von unserer Kreativität und Vision abhängig wäre?

Die Musik könnte uns Ermutigung und Schulung sein, diese kreativen Potenziale zu wecken und unsere Welt – wie es Künstler in ihrer Kunst tun – in jedem Moment bewusst zu formen.(Zit. Helena Winkelman)
Christian Fluri


Helena Winkelman: Atlas für Solocello (Nicolas Altstaedt), Cello und Streicher, 2019, Solist: Cello

 

Uraufführungen Helena Winkelman & SOB:
Einkreisung, 22.8. (Wiedereröffnung Stadtcasino Basel), 26.8. in: Spezialkonzert: Neue Welt. Alphorn-SolistInnen: Hornroh-Quartett, SOB: Diane Eaton, Megan McBride, Eda Paçaci, Lars Magnus

Gemini, 9. und 10.9. in: Konzert Duell, Stadtcasino Basel. Solistinnen: Patricia Kopatchinskaja und Pekka Kuusisto
Gemini wird von arte.tv aufgezeichnet.

Goblins, 4.2.2021, in: Konzert Solmidable, Stadtcasino Basel.
Helena Winkelman, Sinfonieorchester Basel, Camerata Variabile, Casino Basel,  hornroh modern alphorn quartet, Balthasar Streiff

Sendungen SRF 2 Kultur:
Kontext / Künste im Gespräch, 3.9.20., 9h/18h: Annelis Berger im Werkstattgespräch mit Patricia Kopatchinskaja und Helena Winkelmann.
Musik unserer Zeit, 9.9.20: Porträt der Komponistin und Geigerin Helena Winkelmann (Annelis Berger)

Neo-Profiles:
Helena Winkelman, Sinfonieorchester Basel, Camerata Variabile, hornroh modern alphorn quartet

Klangwandern: ja!

Jaronas Scheurer
Aufgrund des Coronavirus wurden diesen Sommer alle Festivals abgesagt. Alle? Fast alle! Ein kleines Festival für Neue Musik im Oberbaselbiet wird trotz allem durchgeführt: Das Festival Neue Musik Rümlingen.

Festival Rümlingen 2016, Serge Vuille, Change © Schulthess-Foto

Der Grund für diese Ausnahme ist das spezielle Format des vom 20. bis 24. August im kleinen Oberbaselbieter Dorf Läufelfingen stattfindenden Festivals. «Wir schicken das Publikum auf eine Wanderung, auf der Kompositionen erlebt werden können, die spezifisch für die durchwanderte Landschaft geschrieben wurden.» erzählt der Geschäftsführer Tumasch Clalüna. Dies sei jedoch keine Besonderheit der diesjährigen Ausgabe, das Festival Rümlingen setzt schon seit seiner Gründung vor 30 Jahren auf ungewohnte Formate. Das Publikum wird in kleinen Gruppen von maximal 10 Personen losgeschickt, ganz BAG-konform. Reservation ist also Pflicht. Startpunkt der Klangwanderung ist der Bahnhof Läufelfingen. Von dort geht es die alte Passstrasse hinauf Richtung Hauenstein und in einer grossen Schlaufe dann zurück nach Läufelfingen zum Ausstellungsraum SilO12. Auf dem Weg trifft man auf die Werke von elf jungen Komponist*innen, die spezifisch für die jeweiligen Orte komponiert wurden. An jeder Station kann man kurz verweilen.


Tobias Krebs, rêves éveillés, 2019

Das Publikum läuft zur  Musik hin und wandert nach einer Weile weiter. Man erlebt also nicht unbedingt die ganze Komposition. Eine Herausforderung für die eingeladenen Komponist*innen, wie Tumasch Clalüna betonte. Einige kreieren beispielsweise eher Klangsituationen, statt konventionelle Kompositionen mit klarem Anfang und Ende. Andere arbeiten installativ oder lassen die anwesenden Performer*innen spontan auf das vorbeiwandernde Publikum reagieren. Statt von einem konventionellen Konzertfestival spricht Tumasch Clalüna daher lieber von einer «musikalischen Landschaftsbegehung». Zu dieser Idee passt beispielsweise die «Park Opera 2» des polnischen Komponisten Wojtek Blecharz, die am Festival uraufgeführt wird. Blecharz komponierte seine Oper spezifisch für die Landschaft oberhalb Läufelfingens. Oder die auf die Umgebung bezogene Performance «Waves» von Lara Stanic.

Lara Stanic: 4Laptops, 2019

Doch wieso findet das Festival Neue Musik Rümlingen eigentlich in Läufelfingen und nicht in Rümlingen statt? Sie seien schon vor einiger Zeit vom SiLO12 für eine Kooperation eingeladen worden, erklärt Clalüna. Das habe sich dieses Jahr besonders angeboten, da sie zusätzlich zur Musik eine Jubiläumsausstellung geplant haben.

Was beim weiteren Blick ins Programm des Klangwegs auffällt: Die Komponist*innen sind auffällig jung. Da sind bspw. neue Werke von Tobias Krebs, Léo Collin oder Anda Kryeziu zu hören und zu begehen. Das erstaunt, denn man könnte ja annehmen, ein 30-jähriges Jubiläum sei Anlass, um mal die grossen Namen der Neuen Musik-Szene einzuladen. Doch sei es dem Festival wichtiger, am Puls der Zeit zu bleiben und die Perspektive nach vorne einzunehmen als zurück zu blicken, sagt Tumasch Clalüna.


Léo Collin, Corals, 2020

Der Rückblick auf die 30 Jahren Festivalgeschichte fehlt aber nicht ganz. Am Ende der Klangwanderung im SiLO12 wird eine Ausstellung zu den 30 Jahren Neue Musik Rümlingen gezeigt. Dazu führt das Basler ensemble zone expérimentale unter dem Titel «Aus dem Schuber – Archiv Rümlingen» Werke aus der Geschichte des Festivals auf.

30 Jahre Neue Musik Rümlingen – HauenSteinSchlag: Infos
Der Klangweg und die «Aus dem Schuber»-Konzerte finden am Samstag 22. und Sonntag 23. August statt. Die Ausstellung ist vom Freitag 21. bis am Montag 24.August geöffnet. Am Donnerstagabend (20. August) wird die Ausstellung mit einer Vernissage eröffnet.

Festival Rümglinen 2019: Jürg Kienberger InneHalten © Schulthess-Foto

Neue Musik Rümlingen, Wojtek Blecharz, Delirium Ensemble, ensemble zone expérimentale

Neo-Profiles: Neue Musik Rümlingen, Daniel Ott, Lara Stanic, Léo Collin, Tobias Krebs, Andreas Eduardo Frank

“Kunst ist eine soziale Tätigkeit”

Das Geheimnis ist gelüftet: der diesjährige Schweizer Grand Prix Musique geht an Erika Stucky, Sängerin, Musikerin und Performerin im Bereich der neuen Volksmusik.

14 weitere Preisträgerinnen und Preisträger gibt es, davon mehrere im weit gefassten Genre der zeitgenössischen experimentellen Musik.
Der Neo-Blog portraitiert einzelne in loser Folge. Den Auftakt macht Antoine Chessex, Saxophonist, Komponist, Klangkünstler und Klangtheoretiker.

Portrait Antoine Chessex ©Pierre Chinellato

Antoine Chessex, 1980 in Vevey geboren, gehört zu den innovativsten jungen Musikschaffenden der Schweiz. Nach Aufenthalten in New York, London und Berlin lebt er nun in Zürich. Chessex kennt keine Scheu vor Genregrenzen. Er bewegt sich fliessend zwischen komponierter und improvisierter Musik, Noise und Klangkunst. Zudem ist er als Autor, Dozent und Kurator international tätig und sensibilisiert für gesellschaftspolitische Themen wie Ungleichheitsverhältnisse oder das Prekariat im Kunstschaffen. Mit Gabrielle Weber spricht er über Klang und Hören.

Ich gratuliere zum Erhalt des Musikpreises! Waren Sie überrascht?

Ich freue mich sehr und war auch überrascht. Insbesondere, da meine Arbeit sich eher am Rand der kommerziellen Musikszene abspielt und sich keinem Genre zuordnen lässt.

Was bedeutet für Sie dieser Preis?

Der Preis ist ein Zeichen der Anerkennung, dass meine berufliche Praxis, die sich nun schon über zwanzig Jahre erstreckt, wahrgenommen wird. Meinen Beruf erlernte ich nicht in einer Institution, sondern auf dem Feld, im Tun. Dass ich als Einzelkünstler den Preis bekomme, hat aber auch etwas Ambivalentes: Meine Musik entwickelt sich immer wieder in einer kollektiven Praxis, da sind oft Mehrere beteiligt.


Antoine Chessex / Eklekto: écho/cide, Ausschnitt

Hat der Preis gerade jetzt eine besondere Bedeutung? In Zeiten der Coronapandemie ist das Thema Prekariat im Musikschaffen für viele zentral. Sie machen darauf in Ihrer Zeitschrift “Multiple” aufmerksam…

Die Situation zeigt, wie fragil das ganze System ist und wie prekär viele freischaffende Künstler*innen in der Schweiz arbeiten. Viele Musikschaffende leben beruflich in einem Zustand der Bricolage. Sie kommen nur durch die Kombination verschiedener (Kultur-)Arbeiten über die Runden. Fällt ein Teilchen weg, kollabiert rasch das Ganze. Die Situation ist ausserdem deswegen komplex, weil Kunstschaffende viel Zeit brauchen, um zu experimentieren und zu recherchieren. Der Imperativ, immer „produktiv“ sein zu müssen, ist deshalb problematisch. Kunst ist meines Erachtens keine Dienstleistung, sondern vor allem eine soziale Tätigkeit. Im Grossen und Ganzen stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen Kunst- und Musikschaffen als Beruf heute noch existieren kann.

«Das ist wie eine Sonic Fiction, die Imaginationen entfalten lässt»

Sie hinterfragen das romantisierende Klangbild der Natur in der Musik. Einige Ihrer Werke wurde auch schon mit “Urgewalt”, mit Erdbeben, Tsunami oder Vulkanausbrüchen verglichen.

In meiner Musik geht es vielleicht eher metaphorisch um Natur. Ich möchte Klischees der Repräsentation von Natur als schön, ruhig und harmonisch dekonstruieren. Natur ist auch chaotisch, gewaltvoll und laut. In Stücken wie The experience of limit klingt das Klavier wie ein Sturm im Meer. Das ist wie eine Sonic Fiction, die Imaginationen entfalten lässt. Phänomene wie seismische Aktivitäten, Tornados, Schneelawinen oder Starkregen interessieren mich klanglich.


Antoine Chessex / Tamriko Kordzaia, The experience of limit

‘Klang und Hören’ konnotieren Sie mit Macht und plädieren für ein ‘kritisches Hören’: Worum geht es dabei?

Musik ist kulturell konstruiert und eingebettet in verschiedene historische Traditionen. Im Grunde geht es mir aber meistens um die Verhältnisse von Klang und Hören. Hören ist nie neutral, sondern immer situiert. Da sind komplexe Mechanismen im Spiel und es geht um Machtverhältnisse: Die Tradition der europäischen Avantgarde schloss beispielweise viele Stimmen aus. Es braucht Diskurse, um aufzudecken, wo die Grenzen des Hörbaren sind. Der Begriff “kritisches Hören” fordert dazu auf, Machtverhältnisse und soziale Dimensionen mit zu hören und zu hinterfragen.

“Die Musikszenen und -institutionen agieren oft homogen, während die Realität der musikalischen Welt stark heterogen ist.”

Ihre Stücke siedeln sich zwischen improvisierter und notierter Musik, Noise und Klangkunst an – sie haben keine Berührungsängste zwischen musikalischen Genres: Wie funktioniert das in der Praxis der Institutionen?

Wenn es um Klang und Hören geht, werden Musikgenres obsolet. Kulturinstitutionen sind aber meist nach diesen organisiert. In der freien Szene funktioniert die Musik anders als im institutionellen zeitgenössischen Rahmen und Klangkunst braucht wiederum andere Räume. Die Musikszenen und -institutionen agieren oft homogen, während die Realität der musikalischen Welt stark heterogen ist. Je mehr sich Kunstschaffende zwischen den verschiedenen Szenen bewegen, desto mehr strukturelle Veränderungen können auch stattfinden.

Sie sind nicht “nur” als Komponist und Musiker, sondern auch als Kurator tätig, z.B. kuratieren Sie das Festival “Textures” im legendären Café OTO in London: Beeinflussen sich Komponieren und Kuratieren gegenseitig?

Beim Kuratieren geht es mir vor allem um andere Künstler*innen und Künstlerpersönlichkeiten und darum, Menschen zusammenzubringen. Komponieren, Kuratieren, aber auch Improvisieren und künstlerische Forschung sind mannigfaltig miteinander verbunden und repräsentieren verschiedene Aspekte meiner Praxis.

Portrait Antoine Chessex @Londres © A.Lukoszevieze

Ein neues Stück von Antoine Chessex kommt am Festival Label Suisse im September zur Uraufführung, interpretiert von Simone Keller an der Kirchenorgel und Dominik Blum an der Hammondorgel.
Interview: Gabrielle Weber

Antoine Chessex / Schweizer Kulturpreise BAK / Festival Label Suisse / Café OTO London

Sendung SRG: RSI/NEO, Redaktion Valentina Bensi, 28.7.20, 20h: incontro con Antoine Chessex

Neo-Profiles: Antoine Chessex, Swiss Music Prize, Simone Keller, Dominik Blum, Tamriko Kordzaia, Eklekto Geneva Percussion Center

The Now In Sound

2002 gegründet, wurde Norient, das renommierte Schweiz-basierte online-Magazin nun in die neue online-Plattform Norient Space – The Now In Sound überführt. Mit einer Community von 700 Journalist*Innen, Musiker*Innen und Wissenschafter*Innen aus über 70 Ländern bündelt die neue Plattform die digitale Reflexion zum globalen zeitgenössisch-experimentellen Musikschaffen.

Snapshot Iokoi ©Norient

Am 5. März wurde die Beta-Version vom Norient Space im Haus der Kulturen der Welt in Berlin gelauncht. Ein Panel und eine Soundinstallation flankierten die Eröffnung der neuen “virtuellen transdisziplinären Galerie und Communityplattform zwischen Kunst, Journalismus und Wissenschaft”. Der Schweizer Launch steht am 24. September bevor.

Julia Vorkefeld war in Berlin dabei und berichtet für neo.mx3 über den Launch von Norient Space und das Panel Life after Music Magazinesthe Norient Way.

Die unabhängige Schweizer Musik- und Medienkunst Plattform Norient erfindet sich nach fast 20 Jahren neu. Die fetten Jahre der Kultur sind vorbei. In Zeiten von Herzen und Likes als Form der Musikkritik der post-digitalen Ära muss sich der Musikjournalismus innovativ zeigen und ist gefordert. The Now In Sound  lautet das Credo von Norient. Und the sound von now ist ein Spiegel globaler Ereignisse- genau das macht Musikjournalismus immer noch relevant. Die Plattform relaunchte ihr Projekt strategisch klug, zuerst in Berlin mit einer Veranstaltung in dem prestige-besetzten Haus der Kulturen der Welt.

Snapshot Bruno Spoerri ©Norient

Ein Relaunch ist in diesen Zeiten ein mutiges Unterfangen. Nicht zu ahnen war, dass kurz nach dem Berliner Launch ein Virus den Kulturbetrieb komplett lahmlegen sollte und damit viele Akteur*innen in verstärktes Prekarität stürzen würde. Dies, nachdem auch schon einige Zeit vorher, eine Reihe renommierter Musikmagazine, wie Spex und Groove ihre analogen Produkte begraben haben oder die Schweizer Zeitschrift Dissonance ganz aufgeben musste.

Der unabhängige Musikjournalismus ist damit endgültig zu einer bedrohten Tierart deklariert. Der Kick Off des Relaunches wurde dementsprechend mit einem Panel zur Zukunft des Musikjournalismus flankiert. Der Titel der Veranstaltung Life after Music Magazinesthe Norient Way kündigte die Diskurs-Richtung an: virtuell, interdisziplinär, global, kollaborativ und transmedial soll eine der Lösungen sein für den gegenwärtigen Musikjournalismus.

No – Orient: virtuell, interdisziplinär, global, kollaborativ und transmedial..

Und unter dem Motto Connecting the dots– steht das Netzwerk als ein Ort der geteilten Wissensproduktion. Die Norient-Macher*innen verfolgen damit ambitionierte Ideen. Norient schrieb sich Diversity schon seit Anfang auf die Fahnen, lange bevor das Schlagwort den deutschsprachigen Kulturbetrieb eroberte. Und es ist nicht nur eine leere Phrase, sondern ernst gemeinte Policy. Denn schon der Name, ein Wortspiel aus No und Orient, enthält die Vermeidung von Exotisierung in der Musik und den damit einhergehenden Machtverhältnissen.


Norient Snaps Trailer 2020

Die Internationalität und Diversität der Plattform spiegelt sich im Panel wieder. Beteiligt waren globale Akteure, wie Jenny Fatou Mbaye (Centre for Culture and the Creative Industries, City University of London), Faisal M. Khan (Kurator, Akaliko Collective, Dhaka) oder Kamila Metwaly (Musikjournalistin, Musikerin Savvy Contemporary Berlin).

In den zwei Stunden ging es vor allem darum, wie die Plattform, ihre inhaltliche und formale Ausrichtung verbessern könne, mit dem Ziel mehr Diversität, mehr Internationalität, neue Formate und Veranstaltungen, und damit insgesamt mehr Qualität zu erlangen.


Joy Frempong, The sample shapes the song, 2012

We care about content– lautet ein weiteres Motto: Alle Panelisten stimmten darin überein, dass Journalismus und damit auch Musikjournalismus wieder mehr Qualität kriegen müssten und dass das Erstellen von hochwertigen Inhalten seinen Preis habe. Da aber Musik-Plattformen und -redaktionen meist schlecht zahlten, sei es kein Wunder, dass Musikjournalismus immer mehr zu einem schlecht bezahlten Hobby verkomme. Dass Musikkritik von globalen Playern, wie RedBull oder Ballantines als corporate culture und Marketing Tool benutzt werde, sei traurige Tatsache. Denn hier gebe es Geld für kulturelle Wissensproduktion. Um den Marken nicht die Gestaltung von Kultur zu überlassen, müssten andere Lösungen einer Finanzierung für unabhängige Musikplattformen gefunden werden, frei von Werbung, Zensur und Algorithmen. Ein Lösungsansatz könnte mehr generosity beim sharen von Inhalten sein, so der Tenor der Panelisten.

Eine Diskussion zur Problematik der Prekarität im Musikjournalismus blieb hingegen aus. Auf meine Nachfrage waren sich alle Beteiligten durchaus der Problematik bewusst. Die Antwort, dass möglichst mehrere berufliche Standbeine zu verfolgen seien, überzeugte allerdings kaum.

Snapshot No Orientalism ©Norient

Norient selbst versucht sich durch ein Membership-Modell zu finanzieren. Connaisseure, die die Plattform schätzen, finanzieren die Inhalte durch Abonnements. Ihnen sind gewisse vertiefte Inhalte wie Dossiers oder Specials vorbehalten. Der Rest der Plattform ist frei und kostenlos zugänglich.

Es wird sich zeigen, ob Norient mit seinem neuen Modell überleben kann. Es ist schwer zu hoffen. Denn in einer Ära des völkischen Backlashes brauchen wir solche kulturelle Plattformen.
Julia Vorkefeld

Norient Space befindet sich derzeit in der Beta Phase. Der offizielle digitale Launch findet am 24.September statt.

Norient – The Now In Sound, Wael Elkholy, Jing Yang, Jonas Kocher, Joy Frempong/Oy

Sendungen SRF 2 Kultur, 22.1.2020

Neo-Profiles: Norient, Wael Sami Elkholy, Jing Yang, Jonas Kocher, Bruno Spoerri

 

 

«Jetzt dürfen wir das Usinesonore neu erfinden!»

Das kleine ausgesuchte Usinesonore Festival im Berner Jura hätte vom 10. bis zum 13. Juni stattgefunden. Haarscharf zu knapp kam der neue Entscheid des Bundesrats, der gewisse Veranstaltungen in überschaubarer Grösse genau ab dem Startdatum wieder zulässt. Umso schmerzlicher, da das Festival biennnal stattfindet und vielleicht bis 2022 auf die nächste Ausgabe gewartet werden muss. Dafür findet die Konzertserie Les Battements de l’Abbatiale in Bellelay nun doch statt.

Portrait: Julien Annoni©Lucas Dubuis

Der Co-Leiter von Usinesonore und Leiter von Les Battements de l’Abbatiale, Julien Annoni, über Chancen in Zeiten von Covid-19. Und warum Streaming die Stimmung nicht ersetzt.

Interview: Bjørn Schaeffner

Julien Annoni, vom 9. bis 13. Juni sollte das Usinesonore stattfinden. Was verpassen wir?
Wie immer ein buntgemischtes Programm zwischen zeitgenössischer Musik und Volksmusik  und weiteren künstlerischen Disziplinen. Wir zeigen die Dinge so, dass sie fürs Publikum möglichst nahbar sind. Was die grossen Namen angeht: Da wäre unter anderem das Konzert mit Renaud Capuçon gewesen. Und wir haben auch extra für die diesjährige Ausgabe wieder ein schönes Zelt konstruiert.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie das Festival absagen müssen?
Anfang April. Allerspätestens zwei Monate vor dem offiziellen Festival-Beginn, das war die absolut letzte Deadline, die wir uns gesetzt hatten. Der letztmögliche Zeitpunkt, um uns einigermassen schadlos zu halten.

Jetzt hat sich der Lockdown gelockert.
Das freut mich natürlich. Ein positives Signal für die Schweiz. Und für alle Kulturschaffenden!

Ärgert es sie nicht, dass ihr Festival theoretisch trotzdem hätte stattfinden können? Eben fiel ja der bundesrätliche Entscheid, dass kulturelle Anlässe mit bis zu 300 Menschen ab dem 6.Juni wieder zugelassen sind.
Das wäre nur gegangen, wenn wir das Usinesonore verkleinert hätten. Und für uns war von Anfang an klar, dass das keine Option ist. Unter diesen Umständen hätte sich die Atmosphäre unseres Festivals gar nicht entfalten können.


Usinesonore 2018, Gérard Grisey, Le noir d’étoiles, WeSpoke

Warum nicht?
Weil es auf Kosten der Qualität gegangen wäre. Und da wollten wir keine Kompromisse machen.

Aber nochmals: Stört sie nicht, dass sie jetzt so haarscharf die Durchführung verpassen?
Natürlich ist es schade, dass die Usinesonore dieses Jahr nicht stattfinden kann. Wir hatten ja auch schon sehr viel Herzblut investiert. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer.

Was bedeutet die Festivalabsage finanziell für Sie?
Wir stehen relativ gut da. Der Kanton Bern und der Grossteil der Stiftungen, die das Festival massgeblich unterstützen, sind sehr kulant und stehen zu ihren Subventionen und Beiträgen.

Und was heisst das für die Künstler?
Wir können einen grossen Teil ihrer Gagen und Produktionskosten zahlen und damit ihre Erwerbsaufälle zum Teil auffangen.

Sie haben die Festivalräumlichkeiten in Biel, die frei geworden sind, kostenlos anderen Künstlern zu Verfügung gestellt.
Ja, das war für uns selbstverständlich. Damit sie dort proben können, oder an Produktionen arbeiten. Und bis Ende Juli nisten sich da Künstlerinnen und Künstler ein, sei es nur für ein paar Tage oder eine Woche. Unter anderem das  Collective Mycelium, Camille Emaille, Lucie Tuma, Paquita Maria oder Adrien Gygax. Auch wenn da nichts für die Öffentlichkeit entsteht: Ich spüre viel Enthusiasmus!

Usinesonore Festival 2018

Sind Sie als Musiker selbst von der Krise betroffen?
Das habe ich finanziell natürlich auch gespürt. Dafür war ich viel mit meiner Familie zusammen, was ich sehr genossen habe. Normalerweise bin ich ja sehr viel unterwegs.

Ein Streaming von Usinesonore kam für sie nie in Frage?
Wir haben uns das natürlich überlegt. Aber uns dann bewusst dagegen entschieden. Das Usinesonore lebt vom Austausch mit dem Publikum, der ganzen Ambiance. Das kann ein Streaming nie ersetzen.


Trailer, Usinesonore Festival 2014

Können Sie sich vorstellen, dass das Usinesonore in Zukunft trotzdem digitale Formate realisiert?
Das ist gut denkbar. Wie das aussehen könnte, ist aber noch komplett offen. Wir reflektieren, recherchieren, machen Grundlagenarbeit für was Neues.

Findet das nächste Usinesonore jetzt in einem Jahr statt?
Das ist denkbar. Es kann auch sein, dass es erst 2022 wieder stattfindet. Das wissen wir noch nicht. Wir machen uns grad intensiv Gedanken, wie das Festival in Zukunft aussehen wird. Jetzt haben wir auch die Zeit dazu.

Sie begreifen die Krise also als Chance?
Genau. Das ist doch super, wenn man die Chance hat, ein Festival komplett neu zu erfinden.

Usinesonore Festival 2018

Auf was freuen sie sich sonst noch?
Auf die Konzerte in der historischen Abtei von Bellelay. Mit dem Usinesonore hat das aber nichts zu tun. Darin stecken drei Jahre Arbeit von mir, eine Saison von Ensemble-Konzerten – ich hatte dazu Carine Zuber (Moods), Claire Brawand (Label Suisse) und Arnaud Di Clemente (Cully Jazz) als Programmatoren eingeladen. Die ordentliche Saison mussten wir zwar absagen, aber immerhin kann jetzt trotzdem einiges stattfinden: von Ende August bis Mitte September.
Bjørn Schaeffner

Das Usinesonore Festival findet jeweils biennal im Juni in La Neuveville statt. Nächste geplante Edition voraussichtlich 2022.

Die Konzertserie Les Battements de l’Abbatiale findet – als eine der ersten Veranstaltungen im Jura – ab dem 29. August (Ensemble Contrechamps Genève) statt.

Usinesonore Festival, Les Battements de l‘Abbatiale, Julien Annoni/WeSpokeKollektiv Mycelium

Neo-Profiles: Usinesonore Festival, Les Battements d’Abatiale, WeSpoke, Kollektiv Mycelium

Sprechstunde für neue Musik @Musikfestival Bern

“Sprechstunde für neue Musik”, so lautet ein online-Angebot des Musikfestival Bern. Das Motto: “Musik hören und diskutieren”. Tobias Reber, selbst Komponist und Performer ist für das Vermittlungsprogramm des Festivals verantwortlich. Das Format initiierte er bereits 2019. Damals fanden die Sprechstunden live statt. Nun werden sie als Videokonferenzen abgehalten.

Mit Reber unterhielt sich Gabrielle Weber über Sprechstunden, Field recordings und Terry Rileys Werk In C.

Portrait Tobias Reber © Samira Reber

Vor kurzem hielten Sie die erste online-“Sprechstunde neue Musik” ab. Unter dem Titel Schichtungen besprachen Sie Terry Rileys Stück “in C”, ein Werk aus der Minimal Music. Das dreht sich alles insistierend um den Ton C.. weshalb dieses Werk?

Mit dem Stück stieg ich ein, weil es einerseits zugänglich ist und es andererseits Bezug zum Festivalthema Tektonik hat. Es ist ein Schichtungswerk, in dem sich Klangschichten übereinander und gegen einander verschieben.


Terry Riley, In C, Ensemble Ictus live, 2012

Der Titel “Sprechstunde neue Musik” ist ja durchaus auch unterhaltsam zu verstehen – zur Sprechstunde beim Arzt begibt man sich meist eher ungern…

Sprechstunde ist natürlich einerseits wörtlich gemeint. Denn es soll ja gemeinsam gesprochen werden. Und gleichzeitig auch selbstironisch, als eine Art “Sorgentelefon”. Denn die zeitgenössische Musik bereitet ja auch Kopfzerbrechen. Sie hat ein Problem damit, ein grösseres Publikum zu erreichen. Mir geht’s darum: Wie kann ich die Lust am Facettenreichtum dieser Musik wecken. Mir begegnet oft die Angst, alles verstehen zu müssen. Diese möchte ich abbauen.

Nehmen wir als Vergleich die Gourmetküche. Wenn ich bspw. in einem Molekular-Restaurant esse, gehe ich auch nicht davon aus, das verstehen zu müssen. Da lasse ich mich bewusst auf etwas Neues ein. Auch bei der neuen Musik geht es darum sich sinnlich einzulassen, zu probieren, zu kosten.

“ich möchte ein grosses Buffet anbieten..”

Die Sprechstunde ist einmalig, findet im Hier und jetzt statt, wenn auch virtuell – wer dabei ist, erlebt einen exklusiven Moment des Zusammenkommens.. wie kam das an?

Gerade das einmalige Zusammensein im Moment haben alle speziell genossen. Es gibt ein Bedürfnis nach dem Experimentieren mit virtuellen Begegnungen. Wir alle lernen jetzt Vertrauen aufzubauen, bspw. mit fremden Menschen über Videokonferenzen. Das ist fast eine neue Kulturtechnik.

Die nächsten Daten stehen unter dem Motto: “Klingende Welten” resp. “Brüche, Störungen, Falten” – das klingt etwas allgemein: können Sie mir weiterhelfen?

Bei “Klingende Welten” geht es um reale aufgezeichnete Klänge aus der “echten” Welt, sogenannte field recordings, die in Musik verwendet werden. Zum Beispiel hören wir uns Klangmaterial von Erdbewegungen an, das durch Sensoren im Boden aufgezeichnet wurde, oder von Verschiebungen von Eisschollen, durch Hydrophone oder wasserfeste Mikrofone im arktischen Wasser aufgezeichnet.

In der letzten Sprechstunde geht es dann um Werke, die für einen spezifischen Ort gestaltet wurden, bspw. in Form von Performances oder Klangskulpturen.


Tobias Reber, Polyglot, 2013

Die Sprechstunden sind komplett offen und richten sich genauso an ein Fachleute wie an ein interessiertes Laienpublikum: wie gelingt dieser Spagat?

In der ersten online-Sprechstunde hatten wir eine gute Mischung von Berufsmusikern und -musikerinnen und interessierten Laien. Alle brachten ganz unterschiedliche Kenntnisse mit. Den gemeinsamen Nenner mussten wir aber zuerst herstellen. Das war dann für beide Seiten bereichernd.

Ich deklarierte die Sprechstunde als Experiment und lud dazu ein, Vorschläge einzubringen. Wir fanden gemeinsam heraus, was gut funktionierte.

Wie gingen Sie konkret an Terry Rileys “In C” heran..?

Als Vorbereitung habe ich eine nicht-öffentliche Playlist auf Soundcloud erstellt und geteilt. Wir verglichen dann drei sehr unterschiedliche Interpretationen. Bspw. gibt es eine Aufnahme mit Musikern aus Mali. Dort wird über die Motive improvisiert anstatt sie zu wiederholen. Das ist auch völlig in Terry Rileys Sinn.


Terry Riley, Africa Express, In C Mali, live at Tate Modern, 2015

Gibt es etwas in der kommenden Sprechstunde auf das wir speziell gespannt sein können..?

Letzten Winter gab es das Phänomen des sogenannten “singenden Eises”. Ich habe es im Oberengadin am zugefrorenen St.Moritzer-See selbst erlebt. Eine der Aufnahmen die ich mitbringe hat damit zu tun…
Gabrielle Weber

Klang-Spaziergang mit Radio.Antenne.SA © Musikfestival Bern 2019

Das Musikfestival Bern findet vom 2. Bis zum 6. September 2020 statt. Die diesjährige Festivalausgabe steht unter dem Motto “Tektonik”

Musikfestival Bern, 2.-6. September, Tektonik
Anmeldung & Information: Sprechstunde für neue Musik @Tobias Reber

Neo-Profiles: Musikfestival Bern, Tobias Reber, Kollektiv Mycelium

Offenheit und Kontinuität

35 Jahre ensemble für neue musik zürich
Bereits drei Jahrzehnte setzt es wesentliche Akzente: 1985, im Gründungsjahr, befand sich die zeitgenössische Musik erst im Aufbruch – heute steht sie vor besonderen Herausforderungen. Eine Rückschau mit Ausblick von Thomas Meyer.

ensemble für neue musik zürich

Man muss sich die Situation im musikalischen Zürich um 1980 vergegenwärtigen. Das Konservatorium machte seinem Namen noch Ehre: Es bewahrte und war noch keine Hochburg der Kreation wie heute. Uraufführungen wurden in Tonhalle-Abokonzerten von Herzen ausgebuht. Es gab zwar kleine Konzertreihen für Neue Musik, aber kein Spezialistenensemble dafür. Es war viel zu tun.

Als 1986 erstmals die Tage für Neue Musik durchgeführt wurden, trat ein junges Ensemble hervor, das sich erst ein Jahr zuvor erstmals präsentiert hatte, benannt schlicht als „ensemble für neue musik zürich“. Hier kam eine Handvoll Musiker zusammen, die eben das Neue suchten, die sich für die jungen KomponistInnen ihrer Generation und ihre Umgebung einsetzten und die auch sonst keinen engen Musikbegriff hatten. Auslöser dazu war ein Konzert des Gruppo Musica Insieme di Cremona bei den Zürcher Junifestwochen mit der Mezzosopranistin Cathy Berberian. „Mir ist es wie Schuppen von den Augen gefallen: So etwas möchte ich auch machen.“ sagt der Flötist Hanspeter Frehner, der das Ensemble mit anderen jungen Studenten gründete und bis heute künstlerisch leitet. Zusammen mit dem Pianisten Viktor Müller ist er als einziger noch von der ursprünglichen Crew mit dabei.

Hanspeter Frehner Portrait

Zwei wesentliche Charaktereigenschaften prägen das Ensemble: Offenheit und Kontinuität. Die Offenheit zeigt sich etwa daran, dass sie schon früh Komponistinnen-Programme spielten und mehrere Aufträge etwa an Liza Lim oder Noriko Hisada gaben. Oder aber, dass sie Jazzmusiker um Kompositionen baten – woraus etwa die Karriere eines Dieter Ammann entsprang. Oder dass sie sich bildender Kunst widmeten wie in den Hommages an den Zürcher Bildhauer Hans Josephsohn oder in der Zusammenarbeit mit dem Interventionskünstler Peter Regli.


Verwandtschaft, composer: Junghae Lee, UA Winterthur, Villa Sträuli  2019, ensemble für neue musik zürich

Vor allem aber brachten sie das Musiktheater voran: Die Besetzung des „ensembles“ geht nämlich auf Schönbergs cabarethaften „Pierrot lunaire“ zurück: Flöte, Klarinette, Violine, Cello und Klavier, erweitert um das Schlagzeug, ähnlich wie die „Fires of London“ von Peter Maxwell Davies in London. Und mit zwei Kurzopern von Davies bewies das „ensemble“ früh schon, dass man mit wenigen, konsequent eingesetzten Mitteln grandioses Musiktheater machen kann. Ein anderes Experiment war, zusammen mit Regisseur Herbert Wernicke, eine radikale Version der „Lustigen Witwe“ – so frech, dass die Léhar-Erben sie prompt verboten. Kammeropern gehören seither fest zum Programm. Kommenden November steht zum Beispiel eine Operette des Dortmunder Komponisten Johannes Marks auf dem Spielplan: „Neues vom Weltuntergang“.

Die Kontinuität zeigt sich in der langen Zusammenarbeit untereinander, aber auch mit Komponistinnen und Komponisten. Das „ensemble für neue musik“, so sagt etwa die Japanerin Noriko Hisada, „ist eine jener Musikgruppen, der ich zutiefst vertraue.“ Und der Deutsche Sebastian Gottschick begleitet das „ensemble“ seit langem auch als Dirigent. Dieser Tage erscheinen bei Hat Hut (ezz-thetics) denn auch gleich zwei neue CDs mit seinen „Notturni“ sowie mit Bearbeitungen von Charles Ives-Songs. Im Herbst ist ausserdem ein Memorial für den 2010 verstorbenen Komponisten Franz Furrer-Münch geplant. Was auch zeigt: Hier geht es nicht nur um die grossen Namen der Neuen Musik, hier wird Basisarbeit betrieben, wird gefördert…


Trailer ZUHÖAN, Komposition Duo: Christoph Coburger / Sebastian Gottschick, UA 2015, ensemble für neue musik zürich

Auf diese Weise hat das ensemble dreieinhalb Jahrzehnte Akzente gesetzt. Vor einiger Zeit tauchte das Gerücht auf, es wolle sich auflösen, die Musiker seien ja allmählich im Pensionsalter. Tatsächlich läuft die Subvention der Stadt Zürich Ende 2021 aus, aber Ideen für Projekte darüber hinaus habe man noch einige, sagt Frehner. Im übrigen sei es durchaus in Ordnung, wenn die regelmässige städtische Unterstützung in die Zukunft, also in ein junges Ensemble investiert würde.

Man muss sich nämlich die Situation im heutigen Zürich vergegenwärtigen: Einen festen Spielort wie die Gare du Nord in Basel hat die Neue Musik nicht, mit dem Walcheturm im Kasernenareal ist zumindest eine von der freien Szene gewünschte Option vorhanden. Die Tage für Neue Musik stehen vor einer Neukonzeption, die Orchesterkonzerte strotzen nicht gerade von Novitäten. Es gibt zwar eine reiche Kreation an der ZHdK und mit dem Collegium Novum Zürich auch ein fixes Kammerorchester, aber ein neues kleineres Ensemble müsste unterstützt werden. Es ist noch viel zu tun.
Thomas Meyer

Die im Mai und Juni geplanten Konzerte wurden Corona-bedingt abgesagt und werden wie folgt nachgeholt:
Stöckli/Neumann/Ustwolskaja (anstelle 16.5.20): am 5.2.21
CD Taufe Ives/Gottschick (anstelle 14.6.20): am 12.12.20
Grüsse an Regli (anstelle 28.6.20): am 29.6.21

ensemble für neue musik zürich, Hat HutSebastian Gottschick, Liza Lim, Franz Furrer-Münch, Dieter Ammann, Hans Josephsohn, Johannes Marks, Peter Regli

Neo-Profilesensemble für neue musik zürich, Dieter Ammann, Junghae Lee

..Inspiriert vom Fussball.. – Klanglieferservice Gare du Nord Basel

Das Team des Gare du Nord – Bahnhof für Neue Musik Basel, dachte sich ein spezielles Programm für die Zeit des Zuhause Bleibens aus: der Klanglieferservice.

Das Motto: Reisen in der Phantasie sind gerade in diesen Tagen nicht der schlechteste Weg, um beweglich zu bleiben und die Seele zu wärmen.

Gare du Nord: Klanglieferservice ©Alexa Früh

Wie alle Veranstaltungsorte ist auch der Gare du Nord – Bahnhof für Neue Musik Basel seit Mitte März stillgelegt. Als einer der wichtigsten Musikbetriebe der zeitgenössischen Musik in der deutschen Schweiz bietet der Gare du Nord ein einzigartiges Ganzjahresprogramm. Désirée Meiser, künstlerische Leiterin, erzählt im Gespräch mit Gabrielle Weber wie der Gare du Nord die aktuelle Corona-Ausnahmesituation überbrückt. 

Désirée Meiser, die Homepage des Gare du Nord empfängt uns mit den Worten: “Wir arbeiten zu Hause”: Wie sieht ihr Tag gerade aus?

Wir staunen, dass diese Tage sehr gefüllt sind. Wir kümmern uns natürlich um die Absagen und Verschiebungen, aber auch die Planung muss weitergehen. Wir haben dafür verschiedene Chatrooms. Qualitativ funktioniert es gut. Aber quantitativ ist es manchmal anstrengend.

Sie steckten mitten in zwei grossen Saisonschwerpunkten, ‘Later Born’ und ‘Musiktheaterformen’. Nun sind alle Veranstaltungen vorerst abgesagt: Wie sieht die nahe Zukunft aus?

Im schlimmsten Fall können wir diese Spielzeit nichts mehr anbieten – sicher ist dies aber noch nicht. Am 8.Mai wäre im Rahmen von ‘Later born’ bspw. ein grosses Kooperationsprojekt angesetzt: der Stummfilm: “Die Stadt ohne Juden” (1924, Karl Breslauer) mit einer Neukomposition von Olga Neuwirth (UA WienModern, 2018), gespielt vom Sinfonieorchester Basel. Das ist ein hoch politisches Projekt und wäre uns sehr wichtig gewesen. Aber wir planen inzwischen gemeinsam mit dem Sinfonieorchester, eine Verschiebung.

Olga Neuwirth, Die Stadt ohne Juden, UA Festival WienModern, Wiener Konzerthaus 7.11.2018

Was bedeutet die aktuelle Situation für Sie, für das Team, für die an den Projekten Beteiligten?

Es ist eine große Herausforderung. Für Teile des Teams haben wir nun Kurzarbeit beantragt. Im Moment können wir die Situation noch halbwegs stemmen, aber wie es langfristig aussieht, ist offen. Wir versuchen, so solidarisch wie möglich damit umzugehen, auch in Bezug auf die Musiker und die Ensembles, die sich in einer schwierigen Lage befinden.

Der Gare du Nord rief zu Solidarität auf mit der Aktion #ichwillkeingeldzurück / #solidaritätmitfreienkünstlerinnen: das ist eine tolle und wichtige Initiative – wie entstand sie?

Die Idee haben wir von bestehenden Aktionen übernommen und finden sie wichtig und sinnvoll. Wir sind mit Ensembles im Gespräch, um gewisse Konzerte vielleicht zu verschieben, aber Vieles ist noch offen. Insbesondere von Seiten des Publikums erfahren wir großes Verständnis und große Anteilnahme für alle Kulturschaffenden.

Germán Toro-Peréz / Reise nach Comala, Hörspielfassung Juan Rulfo, GdN / IGNM Basel

“Es ist jetzt von allen eine große Flexibilität -auch im Kopf- gefordert..”

Für Ihr Publikum haben Sie ein Programm entworfen, das in die Bresche springt: den Klanglieferservice: Wie kam es dazu?

Als der Ruf nach Streamingangeboten laut wurde, kam die Idee auf, dieser Schnelllebigkeit, und dem permanent Neues bieten zu wollen, etwas entgegenzusetzen. Wir wollten Zeitfenster öffnen, um in ausgewählten Archivaufnahmen zu schmökern. Es gibt so wundervolle Sendungen, Gespräche und Konzertmitschnitte, gerade von SRF 2 Kultur.

Neue Stücke aufzuführen ist wichtig und toll. Aber viel gute bestehende Musik wird zu selten wieder in die Programme aufgenommen. Dass wir nun alle zu Hause bleiben müssen, bietet eine schöne Gelegenheit, um sich Werken zuzuwenden, die in Vergessenheit geraten sind.

Und wir waren auch inspiriert vom Fußball: weil die Spiele nicht mehr stattfinden können, begannen die Fußballfans sich gemeinsam legendäre Spiele von früher anzuschauen.. (lacht)

Was ist das Besondere am Klanglieferservice – Weshalb sollte man ihn anhören?

Wir haben Fachfrauen und Fachmänner aus der Musikszene gebeten, uns ihre persönlichen Highlights zukommen zu lassen. Da kommen nun laufend schöne Fundstücke zusammen, die immer wieder überraschen und auch für uns eine Freude sind anzuhören.

aus: Klanglieferservice GdN, Tipp: Anja Wernicke, 9.4.20

Die Begriffe ‘Physical distancing’ oder ‘social distancing’ sind omnipräsent: Spüren Sie soziale Nähe trotz der physischen Distanz – mit dem Publikum, mit dem Team..? Der Klanglieferservie steht ja auch symbolisch für das Verbindende der Musik…

Das Publikum wollen wir in der Pause nicht mit einer Mailflut überhäufen. Der Klanglieferservice soll eine Art virtuelle Verbindung darstellen, indem wir uns gemeinsam in einen virtuellen Raum begeben und uns zusammen etwas anhören. Das gibt einen gewissen Trost. Aber gemeinsam etwas in einem realen Raum zu erleben und Klang live zu hören, ist etwas Einzigartiges. Das kann nicht ersetzt werden.

Und gerade jetzt ist unser Team unglaublich kostbar. Auch über die zum Teil großen geografischen Distanzen sind wir alle hoch motiviert und haben einen starken Zusammenhalt.

Der Ausnahmezustand – eine Art ,Wachmacher’

Bietet die Corona-Zeit auch Chancen oder Potenziale?

Ein Phänomen dieses seltsamen Ausnahmezustands: er ist auch eine Art ,Wachmacher’ –  wir schätzen mit einem neuen Bewusstsein was wir hatten und haben…
Interview: Gabrielle Weber

Der Klanglieferservice startete am 30. März und stellt täglich ein persönliches Highlight auf die Homepage des GdN. Die ausgewählten Fundstücke stammen u.a. von Mark Sattler, Dramaturg Lucerne Festival, Bernhard Günther, künstlerischer Leiter der Festivals WienModern und Zeiträume Basel, Anja Wernicke, Geschäftsführung und zentrale Produktionsleitung ZeitRäume Basel, Uli Fussenegger, Leiter Neue Musik FHNW oder Désirée Meiser, künstlerische Leiterin GdN, sowie von Musikredakteurinnen und -redakteuren von SRF 2 Kultur.

Klanglieferservice / GdN

Vorgestellte Sendungen SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit: Heinz Holliger und die Literatur
Klassiker der Moderne: Concorde Sonata von Charles Ives
Neue Musik im Konzert: Wassermusik, darin UA Katharina Rosenberger: Rein
neo.mx3: Antoine Chessex, écho/cide

Neo-profiles:
Gare du Nord, Antoine Chessex, Eklekto Geneva Percussion Center, Lucerne Festival, Lucerne Festival Academy, Lucerne Festival Alumni, Germán Toro-Peréz, Katharina Rosenberger

„etwas erschaffen, was Menschen bewegt“

Noch bis zum 1. Mai läuft die Eingabefrist für Impuls neue Musik – Förderrunde 2020.

Gesucht werden Musikprojekte, die zum Austausch zwischen dem deutschsprachigen und dem frankophonen Sprach- und Kulturraum in Deutschland, Frankreich und der Schweiz beitragen.

Brigitta Muntendorf, Room © Brigitta Muntendorf

Impuls neue Musik, so heisst ein länderübergreifendes Fördergefäss für zeitgenössische Musik. Seit Jahren setzt sich der Projektfonds für die Vernetzung der Musikszenen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz ein. Ermöglicht werden ‘Ideenwerkstätten’, die einen grenzüberschreitenden Kulturaustausch konkretisieren. 2020 sind zwei neue Jurymitglieder mit dabei: die deutsche Komponistin Brigitta Muntendorf und die französische Journalistin Anne Montaron.

Mit Brigitta Muntendorf unterhielt sich mit Gabrielle Weber über Impuls neue Musik, über die spezielle heutige Situation, über digitale Vernetzung und das langfristige Potenzial von internationalem Zusammenarbeiten.

Brigitta Muntendorf, Sie reisen viel, sind normalerweise laufend mit verschiedenen Teams und Partnern an unterschiedlichen Orten tätig: wie sieht ihre aktuelle Situation aus?

Ich arbeite momentan zu Hause – wie alle anderen Musikerinnen und Komponistinnen- und alles Geplante ist erst einmal abgesagt. Das ändern zu wollen, reisen zu wollen oder Veranstaltungen nachzutrauern, wäre unsinnig. Aber es macht Sinn, den Künstlerinnen und Künstlern zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass wir kreative Menschen sind, die sich Dinge einfallen lassen können.

„Musik kann sehr viel sein und sehr viel bedeuten.“

Was möchten Sie selbst konkret in Impuls neue Musik einbringen?

Ich bin neugierig auf die Fragen, mit denen sich andere Künstlerinnen und Künstler beschäftigen, auf die Themen, die Ensembles beschäftigt, auf die Verbindungen, die gesucht werden und auf die Motivationen, dies zu tun. Mit diesem Ansatz möchte ich mir die Projekte anschauen. Künstlerisch vertrete ich die Position, dass Neue Musik ein sehr weites Feld sein kann. Und das möchte ich zulassen.

Was ist das Besondere am Impuls-Objektkredit?

Die internationale Kooperation steht im Zentrum. Und Internationalität bedeutet immer auch die Herausforderung, in einem größeren Rahmen zu denken.


Joint adventure, Ensemble C Barré und Neue Vokalsolisten, Eclat 2020

..und an der Kombination genau dieser drei Länder – Deutschland, Frankreich und der Schweiz?

Die drei Länder liegen geografisch dicht beieinander. Jedes Land hat aber gewisse Eigenarten: die Neue Musik in Frankreich bspw. basiert auch kompositorisch auf einem völlig anderen Hintergrund als diejenige in Deutschland und der Schweiz. Gleichzeitig verfolgen alle drei Länder im heutigen Praktizieren von Neuer Musik ähnliche Formate, Festivals und Strukturen. Man kommt aus unterschiedlicher kultureller Sozialisierung und findet sich in einem gemeinsamen Nenner des Präsentierens.

 „das Potenzial sich aus seiner eigenen Komfortzone weg zu bewegen“

Was ist die Herausforderung am internationalen Zusammenarbeiten?

Bereits bestehende Kontakte sind wesentlich. Vieles lässt sich nur mit vereinten Kräften stemmen – mit Partner im eigenen, aber eben auch im anderen Land. Angesichts von Impuls neue Musik stehen hier sicher Fragen im Vordergrund wie: wie hoch ist das Potenzial, sich aus seiner eigenen Komfortzone weg zu bewegen, und worin liegt im jeweiligen Projekt begründet, dass man ausgerechnet in die genannten Länder geht und zusammenarbeitet. Aber auch Neugierde kann ein Grund sein, und kann etwas bewirken, was niemand vorhergeahnt hat.

..Länderübergreifend kann man sich ja bspw. nicht oft zum brainstormen treffen..

In Bezug auf das Klima und den Klimawandel, finde ich sogar wichtig, genau zu überlegen, warum man sich trifft und warum andere Kommunikationswege evtl. nicht ausreichen. Die Qualität einer Begegnung hängt vor allem davon ab, wie viele Gedanken sich beide Seiten im Vorfeld darüber gemacht haben, nicht davon, wie oft man von A nach B reist.

Und wie sieht es mit Nachhaltigkeit aus – ist ein einmaliges Zusammenarbeiten sinnvoll?

Man kann sehr wohl in der Zusammenarbeit dafür sorgen, dass Nachhaltigkeit eine Rolle spielt. Dass man bspw. nicht nur ein einzelnes Projekt konzipiert, sondern längerfristiges Zusammenarbeiten plant. Je längerfristig angelegt, desto mehr künstlerischen Gewinn haben die beteiligten Partner davon.

Was können denn Koproduktionsprojekte besser als andere?

Bei Koproduktionsprojekten hat die Art und Weise des Kontaktes eine andere Qualität. Der Entstehungsprozess wird als solcher unterstützt. Im frühen Projektstadium fließen die spezifischen Eigenheiten und Merkmale der Beteiligten am stärksten ein.

Nun befinden wir uns gerade in einer speziellen Situation. Grenzen werden ausnahmsweise geschlossen – sehen Sie darin eine Gefährdung der grundsätzlichen Idee von Impuls?

Ich glaube, dass ein ‚sich Verbinden wollen‘ über Grenzen hinaus spätestens seit der digitalen Revolution in uns allen verankert ist, gerade bei den jüngeren Generationen. Der jetzige Zustand erfordert ein Umdenken. Es geht um grundsätzliche Fragen: wie machen wir Kunst, wie zeigen wir Kunst, welche Bedeutung hat Kunst? Aber auch: worin könnte eine neue Kraft des Sich-Verbindens und der Kooperation bestehen? Wir müssen auch digital ganz dezidiert in die Interaktionen gehen – uns dabei aber auch darüber bewusst sein, dass auch die digitale Welt Grenzen hat.

IScreen, YouScream!, Brigitta Muntendorf, Ensemble Garage, Eclat Festival

Wohin könnte sich Impuls längerfristig entwickeln? Was ist Ihre Vision?

Die Grenzen verwischen immer mehr – zu anderen Kunstformen, zwischen Musik und Performance, zwischen Musik und Intermedialität. Der Begriff der Komponistin / des Komponisten und das musikalische Material verändern sich. Hier sollte Impuls neue Musik sich stärker positionieren. Und: mir schwebt eine noch nachhaltigere Projektförderung durch den Aufbau von langfristigen Verbindungen zu Künstler*innen vor.
Interview, Gabrielle Weber

Neue Jurymitglieder ab 2020:
Brigitta Muntendorf hat nach Studien in Bremen, Köln. Paris und Kyoto, und dem Erhalt zahlreicher Preise, u.a. 2017 dem Musikautorenpreis der GEMA in der Kategorie Nachwuchs, eine Professur an der Hochschule Musik Köln inne.

Anne Montaron, Germanistin und Musikwissenschaftlerin, arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Autorin bei Radio France (France Musique).  Am bekanntesten ist ihre wöchentliche Sendung zur musikalischen Improvisation: A l’Improviste.

Impuls neue Musik wurde 2009 auf Initiative der französischen Botschaft in Deutschland, des Ministère de la Culture et de la Communication, der SACEM und des Bureau Export de la musique française gegründet. Mittlerweile gehören verschiedene Partner aus Frankreich und Deutschland zum Lenkungsausschuss des Fonds und finanzieren diesen. Träger ist seit 2020 das Institut français (Paris), verwaltet wird der Fonds in Berlin (Leitung: Sophie Aumüller).

Die Schweiz schloss sich 2018 mit der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia als Partnerin an. Für die Schweiz wirken Xavier Dayer, Komponist, Thomas Meyer, freier Musikessayist, und Bernhard Günther, künstlerischer Leiter der Festivals WienModern und ZeitRäume Basel, in der trinationalen Jury mit.


Shaker Kami, Nik Bärtsch und Percussions de Strasbourg, Jazzdor 2020

Geförderte Projekte werden an den wichtigsten internationalen Festivals gezeigt und begeistert aufgenommen. Bspw. die französisch-schweizerische Koproduktion zwischen Eklekto, Geneva Percussion Center und dem Vokalensemble NESEVEN zur Eröffnung der Wittener Tage für Neue Kammermusik 2019, das Projekt Joint Venture mit dem Marseiller Ensemble C Barré und den Neuen Vocalsolisten beim Eclat Festival Stuttgart 2020 oder das Uraufführungsprojekt Shaker Kami mit Nik Bärtsch und den Percussions de Strasbourg beim Jazzdor Festival in Straßburg 2020.

Bis 1. Mai läuft die Eingabefrist für die Förderrunde 2020. Gefragt sind gemeinsame länderübergreifende Projekte mit Spieldatum frühestens ab 1. August 2020.

Brigitta Muntendorf
Impuls neue Musik / gesamte Jury / neues online-Antragsverfahren,

Neo-Profiles:
Impuls neue Musik, Eklekto Geneva Percussion Center, Nik Bärtsch, Stefan Keller, Xavier Dayer, Trio Saeitenwind

Ma rencontre avec le futur – ANNULÉ!

Passages – so lautet das Motto des Genfer Festivals für zeitgenössische Musik Archipel. Vom 26. März bis zum 6. April widmet sich Archipel der musikalischen Vision einer Gesellschaft ohne Grenzen. Zwischen Menschen, Kulturen, Generationen und Künsten. Die Schweiz steht dabei für einen zentralen Knotenpunkt innerhalb Europas in einer Welt in Transformation. Und Musik für eine vibrierende Kunstform im Fluss, die Brücken bildet und Grenzen überwindet.

Marc Texier, scheidender Intendant, kuratiert die diesjährige Ausgabe letztmals. Einen Ausblick in die Zukunft bildet die ganztägige Carte Blanche Ma rencontre avec le futur am 31. März, programmiert vom designierten Intendantenduo Marie Jeanson und Denis Schuler.

Gabrielle Weber
Wie soll sich Archipel in Zukunft positionieren und wie sieht die Zusammenarbeit als Duo aus? Wie bezieht sich die Carte Blanche auf die übergreifende Thematik Passages und inwiefern weist Ma rencontre avec le futur auf die zukünftige Ausrichtung des Festivals? Im Gespräch stellt sich das Intendantenduo vor und präsentiert die Carte Blanche wie auch die Sicht aufs zukünftige Festival.

Marie Jeanson kommt als Veranstalterin aus den Bereichen experimentelle und improvisierte Musik wie auch Klangkunst und radiophone Musik. Das Einbringen ihrer Schwerpunkte ins Festival bedeute Kontinuität. Denn Archipel sei zwar in der komponierten zeitgenössischen Musik verankert. Improvisierte Musik wie auch Klangkunst bildeten aber immer schon einen Teil. “Es handelt sich weniger um einen Richtungswechsel als um ein Zurückkehren der experimentellen Musik ans Festival”, so Jeanson.
Für Denis Schuler, Komponist und künstlerischer Leiter des Genfer Ensemble Vide, ist die neue Tätigkeit als Festivalintendant eine Weiterführung dessen was er aktuell tut. Die gemeinsame Co-Intendanz sei eine ideale Kombination. Denn beide brächten ihre individuelle Erfahrung und ihr Netzwerk ein. Ein gemeinsames ästhetisches Terrain und gegenseitige Neugierde sehen beide als Grundvoraussetzung der Zusammenarbeit.

Marie Jeanson & Denis Schuler © Gabrielle Weber, neo.mx3

Ma rencontre avec le futur ist in vielerlei Hinsicht repräsentativ. Denn jedes Einzelprojekt repräsentiert sie beide als Duo, beinhaltet also sowohl Komposition als auch Improvisation.

La musique c’est fait pour être vécue ensemble

Offenheit ist durchgängiges Prinzip. Das zeigt sich an der Dauer -ein ganzer Tag-, dem einheitlichen Ort -die maison communale de Plainpalais wird gesamthaft bespielt-, dem Rahmen -Gastfreundschaft mit gemeinsamen Mahlzeiten und Gefässen für den Austausch-. Denn: “Musik ist da, um zusammen gelebt zu werden”, so Schuler.

‘cohérence poétique’

Im Unterschied zur langjährigen Intendanz von Marc Texier will sich das Festival in Zukunft weniger auf die Musikschaffenden als auf das Publikum ausrichten. “Wir möchten einen Rahmen schaffen, wo man berührt wird durch eine poetische Kohärenz. Wir erzählen Geschichten und möchten in den Menschen ein Begehren wecken, wiederzukommen”, so Jeanson.

‘faire exister la création’

Am Festival-Wettbewerb um die meisten und besten Uraufführungen will Archipel nicht mitmischen. “Vielen geht es ja nur darum, die ersten zu sein, die irgendetwas tun oder zeigen”, so Schuler. Dem Duo geht es hingegen darum, die Kreation am Leben zu erhalten. “Uns interessiert die Mischung von Komposition mit dem was direkt im Moment entsteht. Bspw. wird an der Carte Blanche die holländisch-schweizerische Klangkünstlerin Cathy van Eck in ihrer Performance Klangverordnung die ganze maison communale bespielen und kurzfristig entscheiden wo sie wann auftritt.


Cathy van Eck, Klangverordnung, a performance for mobile loudspeaker horns 2012

‘partage de l’écoute’

Auch Transdisziplinarität steht nicht im Zentrum des künftigen Festivals. Vielmehr geht es um das ‘reine Hören’. “Wir möchten einen besonderen Rahmen schaffen in dem das konzentrierte Hören im Zentrum steht”, so Jeanson. Konzentration schaffe eine besondere Präsenz, die paradoxerweise der Stille fast nahekomme. An der Carte Blanche gibt es bspw. ‘Salons d’écoute‘, Räume für das reine Hören also, mit Klangdiffusionssystem (Acousmonium) und Soundingenieur. Wer will bringt eine eigene CDs zum gemeinsamen Hören und Besprechen mit.

Carte Blanche = ‘Mega-Metakonzert

Und es werden Musikschaffende zusammengeführt, die sich vorher nicht kannten. An der Carte Blanche treten bspw. Shuyue Zhao (Klarinette, China-CH) und Maximilian Haft (Geige, USA-Genf) erstmals zusammen auf. “Wir provozieren Begegnungen und schaffen den Rahmen: die Musiker*innen können in einem gegebenen Zeitrahmen spielen, was und wo sie wollen. Sie entscheiden kurzfristig, so dass es auch das Publikum überrascht wird”, so Schuler. Auch das Basler Ensemble Neuverband trifft neu auf die Improvisatorin Shuyue Zhao in einem komponierte-improvisierten Programm, u.a. mit einer Uraufführung der Komponistin Junghae Lee. Und zum Schluss tritt der Perkussionist Will Guthrie zusammen mit einem Gamelanorchester auf. Dabei geht es nicht zuletzt darum, wie verschiedene musikalische Kulturen kombiniert werden, ohne einer Art von Exotismus zu erliegen.


Shuyue Zhao, Noise fragments

Passages sind auch bei Ma rencontre avec le future zentral – zwischen Ländern, Genres, Musiker*innen und Publikum. “Ein Meta-Megakonzert mit allem was dazu gehört”, so Jeanson.
Interview Gabrielle Weber, Genf, 26. Februar 2020

Das Genfer Festival Archipel findet vom 26. März bis 6. April statt. Eingebunden sind alle wichtigen Klangkörper Genfs, zudem arbeiten zahlreiche Institutionen erstmals zusammen. Highlights bilden u.a. Coro von Luciano Berio, ein ‘Fresko’ für 40 Stimmgruppen als Koproduktion der Musikhochschulen Genf, Lausanne und Lugano in der Victoria Hall, oder eine Opern-Koproduktion mit dem Grand Théâtre de Genève.

Ma rencontre avec le futur, 31. März 2020, 12-24h: Carte Blanche – Marie Jeanson & Denis Schuler, mit: Maximilian Haft & Shuyue Zhao, Cathy van Eck, Ensemble neuverBand, Will Guthrie & Ensemble Nist-Nah

Grand théâtre de Genève, Will Guthrie & Ensemble Nist-NahCathy van Eck, Maximilian Haft, Ensemble Vide, Denis Schuler

Sendungen SRG
RTS: Musique d’avenir, Redaktion Anne Gillot
SRF2 Kultur: Musikmagazin, 21./22.3., Redaktion Florian Hauser (abgesagt)

neo-profiles: Festival Archipel, Shuyue Zhao, NeuverBand, Denis Schuler, Ensemble Vide, Cathy van Eck

Happy Birthday Nouvel Ensemble Contemporain!

Das Nouvel Ensemble Contemporain (NEC) aus La Chaux-de-Fonds feiert dieses Jahr seinen 25-jährigen Geburtstag und lädt zum Jubiläumswochenende. «Time to Party» heisst es am grossen Geburtstagskonzert am Samstagabend mit Stücken von Anton Webern, Claire-Mélanie Sinnhuber und Daniel Zea. Und am Sonntag gibt es als Finale einen Marathon an Mini-Konzerten.

Le NEC Nouvel ensemble contemporain © Pablo Fernandez, 25 mars 2017, Temple Allemand, La Chaux-de-Fonds

Jaronas Scheurer
«Wenn man nach Neuer Musik in der Schweiz fragt, fällt den meisten Menschen das NEC nicht gleich ein. Aber wenn man es dann erwähnt, dann zaubert der Name NEC ein Lächeln auf die Lippen.» – so Antoine Françoise, Pianist und künstlerischer Leiter des Nouvel Ensemble Contemporain (NEC) aus La Chaux-de-Fonds, auf die Frage, was denn die geheime Superkraft des NEC sei. Ein Lächeln auf die Lippen zaubern – das bringt die Philosophie des NEC ziemlich gut auf den Punkt. Vor rund 25 Jahren haben sich einige befreundete Musiker*innen in La Chaux-de-Fonds zusammengefunden, um gemeinsam ihrer Freude an Neuer Musik nachzugehen.

Eine Gruppe von Freund*innen – eine feste Institution

Inzwischen hat sich viel getan: Die Gruppe von Freund*innen wurde zu einer festen Institution der Schweizer Musikszene und neue Musikerinnen und Musiker sind dazu gestossen, unter anderem Antoine Françoise. Er stieg vor circa 13 Jahren als Pianist beim NEC ein und löste 2016 das Gründungsmitglied Pierre-Alain Monot als künstlerischen Leiter ab.

Antoine Françoise dirigiert das Nouvel Ensemble Contemporain in: Mathis Saunier, Palindrome for String Orchestra, am Antigel Festival Genève 2019,

Für Françoise ist der ständige Wandel essentiell. Er möchte so lange künstlerischer Leiter bleiben, wie er die Ästhetik des NEC verändern könne. Wenn ihm das nicht mehr gelänge, dann hoffe er, die Leitung an jemanden mit frischen Ideen abgeben zu können. Doch was trotz aller Veränderung bleibt, ist die gemeinsame Liebe zur Musik. So ist das NEC heute noch immer eine Gruppe von Freund*innen, die ihre Leidenschaft für Neue Musik teilen möchte.

Eine Woche lang Party

Zum 25. Geburtstag schenkt das NEC sich und La Chaux-de-Fonds eine ganze Jubiläumskonzertwoche. Die Woche beginnt mit einer Reihe von kleinen Mini-Konzerten mit Solostücken an verschiedenen Orten in der Stadt. Am Freitag wird das Ensemble dann für die «Suitcase Suite» vom Punkrock-Gitarrist Louis Jucker mit selbstgebastelten Instrumenten ausgerüstet. Am Samstagabend findet das grosse Geburtstagskonzert mit dem passenden Titel «Time to Party» statt und als Abschluss spielen die Musiker*innen des NEC am Sonntag die Solostücke der Mini-Konzerte noch öffentlich.

Portrait Daniel Zea

Gerade das Konzert am Samstag steht dabei repräsentativ für das Nouvel Ensemble Contemporain: Zuerst spielen sie die Variationen für Orchester, op. 30 von Anton Webern aus dem Jahre 1940. Ein Schlüsselwerk der Musik des 20. Jahrhunderts, das der ehemalige Leiter des NEC, Pierre-Alain Monot, für Ensemble arrangiert hat. Danach wird das Stück «Soliloque» der französischen Komponistin Claire-Mélanie Sinnhuber zu hören sein. Es ist das erste Mal, dass das NEC ein Stück von Sinnhuber spielt. Das Stück «Pocket enemy» aus dem Jahre 2017 des kolumbianischen Komponisten Daniel Zea wird den Abend abrunden. Zea hat schon öfters mit dem NEC zusammengearbeitet und «Pocket enemy» speziell für Antoine Françoise geschrieben.


Daniel Zea, Pocket enemy, Ensemble Vortex, 2017

Zuerst also ein Klassiker des 20. Jahrhunderts mit einem Gruß an den früheren Dirigenten Pierre-Alain Monot. Dann ein neueres Werk von einem Freund des Ensembles und eine Entdeckung einer neuen Komponistin – eigentlich eine gute Zusammenfassung der NEC-Philosophie. Alle drei Stücke sind für ein grösseres Ensemble geschrieben. So kommen möglichst viele Musiker*innen des NEC zum Zuge. Ganz nach der wohl einzigen Regel, nach der Françoise die Programme des NEC zusammenstellt: «Ich gestalte die Programme nicht, um dem Publikum, sondern um meinen Musiker*innen eine Freude zu machen. Und wenn die Musiker*innen glücklich sind, dann weiss ich, dass das Publikum das spürt.» Gemäss der NEC-Devise – um allen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern…
Jaronas Scheurer

Les musiciens du NEC © 2019 Pablo Fernandez. La Chaux-de-Fonds, février 2019

Freitag, 13. März, 18:30h, Eröffnung der Festivitäten und Vernissage, Théâtre ABC, Ausstellung: Annick Burion & Pablo Fernandez (geöffnet Sa: 11-24h; So: 11h-20h), musikalische Intervention: Matthieu Grandola
20:30h Louis Jucker, The Suitcase Suite, Temple Allemand
22h Marcel Chagrin, tourneur de 78 tours
Samstag, 14. März, 20:30h, Time to party, Temple Allemand La Chaux-de-Fonds:
Anton Webern, Variations pour orchestre op. 30, nouvel arrangement pour ensemble Pierre-Alain Monod, création
Claire-Mélanie Sinnhuber, Soliloque pour ensemble
Daniel Zea, Pocket enemy pour sampler et ensemble
Sonntag, 15. März, ab 14h, Miniatures, Temple Allemand La Chaux-de-Fonds
14h Miniatures I
14:40h Pierre Jodlowski: Typologies du regard pour piano et électronique
15h Apéritif SONART
16h Miniatures II
16:40h Matthieu Grandola, flûte: Werke von Eliott Carter, Toru Takemitsu, Kaija Saariaho, Ofer Pelz
17:15h MIniatures III


25ans le NEC: SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 12./13.3.20: Redaktion Annelis Berger

Nouvel Ensemble Contemporain, Daniel Zea, Claire-Mélanie Sinnhuber, Louis JuckerSONART – Musikschaffende Schweiz

Sendungen SRG:
RTS, musique d’avenir, Redaktion: Anne Gillot
SRF 2 Kultur:
Aktuell & Kultur kompakt, 12./13.3., Redaktion Annelis Berger
Musikmagazin, 14./15.3., Redaktion Annelis Berger

Neo-Profiles: Nouvel Ensemble Contemporain, Daniel Zea

Percussion Threads from Zurich to Mzansi

Am Konzert Percussion Threads from Zurich to Mzansi treffen im Museum Rietberg Zürich, Musiker*innen und Kompositionen aus der Schweiz und Südafrika aufeinander. Danach geht’s auf Tournee durch diese beiden Länder.

Neo Muyanga, Percussion Threads from Zurich to Mzansi, rehearsal @ Museum Rietberg © Pascal Schlecht

Katja Heldt
Wie klingt klassische Musik im 21. Jahrhundert? Wie funktioniert musikalischer Austausch im Zeitalter der Dekolonisierung? Und in welchem Kontext soll dieser stattfinden?

Die Schweizer Initiative guerillaclassics macht sich mit vielfältigen Projekten auf die Suche nach Antworten und nach der aktuellen Relevanz und heutigen Formaten von klassischer Musik. Im Frühjahr 2020 geht es mit dem Ensemble Cosmic Percussion aus Zürich zusammen mit Musiker*innen vor Ort auf Tour durch Südafrika.


Cosmic Percussion Ensemble, Trailer

Den Auftakt bildet am 6. März ein Konzert im Museum Rietberg Zürich. Im Rahmen der aktuellen Ausstellung FIKTION KONGO kommen neue Stücken des Schweizer Komponisten Nik Bärtsch und des südafrikanischen Komponisten Neo Muyanga zur Aufführung.
„In der Ausstellung zum Kongo findet ein spannender Perspektivwechsel statt, bei dem junge kongolesische Künstler*innen eine Stimme bekommen. Genauso ist auch unsere Tour aufgebaut, wir arbeiten mit Musiker*innen aus der Schweiz, Angola, Kongo und Südafrika und wollen uns mit jeweils unterschiedlichen Spielweisen auseinandersetzen“, erklärt Hiromi Gut, künstlerische Leiterin und Gründerin von guerillaclassics, die das Projekt initiierte.

Radikales Neudenken von klassischer und zeitgenössischer Musik

Seit der Gründung 2017 setzt sich guerillaclassics für radikales Neudenken von klassischer und zeitgenössischer Musik, alteingesessenen Strukturen des Konzertbetriebs und dem Begriff der Hochkultur ein. Ihre vielfältigen Programme verfolgen ein klares Ziel: raus aus dem Konzerthaus und hinein in den Alltag. Je ausgefallener das Setting, desto besser, ob auf Straßen, Baustellen oder beim Schwingfest in den Bergen mit lokalem Jodelverein: guerillaclassics operiert an der Schnittstelle von Musik zu Schauspiel, Tanz und Theater und verändert mit aussergewöhnlichen Konzertformaten den Kontext von Musikerfahrungen.

„Mit guerillaclassics wollte ich die Vision umsetzen, klassische Musik zum alltäglichen Teil der Gesellschaft zu machen. Dafür muss die Musik auch ausserhalb des abgeschirmten Konzerthauses gespielt werden und in die verschiedenen Communities hineingebracht werden,“ so Hiromi Gut.

Für Gut ist in diesem Projekt der Umgang mit der Geschichte der Apartheid und den noch immer bestehenden starken sozialen Unterschieden in Südafrika wichtig: „Wir spielen unser Konzert auch zum Sonnenaufgang für die Pendler*innen in der Park Station in Johannesburg, dem grössten Bahnhof Afrikas. Dort hat es eine besondere Relevanz, wenn wir im öffentlichen Raum spielen. Klassische europäische Musik sowie der Zugang zu ihr wird in Südafrika nach wie vor mit einer weissen Minderheit in Verbindung gebracht.“

Verbindung zwischen Kulturen

Für die Südafrika-Tournee und das Konzert im Museum Rietberg haben die beiden Komponisten Nik Bärtsch und Neo Muyanga Stücke komponiert, die sich mit kulturellem Austausch aber auch mit den eigenen musikalischen Ursprüngen auseinandersetzen und sie in einen größeren Kontext bringen. Der Zürcher Komponist Nik Bärtsch bewegt sich mit seinen Werken in verschiedenen musikalischen Genres und Traditionen und sucht nach Verbindungen zwischen Kulturen.


Nik Bärtsch, Ronin: Modul 45

Für die Reise komponierte Bärtsch das Stück COSMIC APPROPRIATION für die vier Perkussionisten des Cosmic Percussion Ensemble. Seinen Ansatz beschreibt er folgendermassen: „Beim Komponieren nutze ich gerne Instrumente und rituelle Techniken aus verschiedenen Weltregionen. Dabei interessiert mich weniger die Herkunft der Instrumente, sondern vielmehr wie Klang und Spieltechniken genutzt werden können. Ich glaube nicht, dass Musik eine universelle Sprache ist, aber ich denke, dass es gewisse universelle Codes, Affinitäten sowie Resonanz- und Bewegungsräume gibt, die bei der Produktion und Rezeption von Musik zum Einsatz kommen.“

Portrait Nik Bärtsch © Hiromi Gut

Auch Neo Muyanga verwendet in seiner Komposition verschiedene perkussive Traditionen und traditionelle Instrumente wie das Ngoni oder uHadi sowie die Stimme. Das Stück verbindet notierte Elemente und Improvisation und ist so konzipiert, dass Spielweisen aus den verschiedenen Regionen wie z.B. der Xhosa-Tradition einbezogen werden können.
Das Publikum wird aufgefordert, sich auf die Suche nach den Ursprüngen und Wurzeln von Musik zu machen und in ungewöhnlichen Kontexten sowohl etwas Neues zu entdecken als auch das Alte neu zu hören.
Katja Heldt

Trailer guerillaclassics: Percussion Threads from Zurich to Mzansi

Konzerte 
6.03.2020, 19h: Rietberg Museum Zürich (ausverkauft)
8.04.2020, 19:30h: Club Exil, Zürich, Zusatz-Konzert mit den kongolesischen Musiker*innen nach der Tour

Nik Bärtsch, guerillaclassics, Cosmic Percussion Ensemble, Museum Reitberg, Neo Muyanga

Neo-Profiles: Nik Bärtsch, guerilla classics, Cosmic Percussion Ensemble

reclaim postmodernity – ABGESAGT!

Patrick Frank, Komponist und Kulturwissenschaftler, kuratiert als Gast die laufende Saison des Zürcher Ensemble Tzara. Dabei heraus kam eine sogenannte ‘Metakomposition’, die sich über die drei Konzerte der Saison erstreckt und laufend entwickelt: ein Konzert in drei Teilen also. Am 21. März 2020 steht nun der dritte Teil in der Gessnerallee an: “Das Glück des Nein-Sagens – reclaim postmodernity”.

Ensemble Tzara / Simone Keller, Das Glück des Ja-Sagens, Teil 1 © Chris Müller

Gabrielle Weber
Instrumentale Stücke fürs gängige Konzertsetting zu schreiben ist seine Sache nicht. Vielmehr denkt Patrick Frank gründlich über den Musikbetrieb nach und rüttelt mit seinen Werken an den Grundfesten heutigen zeitgenössischen Musikschaffens. Denn er erklärt nicht nur komponiertes musikalisches Material zum Werk sondern genauso sehr den zugehörigen Kontext wie bspw. den gesellschaftlichen Rahmen oder die Aufführungsgegebenheiten. Und oft ist auch das Publikum an seinen Stücken beteiligt oder sind die Musikerinnen als Performer im Einsatz.

Von Frank selbst ist denn auch kaum etwas zu hören. Seine ‘Metakomposition’ für das Ensemble Tzara liegt in der Idee, dem Konzept, vergleichbar einem Werk der visuellen Konzeptkunst. Als Gastkomponist lud Frank den norwegischen Komponisten Trond Reinholdtsen ein, gleichfalls bekannt fürs intelligent-humoristische Hinterfragen des institutionellen Musikbetriebs. Und auch Reinholdtsens Musik liegt mehr im Konzept als in der Musik.


Trond Reinholdtsen, Ensemble Tzara, Unsichtbare Musik 2009

Zum Klingen kommen durch Tzara hingegen Werke u.a. von Franz Schubert, Galina Ustwolskaia, Arvo Pärt oder Alvin Lucier. Dazu gibt’s Texte von Hugo Ball, Tristan Tzara und natürlich Nietzsche. Alles wohl koordiniert von Frank und Reinholdtsen aus dem Off.

Unter dem Titel “Das Glück des Ja-Sagens” verwebt Frank seine Metakomposition mit der Philosophie Friedrich Nietzsches. Die drei Teile spielen in einem Zürcher Stadtwald, einer Privatwohnung und schliesslich im Theaterhaus Gessnerallee: die Spielorte stehen für die ‚Sphären’ Natur, Privatheit und Öffentlichkeit. Aber auch für Schlüsselbegriffe des Philosophen.

Achtstündige Performance

Publikumsumfragen im jeweils vorangehenden Teil bestimmen die Ausgestaltung der weiteren Teile massgeblich. Das Resultat der ersten Befragung stellte Frank dann anhand einer Powerpoint Präsentation im Teil zwei vor. Das Fazit: “Der Wunsch nach mehr Musik, mehr Performance und mehr Struktur führte zu einer durchstrukturierten achtstündigen Performance”.

“Nicht enden wollend….” war denn auch eine der Hauptregieanweisungen des langen Abends in einer Privatwohnung in Zürich, in der das Publikum in die Rolle von Mitbewohnern schlüpfte. Die vermeintliche Privatheit aber war aufgrund von Franks Meta-Komposition gänzlich durchgetaktet. Die acht Stunden waren präzise in verschiedene Aktionen gegliedert, und das Involvieren des Publikums mit ein kalkuliert.

Trond Reinholdtsen, UA Ensemble Tzara, Das Glück des Ja-Sagens, Teil 2 © Chris Müller

Von Reinholdtsens war/ist gleichwohl eine mehrteilige ‘Welturaufführung’ (für Streichquartett und Video) zu erleben: War Teil eins diffus im Wald verteilt, fand diese in Teil zwei in einem äusserst kleinen Raum statt: “Die klaustrophobische Stimmung gehört zum Stück”, so Reinholdtsen. Auch da ging es weniger um die Musik als um das gemeinschaftliche, etwas gruselige Erlebnis.

Im Ausgang offene Beziehungsgeschichte

Auch eine dreiteilige musikalische Beziehungsgeschichte verbindet die Teile als roter Faden: Das Konzept von Reinholdtsen, die Musik von Arvo Pärt, das Paar gespielt in Personalunion vom Performer Malte Scholz.


Patrick Frank / Trond Reinholdtsen, Ensemble Tzara, Arvo Pärt / Spiegel im Spiegel, Das Glück des Ja-Sagens, Teil 1

Der Schluss einer Folge verweist jeweils auf den nächsten Teil. Gegen Ende von Teil zwei entfacht ein ‘falsch’ gewähltes Geschenk einen Disput (Mann zur Frau, das von ihr geschenkte Hemd kommentierend: “Schatz, du weisst doch, dass ich keine Karoos mag..“). In der Folge wird dem vom Mann der Frau mitgebrachten Ring seine naheliegende Bedeutung bis auf Weiteres vorenthalten. Sie: “ein Ring: heisst das etwa…?” Er: “Ich bin mir nun nicht mehr so sicher, ich muss darüber nachdenken. Ich sage es dir dann im Teil drei”.

Wie die Geschichte weiter geht und was genau zu hören sein wird, ergibt sich aus einer Umfrage im Teil zwei. Die Fortsetzung wird sicherlich auch mit Nietzsche zu tun haben…

Und: der Erfolg von Teil zwei war so überwältigend, dass Frank bereits eine längere Weiterführung des Projekts ankündigte.
Gabrielle Weber

Am 21. März in der Zürcher Gessenerallee erfahren Sie mehr: Ensemble Tzara, Saison 19/20, Teil 3, Das Glück des Nein-Sagens – reclaim postmodernity.

Patrick Frank, Das Glück de Ja-Sagens, Teil 2 © Chris Müller

Wir freuen uns über Ihre Kommentare auf dem neoblog!

Gessnerallee Zürich, 21.3.20, 20h: “Das Glück des Nein-Sagens – reclaim postmodernity

Mehr erfahren: Ensemble TzaraPatrick Frank, Trond Reinholdtsen
Neoblog: Kuration als Meta-Kompostition: Das Glück des Ja-Sagens

Neo-profiles: Ensemble Tzara, Patrick Frank, Simone Keller

Chan e See dänke?

Eine musikalische Hommage an Biel
Zur Uraufführung von Jean-Luc Darbellays Melodram Belena am 19. Februar 2020 im Kongresshaus Biel

Sinfonie Orchester Biel Solothurn © Joel Schweizer

Cécile Olshausen
Das Sinfonie-Orchester Biel Solothurn (SOBS) feiert in dieser Saison sein 50-Jahr-Jubiläum. Chefdirigent Kaspar Zehnder hat zu diesem Anlass dem Berner Komponisten Jean-Luc Darbellay einen Kompositionsauftrag erteilt. Er wünschte sich ein Werk, zweisprachig, mit Bezug zu Biel und Umgebung.

Darbellay entschied sich, mit zwei ihm nahestehenden Schriftstellern zusammenzuarbeiten: mit dem Westschweizer Poeten und Romancier François Debluë und dem Deutschschweizer Mundart-Dichter Guy Krneta. Den vielschichtigen Texten hat sich Darbellay musikalisch in Form des Melodrams genähert.

Portrait Jean-Luc Darbellay

Rousseau und das Melodram

Das Melodram ist heute ein ziemlich vergessenes Genre aus dem späten 18. Jahrhundert. Zwischen und über der Musik wird gesprochen anstatt gesungen. Erfinder dieser Gattung ist kein geringerer als der in Genf geborene französisch-schweizerische Philosoph und eben auch Komponist Jean-Jacques Rousseau. Er hat 1770 mit Pygmalion das erste Melodram der Musikgeschichte komponiert.

Und mit Rousseau sind wir schon inmitten von Darbellays Komposition, denn François Debluës Text rankt sich um einen fiktiven Brief Robert Walsers über Jean-Jacques Rousseau, nämlich über dessen Aufenthalt auf der St. Petersinsel im Bielersee. Rousseau verlebte dort im Herbst 1765 nach eigener Aussage die schönste Zeit seines Lebens. Der Berner Geheime Rat aber wies den berühmten Aufklärer aus. Und auch in Môtier (Val-de-Travers), wo er mit seiner Gefährtin Thérèse Levasseur lebte, war er nicht mehr willkommen, und es wurde – so geht die Geschichte – mit Steinen nach ihnen geworfen. Dies regt Debluë zu einer weiten Rêverie über Steine an. Je sais le langage des pierres.

Guy Krneta reagiert auf Debluës Text mit einer artistischen berndeutschen Sprachstudie und entwickelt am Ufer des Bielersees einen Monolog über Wasser Chan e See dänke? Was würd’r dänke, wen’r chönnt dänke? und Steine Het e Schtei mau grännet?

 

Portrait Guy Krneta © Guy Krneta

Schifere und «Steineln»

Zentrale Verbindung zwischen den Texten von Debluë und Krneta ist das Steinewerfen übers Wasser – ds’Schifere wie man auf Berndeutsch sagt. Bei Krneta: Wen e Schtei über ds Wasser gumpet, vo Oberflächi zu Oberflächi, chan i ahne, wi’s isch gsi, wo d Schteine no gläbt hei, wo si gfloge sy wi Vögu. Bei Debluë sind es runde weiche Kieselsteine, die übers Wasser hüpfen; wenn Kinder da wären, würde man sich nun im «Steineln» messen. Mais il n’y a pas d’enfant – eine Anspielung an Rousseau, der seine Kinder in Waisenhäuser gegeben hat.


,Wenn ich denke‘, Guy Krneta für Jean-Luc Darbellay, Play SRF, Morgengeschichte, 5.10.2019

Jean-Luc Darbellay hat zu dieser komplexen literarischen Vorlage eine Musik geschrieben, die nicht die Konkurrenz zur Literatur sucht, vielmehr will er mit seiner Komposition die Texte unterstützen. Die Sprecherin soll sich frei entfalten können; deshalb wird sie nie in eine exakte Rhythmik eingebunden. Manchmal übernimmt die Musik eine illustrierende Funktion, zum Beispiel bei den Steinen, die übers Wasser fliegen. Oftmals lässt Darbellay aber auch einfach einen Akkord liegen oder er verzichtet ganz auf Musik. So kommen die gesprochenen Sprachen in ihrem Duktus und in ihrer Eigenheit zur vollen Wirkung.


Jean-Luc Darbellay, Pour une part d’enfance, für Sprecherin und Ensemble, Melodram über einen Text von François Debluë, 2018

Und auch der Titel des Melodrams «Belena» nimmt Bezug auf Biel. Denn Biel lässt sich sprachgeschichtlich auf den Namen Bĕlĕna zurückführen. Was es damit genau auf sich hat, weiss die Forschung bis heute nicht. Keltische Sonnengöttin? Oder Belenus als Gott der Macht? Man rätselt noch – aber der Titel passt zu diesem durch und durch «bielerischen» musiktheatralischen Werk.
Cécile Olshausen


Jean-Luc Darbellay, Belena, UA 19.2.2020 SOBS

Das Sinfonie-Orchester Biel Solothurn macht Einspielungen von Uraufführungen im Rahmen seiner Sinfoniekonzerte laufend auf neo.mx3 zugänglich. Hören Sie hier auch die jüngste Aufnahme von Jost Meiers Konzert für Violoncello und Orchester in der Aufnahme der Uraufführung vom 13. November 2019 im Kongresshaus Biel:

Jost Meier, Konzert für Violoncello und Orchester, UA 13.11.2019 SOBS

Carnaval Bilingue, 6. Sinfoniekonzert SOBS, 19. Februar 2020, 19:30h, Kongresshaus Biel, Sinfonie-Orchester Biel Solothurn, Kaspar Zehnder – Leitung, Isabelle Freymond – Sprecherin
Programm:
Antonin Dvorak, Carnaval, Konzertouvertüre op. 92
Jean-Luc Darbellay, Belena, Melodramatisches Konzert für eine Sprecherin und Orchester
Joseph Lauber, Sinfonie Nr.1

Sinfonie Orchester Biel Solothurn, Jean-Luc Darbellay, Guy Krneta

Sendungen SRF 2 Kultur: Im Konzertsaal, Do, 26.3.2020, Di, 19.5.2020

neo-profiles: Jean-Luc Darbellay, Sinfonie Orchester Biel Solothurn

 

Melancholische Eleganz

Concerto en Sol – so heisst das neue Cellokonzert des Grossmeisters Wolfgang Rihm. Ab dem 20. Januar ist es auf Uraufführungstournee mit dem Kammerorchester Basel zu erleben. ‘Sol‘ steht dabei nicht nur für die Tonart, sondern ist zugleich Inbegriff für die Widmungsträgerin, die Ausnahmecellistin Sol Gabetta.
Im Gespräch gibt Wolfgang Rihm Auskunft zum Hintergrund, zum speziellen Lebensabschnitt, in dem das Stück entstand, aber auch zu Inspiration und Interpretation seiner Werke.

Wolfgang Rihm Portrait ©Wolfgang Rihm

Gabrielle Weber
Herr Rihm, anfangs 2019 erhielten Sie den Autorenpreis für Ihr ‘Lebenswerk’. Ihr Schaffensrausch hält an. Sie sind (heute) ein sehr gefragter Komponist, werden mit Preisen überhäuft und können sich vor Aufträgen und Anfragen kaum retten: Was braucht es, um Sie für einen Kompositionsauftrag zu gewinnen, wie kam es zum neuen Werk für das Kammerorchester Basel?
Vor über fünf Jahren liess Sol Gabetta bei mir anfragen, ob ich ein Konzertwerk für sie schreiben wolle. Ich freute mich sehr darüber und machte mich an die Arbeit. Meine schwere Erkrankung kam dazwischen und die Skizzen blieben liegen. Als ich 2017 wieder auftauchte, versuchte ich alsbald an dem Stück weiter zu arbeiten. Das gelang relativ gut und ich hatte grosse Freude an der Arbeit, die ich noch im Jahr 2017 abschliessen konnte.

Was ist die Grundidee des Stücks?
Das Stück ist ganz auf die Widmungsträgerin bezogen, deren melancholische Eleganz und kraftvolle Linienführung ich sehr schätze. Ich wollte von Anfang an kein schweres Geschütz auffahren, sondern im Bereich von Durchsichtigkeit und nicht nach aussen gekehrter Beweglichkeit mich aufhalten. Am liebsten war mir der Gedanke, dass sich alles aus einer Gesanglichkeit heraus entwickelt – aber das ist ja ein Gedanke, dem fast alle meine Konzertwerke verpflichtet sind.

Inspiration – eine Art des Begeistertseins

Von Ihnen stammt die Aussage: ‘Inspiration ist das Einzige, was ein Künstler besitzt – es geht darum, die Inspiration in die Tat umzusetzen’: Was bedeutet für Sie ‘Inspiration’?
Inspiration? Vielleicht ist das eine Art des Begeistertseins? Ich spüre das dann daran, dass von allen beteiligten Entscheidungen immer viele andere Wege ausgehen können, die dorthin führen, wo ich mit meinen Gedanken noch gar nicht hinwollte. Mein Rat: wenn ein Künstler “konsequent” sein will, sollte er nicht inspiriert sein wollen – das würde nur verwirren. Aber da ich begabt für Verwirrung bin…


Wolfgang Rihm ‘Marsyas‘, Lucerne Festival Academy, Leitung: George Benjamin , 1.9.2019

Den Solopart schreiben Sie der Argentinisch-Schweizerischen Cellistin Sol Gabetta auf den Leib. Gabettas Spielweise zeichnet Temperament und Innigkeit aus. Sie meint selbst dazu, dass sie fast auf dem Cello tanze, und innerlich beim Spielen singe: (Wie) lassen Sie sich von einer charakteristischen Interpretin wie Sol Gabetta inspirieren?
Ich versuche mir vorzustellen, wie die Interpretin oder der Interpret wohl mit meinen Noten umgeht – ansonsten schreibe ich, was ich mir als Musik vorstelle.

Dmitrij Schostakovitsch, 2. Cellokonzert, hr-Sinfonieorchester | Frankfurt Radio Symphony, Sol Gabetta, Pablo Heras-Casado, Alte Oper Frankfurt, 14. Juni 2019

Von ihren Interpreten verlangen Sie meist ‘das Äusserste’, wodurch Dinge gewagt werden, die vor der gemeinsamen Arbeit unvorstellbar waren- wie holen Sie ein solch ‘verstecktes’ Potential aus den Interpreten heraus?
Das müssen Sie die Interpreten fragen… Ich denke: das Wichtigste ist, dass es überhaupt etwas zu interpretieren gibt, dass also eine Fülle von Möglichkeiten sich auftut, mit denen selbst der Komponist nicht gerechnet hat. Interpretation ist das Gegenteil von ‘Execution’. Die beste Interpretation ist wohl die, die viel Unabsehbares offenlässt und die uns, die Hörer, nicht zustopft mit scheinbaren Gewissheiten.

Melancholie – ja. Aber eben nicht allzu viel Schwärze

Jedes neue Werk bringt also auch für Sie etwas Unerwartetes mit sich: wurden Sie beim Komponieren von ‘Concerto en Sol’ selbst überrascht?
Ich hoffe, dass das Stück wie ein natürlicher Fluss sich entwickelt. Als würde ein Ereignis wie von selbst aus dem Zusammenhang sich ergeben und ein nächstes Ereignis hervorrufen.
Was mich überraschte: dass ich nach der langen Krankheitserfahrung vor drei Jahren das Stück in einer relativen Leichtigkeit halten konnte. Melancholie – ja. Aber eben nicht allzu viel Schwärze.

Sol Gabetta © Julia Wesely

Was dürfen wir klanglich erwarten, worauf dürfen wir uns speziell freuen?
Dass eine Art des ungezwungenen – unspektakulären Gelingens möglich sein kann…
Interview Gabrielle Weber

Das Programm stellt Igor Strawinskys 1947 für Paul Sacher komponiertes Concerto in Re, ein Auftragswerk des KOB zum 20Jahr-Jubiläum des Orchesters, Wolfgang Rihms Concerto en Sol gegenüber. Dazu kommt Felix Mendelssohns ‘schottische’ Sinfonie.

Das Konzert in Genf wird von RTS aufgezeichnet und steht ab dem 22. Januar auf neo.mx3 in ganzer Länge zum Nachhören zur Verfügung.

Über Feedbacks zu den einzelnen Konzerten im Neoblog freuen wir uns!

Concerto für SolKammerorchester Basel, Leitung Sylvain Cambreling
Igor Strawinsky, Concerto in Re für Paul Sacher, UA KOB 1947
Wolfgang Rihm, Concerto en Sol für Sol Gabetta, Auftragswerk KOB, UA
Felix Mendelssohn Bartholdy, Sinfonie Nr. 3 a-moll Op. 56 (‘Schottische‘)

Konzerte
Montag, 20.1., 20h: Genf, Victoria Hall
Dienstag, 21.1. 19:30h: Zürich, Tonhalle Maag
Mittwoch, 22.1. 19:30h: Bern, Kultur Casino
Donnerstag, 23.1., 19:30h: Basel, Martinskirche
Freitag, 24.1., 20:30h: Grenoble | F, MC2: Auditorium
Sonntag, 26.1., 20h: Freiburg | D, Konzerthaus

Sendungen SRG:
21.1.20: Kritik UA Genf in Kultur kompakt
22.1.20, 22h: SRF Kulturplatz
25.1.20, 10h / 26.1., 20h: Musikmagazin, Café mit Sol Gabetta
30.1.20, 20h: RTS Espace deux: Le concert du jeudi
20.2.20, 20h: SRF 2 Kultur: Im Konzertsaal

neo-profiles: Kammerorchester Basel, Lucerne Festival Academy, Lucerne Festival Alumni, Sol Gabetta, Wolfgang Rihm

Die Aktionsgruppe GRiNM entwickelt sich

Eine diversere und femininere Neue Musik-Praxis: Vision, Option oder Must?
Mitte November trafen sich internationale Akteure in der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) drei Tage lang zum Austausch über Erfahrungen und Zukunftsvisionen.
Positionen-Redakteur Bastian Zimmermann war dabei und zieht sein Fazit.

GRiNM Network-Conference ZHdK © Gender Relations in New Music/ Gözde Filinta

Aus vielen Teilen Europas, teils sogar global wie aus Kanada, und natürlich Berlin kam man zusammen. Ziel war es, sich gegenseitig Projekte und Strategien zur Entfaltung einer diverseren und genderparitätischen Musikwelt zu präsentieren, voneinander zu lernen und bestenfalls neue Projekte zusammen zu er- und beschließen. Und obgleich über sogenannten „Netzwerktreffen“ zumeist der eher unangenehme Wunsch eines „Outcomes“ schwebt, kann man diesem Wochenende einen generellen „Flow“ attestieren. Das mag sicherlich daran liegen, dass die anwesenden Co-GRiNM-Gründer*innen Meredith Nicoll, Brandon Farnsworth, Lucien Danzeisen oder Rosanna Lovell sowie alle Hinzugestoßenen ein echtes Anliegen treibt: Die horrende Schieflage im Musikbetrieb mit teilweise 100prozentiger weißer Männerwirtschaft soll bewusst gemacht und ganz konkret in eine gegenteilige „noch härtere Schieflage“ gebracht werden. Durch Aktionen wie statistische Analysen, deren Publikation und die Aufforderung zur Veränderung machte GRiNM derart erfolgreich auf die Disbalance aufmerksam, dass derzeit vakante künstlerische Leitungspositionen kaum mehr ‘nur’ männlich besetzt werden.

Karlheinz Stockhausen: Mikrophonien, 1966, Filmstill © Gender Relations in New Music

Diese Aufmerksamkeit hat zur Folge, dass sich auch zahlreiche leitende männliche Akteure, zur in Zürich stattfindenden Reflektion des Musikbetriebs und des eigenen Schaffens darin einfanden. So berichtete z.B. Thorbjørn Tønder Hansen vom Ultima Festival in Oslo über die Herausforderungen in einem großen Komplex von Kooperationspartnern und Geldgebern Änderungen oder Experimente wie ein All-Female-Festival durchzusetzen. Dahlia Borsche diskutierte diese Schwierigkeiten innerhalb des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst).

Das auch im Norden angesiedelte Netzwerk für Frauen und nicht-binäre Personen Konstmusiksystrar (Kunstmusikschwestern), vertreten durch Anna Jackobsson und Rosanna Gunnarsson, präsentierte u.a. eine mögliche radikale Satzung der Durchbrechung gängiger Kurationskonventionen: Die durch Calls eingegangenen Werke werden allein im Losverfahren erwählt – eine in viele Richtung das aktuelle Antragsdenken herausfordernde Setzung, die im Anschluss noch weiter diskutiert wurde.

Konstmusiksystrar – sisters in contemporary music ©Hampus Andersson

Auch gab es Versuche, die Idee einer „Global Music Network Initiative“ zu diskutieren, was sich aber hinsichtlich der Fragen von Inklusion und Exklusion musikalischer Genres und Praxen als ein etwas utopisches Unterfangen herausstellte.

Die drei Tage starteten jeweils mit einer Keynote u.a. mit einem brillanten rhetorischen wie analytischen Vortrag von der am King’s College in London lehrenden Christina Scharff zum Denken von Geschlechterkategorien in zeitgenössischer Musik. Am Produktivsten stellten sich jedoch die mehrfach initiierten, moderierten, aber offenen Diskussionsrunden unter den rund 40 Teilnehmer*innen heraus: Anhand einzelner Statements, wie etwa mit den erstarkenden rechten Bewegung im kuratorisch/künstlerischen Kontext umzugehen sei, diskutierte die Gruppe angeregt und pointiert Lösungen. Und das innerhalb eines GRiNM-Rahmens, in dem sich in Zukunft immer mehr Menschen zusammenfinden können, die etwas in dem maßgeblich hierarchisch organisierten Musikbetrieb ändern wollen.
Bastian Zimmermann

Jüngste Engagements aus der Schweiz stellten Serge Vuille für Contrechamps Geneve, die ZHdK und die FHNW, das Global Music-Network Norient, Katharina Rosenberger aus San Diego oder SONART, Musikschaffende Schweiz, vor.

Überläufer – Eine performative Klang-Raum-Komposition zu Wandel und Migration (Trailer), UA 2019 ©ZeitRäume Basel 2019

In der Schweiz ist noch Einiges zu tun: Diskutieren Sie mit, teilen Sie Ihre Erfahrungen und Vorschläge auf dem Neo-Blog. Wir freuen uns, zu Gender und Diversity in der Neuen Musik im Austausch zu sein.
Einen tollen Start ins neue Jahr wünscht:
Gabrielle Weber, Redaktorin/Kuratorin neo.mx3.ch

GRiNM, positionen.BerlinEnsemble Contrechamps Genève, FHNW | Sonic Space Basel, Norient-Space, SONART – Musikschaffende Schweiz, Katharina Rosenberger

Read also: Neo-Blog:
GRiNM? = [GRiNäM]!: Interview with Brandon Farnsworth by Gabrielle Weber
Ensemble Contrechamps Genève – Expérimentation et héritage: Interview Serge Vuille / Contrechamps by Gabrielle Weber

Neo-profiles: Zürcher Hochschule der Künste, Contrechamps, Festival ZeitRäume BaselKatharina Rosenberger

Mann – Frau – Mann – Frau oder ‘ Kein Brausepulverdrink’

Endspurt für Orlando, Olga Neuwirths ‘Opus summum’, an der Wiener Staaatsoper. Mit Orlando wagt sich das Traditionshaus gleich zweifach auf neues Terrain. Erstmals in der 150jährigen Geschichte wurde ein Kompositionsauftrag für eine Oper an eine Frau vergeben. Und: die Staatsoper zeigt Haltung für eine diverse Gesellschaft. Denn Neuwirth erzählt Virginia Woolfs Geschichte einer Zeit- und Geschlechterreise durch die Jahrhunderte bis ins Heute weiter.

Olga Neuwirth , Portrait ©Wiener Staatsoper / Harald Hoffmann

Gabrielle Weber
Lucas Niggli ist als Schlagzeug-Solist mit von der Partie und berichtet direkt aus Wien über die Umsetzung der Geschichte in Musik und das Zusammenspiel mit den Wiener Philharmonikern.

“Orlando ist ein alle Genregrenzen sprengendes Riesenwerk, ein grosses Kino”, kommentiert Niggli, “und es ist bemerkenswert, dass gerade in der heutigen Zeit ein solches Werk an einem Traditionshaus wie der Wiener Staatsoper realisiert werden kann.” Es brauche Nerven und ein hohes Commitment, denn vom Orchester werde viel verlangt. “Eine solch visionäre Oper kann nicht ohne Reibung wie ein Brausepulverdrink konsumiert werden. Das verlangt harte Arbeit.” Mikrotonal um 60Cent tiefer gestimmte zweite Geigen. Das seien sich die Wiener Philharmoniker nicht gewohnt. Im Orchester entstehe ein grossartiger Farbenreichtum. “Das ist ein echtes Hörvergnügen”, so Niggli begeistert.

Niggli spielt für drei längere Sequenzen in Kostüm auf der Bühne, auf die er mitsamt seinem Schlagzeug auf einem Wagen geschoben wird. Den Schlagzeugpart habe ihm Neuwirth mit drumspezifischem Können auf den Leib geschrieben. Er changiere “zwischen Momenten der Freiheit, Bigbandartigen Kicks und messerscharf komponierten Passagen”. Herausfordernd sei das Zusammenspiel mit den Wiener Philharmonikern gerade in den Sequenzen, in denen er nicht im Graben spiele. Denn “die Philharmoniker sind ja berühmt dafür, dass sie laid back spielen und ich bin sehr auf den Downbeat fokussiert”.


Lucas Niggli Solo, Alchemia Garden, 2017

Die hochaktuelle Erzählung portraitiert in der Figur des Orlando eine Persönlichkeit, die sich über die Jahrhunderte komplett verwandelt, auch in Bezug auf ihr Geschlecht.

Wie wird das musikalisch umgesetzt? Orlando wird in Neuwirths Erzählung auch zur Mutter – ihr Kind wird von der queeren Sänger-Performerin Justin Vivian Bond gegeben.

Justin Vivian Bond: Orlandos child ©Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Orlandos Reise durch die Jahrhunderte hingegen finde musikalischen Ausdruck in unverblümten und frechen Zitaten aus der Musikgeschichte. “Da gibt es Zitate von Monteverdi, Rossini, Strawinsky bis zu Lady Gaga. Und ich darf an einer schönen Stelle mit einem elektronischen Sample zusammen improvisieren” so Niggli. Neuwirth habe genaue und mutige Vorstellungen darüber wie musikalische Genres zu verbinden seien. “Sie nimmt fast ein Genre-bending in Analogie zum Gender-bending der Erzählung vor: Neuwirths Musik ist ein bisschen wie ein Kaugummi: sehr dehnbar, aber immer zusammenhaltend.”


Olga Neuwirth, Eleanor (extrait) 2014, Ensemble intercontemporain, Matthias Pintscher (conductor), Della Miles (voice)

Schlagzeug, E-Gitarre, Bläser, manchmal Jazzbläser spielen auch in anderen Werken Neuwirths eine wichtige Rolle. “Deshalb hat sie In diesem ihrem selbst bezeichneten ‘Opus summum’ auch einen Solopart für Jazz-Schlagzeug mit komponiert. So bin ich zu diesem wunderbaren Engagement gekommen.”
Interview Annelis Berger 2.12.19

Nebst dem Dirigenten Matthias Pintscher setzt sich fast das gesamte künstlerische Leitungsteam aus Frauen zusammen. Insbesondere auf die Kostüme seitens Rei Kawakubo, Chefdesignerin des Modelabels Comme les garçons darf man gespannt sein.
Gabrielle Weber

Lucas Niggli @Olga Neuwirth: Orlando ©Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Denn die Essenz dieser fiktiven Biografie ist die Liebe zum Seltsamen, Paradoxen, zur Groteske, zur Kunstfertigkeit, Überhöhung und Übertreibung, um eine neue Morphologie einer sich ständig in Bewegung befindlichen Erzählung zu schaffen. Auch geht es immer wieder um eine kultivierte, höchst raffinierte Form von sexueller Anziehung und gegen das Einzwängen in die Laufrichtung eines einzigen Geschlechts. Und darum, sich nicht bevormunden und herablassend behandeln zu lassen, was Frauen immer wieder geschieht und geschehen wird“ (Olga Neuwirth).

Wiener Staatsoper, Lucas Niggli, Olga Neuwirth, Justin Vivian Bond
Orlando an der Wiener Staatsoper: UA: 8.12.2019
weitere Aufführungen: 11., 14., 18., 20.12.2019

Die Vorstellung vom 18. Dezember 2019 wird via WIENER STAATSOPER live at home weltweit live in HD übertragen.

Sendung SRF 2 Kultur: Musikmagazin, 7./8.12.2019

Neo-profile: Lucas Niggli

«Hiob leidet grundlos»

Am Gare Du Nord in Basel bringt Michèle Rusconi ihre Komposition «Les Souffrances de Job» zur Uraufführung. Im Interview erzählt die Komponistin, wie sie die Tragödie von Hanoch Levin adaptiert hat.

Die Komponistin: Michèle Rusconi

Björn Schaeffner
Michèle Rusconi, was begeistert Sie an Hanoch Levins Text «Les Souffrances de Job»?
Ich halte Hanoch Levin für einen der weltweit wichtigsten Dramatiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mich begeistert seine grandiose Sprache, sein Witz, die Satire und der bittere schwarze Humor, die ihm erlauben, das Unsagbare zu sagen.

Wie meinen Sie das?
Ich bewundere Levins scharfen kompromisslosen Blick und fürchte gleichzeitig den Spiegel, den er mir so schonungslos vorhält. Levin versetzt die Bibelgeschichte von Hiob in die Zeit der Römer, etwa tausend Jahre später. Das ergibt eine Art Verfremdungseffekt wie bei Brecht.

Mit der Figur Hiob können Sie sich identifizieren?
Hiob ist eine Parabel, eine universelle Figur. Levin beschreibt in seiner Tragödie den grundlos leidenden und ungerecht bestraften Menschen, dessen Unglück weder eine Ursache hat noch einen Zweck erfüllt. Es ist dies eine atheistische Haltung. Denn Hiobs Frage an seine Freunde ‘hat das Leiden einen anderen Sinn als das Leiden?’ beantwortet Levin mit Nein. Levins Hiob, ein Bruder «in spirit» von Kleists Michael Kohlhaas, betrifft mich. Er wird, im Gegensatz zum biblischen Hiob durch seine Gottestreue nicht belohnt. Sein Verlust ist endgültig, er stirbt.


Michèle Rusconi, Ratafià, Streichquartett, 2009

Wie sind Sie den Stoff angegangen?
Eine Freundin und Übersetzerin zahlreicher israelischer Theaterstücke, schickte mir einen Ausschnitt aus «Les Souffrances de Job». Ich wählte einzelne Sätze und Dialoge der verschiedenen Protagonisten aus. Es sind dies Hiob, seine drei Freunde, der Gerichtsvollzieher, die Bettler, der Offizier, der Zirkusdirektor und die Toten. Ich ging nicht narrativ vor, sondern tauschte die Kapitel untereinander aus und begann zunächst, anhand der französischen Textvorlage zu komponieren. Die israelische Sopranistin Tehila Nini Goldstein, die in Berlin lebt, begeisterte sich für das Projekt. Kurz danach konnte ich das Ensemble Meitar aus Tel Aviv gewinnen, dann Desirée Meiser vom Gare du Nord, ein paar Monate später den Schauspieler Zohar Wexler aus Paris.

Meitar Ensemble, Tel Aviv

Das heisst, das Projekt wurde immer komplexer?
Ich entschied irgendwann, dass ich nebst der französischen Übersetzung auch mit dem hebräischen Originaltext arbeiten wollte. Die Stimme ist bei dieser Komposition zentral. Der Stoff Hiob ist ja unglaublich aufregend: er weint, flucht, brüllt, kämpft, lacht, flüstert, wird wahnsinnig, verzweifelt, gibt auf. Die Komposition wird jetzt abwechslungsweise in beiden Sprachen gesungen und gesprochen.

Die Emotionalität der beiden Sprachen ist ja eine völlig andere.
Genau! Mit einer Sängerin, einem Schauspieler und zwei Sprachen hatte ich neue Parameter, mehrere Oktavlagen, andere akustische Farben, die die Sprachen ausstrahlen. Es gab plötzlich viel mehr Möglichkeiten, mit dem Text umzugehen. Erst dann fiel mir überhaupt auf, dass ich den Text des Hiob anfänglich in den Mund einer Frau gelegt hatte. Dazu kommen die Übertitel: in Tel Aviv Hebräisch, in Basel und Zürich Deutsch, und in Genf Französisch.

Die Sängerin: Tehila Nini Goldstein

Und worauf darf man als Zuschauer*in jetzt gespannt sein?
Auf den tollen Text von Hanoch Levin! Und auf das wunderbare Meitar Ensemble, den wendigen Schauspieler Zohar Wexler, die grossartige Sopranistin Tehila Nini Goldstein und meine Wenigkeit. Dass das Zusammenkommen überhaupt möglich ist, ist schon ein kleines Wunder.

Warum?
Weil es logistisch kaum machbar ist! (lacht). Wir arbeiten ja in vier Städten und inszenieren in drei Sprachen, das macht es nicht gerade einfach.
Interview: Björn Schaeffner


Meitar Ensemble, Ondřej Adámek, ‘Ça tourne ça bloque’, Pierre-André Valade

‘Les Soufffrances de Job’ bildet Teil der zwei Schwerpunkte der diesjährigen Saison des Gare du Nord, ‘Musiktheaterformen‘ und ‘Later Born‘: ‘Musiktheaterformen‘ zeigt Facetten des aktuellen Musiktheaters in Präsentation und Gespräch. ‘Later born‘ hingegen befasst sich mit den grossen Traumata des 20, Jahrhunderts -Nationalsozialismus, den beiden Weltkriege und deren Folgen-, gespiegelt durch einen fragenden Blick der Nachgeborenen.

Im Anschluss an die Vorstellung in Basel findet ein Podiumsgespräch mit Michèle Rusconi und Matthias Naumann (Autor einer Monographie über Hanoch Levin, Übersetzer, Verleger) statt.

Der Schauspieler: Zohar Wexler

Daten:
5. 12.19, 20:30h Tel Aviv, Inbal Multi Cultural Ethnic Center
7.12.19, 20h Basel, Gare du Nord
9.12.19, 19:30h Genève, Salle Ansermet
10.12.19, 19:30h Zürich, Kunstraum Walcheturm

Gare du Nord, IGNM Basel, Kunstraum Walcheturm, Meitar Ensemble

neo-profiles: Gare du Nord, Michèle Rusconi

“..spielen bis wir umfallen..”

 

Portrait Urs Peter Schneider ©Aart-Version lagr

Im Rahmen von Focus Contemporary feiert das Musikpodium der Stadt Zürich  den 80. Geburtstag von Urs Peter Schneider.
Hommage an ein ‘querköpfiges Unikat’ von Thomas Meyer:

Die 60er Jahre waren eine höchst bewegte Zeit für die Musik. Die Formen lösten sich auf. Konzepte, Happenings, Performances, Aleatorik und Improvisation traten an die Stelle fix auskomponierter Werke. Während bald jedoch viele wieder zum althergebrachten Handwerk zurückkehrten, verschrieb sich eine Gruppe hierzulande hartnäckig dieser Offenheit: das Ensemble Neue Horizonte Bern, gegründet 1968 und bis heute unverdrossen bestehend. «Wir werden», so sagte ein Ensemblemitglied einmal im Gespräch, «spielen, bis wir umfallen.» Ohne sie gäbe es wohl keine Cage-Tradition in der Schweiz und auch wenig Konzeptmusik auf enger Flur.

Ensemble Neue Horizonte Bern

Schweizer Cage-Tradition

In diesem Kollektiv aus KomponistInnen und InterpretInnen nimmt einer seit Beginn die besondere Position des Spiritus rector ein: Urs Peter Schneider, der heuer seinen Achtzigsten feiert, geboren in Bern, heute in Biel lebend und fröhlich weiter schaffend mit Kompositionen, Texten, Gebilden und Konzepten. Ihm zu Ehren veranstaltet das Musikpodium Zürich im Rahmen von Focus Contemporary ein Konzert: Dominik Blum spielt Klavierstücke von ihm, vom Neue-Horizonte-Kollegen Peter Streiff sowie von Hermann Meier, für dessen fast vergessenes Werk sich Schneider nachhaltig eingesetzt hat. Ausserdem singt der Chor vokativ zürich neben dem „Chorbuch“ von 1977 die neuen „Engelszungenreden“. Der Titel verweist darauf, dass Schneiders Musik auch gern ins Spirituelle hinaufgreift.


Hermann Meier, Klavierstück für Urs Peter Schneider, HMV 99, 1987

Komponist/Pianist/Interpret/Performer/Pädagoge in einem, ist Schneider eines dieser querköpfigen Unikate, wie es sie gerade auch in der Schweiz nicht selten gibt. Seine Musik zu beschreiben ist nicht leicht, weil sie so vielfältig sein kann, denn häufig ändert er die Verfahrensweise. Schneider arbeitet gern mit Strategien. Im Kern folgt er dabei jenen seriellen Techniken, in denen seine Musik ihre Wurzeln hat. So tüftelt er oft lange und gründlichst an den Permutationen von Tönen, Instrumenten, Lautstärken etc., bis sie endlich aufgehen. Und er entwickelt dafür eine sehr eigene, radikale Beharrlichkeitsgestik.


Urs Peter Schneider, ‘Getrost, ein leiser Abschied’ für zwei Traversflöten und Bassblockflöte, 2015

Radikale Beharrlichkeitsgestik

Es bleibt allerdings nicht bei den Tönen. Vielmehr wendet er solche Strategien auch auf Worte an, auf Graphiken und theatralische Handlungen, ja irgendwie auf alles, was sein Schaffen umgibt, bis hin zu den Datierungen, Widmungen. Auch die Konzertprogramme sind – eine wichtige Qualität überhaupt der Neuen Horizonte – komponiert. „Die Bestandteile einer Darbietung relativieren, ergänzen, kommentieren sich gegenseitig in ausgeklügelter Weise.“ Ebenso fügt er, wenn er Bücher oder CDs herausgibt, seine Stücke nicht einfach lose aneinander, sondern stellt aus dem gesamten Schaffen eine neue Konstellation her. Denn dieser Stratege ist besessen davon, Ordnungen herzustellen.

Urs Peter Schneider: meridian-1-atemwende ©aart-verlag

Alles wird dabei gedreht und gewendet. Ständig entdeckt/erfindet er neue Verfahren. Er ist eigentlich ein Verfahrenskomponist und damit der konzeptuellen Musik sehr nahe. Dieser Gattung widmete er 2016 das Buch «Konzeptuelle Musik – Eine kommentierte Anthologie», ein exemplarisches und unverzichtbares Kompendium.

Die Spontaneität dieser offenen Formen wirkt wohl auch als Korrektiv zur Strenge. Zuweilen könnte ja in diesen Verfahrensweisen die Lebendigkeit und Biegsamkeit verloren gehen und die Ordnung in sich selber versanden. Doch gerade dann geschieht oft Überraschendes. Denn die Werke Schneiders kennen Witz, ja Heiterkeit. Zuweilen an ungewohnter Stelle, gelegentlich mit wohltuender Selbstironie.
Thomas Meyer

Hermann Meier, Stück für grosses Orchester und drei Klaviere, 1964, HMV 60 ©Privatbesitz

Das Festival Focus Contemporary Zürich findet vom 27. November bis zum 1. Dezember statt: In fünf Konzerten präsentieren die Zürcher Veranstalter Tonhalle Zürich, Collegium Novum Zürich, Zürcher Hochschule der Künste und Musikpodium Zürich gemeinsam eine Auswahl zwischen jungem experimentellem Musikschaffen und Altmeistern, an Orten wie der Tonhalle Maag, dem ZKO-Haus oder dem Musikclub Mehrspur der ZHdK.

Focus Contemporary Zürich, 27. 11.- 1. 12, Konzerte:
27.11., 20h ZHdK, Musikklub Mehrspur: Y-Band: Werke von Matthieu Shlomowitz, Alexander Schubert
28.11., 19:30h Musikpodium Zürich, ZKO-Haus: Urs Peter Schneider zum Achtzigsten: Werke von Urs Peter Schneider, Hermann Meier, Peter Streiff
29.11., 19:30h Tonhalle Orchester, Tonhalle Maag: Heinz Holliger zum Achtzigsten: Werke von Heinz Holliger und Bernd Alois Zimmermann
30.11., 20h Collegium Novum Zürich, Tonhalle Maag: Werke von Sergej Newski (UA), Heinz Holliger, Isabel Mundry und Mark Andre
1. 12., 11h ZHdK, Studierende der ZHdK: Werke von Heinz Holliger, Mauro Hertig, Karin Wetzel, Micha Seidenberg, Stephanie Haensler

Musikpodium ZürichAart-Verlag

Neo-profilesZürcher Hochschule der Künste, Collegium Novum Zürich, Urs Peter Schneider, Hermann Meier, Heinz HolligerPeter Streiff, Stephanie Haensler, Karin Wetzel, Gilles GrimaitreDominik Blum

Von der Geige zum Schlagzeug

Der legendäre Concours de Genève feiert seinen 80ten Geburtstag mit den Disziplinen Komposition und Perkussion. 1939 gegründet, setzt der Wettbewerb damit ein Fanal für das zeitgenössische Musikschaffen.

Live-Stream Finalkonzert Perkussion 21. November 2019, 20h:

Gabrielle Weber
34 junge internationale Perkussionistinnen und Perkussionisten wurden aufgrund eingereichter Videos eingeladen um ihr Können unter Beweis zu stellen. Nur drei davon werden es ins Schlusskonzert am 21. November schaffen. Der solistische Auftritt mit dem Orchestre de la Suisse Romande in der Genfer Victoria Hall, könnte für sie die Pforte zur internationalen Musikwelt weit öffnen.

Wie fühlt es sich an, bevor man sich einer hoch dotierten Jury präsentiert? Was sind Kriterien für die Wahl der Stücke und wie steht es mit der zeitgenössischen Musik und dem Schlagzeug? Der 25-jährige Till Lingenberg, gebürtiger Wallisers, gehört zu den Glücklichen und gibt Auskunft.

Der Concours de Genève habe ein hohes internationales Renommee und bereits die Einladung sei eine Auszeichnung. Zudem sei die Erarbeitung des Repertoire sehr bereichernd. ‘Die Vorbereitung auf einen Concours zwingt einem dazu, viele neue Stücke konzertreif einzustudieren – man bringt immerhin zweieinhalb Stunden Musik zur Aufführung’ so Lingenberg. Die Teilnahme am Schlusskonzert wäre die Krönung und eröffnete berufliche Perspektiven. ‘Es würde mir erlauben, mich in die richtige professionelle Welt zu stürzen. Für eine solistische Karriere bedeutet dieser Wettbewerb sehr viel’.

Portrait Till Lingenberg

Durch die Geige fand Lingenberg zur Perkussion – als er mit fünf Jahren den ersten Geigenunterricht erhielt, hämmerte er lieber auf die Geige als schöne Klänge zu produzieren. So kam eines zum anderen. Den Wechsel hat er nie bereut. Denn das Schlagzeug ist so vielfältig. ‘Man spielt nicht nur ein, sondern zahlreiche Instrumente’.

Gab es Vorbilder? ‘Es waren nie primär die Leute die Schlagzeug spielten die mich faszinierten, sondern das Instrumentarium selbst. Ich bewunderte die Instrumente: es faszinierte mich, sie zu berühren, ja manchmal etwas auszuprobieren, sofern ich durfte’.

Lingenberg liebt das zeitgenössische Repertoire – und schätzt sich glücklich. Denn: ‘wir haben fast keine andere Wahl, als diese Musik zu spielen, angesichts des Repertoires das maximal ein Jahrhundert alt ist’. Für den Concours entschied sich Lingenberg für ‘Moi, jeu..‘ für Marimba (1990) von Bruno Mantovani, ein komplexes Stück, in dem Mantovani -so Lingenberg- ‘mit den Codes des Instruments bricht’. In ‘Assonance VII‘ von Michael Jarrell (1992), dem zweiten gewählten Stück, befindet sich der Interpret inmitten eines regelrechten Parks an Perkussionsinstrumenten. Vibraphon, Tamtam, Gong, Becken, Bongos, Wood-blocks und Triangel etc. ‘Es ist ein fabelhaftes Stück, das alle Möglichkeiten der Multiperkussion darstellt und radikal verschiedene Spielweisen zeigt, es spielt mit Resonanzen, geht manchmal fast bis zum Nicht-Hörbaren’.
Interview: Benjamin Herzog / Gabrielle Weber


Michael Jarrell, Assonance VII (1992), Interpret: Till Lingenberg

Die drei FinalistInnen des Kompositionswettbewerbs wurden per Vorausscheidung bestimmt. Das Lemanic Modern Ensemble unter der Leitung von Pierre Bleuse präsentiert ihre Stücke zusammen mit dem Oboisten Matthias Arter am 8. 11 im Studio Ansermet Genf.

Zwei Special Events flankieren den Concours: am 14. November führen Philippe Spiesser und das Ensemble Flashback im Cern Musik, Video, Elektronik und Wissenschaft zusammen. Am 20. November zeigt Eklekto Geneva Percussion Center in der Alhambra Genf Werke von Alexandre Babel, Wojtek Blecharz und Ryoji Ikeda.

Eklekto Geneva Percussion Center ©Nicolas Masson

Die Ausscheidungen finden vom 8. Bis zum 11. November statt und sind öffentlich zugänglich.
Die Finalkonzerte beider Wettbewerbe werden am 8. 11 (Komposition) und am 21.11. (Perkussion) per Live-Stream (Video) auf neo.mx3 und auf RTS espace deux (Audio) übertragen.

Live-Stream Finalkonzert Komposition 8. November 2019, 20h:

Émissions RTS Espace 2:
En direct:
8 novembre, finale concours Composition au studio Anserme:
Présentation par Anne Gillot + Julian Sykes / Prise d’antenne 18h30 – 22h30

21 novembre: finale concours Percussions au Victoria hall:
Présentation par Julian Sykes / Prise d’antenne 18h – 22h30

Magnétique:
-13 novembre, 17h, , Interview avec Philippe Spiesser, président du jury de percussion: Présentation par Anya Leveillé
-11 – 17 novembre: reportage sur les candidates, présenté par Sylvie Lambelet
RTS Culture: article avec video avant la finale percussion

Sendung SRF 2 Kultur:
16. / 17. November: Musikmagazin aktuell, Redaktion: Benjamin Herzog

Concours de Genève, RTS Culture, SRF 2 Kultur

neo-profiles: Concours de Genève, Lemanic Modern Ensemble, Eklekto Geneva Percussion Center, Till Lingenberg, Michael Jarrell, Alexandre Babel

GRiNM? = [GRiNäM]!

GRiNM Network-Conference: Experiences with Gender and Diversity in New Music – ZHdK, 14.-16. November 2019

GRiNM ©Berliner Festspiele

Gabrielle Weber
GRiNM – ‘Gender Relations in New Music’ – steht für ein internationales Kuratorenkollektiv mit Basis in Berlin. Im Anschluss an ein offenes Diskussionsforum an den Darmstädter Ferienkurse 2016 entstanden, war es seither in gezielten Aktionen an zahlreichen Neue Musik-Festivals in ganz Europa präsent. In Zürich veranstaltet GRiNM nun erstmals eine dreitätige internationale Network-Konferenz zum Thema Gender und Diversity, zusammen mit dem Departement Kulturvermittlung (DKV) der ZHdK.

Brandon Farnsworth, GRiNM-Member und Kurator der Tagung, gibt im Gespräch Auskunft zu GRiNM und zur Network-Conference.

Wie erklären Sie das kryptische Kürzel GRiNM?

Wir sind ein heterogenes Kollektiv mit verschiedene Hintergründen und Haltungen. Wir setzen uns alle für ähnliche Sachen ein: wir repräsentieren und streben nach Diversität in der Neuen Musik und machen durch Aktionen auf unser Anliegen aufmerksam. Was uns verbindet ist unsere Unabhängigkeit: wir haben keine festen Anstellungen in diesem Bereich, sind keine rechtliche Organisation, beanspruchen keine Fördergelder für unsere GRiNM-Tätigkeit.

‘Musik und Kontext oder Form und Inhalt lassen sich nicht voneinander trennen.’

Woher stammt ihr Engagement für die Genderthematik?
Mein eigener Zugang ist eher intuitiv. Er kommt aus dem kuratorischen Blickwinkel: Wie verhalten sich die institutionellen Rahmenbedingungen und die musikalische Produktion zueinander? Was haben die Rahmenbedingungen für eine Auswirkung auf die musikalische Produktion?

Wofür steht in diesem Kontext der Begriff ‘Gender’?
Gender als Label ist ein Ansatzpunkt, der rein Zahlenmässig vieles reflektiert: 90% Männer – 10% Frauen, wenn’s hoch kommt 80%-20% als Faustregel für Lehraufträge, Repertoire in Konzertsälen, Kompositionsaufträgen an Festivals, usw.. Wenn wir Statistiken mit solchen Zahlen zur Diskussion stellten, führte das immer auch zu Themen wie Eurozentrismus, soziale Schicht, Einkommens- und Bildungsniveau. Gender beinhaltet Vieles, er bezieht sich nicht nur auf die Geschlechterfrage. Es gleichbedeutend mit Diversität, mit dem Infragestellen von postkolonialen Ausschlüssen oder einem Kanon, der geprägt ist durch gut gebildete weiße männliche Europäer aus reichen Ländern.

Donaueschingen Statistics mit freundlicher Genehmigung von GRiNM

‘Gender ist ein Sammelbegriff für verschiedene Arten von Ausschluss

Seit der Gründung von GRiNM 2016 sind drei Jahre vergangen. Die Genderbalance (bspw. in Donaueschingen) hat sich stark verschoben: hatte GRiNM einen Anteil an der Veränderung?

Das lässt sich nicht beweisen. Unsere Aktionen waren sicherlich wichtig. Wir veranstalteten einerseits auf Einladung Workshops, zweimal am Festival Maerzmusik Berlin 2017 und 2018, machten eine Stickeraktion mit der provokativen Forderung 50%-50% oder veröffentlichten Statistiken. Andererseits waren wir ohne Einladung am Rand von Festivals präsent, bspw. Darmstadt 2018. Wir boten eine Plattform, um über Erfahrungen mit Gender und Diversity zu sprechen, was innerhalb keinen Platz hatte. Wir stellten fest, dass es dafür ein grosses Bedürfnis gab, aber kaum Möglichkeiten für Austausch. Mit der Konferenz schaffen wir nun einen solchen Rahmen.

GRiNM ©Berliner Festspiele

Was ist das Ziel der Konferenz?
Aktuell finden zahlreiche ähnliche Projekte an verschiedenen Orten statt, von denen man oft gegenseitig kaum weiss: da besteht ein Bedürfnis nach Networking. Wir schaffen eine Plattform für den Austausch von Erfahrungen und best practices oder das Angehen von Synergien – die Grösse der Konferenz ist einzigartig. Wir haben vierzig internationale Teilnehmende.

Was sind Themen der Tagung – was gibt es für Formate?
Es gibt Projektpräsentationen und Diskussionsforen. Am ersten Tag geht es um allgemeine Definitionen und Problemstellungen. Am zweiten Tag steht die Ausbildung im Zentrum. Die ‘Association of European Conservatories’ stellt z.B. vor, was unternommen wird, um Diversität an europäischen Hochschulen zu steigern. Am dritten Tag liegt der Fokus auf Ensembles und Festivals.

Am Vorabend gibt’s einen Netzwerkapéro mit SONART – Musikschaffende Schweiz und ein Konzert im Jazzclub Mehrspur der ZHdK. Zu hören sind zwei Musikschaffende aus Berlin, Neo Hülcker und Stellan Veloce, sowie Fågelle aus Schweden.
Interview Gabrielle Weber


Ear action for earprotection and objects, Stellan Veloce and Neo Hülcker, dark music days 2017

Ist die Tagung allen Interessierten zugänglich, werden die Resultate publiziert?
Die Tagung ist öffentlich. Danach ist eine Publikation der Beiträge und einer Auswahl an Best practices und Statistiken geplant.

GRiNM Network Conference: Full Schedule, SONART – Musikschaffende Schweiz 

neo-profile: Zürcher Hochschule der Künste

Klirrende Kälte und heisses Feuer tanzen

Helmut Lachenmann zu Gast an der Zürcher Hochschule der Künste und im Opernhaus Zürich

Helmut Lachenmann ©Klaus Rudolph, CC BY-SA 4.0

Corinne Holtz
Helmut Lachenmann, einer der bedeutendsten Gegenwartskomponisten, schreibt mit 62 Jahren seine erste Oper und landet mit der Uraufführung 1997 den grössten Erfolg seines Lebens. Der Avantgardist und Schüler von Luigi Nono, der von den Orchestern gefürchtete Geräuschkomponist, das „Opfer“ aus Darmstadt, wie er schmunzelnd sagt, greift sich das Andersen-Märchen Das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Den Blick lenkt er auf die sozialkritische Botschaft des Stoffes.

Lachenmann liest das Märchen als Parabel auf die Eiseskälte postkapitalistischer Gesellschaften und bricht die Erzählung mit Texten von Leonardo da Vinci und Gudrun Ensslin. Die Geschichte: Ein Mädchen versucht am Silvesterabend vergeblich ein Bündel Streichhölzer zu verkaufen. Schliesslich entzündet es selbst die Hölzchen und erfährt im „Ritsch“ des Aufflammens für einen Augenblick die Wonne bürgerlicher Wärme. Das Mädchen erfriert, die tote Grossmutter nimmt es mit in den Himmel.


Interview mit Helmut Lachenmann über Das Mädchen mit den Schwefelhölzern
Ruhrtriennale, Jahrhunderthalle Bochum 2013

Keine Geschichte sondern “meteorologische Zustände”

Lachenmann versteht Schönheit als „Verweigerung des Gewohnten“ und Musik als „befreite Wahrnehmungskunst“. Sie beginnt bei der Erzeugung von Klang und den dazu nötigen Anstrengungen. Acht Hörner setzt Lachenmann in seiner Oper ein. „Diese acht Hörner sind ein einziges Instrument. Es geht um ein neues Hören. Dafür muss ich den Blick auf das Melodiöse erst einmal suspendieren.“ Von den Musikern verlangt er zum Beispiel Flatterzungen, Luftgeräusche, Ventilklappern sowie Schwebungen. Dieser akustisch reizvolle Effekt entsteht durch Überlagerungen zweier Schwingungen, die sich in ihrer Frequenz nur leicht unterscheiden. Und er geht noch einen Schritt weiter. Den Griff zur Oper bezeichnet Lachenmann gar als „Vorwand, um für Singstimmen zu schreiben“. Dabei erzählt die Musik keine Geschichte, sondern stellt „meteorologische Zustände“ dar. Das Mädchen ist von klirrender Kälte umgeben und spürt für einen Moment heisses Feuer.

Lachenmanns gestische Musik ist im Kern theatralisch. Wer sie live erlebt, kann vielbeschäftigte Interpreten und Interpretinnen beobachten und sich dabei seine eigene Szenerie erfinden. Die Transformation dieser Aktionen in die Kunstform Ballett ist eine Herausforderung. Wie lässt sich eine Choreografie jenseits der Bebilderung erfinden, die der Musik und ihren Akteuren Raum lässt?


Helmut Lachenmann, Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, Opernhaus Zürich 2019, Trailer

Die Neuproduktion des Mädchen mit den Schwefelhölzern steht im Zentrum des dreitägigen Symposiums, das die Zürcher Hochschule der Künste in Kooperation mit dem Opernhaus Zürich ausrichtet, und ist Ausgangspunkt für eine interdisziplinär angelegte Befragung von Lachenmanns Werk. Der Musikforscher Hans-Ulrich Mosch beleuchtet Nonos Schatten, die Musikjournalistin Julia Spinola die Zugänge bisheriger Inszenierungen, die Tanzwissenschafterin Stephanie Schroedter die Umsetzung der Partitur in Bewegung. Schliesslich setzen sich der Komponist und sein Choreograf Christian Spuck mit der Komponistin Isabel Mundry an den runden Tisch und diskutieren Chancen und Grenzen der Zürcher Neuproduktion.

“Kann ein Adorno-Schüler happy sein beim Komponieren?”

Lachenmanns utopisches Musikdenken ist aus der Zeit gefallen und vielleicht gerade darum von hoher Dringlichkeit. Ausserdem weiss der Komponist seine Überzeugungen mit Humor über die Rampe zu bringen. Kann ein Adorno-Schüler happy sein beim Komponieren, fragte ihn einst der Kollege Hans Werner Henze. „Nein. Happy war ich nie, aber glücklich.“ Wie es mit dem Glücksgefühl nach der Premiere der Neuproduktion stehen wird? „Jede Aufführung ist ein Abenteuer mit unbekanntem Ausgang.“
Corinne Holtz


Helmut Lachenmann, Allegro sostenuto 1986/88, interpretiert vom Trio Caelum

Das ‘Wochenend-Festival’ zu Helmut Lachenmann mit Symposium sowie Porträt- und Gesprächskonzerten findet vom 8. Bis zum 10. November 2019 statt.

ZHdK: Zu Gast: Helmut Lachenmann: Tagung / Konferenz / Symposium, 8.-10.11.19

Opernhaus Zürich: ‘Das Mädchen mit den Schwefelhölzern‘, 12.10.-14.11.19

neo-Profiles: ZHdK, Philharmonia Zürich, Basler Madrigalisten

Musik für die Trommelfelle – ‘Elemental realities’: UA am Schlusskonzert der Donaueschinger Musiktage, 20.10.2019

Jürg Frey ©Graham Hardy

Gabrielle Weber
Der Aargauer Komponist Jürg Frey hat sich vier Monate in die Arbeit an seinem neuen Stück ‘Elemental Realities‘ fürs Schlusskonzert der Donaueschinger Musiktage vergraben. Im Interview spricht er über diesen Extremzustand, über das ‘Hören’ an sich oder das Privileg, nicht nur für Aufträge komponieren zu können.

Die anglophone Musikszene um Cornelius Cardew und das Londoner Scratch Orchestra oder Christian Wolff waren in seinen frühen Jahren für Jürg Frey wegbestimmend. Heute wird er in Londoner insider-Kreisen selbst regelmäßig gespielt. Das war nicht immer so. Lange Jahre galt er als Geheimtipp, komponierte zunächst kaum für Publikum, und ab den 90er Jahren im engen Austausch mit dem Komponistenkollektiv und Label Wandelweiser, einer Sinnesgemeinschaft , die wie er selbst ‘radikal stille Sachen machte’. 2015 Composer in Residence am Festival Huddersfield, startete eine von ihm eher unerwartete späte internationale Karriere.


Jürg Frey, Floating Categories 2015, live recording 2017

Jürg Frey, Sie sind in der Selbstdefinition ‘Komponist der Stille ‘. Wie fühlen Sie sich vor ihrer Uraufführung am Schlusskonzert der Donaueschinger Musiktage?
Gerade jetzt bin ich ruhig. Vor der ersten Probe -dem ersten Zusammentreffen meiner Musik mit dem Dirigenten und dem Orchester- ist bei mir die Spannung am Größten. Wenn es dort gut läuft, dann gehe ich gelassen in diese Uraufführung.

Wie kam es zu diesem Auftrag?
Das ist mir selber nicht klar -lacht-: ich erhielt eine E-Mail von Björn Gottstein, dem Intendanten, mit Betreff: ‘Achtung kurzfristige Anfrage’. Ich dachte, es ginge wohl um 2020. Ich brauchte zunächst zwei Tage Bedenkzeit. Dann sagte ich zu und vergrub mich während vier Monaten ausschliesslich in die Arbeit. Es ging an die Grenzen meiner körperlichen und mentalen Möglichkeiten.

Was stand am Anfang Ihres neuen Stücks ‘Elemental Realities’?
Der Anfang, die ersten drei bis vier Wochen, waren für mich die schwierigste Zeit. Da waren zunächst hunderte Ideen, ein regelrechtes Gewitter oder Geflimmer. Dann kristallisierten sich Energie und Richtung des Stücks heraus. Die überbordende Kreativität musste ich zunächst auf ein vernünftiges Level bringen um überhaupt arbeiten zu können. 

Gab es Vorgaben – konnten Sie ‘drauflos’ komponieren?
Ich konnte machen was ich wollte. Das Stück sollte nur nicht übertrieben lang sein: das ist das Schöne an einer so kurzfristigen Anfrage, da konnten keine Forderungen gestellt werden.

 In einem Text zum Stück sprechen Sie vom ‘Notenblatt als Membran’ zwischen Stille und Klang – und vom einzelnen Interpreten als fragiles Bindegliede zwischen ‘privater Stille’ und ‘klingender Musik im öffentlichen Raum’ …
Jede einzelne Note entsteht bei mir im Bewusstsein, dass sie in den Raum hinaus klingt und auf der Rückseite des Notenblattes mit Stille in Berührung kommt. Jede Note hat zwei Richtungen. Jede Note zählt. Der Interpret, die Interpretin steht genauso an dieser Schwelle zwischen Sound und Stille. Diese Schwelle interessiert mich.


Jürg Frey, Extended Circular Music No.8 (excerpt), Live at Dog Star Orchestra, LA 2015

“Das Stück gibt den Musikern Gelegenheit echt gut zu sein”.

Was dürfen wir klanglich konkret von Ihrem neuem Stück erwarten?

Es gibt zwei Elemente im Stück, die sich gegenseitig abwechseln. Das eine ist ein Flächiges: Streicher oder Schlagzeuger beispielweise spielen kontinuierliche stehende Klänge.

Daneben gibt es kleine musikalische Objekte, wie kurze Melodien und Akkorde, Folgen von einzelnen Tönen, alles sehr delikat instrumentiert. Da sind die Musiker sehr gefordert.

Sie sprachen von der Trias Komposition, Dirigent und Klangkörper. Welche Rolle spielt dabei das Publikum?

Das ‘Hören’- durch die Musiker oder das Publikum – ist für mich bestimmend. Die Verbindung zum Publikum ist das Hören. Wenn Musikerinnen und Musiker im Orchester präzise spielen aber auch (zu)hören, überträgt sich das auf das Publikum, auch in einem grossen Saal.

“Meine Musik ist eine Musik für die Ohren, für die Trommelfelle der Zuhörenden – ob im Saal oder im Orchester.”


Jürg Frey, Louange de l’eau, louange de la lumière, Basel Sinfonietta 2011

Donaueschingen, insbesondere eine Aufführung am Schlusskonzert, gilt als Schlüsselmoment einer Komponistenkarrieren – Hat sich ihr Komponieren seither verändert?
Aufs Komponieren hatte es keinen Einfluss. Aber die Arbeitssituation hat sich, seitdem meine Musik mehr Resonanz hat, geändert. Früher entstanden 90% meiner Stücke ohne Auftrag. Antrieb war immer eine künstlerische Notwendigkeit. Nun sage ich bereits Aufträge ab, denn ich möchte auch weiterhin frei komponieren, sofern ich eine innere Notwendigkeit spüre. Diesen Freiraum empfinde ich als grosses Privileg.
Interview Gabrielle Weber

Jürg Frey ©Graham Hardy

Die Donaueschinger Musiktage finden vom 17.-20. Oktober statt. In Uraufführungen und Gesprächen sind nebst Jürg Frey auch Michael Pelzel, Beat Furrer und das Collegium Novum Zürich zu hören.

UA Jürg Frey: Elemental Realities, Donaueschinger Musiktage, Sonntag, 20. Oktober, 17h, Saalsporthalle

Sendungen SRF 2 Kultur: t.b.a.

neo-profiles: Jürg Frey, Donaueschinger Musiktage, Michael Pelzel, Beat Furrer, Collegium Novum Zürich, Basel Sinfonietta

Reibung erzeugt Wärme – Marianthi Papalexandri-Alexandri am Festival “ZeitRäume Basel”, 13.-22. September 2019

Marianthi Papalexandri-Alexandri

Theresa Beyer
Im Hof des Basler Kunstmuseums zeigt das Festival «ZeitRäume» eine begeh- und bespielbare Klangskulptur. Mit ihrem geheimnisvollen Röhren-Instrument «Untitled VII» leistet die Komponistin und Klangkünstlerin Marianthi Papalexandri-Alexandri ihren Beitrag zur grossen Gemeinschaftsarbeit. Ein Besuch in ihrem Atelier in Wald im Zürcher Oberland.

Früher wurden in diesen grossen, hellen Fabrikräumen Textilien gewebt. Heute wohnen und arbeiten hier Marianthi Papalexandri-Alexandri und der kinetische Künstler Pe Lang. Ihr Loft ist ein Laboratorium voller Maschinen, Elektronik und mechanischen Objekten.

Hinten auf einer Werkbank legt Pe Lang einen Kippschalter um: auf einer schwarzen Pappe beginnt sich eine Scheibe zu drehen, Marianthi holt verschieden grosse Stricknadeln hervor und steckt sie in die Pappe. Mit dieser Geste wird das Objekt zum Instrument: Immer wenn die kleinen Schläuche, die von der Scheibe abstehen, die Nadeln streifen, erklingen feine Glockentöne. Zum Werk «Resonators» wächst das Ganze an, wenn mehrere Performer*innen an mehreren Maschinen nach einem bestimmten Muster Nadeln in die Pappe stecken. Die Konzeption solcher Klang-Settings ist der Kern von Marianthis und Pe Langs Arbeit.


Marianthi Papalexandri-Alexandri und Pe Lang: Modular No.3

Langwierige Materialforschung

Hinter jedem Detail dieser Klangobjekte stecken unzählige Materialtests – auch bei «Untitled VII», das am Zeiträume Festival von der grossen Klangskulptur «Rohrwerk/Fabrique Sonore» einverleibt wird. Im Atelier zeigt Pe Lang den Prototyp: «Die 24 Röhren des Klangkörpers sind aus durchsichtigem Acryl, ein Material, das einen warmen Klang ermöglicht. Jede Röhre ist mit einer TPE Folie überzogen, durch die wir eine Nylonschnur gespannt haben. Und die Rädchen aus Baumwollhartgewebe vorne an den kleinen Elektromotoren sind mit einer Art Kolophonium bestrichen. Durch die erhöhte Reibung wird der Ton erzeugt».

Visualisierung Rohrwerk Fabrique sonore© Made in

Pe Lang knipst die kleinen Motoren des Röhren-Instruments an und ein durchgehender Ton entsteht: komplex, organisch und schön – eine eigenständige Klangskulptur mit Potenzial zu einer Komposition. Um diese zu entfalten, schlüpft Pe Lang in die Rolle des Performers: langsam verändert er die Geschwindigkeiten der Motoren, die Spannung der Nylonschnur und die Position der Klammern, die daran befestigt sind. Der Klang reagiert sofort – mal erinnert er an einen modularen Synthesizer, mal an eine obertonreiche Orgel, mal an die mäandernden Drones von Eliane Radigue oder La Monte Young.

Die Behutsamkeit, mit der dieses Instrument gespielt werden muss, vergleicht Marianthi mit einer japanischen Teezeremonie: «Obwohl hinter jeder Geste grösste Berechnung steckt, wirkt es nach aussen mühelos und leicht. Alle Bewegung folgen einem natürlichen Flow.»

Marianthi Papalexandri-Alexandri: Untitled II (Vorläufer von Untitled VII)

Der Charme des Unperfekten

Im Klangflow von „Untitled II“ mischt noch etwas mit: das Material an sich. „Die Spannung der Membran lässt mit der Zeit nach, das Kolophonium reibt sich ab und die Motoren eiern leicht“, sagt Pe Lang, «Diese Ungenauigkeiten haben wir bewusst eingebaut.» Das Röhren-Instrument, das vorgibt clean, minimalistisch und kontrollierbar zu sein, ist eben gerade keine perfekte Maschine.

Auch deswegen bewegen sich die Klangskulpturen und Kompositionen von Marianthi und Pe Lang immer in einem Zwischenraum. Zwischen genau und ungenau. Zwischen Objekt und Performance. Zwischen mechanisch und elektronisch. Und wenn sie das Atelier in Wald verlassen, landen sie irgendwo zwischen Galerie und Konzertsaal.

Aber wer komponiert hier eigentlich: Die Komponistin, der Performer, oder das Instrument selbst? Genau diese Kategorien versucht Marianthi mit ihren Klangskulpturen aufzulösen. «Ich will Komponist*in, Performer*in und Instrument auf Augenhöhe bringen und so auch Autorschaft hinterfragen». Wer da also genau am Werk ist, hängt immer von der Perspektive ab.
Theresa Beyer

Marianthi Paplexandri-Alexandri: Untitled VI

Die diesjährige Festivalausgabe von «Zeiträume – Biennale für neue Musik und Architektur» in Basel ist mit 30 Projekten die bisher grösste. Vom 15. bis 21. September ist im Innenhof des Kunstmuseum der 45 Meter hohe Klangturm «Rohrwerk/Fabrique sonore» zu erleben. Marianthi Papalexandri-Alexandri ist eine von sechs Komponist*innen und vier Musiker*innen, die diese Mischung aus Pavillon und Musikinstrument zum Klingen bringt.

Am 20. September findet am Festival Zeiträume zudem die Übergabe des diesjährigen Schweizer Musikpreises an u.a. Cod.act, Michael Jarrell, Pierre Favre, Laurent Peter (d’incise) oder das Kammerorchester Basel statt.

Zeiträume – Biennale für neue Musik und Architektur, Marianthi Papalexandri-Alexandri, Pe Lang

neo-profiles: ZeitRäume BaselMarianthi Papalexandri-Alexandri, Pe Lang, Kammerorchester Basel, Michael Jarrell, Pierre Favre, d’incise / tresque

Sendungen SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit, Marianthi Papalexandri-Alexandri, Pe Lang: 11.September, 20h, Wiederholung 14.September, 20h;
Passage: Cod.act -Maschinenmusik aus La Chaux-de-Fonds: 20. September, 20h; Kontext, 20. September

Leidenschaft für Klang in der Natur

“A l’ur da l’En” – INNLAND – AUsLAND

Interview mit Daniel Ott, Co-Initiator und Mitglied des künstlerischen Komitees Festival Neue Musik Rümlingen

Neue Musik Rümlingen 2016 © Schulthess Foto

Gabrielle Weber
Das kleine Basellandschaftliche Festival Neue Musik Rümlingen ist dieses Jahr zu Gast im Unterengadin. Pionier der Inszenierung von Klang in der Natur ist es seit bald dreissig Jahren ein begehrter Geheimtipp. Das Gespräch mit Daniel Ott, Co-Initiator und Mitglied des künstlerischen Komitees, dreht sich um die Inszenierung von Musik im öffentlichen Raum, um den Umgang mit Unvorhersehbarem und um individuellen Zugang zu Musik.

Daniel Ott, mit der kommenden Festival tragen Sie den Rümlinger Gedanken vom Baselbiet ins Engadin: Wie kommt es zu diesem Besuch?

Rümlinger “Ausflüge” haben eine gewisse Tradition; wir besuchten bereits früh Basel oder angrenzende Gemeinden. 2013 führten wir dann das Festival ganz an einem anderen Ort durch. Wir wanderten zu Fuss von Chiasso nach Basel, spielten unterwegs mit lokalen Bandas und kooperierten mit befreundeten Festivals wie dem nahe am Unterengadin gelegenen Festival Klangspuren Schwaz im Tirol. Damals entstand die Idee einer grösseren Zusammenarbeit mit Schwaz die wir dieses Jahr verwirklichen. Gemeinsam bieten wir zwei Klangwege an, die jeder an einem Tag begangen werden können, einen im Unterengadin, kuratiert von Rümlingen, einen zweiten vom Tirol ins Engadin, kuratiert von Schwaz. Als Partner gewannen wir ausserdem die Fundaziun Nairs in Scuol, die visuelle Installationen beisteuert, sowie das Theater Chur, das seine Saisoneröffnung diesmal im Engadin abhält. Als Höhepunkt der beiden Klangwege treffen wir uns in der Mitte am Abend zum gemeinsamen Konzert und Fest in Scuol.

Neue Musik Rümlingen 2016, Daniel Ott: “CLOPOT – ZAMPUOGN”

2016 übernahmen sie zusammen mit Manos Tsangaris die künstlerische Leitung der Biennale für Neues Musiktheater München und überführten damit ihren Ansatz ins städtische Umfeld: Woher stammt Ihre Leidenschaft für die Verbindung von Klang und Natur oder öffentlichem Raum?

Dazu gibt es eine kleine Vorgeschichte: Vor 20 Jahren lud mich Peter Zumthor ein, Musik für seinen „Klangkörper Schweiz“, den Schweizer Pavillon bei der Expo 2000 in Hannover zu entwickeln, und reagierte seinereits architektonisch auf die Resultate unserer gemeinsamen Klangversuche.  Es ist aber weder realistisch noch nachhaltig, für jede musikalische Idee einen neuen Raum bauen zu lassen. Deshalb begann ich mich mit Klang in vorgegebenen Situationen zu beschäftigen, wo ich nicht alle Parametern beeinflussen kann. Die entstehenden Unwägbarkeiten lernte ich als Bereicherung zu schätzen. Ich beziehe mich damit unter anderen auf John Cage, der Zufälle in sein kompositorisches Denken mit aufgenommen hat, um eine grössere Klang- und Musikvielfalt zu ermöglichen.


Festival Neue Musik Rümlingen, excerpts 2017

Wo befindet sich das Publikum im Kontext Klang und öffentlicher Raum?

Musik wird immer von einem einzelnen Menschen rezipiert. Ich möchte individuelle Zugänge ermöglichen und orientiere mich eher an der Bildenden Kunst, wo das Publikum seit jeher selber entscheidet in welchem Rhythmus Werke rezipiert werden. Jeder gehörte Teil ist repräsentativ, jeder Blickwinkel ist gültig.

“Ein Stück ist vollständig, auch wenn nicht alles gehört oder gesehen wird.”

Landschaften tragen Geschichten in sich, Menschen geben Geschichten über Generationen weiter. Jedes einzelne Leben ist ein Roman. Dies in Kunst umzusetzen ist wichtig. Kunst ist Kommunikation.

Daniel Ott © Manu Theobald

Worauf dürfen wir im Engadin speziell gespannt sein?

Als grosses Eingangsfenster in Lavin hüllt Peter Conradin Zumthor in Con Sordino, ein Remake einer Rümlinger Arbeit, die Glocken der Laviner Kirche in Schaffell ein. Es entsteht ein verfremdeter Klang, der eher an elektronische Musik als an Kirchglocken erinnert. Wir konnten Beat Furrer gewinnen, einen Gedichtzyklus von Leta Semadeni, Schriftstellerin aus Lavin, die seit Jahrzehnten in Valader, dem Unterengadiner Romanisch, schreibt, zu vertonen. Die Uraufführung findet in einer wunderschönen schmucklosen kleinen Kapelle in Sur En d’Ardez statt. Peter Conradin Zumthor taucht die alte Holzbrücke von Lavin in Nebel ein – die Holzbrücke wird zur Nebelbrücke.


Peter Conradin Zumthor, Grünschall7 (Rüttler) Solo Drums, 2019

Am Inn wird Christian Wolff in seinem legendären Stück Stones aus dem Jahr 1968 in einer neuen Engadiner Version mit Steinen aus dem Inn zu erleben sein. Daneben tritt Jürg Kienberger in Innehalten, einem theatralen Stück, selbst auf. Viele Stationen werden mehrfach für jeweils eine kleine Gruppe von Zuhörern aufgeführt. Es entstehen sehr persönliche und unterschiedliche Darbietungen.
Interview Gabrielle Weber

Neue Musik Rümlingen, Klangspuren Schwaz, Fundaziun NairsTheater Chur

Festival Neue Musik Rümlingen:
14./15. September 2019 Unterengadin; 16. November 2019, Epilog Kirche Rümlingen:

neo-profiles:
Neue Musik Rümlingen, Daniel Ott, Beat Furrer, Peter Conradin Zumthor