Klirrende Kälte und heisses Feuer tanzen

Helmut Lachenmann zu Gast an der Zürcher Hochschule der Künste und im Opernhaus Zürich

Helmut Lachenmann ©Klaus Rudolph, CC BY-SA 4.0

Corinne Holtz:
Helmut Lachenmann, einer der bedeutendsten Gegenwartskomponisten, schreibt mit 62 Jahren seine erste Oper und landet mit der Uraufführung 1997 den grössten Erfolg seines Lebens. Der Avantgardist und Schüler von Luigi Nono, der von den Orchestern gefürchtete Geräuschkomponist, das „Opfer“ aus Darmstadt, wie er schmunzelnd sagt, greift sich das Andersen-Märchen Das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Den Blick lenkt er auf die sozialkritische Botschaft des Stoffes.

Lachenmann liest das Märchen als Parabel auf die Eiseskälte postkapitalistischer Gesellschaften und bricht die Erzählung mit Texten von Leonardo da Vinci und Gudrun Ensslin. Die Geschichte: Ein Mädchen versucht am Silvesterabend vergeblich ein Bündel Streichhölzer zu verkaufen. Schliesslich entzündet es selbst die Hölzchen und erfährt im „Ritsch“ des Aufflammens für einen Augenblick die Wonne bürgerlicher Wärme. Das Mädchen erfriert, die tote Grossmutter nimmt es mit in den Himmel.


Interview mit Helmut Lachenmann über Das Mädchen mit den Schwefelhölzern
Ruhrtriennale, Jahrhunderthalle Bochum 2013

Keine Geschichte sondern “meteorologische Zustände”

Lachenmann versteht Schönheit als „Verweigerung des Gewohnten“ und Musik als „befreite Wahrnehmungskunst“. Sie beginnt bei der Erzeugung von Klang und den dazu nötigen Anstrengungen. Acht Hörner setzt Lachenmann in seiner Oper ein. „Diese acht Hörner sind ein einziges Instrument. Es geht um ein neues Hören. Dafür muss ich den Blick auf das Melodiöse erst einmal suspendieren.“ Von den Musikern verlangt er zum Beispiel Flatterzungen, Luftgeräusche, Ventilklappern sowie Schwebungen. Dieser akustisch reizvolle Effekt entsteht durch Überlagerungen zweier Schwingungen, die sich in ihrer Frequenz nur leicht unterscheiden. Und er geht noch einen Schritt weiter. Den Griff zur Oper bezeichnet Lachenmann gar als „Vorwand, um für Singstimmen zu schreiben“. Dabei erzählt die Musik keine Geschichte, sondern stellt „meteorologische Zustände“ dar. Das Mädchen ist von klirrender Kälte umgeben und spürt für einen Moment heisses Feuer.

Lachenmanns gestische Musik ist im Kern theatralisch. Wer sie live erlebt, kann vielbeschäftigte Interpreten und Interpretinnen beobachten und sich dabei seine eigene Szenerie erfinden. Die Transformation dieser Aktionen in die Kunstform Ballett ist eine Herausforderung. Wie lässt sich eine Choreografie jenseits der Bebilderung erfinden, die der Musik und ihren Akteuren Raum lässt?


Helmut Lachenmann, Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, Opernhaus Zürich 2019, Trailer

Die Neuproduktion des Mädchen mit den Schwefelhölzern steht im Zentrum des dreitägigen Symposiums, das die Zürcher Hochschule der Künste in Kooperation mit dem Opernhaus Zürich ausrichtet, und ist Ausgangspunkt für eine interdisziplinär angelegte Befragung von Lachenmanns Werk. Der Musikforscher Hans-Ulrich Mosch beleuchtet Nonos Schatten, die Musikjournalistin Julia Spinola die Zugänge bisheriger Inszenierungen, die Tanzwissenschafterin Stephanie Schroedter die Umsetzung der Partitur in Bewegung. Schliesslich setzen sich der Komponist und sein Choreograf Christian Spuck mit der Komponistin Isabel Mundry an den runden Tisch und diskutieren Chancen und Grenzen der Zürcher Neuproduktion.

“Kann ein Adorno-Schüler happy sein beim Komponieren?”

Lachenmanns utopisches Musikdenken ist aus der Zeit gefallen und vielleicht gerade darum von hoher Dringlichkeit. Ausserdem weiss der Komponist seine Überzeugungen mit Humor über die Rampe zu bringen. Kann ein Adorno-Schüler happy sein beim Komponieren, fragte ihn einst der Kollege Hans Werner Henze. „Nein. Happy war ich nie, aber glücklich.“ Wie es mit dem Glücksgefühl nach der Premiere der Neuproduktion stehen wird? „Jede Aufführung ist ein Abenteuer mit unbekanntem Ausgang.“


Helmut Lachenmann, Allegro sostenuto 1986/88, interpretiert vom Trio Caelum

Das ‘Wochenend-Festival’ zu Helmut Lachenmann mit Symposium sowie Porträt- und Gesprächskonzerten findet vom 8. Bis zum 10. November 2019 statt.

ZHdK: Zu Gast: Helmut Lachenmann: Tagung / Konferenz / Symposium, 8.-10.11.19

Opernhaus Zürich: ‘Das Mädchen mit den Schwefelhölzern‘, 12.10.-14.11.19

neo-Profiles: ZHdK, Philharmonia Zürich, Basler Madrigalisten

Musik für die Trommelfelle – ‘Elemental realities’: UA am Schlusskonzert der Donaueschinger Musiktage, 20.10.2019

Jürg Frey ©Graham Hardy

Der Aargauer Komponist Jürg Frey hat sich vier Monate in die Arbeit an seinem neuen Stück ‘Elemental Realities‘ fürs Schlusskonzert der Donaueschinger Musiktage vergraben. Im Interview spricht er über diesen Extremzustand, über das ‘Hören’ an sich oder das Privileg, nicht nur für Aufträge komponieren zu können.

Die anglophone Musikszene um Cornelius Cardew und das Londoner Scratch Orchestra oder Christian Wolff waren in seinen frühen Jahren für Jürg Frey wegbestimmend. Heute wird er in Londoner insider-Kreisen selbst regelmäßig gespielt. Das war nicht immer so. Lange Jahre galt er als Geheimtipp, komponierte zunächst kaum für Publikum, und ab den 90er Jahren im engen Austausch mit dem Komponistenkollektiv und Label Wandelweiser, einer Sinnesgemeinschaft , die wie er selbst ‘radikal stille Sachen machte’. 2015 Composer in Residence am Festival Huddersfield, startete eine von ihm eher unerwartete späte internationale Karriere.


Jürg Frey, Floating Categories 2015, live recording 2017

Jürg Frey, Sie sind in der Selbstdefinition ‘Komponist der Stille ‘. Wie fühlen Sie sich vor ihrer Uraufführung am Schlusskonzert der Donaueschinger Musiktage?
Gerade jetzt bin ich ruhig. Vor der ersten Probe -dem ersten Zusammentreffen meiner Musik mit dem Dirigenten und dem Orchester- ist bei mir die Spannung am Größten. Wenn es dort gut läuft, dann gehe ich gelassen in diese Uraufführung.

Wie kam es zu diesem Auftrag?
Das ist mir selber nicht klar -lacht-: ich erhielt eine E-Mail von Björn Gottstein, dem Intendanten, mit Betreff: ‘Achtung kurzfristige Anfrage’. Ich dachte, es ginge wohl um 2020. Ich brauchte zunächst zwei Tage Bedenkzeit. Dann sagte ich zu und vergrub mich während vier Monaten ausschliesslich in die Arbeit. Es ging an die Grenzen meiner körperlichen und mentalen Möglichkeiten.

Was stand am Anfang Ihres neuen Stücks ‘Elemental Realities’?
Der Anfang, die ersten drei bis vier Wochen, waren für mich die schwierigste Zeit. Da waren zunächst hunderte Ideen, ein regelrechtes Gewitter oder Geflimmer. Dann kristallisierten sich Energie und Richtung des Stücks heraus. Die überbordende Kreativität musste ich zunächst auf ein vernünftiges Level bringen um überhaupt arbeiten zu können. 

Gab es Vorgaben – konnten Sie ‘drauflos’ komponieren?
Ich konnte machen was ich wollte. Das Stück sollte nur nicht übertrieben lang sein: das ist das Schöne an einer so kurzfristigen Anfrage, da konnten keine Forderungen gestellt werden.

 In einem Text zum Stück sprechen Sie vom ‘Notenblatt als Membran’ zwischen Stille und Klang – und vom einzelnen Interpreten als fragiles Bindegliede zwischen ‘privater Stille’ und ‘klingender Musik im öffentlichen Raum’ …
Jede einzelne Note entsteht bei mir im Bewusstsein, dass sie in den Raum hinaus klingt und auf der Rückseite des Notenblattes mit Stille in Berührung kommt. Jede Note hat zwei Richtungen. Jede Note zählt. Der Interpret, die Interpretin steht genauso an dieser Schwelle zwischen Sound und Stille. Diese Schwelle interessiert mich.


Jürg Frey, Extended Circular Music No.8 (excerpt), Live at Dog Star Orchestra, LA 2015

“Das Stück gibt den Musikern Gelegenheit echt gut zu sein”.

Was dürfen wir klanglich konkret von Ihrem neuem Stück erwarten?

Es gibt zwei Elemente im Stück, die sich gegenseitig abwechseln. Das eine ist ein Flächiges: Streicher oder Schlagzeuger beispielweise spielen kontinuierliche stehende Klänge.

Daneben gibt es kleine musikalische Objekte, wie kurze Melodien und Akkorde, Folgen von einzelnen Tönen, alles sehr delikat instrumentiert. Da sind die Musiker sehr gefordert.

Sie sprachen von der Trias Komposition, Dirigent und Klangkörper. Welche Rolle spielt dabei das Publikum?

Das ‘Hören’- durch die Musiker oder das Publikum – ist für mich bestimmend. Die Verbindung zum Publikum ist das Hören. Wenn Musikerinnen und Musiker im Orchester präzise spielen aber auch (zu)hören, überträgt sich das auf das Publikum, auch in einem grossen Saal.

“Meine Musik ist eine Musik für die Ohren, für die Trommelfelle der Zuhörenden – ob im Saal oder im Orchester.”


Jürg Frey, Louange de l’eau, louange de la lumière, Basel Sinfonietta 2011

Donaueschingen, insbesondere eine Aufführung am Schlusskonzert, gilt als Schlüsselmoment einer Komponistenkarrieren – Hat sich ihr Komponieren seither verändert?
Aufs Komponieren hatte es keinen Einfluss. Aber die Arbeitssituation hat sich, seitdem meine Musik mehr Resonanz hat, geändert. Früher entstanden 90% meiner Stücke ohne Auftrag. Antrieb war immer eine künstlerische Notwendigkeit. Nun sage ich bereits Aufträge ab, denn ich möchte auch weiterhin frei komponieren, sofern ich eine innere Notwendigkeit spüre. Diesen Freiraum empfinde ich als grosses Privileg.

Gabrielle Weber, Interview 12.9.2019, Basel

Jürg Frey ©Graham Hardy

Die Donaueschinger Musiktage finden vom 17.-20. Oktober statt. In Uraufführungen und Gesprächen sind nebst Jürg Frey auch Michael Pelzel, Beat Furrer und das Collegium Novum Zürich zu hören.

UA Jürg Frey: Elemental Realities, Donaueschinger Musiktage, Sonntag, 20. Oktober, 17h, Saalsporthalle

Sendungen SRF 2 Kultur: t.b.a.

neo-profiles: Jürg Frey, Donaueschinger Musiktage, Michael Pelzel, Beat Furrer, Collegium Novum Zürich, Basel Sinfonietta

Reibung erzeugt Wärme – Marianthi Papalexandri-Alexandri am Festival “ZeitRäume Basel”, 13.-22. September 2019

Marianthi Papalexandri-Alexandri

Im Hof des Basler Kunstmuseums zeigt das Festival «ZeitRäume» eine begeh- und bespielbare Klangskulptur. Mit ihrem geheimnisvollen Röhren-Instrument «Untitled VII» leistet die Komponistin und Klangkünstlerin Marianthi Papalexandri-Alexandri ihren Beitrag zur grossen Gemeinschaftsarbeit. Ein Besuch in ihrem Atelier in Wald im Zürcher Oberland.

Früher wurden in diesen grossen, hellen Fabrikräumen Textilien gewebt. Heute wohnen und arbeiten hier Marianthi Papalexandri-Alexandri und der kinetische Künstler Pe Lang. Ihr Loft ist ein Laboratorium voller Maschinen, Elektronik und mechanischen Objekten.

Hinten auf einer Werkbank legt Pe Lang einen Kippschalter um: auf einer schwarzen Pappe beginnt sich eine Scheibe zu drehen, Marianthi holt verschieden grosse Stricknadeln hervor und steckt sie in die Pappe. Mit dieser Geste wird das Objekt zum Instrument: Immer wenn die kleinen Schläuche, die von der Scheibe abstehen, die Nadeln streifen, erklingen feine Glockentöne. Zum Werk «Resonators» wächst das Ganze an, wenn mehrere Performer*innen an mehreren Maschinen nach einem bestimmten Muster Nadeln in die Pappe stecken. Die Konzeption solcher Klang-Settings ist der Kern von Marianthis und Pe Langs Arbeit.


Marianthi Papalexandri-Alexandri und Pe Lang: Modular No.3

Langwierige Materialforschung

Hinter jedem Detail dieser Klangobjekte stecken unzählige Materialtests – auch bei «Untitled VII», das am Zeiträume Festival von der grossen Klangskulptur «Rohrwerk/Fabrique Sonore» einverleibt wird. Im Atelier zeigt Pe Lang den Prototyp: «Die 24 Röhren des Klangkörpers sind aus durchsichtigem Acryl, ein Material, das einen warmen Klang ermöglicht. Jede Röhre ist mit einer TPE Folie überzogen, durch die wir eine Nylonschnur gespannt haben. Und die Rädchen aus Baumwollhartgewebe vorne an den kleinen Elektromotoren sind mit einer Art Kolophonium bestrichen. Durch die erhöhte Reibung wird der Ton erzeugt».

Visualisierung Rohrwerk Fabrique sonore© Made in

Pe Lang knipst die kleinen Motoren des Röhren-Instruments an und ein durchgehender Ton entsteht: komplex, organisch und schön – eine eigenständige Klangskulptur mit Potenzial zu einer Komposition. Um diese zu entfalten, schlüpft Pe Lang in die Rolle des Performers: langsam verändert er die Geschwindigkeiten der Motoren, die Spannung der Nylonschnur und die Position der Klammern, die daran befestigt sind. Der Klang reagiert sofort – mal erinnert er an einen modularen Synthesizer, mal an eine obertonreiche Orgel, mal an die mäandernden Drones von Eliane Radigue oder La Monte Young.

Die Behutsamkeit, mit der dieses Instrument gespielt werden muss, vergleicht Marianthi mit einer japanischen Teezeremonie: «Obwohl hinter jeder Geste grösste Berechnung steckt, wirkt es nach aussen mühelos und leicht. Alle Bewegung folgen einem natürlichen Flow.»

Marianthi Papalexandri-Alexandri: Untitled II (Vorläufer von Untitled VII)

Der Charme des Unperfekten

Im Klangflow von „Untitled II“ mischt noch etwas mit: das Material an sich. „Die Spannung der Membran lässt mit der Zeit nach, das Kolophonium reibt sich ab und die Motoren eiern leicht“, sagt Pe Lang, «Diese Ungenauigkeiten haben wir bewusst eingebaut.» Das Röhren-Instrument, das vorgibt clean, minimalistisch und kontrollierbar zu sein, ist eben gerade keine perfekte Maschine.

Auch deswegen bewegen sich die Klangskulpturen und Kompositionen von Marianthi und Pe Lang immer in einem Zwischenraum. Zwischen genau und ungenau. Zwischen Objekt und Performance. Zwischen mechanisch und elektronisch. Und wenn sie das Atelier in Wald verlassen, landen sie irgendwo zwischen Galerie und Konzertsaal.

Aber wer komponiert hier eigentlich: Die Komponistin, der Performer, oder das Instrument selbst? Genau diese Kategorien versucht Marianthi mit ihren Klangskulpturen aufzulösen. «Ich will Komponist*in, Performer*in und Instrument auf Augenhöhe bringen und so auch Autorschaft hinterfragen». Wer da also genau am Werk ist, hängt immer von der Perspektive ab.
Theresa Beyer

Marianthi Paplexandri-Alexandri: Untitled VI

Die diesjährige Festivalausgabe von «Zeiträume – Biennale für neue Musik und Architektur» in Basel ist mit 30 Projekten die bisher grösste. Vom 15. bis 21. September ist im Innenhof des Kunstmuseum der 45 Meter hohe Klangturm «Rohrwerk/Fabrique sonore» zu erleben. Marianthi Papalexandri-Alexandri ist eine von sechs Komponist*innen und vier Musiker*innen, die diese Mischung aus Pavillon und Musikinstrument zum Klingen bringt.

Am 20. September findet am Festival Zeiträume zudem die Übergabe des diesjährigen Schweizer Musikpreises an u.a. Cod.act, Michael Jarrell, Pierre Favre, Laurent Peter (d’incise) oder das Kammerorchester Basel statt.

Zeiträume – Biennale für neue Musik und Architektur, Marianthi Papalexandri-Alexandri, Pe Lang

neo-profiles: ZeitRäume BaselMarianthi Papalexandri-Alexandri, Pe Lang, Kammerorchester Basel, Michael Jarrell, Pierre Favre, d’incise / tresque

Sendungen SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit, Marianthi Papalexandri-Alexandri, Pe Lang: 11.September, 20h, Wiederholung 14.September, 20h;
Passage: Cod.act -Maschinenmusik aus La Chaux-de-Fonds: 20. September, 20h; Kontext, 20. September

Leidenschaft für Klang in der Natur

“A l’ur da l’En” – INNLAND – AUsLAND

Interview mit Daniel Ott, Co-Initiator und Mitglied des künstlerischen Komitees Festival Neue Musik Rümlingen

Neue Musik Rümlingen 2016 © Schulthess Foto

Das kleine Basellandschaftliche Festival Neue Musik Rümlingen ist dieses Jahr zu Gast im Unterengadin. Pionier der Inszenierung von Klang in der Natur ist es seit bald dreissig Jahren ein begehrter Geheimtipp. Das Gespräch mit Daniel Ott, Co-Initiator und Mitglied des künstlerischen Komitees, dreht sich um die Inszenierung von Musik im öffentlichen Raum, um den Umgang mit Unvorhersehbarem und um individuellen Zugang zu Musik.

Daniel Ott, mit der kommenden Festival tragen Sie den Rümlinger Gedanken vom Baselbiet ins Engadin: Wie kommt es zu diesem Besuch?

Rümlinger “Ausflüge” haben eine gewisse Tradition; wir besuchten bereits früh Basel oder angrenzende Gemeinden. 2013 führten wir dann das Festival ganz an einem anderen Ort durch. Wir wanderten zu Fuss von Chiasso nach Basel, spielten unterwegs mit lokalen Bandas und kooperierten mit befreundeten Festivals wie dem nahe am Unterengadin gelegenen Festival Klangspuren Schwaz im Tirol. Damals entstand die Idee einer grösseren Zusammenarbeit mit Schwaz die wir dieses Jahr verwirklichen. Gemeinsam bieten wir zwei Klangwege an, die jeder an einem Tag begangen werden können, einen im Unterengadin, kuratiert von Rümlingen, einen zweiten vom Tirol ins Engadin, kuratiert von Schwaz. Als Partner gewannen wir ausserdem die Fundaziun Nairs in Scuol, die visuelle Installationen beisteuert, sowie das Theater Chur, das seine Saisoneröffnung diesmal im Engadin abhält. Als Höhepunkt der beiden Klangwege treffen wir uns in der Mitte am Abend zum gemeinsamen Konzert und Fest in Scuol.

Neue Musik Rümlingen 2016, Daniel Ott: “CLOPOT – ZAMPUOGN”

2016 übernahmen sie zusammen mit Manos Tsangaris die künstlerische Leitung der Biennale für Neues Musiktheater München und überführten damit ihren Ansatz ins städtische Umfeld: Woher stammt Ihre Leidenschaft für die Verbindung von Klang und Natur oder öffentlichem Raum?

Dazu gibt es eine kleine Vorgeschichte: Vor 20 Jahren lud mich Peter Zumthor ein, Musik für seinen „Klangkörper Schweiz“, den Schweizer Pavillon bei der Expo 2000 in Hannover zu entwickeln, und reagierte seinereits architektonisch auf die Resultate unserer gemeinsamen Klangversuche.  Es ist aber weder realistisch noch nachhaltig, für jede musikalische Idee einen neuen Raum bauen zu lassen. Deshalb begann ich mich mit Klang in vorgegebenen Situationen zu beschäftigen, wo ich nicht alle Parametern beeinflussen kann. Die entstehenden Unwägbarkeiten lernte ich als Bereicherung zu schätzen. Ich beziehe mich damit unter anderen auf John Cage, der Zufälle in sein kompositorisches Denken mit aufgenommen hat, um eine grössere Klang- und Musikvielfalt zu ermöglichen.


Festival Neue Musik Rümlingen, excerpts 2017

Wo befindet sich das Publikum im Kontext Klang und öffentlicher Raum?

Musik wird immer von einem einzelnen Menschen rezipiert. Ich möchte individuelle Zugänge ermöglichen und orientiere mich eher an der Bildenden Kunst, wo das Publikum seit jeher selber entscheidet in welchem Rhythmus Werke rezipiert werden. Jeder gehörte Teil ist repräsentativ, jeder Blickwinkel ist gültig.

“Ein Stück ist vollständig, auch wenn nicht alles gehört oder gesehen wird.”

Landschaften tragen Geschichten in sich, Menschen geben Geschichten über Generationen weiter. Jedes einzelne Leben ist ein Roman. Dies in Kunst umzusetzen ist wichtig. Kunst ist Kommunikation.

Daniel Ott © Manu Theobald

Worauf dürfen wir im Engadin speziell gespannt sein?

Als grosses Eingangsfenster in Lavin hüllt Peter Conradin Zumthor in Con Sordino, ein Remake einer Rümlinger Arbeit, die Glocken der Laviner Kirche in Schaffell ein. Es entsteht ein verfremdeter Klang, der eher an elektronische Musik als an Kirchglocken erinnert. Wir konnten Beat Furrer gewinnen, einen Gedichtzyklus von Leta Semadeni, Schriftstellerin aus Lavin, die seit Jahrzehnten in Valader, dem Unterengadiner Romanisch, schreibt, zu vertonen. Die Uraufführung findet in einer wunderschönen schmucklosen kleinen Kapelle in Sur En d’Ardez statt. Peter Conradin Zumthor taucht die alte Holzbrücke von Lavin in Nebel ein – die Holzbrücke wird zur Nebelbrücke.


Peter Conradin Zumthor, Grünschall7 (Rüttler) Solo Drums, 2019

Am Inn wird Christian Wolff in seinem legendären Stück Stones aus dem Jahr 1968 in einer neuen Engadiner Version mit Steinen aus dem Inn zu erleben sein. Daneben tritt Jürg Kienberger in Innehalten, einem theatralen Stück, selbst auf. Viele Stationen werden mehrfach für jeweils eine kleine Gruppe von Zuhörern aufgeführt. Es entstehen sehr persönliche und unterschiedliche Darbietungen.

Gabrielle Weber, Interview, 30.6.19, Innsbruck

Neue Musik Rümlingen, Klangspuren Schwaz, Fundaziun NairsTheater Chur

Festival Neue Musik Rümlingen:
14./15. September 2019 Unterengadin; 16. November 2019, Epilog Kirche Rümlingen:

neo-profiles:
Neue Musik Rümlingen, Daniel Ott, Beat Furrer, Peter Conradin Zumthor

„Ein Mischklang, den man noch nie gehört hat.“

Der Schweizer Thomas Kessler ist 2019 Composer in Residence beim Lucerne Festival.

Thomas Kessler, Basel 29.11.2018 ©Priska Ketterer

Sein langer Weg über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg ist voller Überraschungen und doch von einer inneren Konsequenz. Bekannt war, dass er in den 60er Jahren in Berlin eine junge Musikergeneration beeinflusste, etwa Klaus Schulze oder auch Edgar Froese, den Gründer der späteren Kultband „Tangerine Dream“, und doch war man erstaunt, als Thomas Kessler später über die Neue Musik-Sparte hinausdachte und einen kalifornischen Hiphop-Dichter aufsuchte, um mit ihm zusammenzuarbeiten.

“Utopia” – kein perfekt glatter Sound

Auch seine frühen Stücke, in denen er den Solomusikern jeweils selber die Kontrolle über die elektronische Aussteuerung ihres Spiels übergab, statt sie von einem zentralen Mischpult aus selber zu leiten, waren wegweisend, und doch wagte erst er es, diese Anordnung auf ein ganzes Orchester zu übertragen. Er wollte damit etwas Utopisches realisieren – und nannte das Stück denn auch „Utopia“.

Jedes Mal begann damit eine neue Forschungs- und Entdeckungsreise, denn die einmal gefundene Lösung suggerierte bald weitere Möglichkeiten. Aus „Piano Control“ von 1974 entstand im Lauf der Jahrzehnte ein gutes Dutzend von „Control-Stücken“, und auch „Utopia“ erfuhr zwei weitere orchestrale Ausformungen. Im dritten Stück, das auch in Luzern zu hören ist, wird das Orchester – und somit auch der Klang – im ganzen Raum verteilt.

Thomas Kessler: Trailer, Composer in Residence, Lucerne Festival 2019

Es ist bezeichnend dafür, wie Kessler (geboren 1937 in Zürich) vorgeht. Er ist nie zufrieden mit den erreichten Lösungen, ihm schwebt stets etwas Neues und Einzigartiges vor. So bewegte er sich stets etwas abseits vom Mainstream Neuer Musik. Nach seinen Kompositionsstudien in Berlin gründete Kessler dort ein eigenes Elektronisches Studio, mit dem er bald bekannt wurde. Sein Ruf drang schliesslich sogar in die Schweiz zurück. Ab 1973 unterrichtete er Komposition und Theorie an der Musik-Akademie Basel und baute dort das renommierte Elektronische Studio auf. So gehört er hierzulande neben Bruno Spoerri und Gerald Bennett zu den Pionieren der elektronischen und live-elektronischen Musik.

Jeglicher Akademismus blieb ihm freilich fremd. Statt eines perfekten glatten Sounds strebte er nachs Ungewohntem – so eben in den Orchesterstücken „Utopia“. Man braucht einiges Vertrauen, um jedem einzelnen Orchestermusiker im Konzert live die Klangmodulation via Laptop anzuvertrauen. Etwas Neues kann so entstehen: „Das gibt einen elektronischen Orchesterklang, denn keiner ist absolut genau. Der eine ist etwas lauter, der andere etwas leiser, das stimmt nicht ganz, und so ergibt sich ein Mischklang, den man noch nie gehört hat.“

Slam-Poetry und Orchester

Als Kessler 2001 frisch pensioniert nach Toronto übersiedelte, suchte er nach neuen musikalischen Begegnungen, jenseits des etablierten Konzertbetriebs: „auf der Strasse, in den Lokalen, in denen sich am Wochenende junge Leute treffen, dem Ort der lebendigen Slam-Poetry, einer Kunstform, die mich tief beeindruckt hat, die dort sehr stark ist und, obwohl man den Rap immer wieder mal totsagt, lebt und einfach nicht totzukriegen ist.“

Thomas Kessler und Saul Williams © Werner Schnetz

Nach einer längeren Recherche klopfte er schliesslich beim Slam Poeten Saul Williams an. Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Aufgrund der Texte entstand erst ein Werk für Orchester („…said the shotgun to the head“), dann eines mit Streichquartett („NGH WHT“), jedes ganz anders im Duktus und in der musikalischen Anverwandlung der Sprache – und beide sind einzigartig in der zeitgenössischen Musik, denn die Wirkung ist an- und zugriffig, sie lassen einen nicht kalt.
Thomas Meyer

Sendungen SRF:
10.9., 10h: “Musikmagazin”
4.9., 21h: «Neue Musik im Konzert»: Late night 1

Konzerte Lucerne Festival u.a.: 

17.8.2019, Late night 1: Mivos Quartett, Saul Williams: u.a. NGH WHT
24.8.19, 15h, Moderne 1: Thomas Kessler u.a., Control-Zyklus III
24.8.19, Late night 2: Thomas Kessler, Saul Williams, Orchester der Lucerne Festival Academy, u.a. Utopia III, „…said the shotgun to the head“  

Neo-profiles:
Thomas Kessler, Lucerne Festival Moderne, Lucerne Festival Academy

Kuration als Meta-Kompositon: Das Glück des Ja-Sagens

Patrick Frank und Moritz Müllenbach äussern sich zur kommenden Saison des Ensemble Tzara

Ensemble Tzara: “Das Glück des Ja-Sagens”, Probenbild Saison 2019/20 

Drei sich überlagernde Teilkonzerte einer “Meta-Komposition” bilden die kommende Saison des Zürcher Ensemble Tzara. Sie verschränken Musik mit der Philosophie Friedrich Nietzsches. Als kollaboratives Projekt sind die Ensemblemitglieder, der Performer Malte Scholz, aber auch das Publikum am Verlauf der Konzerte beteiligt.
Patrick Frank, Komponist, Kulturtheoretiker und Kurator der Saison, und Moritz Müllenbach (Ensemble Tzara) beschreiben in ihrem Beitrag das Projekt.

 

Ensemble Tzara, The man who couldn’t stop laughing, 2016 ©Dominique Meienberg

Das erneute Erstarken von feindlich gesinnten Gegensätzen, sichtbar am allseits präsenten Populismus, stellt ‚Nein-Sager’ ins Rampenlicht. Durch geschickt gesetzte Tabubrüche wissen sie genau, wie die öffentliche Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen ist. In einer solchen – populistischen – Phase stecken wir aktuell fest, im Nachgang der globalen Neuordnung nach dem Mauerfall 89’ und der digitalen Revolution.

Grund genug, Nietzsche neu zu lesen. Die ‚Nein-Sager’, analysierte Nietzsche, prägten seit jeher die westliche Kultur. Sie ‚erfanden’ das Ressentiment. Was wir heute erleben, ist also nichts Neues. Nietzsche kämpfte dagegen für das Recht der ‚Ja-Sager’, aus deren JA eine Kultur der Schaffenden und Selbst-Erschaffenden würde, ohne das Fremde und Andere ablehnen zu müssen.


Ensemble Tzara, Stephen Takasugi: The man who couldn’t stop laughing 2016

Ausgangspunkt für das Saisonprogramm 19/20 des Ensembles Tzara wurde das Buch ‚Nietzsche und die Philosophie’ des französischen Philosophen Gilles Deleuze (1925-95), insbesondere das Kapitel „Religion, Moral und Erkenntnis“.

“Konzert in drei getrennt voneinander aufgeführten Teilen”

Die kuratorische Aufgabenstellung wurde als Komposition, genauer, als „Meta-Komposition“, angegangen. Deshalb ist das Saisonprogramm als ein Konzert in drei getrennt voneinander aufgeführten Teilen konzipiert. Die drei Teile der Saison widmen sich dem deleuzschen Kapitel „Religion, Moral und Erkenntnis“, das wir auf den Zustand der Avantgardemusik bezogen: aus Religion wurde das Wahrheitsgebot, aus Moral das Kritikgebot und aus Erkenntnis das Strukturgebot. Dies führte zu folgenden Entscheidungen:

Die drei Teile werden in den drei ‚Sphären’ Natur, Privatheit und Öffentlichkeit aufgeführt: im Zürcher Stadtwald Käferberg, in einem privaten Wohnzimmer und schliesslich im Theaterhaus Gessnerallee.

Die aufgeführten Musikwerke werden nur teilweise vollständig gespielt, sondern mehrheitlich auf die gesamte Meta-Komposition (das Saisonprogramm) aufgeteilt.

Tonbeispiel Patrick Frank:

“Siegel&Idee”: Festival Wien Modern 2016 unter dem Motto: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und wo sind wir hier überhaupt?

Zum Ablauf: Gespielt werden im ersten Teil Werke von Franz Schubert, Galina Ustwolskaia, Olivier Messiaen, Trond Reinholdtsen (UA) und Arvo Pärt. Was hingegen in den Teilen zwei und drei auf die Bühne bzw das Wohnzimmer kommt, entscheidet sich in Teil eins. Die Entwicklung der Meta-Komposition kann auf der Tzara-Homepage und dem neo-Profil verfolgt werden (Videoausschnitte, Texte, Publikumsentscheidungen, Daten, Zeiten und Orte).

Teile eins und zwei werden per Video aufgezeichnet, und die Aufnahmen teilweise in den jeweils nächsten Teil integriert:  Ab Teil zwei wird zwischen ‚live’ gespielter Musik und Videoaufnahmen (aus Teil eins) changiert. Das Publikum wird dabei mit einbezogen in die Gestaltung der kommenden Teile.

So entstand und entsteht eine plurale Meta-Komposition, die der Pluralität in Nietzsches Denken zu entsprechen versucht.

Patrick Frank / Moritz Müllenbach

Patrick Frank, composer &curator in residence Ensemble Tzara Saison 2019/20

Daten:
Metakomposition Teil eins: 7. September 2019, Stadtwald Käferberg 18h
(genauer Ort &Treffpunkt siehe Neo-profil Tzara / Homepage Tzara)

Weitere Teile zu verfolgen auf:
Ensemble Tzara

neo-profiles:
Patrick Frank, Ensemble Tzara, Moritz Müllenbach, Simone Keller

Pling! Plong! Brrr!

Michael Pelzel

Der Ostschweizer Komponist Michael Pelzel feilt fürs Opernhaus Zürich an der Vollendung seiner ersten Oper. Im Interview spricht er über Gratwanderungen, Nullenergiezustände und die gewisse Lockerheit, die es bei der Arbeit braucht.

Michael Pelzel, wie läuft das Leben?  
Es ist grad alles sehr hektisch. Ich bin gerade am Limit. Und arbeite im Moment von zuhause aus.

Sie stecken im Schlusspurt für ihre Oper «Last Call».
Zum Glück kann ich mich auf eine tolle Equipe verlassen. Es ist ja ein Gemeinschaftswerk. Als Opernkomponist muss man immer auch auf die anderen Künste eingehen.

Gab es Diskussionen?
Nur in einem Punkt. Ich hatte mir für den «Last Call» einen traumwandlerischen Schlusspunkt ausgemalt. Eine Art Schwerkraft-Song, der etwas an einen Kirchenchoral erinnert, aber auch ein wenig wie man es vom Vokalquartett  Manhattan Transfer kennt. Der sollte am Schluss dramaturgisch einen Nullenergiezustand herstellen. Aber meine Partner Chris Kondek und Jonathan Stockhammer fanden, dass das schon früher eingelöst wird, und es diesen Moment nicht nochmals zum Ende der Oper braucht. Das hat mich letztlich überzeugt.
 
Wie entstand die Idee zu «Last Call»?
Der Luzerner Autor Dominik Riedo kam auf mich zu. So haben wir den Stoff gemeinsam entwickelt. In einem inspirierenden Ping-Pong. Riedos Text hat sich meiner Musik angenähert und verwendet eine lautmalerische Sprache. Sie ist schon fast Comic-artig. Pling! Plong! Brrr!

In «Last Call» geht es darum, dass die Menschheit endgültig die Kontrolle über die Kommunikationsmedien verliert und darum auf einen fernen Planeten übersiedelt.
Sie kennen das sicher auch – ich erlebe es auf jeden Fall tagtäglich. Kaum hast Du 30 Mails abgearbeitet, ist das Postfach schon wieder voll. Auf allen möglichen Kanälen wird man bombardiert. Und dann sind da die Techgiganten wie Amazon oder Google, die immer mehr über unser Leben wissen. Das stimmt einen schon nachdenklich.

Im Programmtext lesen wir, die Oper sei grotesk-überspitzt.
Ja, es soll skurril werden, irgendwo zwischen «Die Physiker» von Dürrenmatt oder «Le Grand Macabre» von György Ligeti. Ich bin da auch ein bisschen von Christoph Marthaler inspiriert, bei dessen Inszenierungen man öfters auch nicht weiss: Ist es jetzt ernst gemeint? Oder ist das ein Witz? Ich mag solche Gratwanderungen.

Michael Pelzel, Last Call, UA 28.6.19, Opernhaus Zürich ©Herwig Prammer

Wie sind sie «Last Call» kompositorisch angegangen?
Viele Komponisten sind schon am Vorhaben verzweifelt, dass sie alle musikalischen Parameter aufeinander abstimmen wollten. Man muss mit einer gewissen Lockerheit ans Werk gehen. Und bei einer Länge von 90 Minuten kannst du nicht alles neu komponieren. Ich habe also alte Motive weiterentwickelt und vertieft.

Und natürlich mehr in Richtung Theater gearbeitet. In der zeitgenössischen Oper stört mich, dass da diese latente Tragik in allen Dingen steckt. Eine schon fast klischeehafte Tiefgründigkeit. Dem wollte ich entgegen wirken. Ich habe mir erlaubt, hie und da etwas frecher zu sein.

Frecher?
Wir haben zum Beispiel die Melodie von der «Sendung mit der Maus» leicht abgewandelt. Das ist natürlich nichts Neues. Das hat schon Mozart gemacht: Dieses Variieren innerhalb der eigenen Musiksprache. Oder Wagner, der plötzlich überraschend Barockes anklingen liess.

Worauf darf man sich als Besucher freuen?
Ich bin selbst gespannt, wie das alles zusammenkommt. Das Kind muss selbst laufen lernen. Aber man darf sicher auf die Videokunst von Chris Kondek gespannt sein. Toll, wie er mit ganz wenigen Mitteln eine trashige Pop-Art in die Oper zaubert. Und das Bühnenbild von Sonja Füsti, das die Videokunst sehr gut zur Geltung bringt. Und auch die Kostüme von Ruth Stofer. Eigentlich alles. Wie ich schon sagte: es ist ein Gemeinschaftswerk.

Michael Pelzel, Last Call, UA 28.6.19, Opernhaus Zürich ©Herwig Prammer

Interview: Bjørn Schaeffner, 7. Juni 2019

Opernhaus Zürich

neo-profiles:Michael Pelzel, Opernhaus Zürich, Jonathan Stockhammer, Philharmonia Zürich

SRF-Sendungen
29.Juni 2019: “Musikmagazin“, Kaffee mit Michael Pelzel (auch als Podcast)
1. Juli 2019, “Kultur-Aktualität“: Bericht zur Premiere; “Kultur Kompakt