Multisensorische Gesamtinszenierungen: Das Duo eventuell.

Entdecken! Aus dem wachsenden Pool an neo-Profilen fischte Julian Kämper das Saxophon-Duo eventuell. Die Besonderheit: ein multisensorischer Ansatz, der immer wieder das eigene Künstlerinnendasein und den eigenen Körper zum Thema macht.

Mit den beiden Saxophonistinnen und Performerinnen Manuela Villiger und Vera Wahl unterhielt er sich zu ihren Beweggründen.

 

eventuell.: Manuela Villiger und Vera Wahl ©zVg eventuell.

Julian Kämper
2015 gründeten die Instrumentalistinnen Manuela Villiger und Vera Wahl das Duo „eventuell.“. Eigentlich als Saxophon-Duett. Doch das Saxophon ist ein verhältnismäßig junges Instrument und die Duo-Besetzung untypisch, das klassische Repertoire also überschaubar. Deshalb kollaboriert eventuell. seit Beginn intensiv mit – meist jungen und internationalen – Komponistinnen und Komponisten wie Yiran Zhao, Loïc Destremau, Mauro Hertig und Victor Alexandru Coltea. Oder es entstehen eigene Kompositionen.

Die Programme von eventuell. sind oft visuell, körperlich und szenisch angelegt: Gesamtinszenierungen, die nicht in erster Linie hörend, sondern multisensorisch wahrgenommen werden sollen. In ihren Projekten binden die beiden Performerinnen, die gemeinsam in Luzern und Zürich studiert haben, außermusikalische Kontexte ein und machen immer wieder ihr Künstlerinnendasein und ihren eigenen Körper zum Thema.


Manuela Villiger Beat for two soprano saxophones, video and electronics, eventuell., UA 2020

Die Konzertformate, die das Duo in Eigenregie entwickelt, sind weit entfernt von den musikalischen Praktiken, wie sie im konventionellen Hochschulstudium gemeinhin vermittelt werden. Was waren die Beweggründe, das eigene künstlerische Profil derart zu schärfen? – fragte ich mich und verabredete mich mit Manuela Villiger und Vera Wahl zum Gespräch.

Ihr Repertoire umfasst Stücke mit Live-Elektronik, Video und performativen Elementen. Sie reizen die Klang- und Spielmöglichkeiten des Saxophons aus und behandeln Ihr Instrument oftmals auf unübliche Weise – zum Beispiel in Julian Sifferts Komposition „Grammars of Crisis“. Wie ist es für Sie, nicht nur das Saxophon, sondern auch Sensoren, Alltagsgegenstände oder den Körper als Instrumente einzusetzen?

VW: Das ist ein Prozess, der automatisch passiert, wenn man sich für diese Art von Musik interessiert. Wir können unsere Musikalität vom Saxophonspiel mitnehmen und auf performative Elemente übertragen. Da ist es nicht wichtig, was man in den Händen hält. Hauptsache, man drückt sich gerne mit dem Körper aus. Es gibt in dem Stück ja auch beides: Passagen mit und ohne Instrument.

Julian Siffert Grammars of Crisis für Sopransaxophon, Altsaxophon, Video und Elektronik, eventuell., UA 2019

In diesem Stück treiben Sie Sport, präparieren Ihre Instrumente. In anderen Fällen bedienen Sie allerlei elektronische Geräte. Begeben Sie sich da nicht in fremdes Metier?

MV: Bei dem Einsatz von Elektronik war und ist es „learning by doing“ und „Trial and Error“. Es ist eine Frage des ästhetischen Mittels. Auf dem Saxophon haben wir Stunden, Tage, Wochen damit verbracht, irgendwelche Techniken zu erlernen. Wenn wir etwas ganz exakt reproduzieren müssen, dann ist das Saxophon unser Mittel. Denn da wissen wir zu 99% sicher, was passiert, wenn wir dies oder jenes machen. Aber in gewissen Stücken ist diese Ästhetik nicht gefragt, sondern da geht es genau darum, eben nicht alles unter Kontrolle zu haben. Diesen Gegensatz setzen wir bewusst ein: wir haben ein Mittel, mit dem wir etwas sehr präzise ausführen können, aber wir wollen dieses Mittel nicht immer einsetzen – sonst verliert es die Aussagekraft.

VW: Im ersten Teil von Grammars of Crisis, wenn das Video mit unseren Sportübungen läuft, spielen wir, was wir hören. Wir doppeln quasi die Tonspur. Das Instrument ist hier das Mittel zum Zweck. Wir könnten das auf einem anderen Instrument nicht so gut nachvollziehen und umsetzen wie auf dem, das wir am besten beherrschen.

Individuen mit Abweichungen auf der Bühne sichtbar machen

Der Kontrollverlust kam zur Sprache: Warum setzen Sie sich in einigen Stücken unvorhersehbaren und körperlich anstrengenden Situationen aus?

MV: Dieser Fokus auf das Individuell-Sein ist für uns sehr wichtig. Wenn ich persönlich ein Konzert besuche, sehe ich erstmal einen Menschen in seiner Rolle als Musiker. Mich fasziniert, jemanden atmen zu hören oder zu beobachten, wie er sich bewegt beim Spielen. Daran merke ich dann: dieser Musiker unterscheidet sich von jenem Musiker. Im klassischen Konzert wird das aber normalerweise möglichst ausgeblendet, denn da geht es um das Klangresultat, das so klingen soll, wie es in den Noten steht. Wir wollen zeigen, dass wir auf der Bühne alle Individuen mit Abweichungen sind.

VW: In unserem Programm „eventuell. limit“ haben wir das zum zentralen Thema gemacht. Da ging es um verschiedene Arten von Grenzen. Es geht uns nicht darum, alles möglichst perfekt zu spielen und alles zu kaschieren, was eben nicht perfekt ist. Alle Performenden sind Menschen und keine Maschinen. Das spannende daran sind auch die Fehler und das Unperfekte.


Manuela Villiger augenBlick for two amplified soprano saxophones, eye-blink sensors, video and electronic sounds, eventuell., UA 2019

In Ihren selbst komponierten Stücken thematisieren Sie oft Ihre eigenen Körper – Körperteile wie Augen oder Füße werden zu visuellem und musikalischem Material. Ist das eine Strategie, um sich als Interpretinnen in den Fokus zu rücken?

MV: Für uns ist das keine Selbstinszenierung. Es geht um eine Auseinandersetzung mit den physischen Voraussetzungen, die wir als Menschen mitbringen. Da sind wir beim Thema Individualität: Was unterscheidet mich von anderen? Es ist offensichtlich der Körper. Für uns ist das schon lange ein Thema und wir möchten das auch in unsere Performances und Konzerte übertragen. Also integrieren wir in einigen Stücken Videosequenzen, die Teile unserer Körper zeigen.


Vera Wahl foot prints for two alto saxophones, video and tape, eventuell., UA 2020

Emotionale Statements – politische Diskurse 

Sie bezeichnen Ihre Konzerte auch als „emotionale Statements“ und „politische Diskurse“. Wie kann man das verstehen?

VW: Wir investieren viel Zeit in unsere Projekte. Dabei diskutieren wir viel und stellen uns Fragen über das, was wir da machen. Diese ganzen – sagen wir – philosophischen Themen und emotionalen Aspekte bringen wir dann auch in die Performances ein. Wir suchen nicht unbedingt irgendein politisches Thema aus und geben dann unsere Meinung preis. Wir stellen eher Fragen: Diese Fragestellungen sind manchmal sehr diffus in den Stücken verborgen. Teilweise arbeiten wir auch mit Textelementen, um das Publikum zur Auseinandersetzung mit bestimmten Themen anzuregen.

MV: Die Überlegung hat sich wohl jeder zeitgenössische Musiker schon gemacht: Wo liegt der Profit der Gesellschaft bei dem, was wir machen? Wenn ich die Gewissheit habe, mich mit Fragestellungen unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen, rechtfertigt das für mich persönlich, dass ich so viel Zeit in diese Projekte investiere. Ich weiß, es gibt Komponistinnen und Musiker, die davon überzeugt sind, dass Musik für sich steht und keine außermusikalischen Kontexte benötigt. Das stimmt für uns so nicht. Nach Konzerten haben wir oft interessante Gespräche mit Leuten, die unsere Fragestellungen ganz anders interpretiert haben als wir. Das ist für uns eine schöne Bestätigung. Denn unsere Performance hat dazu angeregt, sich Gedanken zu machen.
Julian Kämper

 

eventuell.: Manuela Villiger und Vera Wahl ©zVg eventuell.

 

eventuell., Julian SiffertYiran Zhao, Loïc Destremau

Geplante Konzerttour:
eventuell. connected21, 20.05.-01.06.2021: Kompositionen von Lara Stanic und Mathieu Corajod, Zürich, Basel, Olten, Baden und Luzern

Geplante Sendung:
BR KLASSIK Horizonte, 06.05.2021, 22:05: da sein. Das Saxophon-Duo eventuell., Autor: Julian Kämper, Redaktion: Kristin Amme

Neo-Profiles: eventuell., Manuela Villiger, Vera Wahl, Mauro Hertig, Victor Alexandru Coltea, Lara Stanic, Mathieu Corajod

 

Wenn aus Leidenschaft Subversion wird

Portrait Simone Keller – Pianistin, Kuratorin, Performerin und Musikvermittlerin

Corinne Holtz
Das Jahr 2020 beginnt dicht getaktet mit Konzerten. Für Laptop4, ein instrumentales Theaterstück von Lara Stanić, schaltet das Kukuruz Quartett auch Kamera und Mikrofon ein. Für die Produktion des Ensemble Tzara und Uraufführungen von Patrick Frank und Trond Reinholdtsen sitzt Simone Keller am Klavier. Am Tag vor der Ankündigung des Lockdown, am 12. März, präsentiert sie zusammen mit dem Ensemble thélème ein launiges Programm mit Vokalmusik von Guillaume de Machaut bis Francis Poulenc.

Portrait Simone Keller © Lothar Opilik

Dann gehen die Lichter aus. Auch die Uraufführung Grosse Stimmung  von Edu Habensak für verschieden gestimmte Klaviere ist betroffen. Die Ruhrtriennale wird abgesagt, das Festival Wien Modern jedoch soll Ende Oktober stattfinden. Die Parkettsessel im grossen Saal des Wiener Konzerthaus müssen weichen. Es wird Platz geschaffen für insgesamt zehn unterschiedlich gestimmte Konzertflügel.

Simone Keller, Tomas Bächli und Stefan Wirth haben fest vor, am 31. Oktober den über drei Stunden dauernden Zyklus zu spielen. Das Finale ist ein neu beauftragtes Tutti, bei dem Studierende der Universität für Musik und darstellende Kunst mitwirken.
«Ja, wir reisen nach Wien, ausser es gäbe wirklich ein Einreise-Verbot. Auch die Quarantäne würden wir in Kauf nehmen. Ich habe Anfang September bei den Wiener Festwochen gespielt. Die Veranstalter haben unendlich sorgfältig Regeln und Massnahmen eingehalten, damit die Vorstellungen stattfinden konnten.»


Rat einer Frau: “weniger Emotionen zeigen und die Frisur vorgängig mit einem Mann absprechen..”

Simone Keller spricht auch offen über die finanziellen Folgen der Pandemie. 80% der Verdienstausfälle konnte sie in den letzten Monaten durch die staatlichen Unterstützungsmassnahmen decken. Das neue Covid-Gesetz, seit September in Kraft, sichert den Erwerbsersatz bis Juni 2021. Berechtigt ist aber nur, wer gegenüber den Einnahmen von 2015-2019 eine Umsatzeinbusse von mindestens 55% belegen kann. “Das ist natürlich ein Hohn, wenn man wie ich im Jahr nur 40’000 Franken verdient, also auch mit 100% nur knapp durchkommt.”

 

Simone Keller in Lara Stanic, Fantasia für Klavier-Solo und Elektronik, 2020

Die Krise ist existenziell. Trifft sie Frauen härter als Männer? «Als freischaffende Künstlerin bin ich sowieso zuunterst in der Nahrungskette. Dort wird wahrscheinlich nicht mehr nach Geschlecht abgestuft.» Anders sieht es aus, wenn Frauen auf die Bühne kommen und Signale senden, die das Publikum bewertet. «Für mich war die Rückmeldung einer Frau in einer hohen Leitungsfunktion ein Schlüsselerlebnis. Sie riet mir, weniger Emotionen beim Musizieren zu zeigen und meine Frisur immer vorgängig mit einem Mann abzusprechen. Sie selber würde immer ihren Ehemann fragen, wie er ihr Äusseres bewerte, bevor sie zu einem wichtigen Termin gehe.» Seither schaut sich Simone Keller «auch den Sexismus unter Frauen genauer» an.

Simone Keller spielt Julia Amanda Perry © Wiener Festwochen 2020 reframed

“möglich machen, was unmöglich ist”

Die Musikerin erforscht sich selbst, wenn sie wenig bekanntes Repertoire erschliesst und erfrischende Formen der Programmierung wagt. Zum Beispiel im Rahmen der Carte blanche, die ihr der Jazzclub Moods in Zürich gewährt hat. «Möglich machen, was unmöglich ist», sagt die Pianistin und Kuratorin am ausverkauften Eröffnungsabend des Festivals ‘Breaking Boundaries’. Ihr Treiber scheint Leidenschaft und Subversion in einem zu sein, getragen vom Feuer, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen.

Drei Spielorte hat sich Simone Keller für die drei Programmpunkte ausgedacht: vier Konzertflügel in jeweils eigener Stimmung für einen Querschnitt aus Edu Haubensaks Klavierzyklus Grosse Stimmung, sechs Klaviere für Musik von Julius Eastman -interpretiert auch von drei Asylsuchenden als MitmusikerInnen-, sowie den Flügel aus dem Moods für die Improvisation von Vera Kappeler und Peter Conradin Zumthor am Schlagzeug. «Der Aufwand war enorm, die Realisierung verdanken wir dem Einsatz des Klavierbauers Urs Bachmann und seinem Team.»


Einladung zum Farbenhören – eine einzige Taste wird zum Mikrocluster

Simone Keller versprüht Funken wenn sie loslegt. Jeder Ton bekommt jene Zufuhr an Energie, die er braucht. Präzise platziert in Raum und Zeit, geformt aus pianistischem Feinsinn. Patterns werden zu nachvollziehbaren Phrasen. Schockmomente sind ebenso überlegen ausgearbeitet wie lyrische Gesten. Die extrem physische Musik Haubensaks wird plastisch. Als “Geräuschkuben” bezeichnet Haubensak die resultierenden Klänge: sie springen die Zuhörerin regelrecht an. Das Schwirren der sich überlagernden Schwingungen etwa in Collection II  setzt nie gehörte Farben frei. Es wetterleuchtet im Ohr. Haubensak hat für die Skordatur von Collection II eine eigene Mischstimmung kreiert. Jede Lage des Klaviers bekommt dadurch einen besonderen Charakter. Werden alle drei Saiten (bzw. Töne) einer Taste unterschiedlich gestimmt, weitet sich der Horizont. Eine einzige Taste wird zum Mikrocluster. Das Klavier entgrenzt sich, wenn alle 241 Saiten anders gestimmt sind. Und der Angriff auf das Herrschaftsinstrument wird zur Einladung zum Farbenhören.


Simone Keller spielt Edu Haubensak Pur, für Klavier in Skordatur (2004/05, rev. 2012)

Simone Keller formuliert über die Kunst hinaus «kühne Wünsche»: Soziale Absicherung von Künstlerinnen und Künstlern, ein Grundeinkommen bei gleichzeitiger Selbstverantwortung des Risikos, Einbindung von Aussenseitern in die kulturelle Praxis. Dort wird es vermehrt zu tun geben, denn die Krise hat eben erst angefangen. Die Pianistin leitet seit 2014 zusammen mit dem Regisseur Philipp Bartels das Künstlerkollektiv ‘ox+öl’. Es führt Kompositions- und Improvisationswerkstätten durch: für und mit Kindern mit Migrations­hintergrund. Es gibt partizipative Konzerte: mit jugendlichen Gewalt­verbrechern im Gefängnis.

Simone Keller wappnet sich für die unwägbare Zukunft. Im Sommer hat sie sich auf ein weiteres Feld eingelassen: eine «Intensiv-Weiterbildung in Gebärdensprache, ausgelöst von einem Musiktheaterprojekt mit Gehörlosen». Vielleicht macht sie eine Ausbildung und wird Gebärdensprache-Dolmetscherin, «ein sehr gesuchter Beruf». Es kann sein, «dass ich meine soziokulturelle Arbeit im Gefängnis und im Asylbereich vertiefen werde und weniger selber konzertiere.»
Corinne Holtz

Portrait Simone Keller

Festival Wien Modern, Edu Haubensak: Grosse Stimmung, 31.10.20

Simone Keller, Wien Modernox&öl – Breaking Boundaries Festival, Philipp Bartels, Edu Haubensak, Tomas Bächli, Stefan Wirth, Ensemble Tzara, Lara Stanic, Patrick Frank, Ensemble thélème, Duo Kappeler Zumthor, Urs Bachmann, Trond ReinholdtsenMoods Club, Kukuruz Quartett

Sendungen SRF 2 Kultur:
Kontext, Mittwoch, 21.10.20, 17:58h: Künste im Gespräch, Redaktion Corinne Holtz

in: Musik unserer Zeit, Mittwoch, 21.10.20., 20h: Redaktion Florian Hauser / Roman Hošek / Gabrielle Weber: Sc’ööf! & neo.mx3

Neo-Profiles:
Simone KellerEdu Haubensak, Lara Stanic, Stefan Wirth, Ensemble Tzara, Patrick Frank, Peter Conradin Zumthor, ox&öl, Kukuruz Quartett, Trio Retro Disco

Texte:
Thomas Meyer: Edu Haubensak – Das wohlverstimmte Klavier, in: Schweizer Musikzeitung, Nr. 11, November 2011
Edu Haubensak: von früher…von später. Im Dickicht der Mikroharmonien, in: MusikTexte 166, August 2020
Pauline Oliveros: Breaking Boundaries

Klangwandern: ja!

Jaronas Scheurer
Aufgrund des Coronavirus wurden diesen Sommer alle Festivals abgesagt. Alle? Fast alle! Ein kleines Festival für Neue Musik im Oberbaselbiet wird trotz allem durchgeführt: Das Festival Neue Musik Rümlingen.

Festival Rümlingen 2016, Serge Vuille, Change © Schulthess-Foto

Der Grund für diese Ausnahme ist das spezielle Format des vom 20. bis 24. August im kleinen Oberbaselbieter Dorf Läufelfingen stattfindenden Festivals. «Wir schicken das Publikum auf eine Wanderung, auf der Kompositionen erlebt werden können, die spezifisch für die durchwanderte Landschaft geschrieben wurden.» erzählt der Geschäftsführer Tumasch Clalüna. Dies sei jedoch keine Besonderheit der diesjährigen Ausgabe, das Festival Rümlingen setzt schon seit seiner Gründung vor 30 Jahren auf ungewohnte Formate. Das Publikum wird in kleinen Gruppen von maximal 10 Personen losgeschickt, ganz BAG-konform. Reservation ist also Pflicht. Startpunkt der Klangwanderung ist der Bahnhof Läufelfingen. Von dort geht es die alte Passstrasse hinauf Richtung Hauenstein und in einer grossen Schlaufe dann zurück nach Läufelfingen zum Ausstellungsraum SilO12. Auf dem Weg trifft man auf die Werke von elf jungen Komponist*innen, die spezifisch für die jeweiligen Orte komponiert wurden. An jeder Station kann man kurz verweilen.


Tobias Krebs, rêves éveillés, 2019

Das Publikum läuft zur  Musik hin und wandert nach einer Weile weiter. Man erlebt also nicht unbedingt die ganze Komposition. Eine Herausforderung für die eingeladenen Komponist*innen, wie Tumasch Clalüna betonte. Einige kreieren beispielsweise eher Klangsituationen, statt konventionelle Kompositionen mit klarem Anfang und Ende. Andere arbeiten installativ oder lassen die anwesenden Performer*innen spontan auf das vorbeiwandernde Publikum reagieren. Statt von einem konventionellen Konzertfestival spricht Tumasch Clalüna daher lieber von einer «musikalischen Landschaftsbegehung». Zu dieser Idee passt beispielsweise die «Park Opera 2» des polnischen Komponisten Wojtek Blecharz, die am Festival uraufgeführt wird. Blecharz komponierte seine Oper spezifisch für die Landschaft oberhalb Läufelfingens. Oder die auf die Umgebung bezogene Performance «Waves» von Lara Stanic.

Lara Stanic: 4Laptops, 2019

Doch wieso findet das Festival Neue Musik Rümlingen eigentlich in Läufelfingen und nicht in Rümlingen statt? Sie seien schon vor einiger Zeit vom SiLO12 für eine Kooperation eingeladen worden, erklärt Clalüna. Das habe sich dieses Jahr besonders angeboten, da sie zusätzlich zur Musik eine Jubiläumsausstellung geplant haben.

Was beim weiteren Blick ins Programm des Klangwegs auffällt: Die Komponist*innen sind auffällig jung. Da sind bspw. neue Werke von Tobias Krebs, Léo Collin oder Anda Kryeziu zu hören und zu begehen. Das erstaunt, denn man könnte ja annehmen, ein 30-jähriges Jubiläum sei Anlass, um mal die grossen Namen der Neuen Musik-Szene einzuladen. Doch sei es dem Festival wichtiger, am Puls der Zeit zu bleiben und die Perspektive nach vorne einzunehmen als zurück zu blicken, sagt Tumasch Clalüna.


Léo Collin, Corals, 2020

Der Rückblick auf die 30 Jahren Festivalgeschichte fehlt aber nicht ganz. Am Ende der Klangwanderung im SiLO12 wird eine Ausstellung zu den 30 Jahren Neue Musik Rümlingen gezeigt. Dazu führt das Basler ensemble zone expérimentale unter dem Titel «Aus dem Schuber – Archiv Rümlingen» Werke aus der Geschichte des Festivals auf.

30 Jahre Neue Musik Rümlingen – HauenSteinSchlag: Infos
Der Klangweg und die «Aus dem Schuber»-Konzerte finden am Samstag 22. und Sonntag 23. August statt. Die Ausstellung ist vom Freitag 21. bis am Montag 24.August geöffnet. Am Donnerstagabend (20. August) wird die Ausstellung mit einer Vernissage eröffnet.

Festival Rümglinen 2019: Jürg Kienberger InneHalten © Schulthess-Foto

Neue Musik Rümlingen, Wojtek Blecharz, Delirium Ensemble, ensemble zone expérimentale

Neo-Profiles: Neue Musik Rümlingen, Daniel Ott, Lara Stanic, Léo Collin, Tobias Krebs, Andreas Eduardo Frank