un projet est avant tout une rencontre..

Der Genfer Komponist, Interpret und Kurator Alexandre Babel erhielt einen der Schweizer Musikpreise des Bundesamts für Kultur 2021. Am 17. September findet die feierliche Preisübergabe in Lugano statt. Im Gespräch erzählt Babel was er unter Komposition und Kuration versteht und wie er diese Tätigkeiten verwebt.

 

Portrait Alexandre Babel © Felix Brueggemann 2021

 

Gabrielle Weber
Alexandre Babel, Perkussionist, Komponist und Kurator, bewegt sich auf Avantgarde-Konzertbühnen, an Jazzfestivals, in Galerien und an Kunstbiennalen. Zwischen Berlin und Genf verbindet er klassische Avantgardemusik, Klangkunst, experimentelle Improvisation und Performance.

Es gebe so viele Arten zu komponieren, wie es Komponierende gebe, sagt Alexandre Babel. Komponieren umschreibt er deshalb lieber mit “Organisation von Klängen in Zeit und Raum”. Diesem Kompositionsverständnis sei auch das Kuratieren nahe. “Auch hier geht es darum, dass man existierende Klangobjekte an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit in Bewegung bringt und diese Objekte dann mit anderen Objekten in Verbindung setzt”.

Komponieren und Kuratieren: das sind für Babel verschiedene Seiten ein und derselben Tätigkeit. Babel kreiert, konzipiert, inszeniert, vernetzt und interpretiert.

Alexandre Babel, 1980 in Genf geboren, fand durch seinen ersten Schlagzeuglehrer in Genf zunächst zum Jazz. Anschliessend spezialisierte er sich in New York bei Jazzlegenden wie Joey Baron oder Jeff Hirshfield weiter und spielte in verschiedenen Formationen. „Am Jazz faszinierte mich nicht nur die Ästhetik, sondern vielmehr wie Musiker miteinander umgingen, um Musik zu kreieren. Das Mischen von Repertoire und Improvisation: das war für mich die Basis des Musikmachens“.

Gleichzeitig angezogen von der klassischen musikalischen Avantgarde, wechselte er bald zum klassischen Schlagzeug und fand, zurück in Europa, zur Komposition. John Cage, Morton Feldman, Alvin Lucier, Heiner Goebbels oder Helmut Lachenmann waren dann für Babels kompositorischen Weg wegweisend.

Bereits in ersten Stücken wie music for small audiences für kleine Trommel solo, setzt er sich dabei insbesondere auch mit der Rolle des Interpreten auseinander. “Mit Music for small audiences begann eine eigentliche Liebesgeschichte mit der kleinen Trommel”, meint Babel.

 


In einem seiner ersten Stücke, ‘music for small audiences’ erkundet Alexandre Babel neue Klänge für kleine Trommel solo und rückt die Rolle der Perkussion im Musikbetrieb in den Fokus.

 

Interpret – Improvisator – Komponist

 

Als Schlagzeuger ist Babel heute vielgleisig unterwegs: als feiner leiser Improvisator, als lauter experimenteller Drummer bspw. mit der Band „Sudden infant“ im Duo mit Joke Lanz oder als Interpret zeitgenössischen Schlagzeugrepertoires in diversen Formationen.

Gleichzeitig komponiert und kuratiert er und entwickelt Projekte für eigene Formationen wie bspw. das Berliner Kollektiv Radial, zusammen mit der Videokünstlerin Mio Chareteau.

„Musikmachen sehe ich als mehrere Prozesse. Der erste ist das ‚Denken‘ von Musik, also das Komponieren, dann die Übermittlung an jemanden, der die Musik realisiert, und zuletzt das Aufführen für ein Publikum: mich faszinieren alle diese Prozesse“, meint Babel.

Alle seine Tätigkeiten verbindet das Zusammendenken von Kreation und Interpretation und auch ein Interesse am Visuellen, am Raum und am Performativen.

 

“Was möchte ich sehen und was möchte ich hören..”

 

Komponieren beginnt für Babel immer mit einer Begegnung oder ist gar eine Begegnung. So entstehen Babels Kompositionen meistens konkret für Musikschaffende.

Die InterpretInnen hat er dabei immer vor Augen und lässt sich -nicht zuletzt- auch durch ihre Bewegungen, ihre Gesten beim Spiel inspirieren. Im Stück The way down für das Duo Orion bspw. ging Babel vom gemeinsamen Musizierens des Duos aus und inszenierte dieses akustisch und auch performativ.

 

Alexandre Babel, The way down pour violoncelle et piano, Duo Orion (Gilles Grimaître, piano, Elas Dorbath, Cello) 2020

 

 

«Am Anfang eines Projekts stelle ich mir die Frage: ‘Was möchte ich sehen und was möchte ich hören’: Das Visuelle ist für mich genauso wichtig wie das Klangliche. Das Duo Orion hat bspw. eine besondere Körperlichkeit beim Musizieren. Ich entwickelte für das Duo ein Stück, in dem die Gesten fast sportlich sind. Es entstand fast ein Tanz oder eine Choreografie», sagt Babel.

 

Kuratieren als permanenter Dialog

 

In idealer Weise seien seine drei Tätigkeiten, Komposition, Interpretation und Kuration in der künstlerischen Leitung des Festival les amplitudes (La-Chaux-de-Fonds, Herbst 2020) zusammengekommen, sagt Babel. „Ich hatte hier die Chance alle meine Aspekte innerhalb eines Objekts -das Festival und gleichzeitig die Stadt La Chaux-de-Fonds – zu verbinden: Ich dachte das Festival als eine Riesen-Komposition aus einzelnen Teilen – einer Kunstausstellung, Liveperformances, Drum Sets und Kompositionen für den Raum. Daraus bildete sich eine neue Einheit“.

Seit 2013 leitet Babel das Perkussionsensemble Eklekto Geneva Percussion Center. Es besteht aus zirka 20 MusikerInnen in loser Zusammensetzung. “Eklekto bietet für mich eine Gelegenheit, ungewöhnliche Perkussionssituationen zu entwickeln”. Alle Projekte entstehen in engem Austausch und Zusammenarbeit mit den Komponierenden und den MusikerInnen. “Kuratieren ist ein permanenter Dialog mit den beteiligten Musikschaffenden”.

 

Aufmerksames Hören

 

Pauline Olivero’s Stück Earth ears, ein sog ‘Sonic Ritual‘ von 1989 für freie Besetzung, sei charakteristisch für sein Verständnis von Kuratieren, meint Babel: „Die Musiker spielen nach dem Gehör. Es gibt keine geschriebene Partitur. Man muss sich selbst und auch dem ganzen Ensemble zuhören und darauf reagieren. Im Stück geht’s um Klang, um Raum und ums aufmerksame Zuhören: das ist für mich die Basis des Musikmachens”, sagt Babel.

 


Pauline Oliveros’ ‘Earth ears’, ein ‘Sonic Ritual’ und offen zu interpretierendes Stück von 1989, ist charakteristisch für Babels Ansatz des Kuratierens.

 

Wichtig ist für Babel zudem sein grosses Perkussionsensemble mit 15 Schlagzeugern aus dem Eklekto-Pool. „Wir haben klare Regeln: wir spielen auswendig und es wird nicht dirigiert: das Spielen ohne Leader schafft eine enorme Energie und Präsenz und eröffnet gleichzeitig neue Kommunikationswege, fast schon auf radikale Weise“.

 

Choeur mixte’ reflektiert das klassische Setting von Kammermusik und rückt zugleicht das oft unterschätzte klassische Orchester-instrument ‘kleine Trommel’ in ein neues solistisches Licht. Eine weitere Liebeserklärung an die kleine Trommel.

 

Im Stück ‘choeur mixte’ für 15 kleine Trommeln, spielen die Perkussionisten ihre Instrumente stehend, zu einem Keil formiert, im Lichtspot auf leerer Bühne. Sie agieren stark aufeinander bezogen: das Stück strahlt eine Kraft als Gruppe und gleichzeitig Eigenverantwortung der einzelnen InterpretInnen aus.

 

Musik ohne Klang

 

Aktuell arbeitet Babel u.a. an einem Kompositionsauftrag für die Kunstbiennale Venedig 2022. Zusammen mit der Schweiz-basierten franco-marokkanische Bildenden Künstlerin Latifa Echakhch gestaltet er den Schweizer Pavillon. Babel sieht sich dabei mit einer speziellen Herausforderung konfrontiert: Echakhch wünschte sich von Babel eine Komposition ohne realen Klang. „Das ist für mich eine wichtige und besondere Aufgabe: durch den gemeinsamen Kreationsprozess nähern wir uns Lösungen an, wie Musik ohne Klang klingen kann“, sagt Babel. Momentan entstehen dafür kurze Musikstücke, die die Basis bilden für die finale Musik der Stille.
Gabrielle Weber

 

Portrait Alexandre Babel ©Felix Brueggemann (2021)

 

Am Freitag, 17. September 2021, findet die feierliche Preisverleihung im Lugano Arte e Cultura (LAC) in Lugano statt. Am Wochenende treten einige der PreisträgerInnen im Rahmen des Longlake Festival Lugano auf.
Der diesjährige Grand Prix musique ging an Stephan Eicher. Die weiteren PreisträgerInnen: Alexandre Babel, Chiara Banchini, Yilian Canizares, Viviane Chassot, Tom Gabriel Fischer, Jürg Frey, Lionel Friedli, Louis Jucker, Christine Lauterburg, Roland Moser, Roli Mosimann, Conrad Steinmann, Manuel Troller, Nils Wogram.

 

Konzerte Alexandre Babel:
Sonntag, 19.9.21, 10:30h Studio Foce, LAC:
Alexandre Babel e Niton +ROM visuals

23.4.-27.11.2022 Biennale Arte Venezia:
Alexandre Babel & Latifa Echakhch @Swiss Pavillon

Joke Lanz, Joey BaronJeff Hirshfield, Pauline Oliveros, Biennale Arte 2022, John Cage, Morton Feldman, Alvin Lucier, Heiner Goebbels, Helmut Lachenmann, Latifa EchakhchKollektiv Radial, Mio Chareteau, Elsa Dorbath

 

Sendungen SRF 2 Kultur:
in: Musikmagazin, 18./19.9.21: Alexandre Babel – Träger BAK-Musikpreis 2021 im Gespräch mit Gabrielle Weber, Redaktion Annelis Berger

Musik unserer Zeit, 16.6.21: Alexandre Babel – Perkussionist, Komponist, Kurator, Redaktion Gabrielle Weber

neoblog, 14.10.2020: La ville – une composition géante, Text Anya Leveillé

 

Neo-Profiles:
Alexandre Babel, Les amplitudes, Eklekto Geneva Percussion Center, Duo Orion, Gilles Grimaître

 

 

Zeitbrücken über Epochengrenzen

20 Jahre lang gibt es sie schon: das Basler Klavierquartett Mondrian feiert Jubiläum. Wie gut, dass einige der zu diesem Anlass geplanten Konzerte nun tatsächlich stattfinden können.

Ensemble Mondrian ©zVg Ensemble Mondrian


Friederike Kenneweg
Durchwachsen, das war die diesjährige Konzertsaison nicht nur für das Mondrian Ensemble: allzuviele Veranstaltungen wurden abgesagt, verschoben oder mussten als Live-Stream online stattfinden. Doch für die vier Musikerinnen Tamriko Kordzaia (Klavier), Ivana Pristašová (Violine), Petra Ackermann (Viola) und Karolina Öhmann (Violoncello) war das noch mal extra bitter. Denn ausgerechnet 2020 und 2021 wollten sie das 20jährige Bestehen ihres Ensembles begehen. Das Jubiläumskonzert im Herbst 2020 konnte noch mit wenig anwesendem Publikum stattfinden. Die Veranstaltung aus dem Walcheturm in Zürich musste dann aber doch gestreamt werden. Der Vorteil: dadurch ist das Ereignis noch immer für alle online zugänglich.

 

Verbindungslinien zwischen den Epochen

Klassisch-Romantisches und Zeitgenössisches zusammenzubringen, das ist seit 20 Jahren charakteristisch für das Mondrian Ensemble. Dies zeigte sich auch im Jubiläumsprogramm. Ein Streichtrio von Schubert und vier Fantasiestücke von Schumann wurden mit Werken von Martin Jaggi (*1978), Jannik Giger (*1985) und Madli Marje Gildemann (*1994)  kombiniert. Auf diese Weise werden Verbindungslinien zwischen den Epochen wahrnehmbar,  aber auch Kontaste und Weiterentwicklungen treten umso klarer hervor. Dadurch, dass sich die vier Musikerinnen nicht auf eine Epoche festlegen, sondern die gesamte Musikgeschichte bis hin zur Jetztzeit als Material für ihre Konzertprogramme betrachten, fördern sie immer wieder Erstaunliches zutage – zum Beispiel Parallelen zwischen der melancholischen Schönheit englischer Renaissancemusik und dem langsamen Pulsieren eines Stücks des Österreichers Klaus Lang. Oder sie ermöglichen dem Publikum eine ganz eigene Art der Zeiterfahrung, wenn sie ein Klaviertrio von Schubert und ein Klavierquartett von Morton Feldman unmittelbar hintereinander zu Gehör bringen.

Wichtig ist dem Ensemble außerdem, zeitgenössische Kompositionen ins Repertoire aufzunehmen. Da das Ensemble sie über Jahre hinweg bei verschiedenen Gelegenheiten spielt, entwickeln und entfalten sich diese Stücke wie Interpretationen von klassischen Werken. Das ist im mehrheitlich auf Uraufführungen fokussierten Neue-Musikbetrieb sonst kaum möglich.

Die vier Musikerinnen legen außerdem Wert darauf, eng mit den Komponist*innen zusammen zu arbeiten – teilweise über lange Zeiträume hinweg. Mit Dieter Ammann zum Beispiel ist das Mondrian Ensemble schon seit der unmittelbaren Anfangszeit verbunden. Die Arbeit an der Uraufführung seines Streichtrios Gehörte Form aus dem Jahr 1998 führte überhaupt erst dazu, dass sich die Gründungsmitglieder Daniela Müller an der Violine, Christian Zgraggen an der Bratsche und Martin Jaggi am Cello schließlich im Jahr 2000 zu einem Ensemble zusammen fanden.

 


Dieter Ammann, Gehörte Form – Hommages für Streichtrio 1998, Eigenproduktion SRG/SSR

 

Mit Walter Zoller am Klavier wurde es ihnen möglich, sowohl Streich- und Klaviertrios als auch Klavierquartette aus allen Epochen miteinander aufzuführen. Die Flexibilität, die diese Art der Besetzung mit sich bringt, nutzt das Ensemble bis heute weidlich bei der Programmgestaltung aus. So finden sich darin auch Soli oder Duette in den unterschiedlichen Kombinationsmöglichkeiten.

 

Unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten

Ein weiterer Komponist, der das Ensemble schon lange begleitet, ist Jannik Giger aus Basel. Die erste gemeinsame Arbeit war das Stück „Intime Skizzen“. Jannik Giger begleitete die Musikerinnen beim Einstudieren von kompositorischen Skizzen von Leoš Janáček mit der Kamera. Das fertige Werk bietet über eine Videoleinwand Einblicke in die Probenräume der Musikerinnen, die vom Aneignungsprozess des Stückes erzählten. Dazu spielt das Ensemble live die Janáček-Fragmente und Ergänzungen, die Jannik Giger dazu komponiert hatte. Inzwischen gehört auch das Klaviertrio Caprice aus dem Jahr 2013 sowie das Streichtrio Vertige von Jannik Giger zum festen Repertoire des Ensembles.

Jannik Giger, Vertige für Streichtrio 2020

 

Mit dem östereichischen Komponisten Thomas Wally hat das Ensemble nicht nur eine Portrait-CD  aufgenommen, (Jusqu’à l’aurore, col legno 2020), sondern es wird auch im Mai gemeinsam mit ihm auf der Bühne stehen. Denn Wally komponiert nicht nur, sondern ist auch Violinist. Bei den anstehenden Konzerten ergänzt er Ivana Pristašová, Petra Ackermann und Karolina Öhmann zum Streichquartett. Im Programm BLACK ANGELS bringen sie das gleichnamige Stück von George Crumb aus dem Jahr 1970 zu Gehör, das Bezug auf den Vietnamkrieg nimmt. Die Streichinstrumente werden hier elektronisch verstärkt. Klänge vom Tonband kommen zum Streichquartett in Steve Reichs Komposition Different trains aus dem Jahr 1988 dazu. Different trains nimmt ebenfalls das Thema Krieg in den Blick – reflektiert anhand der Bedeutung, die Züge zur Zeit um den zweiten Weltkrieg hatten.

 

50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz – zum Einsatz kommt ein bespielbarer Backofen

 

Um 50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz kreist ein Programm, das für den Herbst 2021 geplant ist. Einen ersten Einblick gibt es schon am 4. Juni, wenn das Stück Garzeit des Künstlerduos LAUTESkollektiv zur Uraufführung kommt.

LAUTESkollektiv 2x Haensler ©zVg Stefanie Haensler

LAUTESkollektiv, dahinter verbergen sich die Komponistin Stephanie Haensler (*1986) und die Designerin Laura Haensler. Garzeit ist ein mehrteiliges Klavierquartett, in dem nicht nur die gewohnten Instrumente des Mondrian Ensembles  zum Einsatz kommen, sondern auch ein bespielbarer Backofen. Dieser transportiert einen Teil der Ästhetik und Lebensrealität der Frauen um 1971. Schalter, Hebel und Knöpfe werden während der Komposition von den Musikerinnen bedient und nehmen auf das Klanggeschehen Einfluss.

 


Stephanie Haensler: Ein Schnitt für Streichquintett 2019, Eigenproduktion SRG/SSR

 

Im vollständigen Programm werden darüber hinaus Stücke von Komponistinnen verschiedener Epochen und Generationen zu hören sein – von Clara Schumann (1819-1896) über Elfrida Andrée (1841-1929) und die fast vergessene St. Galler Komponistin und Dichterin Olga Diener (1890-1963) bis hin zu Rebecca Saunders (*1967) und Katharina Rosenberger (*1971).

Auf 2022 verlegt wurde das Programm des Mondrian Ensembles, in dem das Stück the ocarina chapter von Christoph Gallio uraufgeführt werden sollte – ein Auftrag des Mondrian Ensembles an den Schweizer Komponisten. Geplant war das Konzert als Begegnung des Ensembles mit dem Stimmkünstler Theo Bleckmann aus New York – ein künstlerisches Zusammentreffen, wie es die Situation momentan leider nicht erlaubt.
Friederike Kenneweg

 

Ensemble Mondrian ©zVg Ensemble Mondrian

 

BLACK ANGELS, das Jubiläumsprogramm mit Thomas Wally kommt nochmals am 7. Und 8. Mai zur Aufführung (Gare du Nord Basel, Kunstraum Walcheturm Zürich).

Die Uraufführung von Garzeit findet am 4. Juni im Historische Museum in Baden statt. Die Uraufführungstournee (Zürich, St. Gallen, Chur, Basel) dauert bis zum 1. November 2021.

Die Tournee mit einer Uraufführung von Christoph Gallio wurde auf 2022 verschoben.

 

Thomas WallyIvana PristašováGeorge Crumb, Steve Reich, Madli Marje Gildemann, Klaus Lang, Morton Feldman, Daniela MüllerWalter Zoller, Leoš Janáček, col legno, Laura HaenslerOlga Diener, Clara Schumann, Rebecca Saunders, Elfrida Andrée, Theo Bleckmann

 

Sendung SRF 2 Kultur:
Blick in die Feuilletons, 8.12.20, 20 Jahre mutige Kammermusik – das Mondrian Ensemble hat etwas zu feiern (ab Min 24): Ein Portrait von Gabrielle Weber

 

Neo-Profiles:
Mondrian Ensemble, Tamriko Kordzaia, Karolina Öhman, Petra Ackermann, George Crumb, Klaus LangMartin Jaggi, Jannik Giger, Dieter Ammann, Stephanie Haensler, Katharina Rosenberger, Christoph Gallio, Gare du Nord, Kunstraum Walcheturm

 

“partage de l’écoute”

Archipel, das Genfer Festival für zeitgenössische Musik, findet statt: live on stream vom 16. bis zum 25.April. Archipel sous surveillance, das Festival-Web-TV, bringt das Festival live ins Zuhause des Publikums.

 

Benoît Renaudin, 1000 flûtes, installation sonore, maison communale de plainpalais ©zVg Festival Archipel

 

Gabrielle Weber
2020 war in mancher Hinsicht ein besonderes Jahr für das legendäre Genfer Festival. Nach langjähriger Intendanz des Musikwissenschaftler Marc Texier trat ein neues Intendantenduo an. Marie Jeanson -sie stammt aus der experimentellen und improvisierten Musik- und Denis Schuler -er ist Komponist und künstlerischer Leiter des Genfer Ensemble Vide- wollen das Festival umkrempeln.

Das neue Intendantenduo erklärte mir im letzten Frühjahr, kurz vor dem geplanten Start, seine Vision des idealen Festivals. In einer eintägigen Carte Blanche sollte diese Vision exemplarisch umgesetzt werden.

Das Festival fiel als eines der ersten dem ersten Lockdown zum Opfer.
Dieses Jahr findet es online statt.

 

 So präsentierten Marie Jeanson und Denis Schuler sich und ihre eintägige Carte blanche, geplant für ihre erste Festivalausgabe 2020. Video Genf März 2020 ©neo.mx3

 

Die Vision von Jeanson und Schuler hörte sich an wie ein Fünf-Punkte-Plan: wie steht es nun damit? Was wurde -trotz Pandemie und Streaming- umgesetzt? Ich nahm unser Gespräch nochmals hervor… Ein Abgleich zeigt die Schnittmenge:

 

Der fünf-Punkte-Plan von 2020 – das Festival 2021: ein Vergleich

La musique c’est fait pour être vécue ensemble

2020: Alles ist eine Einheit – Musik und Leben gehören zusammen. Die Carte Blanche sollte einen ganzen Tag dauern, alles an einem Ort stattfinden -in der maison communale de Plainpalais-, und Gastfreundschaft mit gemeinsamen Mahlzeiten und Gelegenheiten zum Austausch im Zentrum stehen. Denn: “Musik ist da, um zusammen gelebt zu werden”, sagt Schuler.

2021: Umgesetzt ist die Einheit von Leben und Musik in Archipel sous surveillance’. Das experimentelle Festival-Web-TV begleitet on- &backstage hautnah vor Ort und bringt das Festival ins Wohnzimmer des Publikums, täglich von 12h-00h. Das Publikum lebt -wenn es möchte- mit dem Festival.. 

  

Archipel sous surveillance ©zVg Festival Archipel

 

‘cohérence poétique’

2020: Das Festival will sich in Zukunft weniger auf die Musikschaffenden als auf das Publikum ausrichten. “Wir möchten einen Rahmen schaffen, wo man berührt wird durch eine poetische Kohärenz. Wir erzählen Geschichten und möchten in den Menschen ein Begehren wecken, wiederzukommen”, sagt Jeanson.

2021: Vier Klanginstallationen bespielen vier Räume der Maison communale de Plainpalais. Sie sind während des ganzen Festivals online begehbar. Das charakteristische, historische Festivalstammhaus ersteht online neu und bildet einen durchgängigen poetischen Raum zwischen Fiktion und Realität.. 

 

Benoît Renaudin, 1000 flûtes, installation sonore, maison communale de plainpalais ©zVg Festival Archipel

 

‘faire exister la création’

2020: Am Festival-Wettbewerb um die meisten und besten Uraufführungen will Archipel nicht (mehr) mitmischen. “Vielen geht es ja nur darum, die ersten zu sein, die irgendetwas tun oder zeigen”, sagt Schuler. Dem Intendantenduo geht es aber darum, “die Kreation lebendig zu erhalten”. “Uns interessiert die Mischung von Komposition mit dem was direkt im Moment entsteht.

2021: Komposition und Improvisation begegnen sich an vielen Konzerten. Bspw. die Improvisatorin Shuyue Zhao und das Basler Ensemble neuverBand. Zhao hinterfragt in ihren Performances die Rolle der Interpretin und arbeitet mit Live-Elektronik, noise und Improvisation. Werke u.a. von Sofia Gubaidulina oder Junghae Lee, interpretiert vom Ensemble neuverBand, bilden zusammen mit Zhaos Improvisationen ein neues Ganzes.

 


Shuyue Zhao: noise fragments, 2019

 

‘partage de l’écoute’

2020: Auch Transdisziplinarität steht nicht im Zentrum des künftigen Festivals. Vielmehr geht es um das ‘reine Hören’. “Wir möchten einen besonderen Rahmen schaffen, in dem das konzentrierte Hören im Zentrum steht”, so Jeanson. Konzentration schaffe eine besondere Präsenz, die paradoxerweise der Stille nahekomme. “An der Carte Blanche gibt es bspw. ‘Salons d’écoute‘, Räume für das reine Hören also, mit Klangdiffusionssystem (Acousmonium) und Soundingenieur. Wer will bringt eine eigene CDs zum gemeinsamen Hören und Besprechen mit”.

2021: die salons d’écoute finden etwas anders statt: CDs können zwar nicht mitgebracht werden. Aber jeden Mittag um 12h gibt es sogenannte ‘partages d’écoute’ an denen ein*e Komponist*in seine/ihre Hörschätze (mit)teilt. Bspw. lassen sich da gemeinsam mit dem Komponisten Jürg Frey oder der Komponistin-Sängerin Cassandra Miller ihre Trouvaillen entdecken.

 

Rencontres à l’improviste – Unverhoffte Begegnungen

2020: Musikschaffende, die sich vorher nicht kannten, werden von den Kuratoren zusammengeführt. “Wir provozieren Begegnungen und schaffen den Rahmen: die Musiker*innen können in einem gegebenen Zeitrahmen spielen, was und wo sie wollen. Sie entscheiden kurzfristig, so dass das Publikum überrascht wird”, meint Schuler.

2021:  Insub.distances#1-8  verlinkt remote Musikschaffende. Cyril Bondy, der Leiter des Genfer Insub Meta Orchestra und d’Incise, Träger eines Schweizer Musikpreises 2019, initiierte das Projekt für Archipel’21. Dabei komponierten vier Genfer und vier internationale Komponierende je ein Stück für ein Duo: im harten Genfer Lockdown, von September bis Dezember 2020. Alle haben Nähe und Distanz zum Thema. Die Stücke wurden remote geprobt, eingespielt und online gestellt. Nun sind sie alle verteilt übers ganze Festival zu hören.


Insub Meta-Orchestra / Cyril Bondi & d’incise: 27times, 2016

 

Erstaunlich, wie passgenau sich Marie Jeansons und Denis Schulers im Kleinen angelegte Festivalvision nun im Grossen wiederfindet. Und das trotz Pandemie und Streaming.
Gabrielle Weber

 

Festival Archipel Teaser 2021

 

Das Genfer Festival Archipel findet vom Freitag, 16. bis zum Sonntag, 25. April statt. An zehn Tagen treten internationale Interpret*Innen und Ensembles wie Ensemble Ictus, Collegium Novum Zürich, ensemble Contrechamps, Eva Reiter mit Werken von u.a. Clara Iannotta, Alvin Lucier, Jürg Frey, Helmuth Lachenmann, Eliane Radigue, Cassandra Miller, Morton Feldman, John Cage oder Kanako Abe auf. Alle Konzerte sind per Stream kostenlos zugänglich.

Archipel sous surveillance sendet täglich von 12h-24h durchgehend von allen Austragungsorten, back- und onstage. Beteiligt sind die Genfer Filmcrew Dav tv und das alternative Fernsehen neokinok.tv.

 

Sendungen:
RTS:
Le festival Archipel met à l’honneur les musiques experimentales
SRF 2 Kultur:

neoblog, 12.3.2020Ma rencontre avec le future – ANNULÉ, Gabrielle Weber im Gespräch mit dem Intendantenduo Jeanson/Schuler.

Neo-Profiles: Festival Archipel, Shuyue Zhao, Jürg Frey, Insub Metha Orchestra, Ensemble Batida, Ensemble Contrechamps, Patricia Bosshard, d’Incise