Hyper Hyper!

Gabrielle Weber
Hyper Hyper!? Hyper Duo beherrscht die Kunst des Steigerns bis zum Exzess. Das Duo mit dem Pianisten Gilles Grimaitre und dem Schlagzeuger Julien Mégroz setzt konsequent auf Energie, Rhythmus und Satire. Grenzen scheint es für sie keine zu geben, weder zwischen Musikstilen noch Aufführungskontexten. Spielerisch und humorvoll unterwandert Hyper Duo gängige Vorstellungen und bewegt sich dabei zwischen klassischer Avantgarde und Pop-Rock. Im Gare du Nord – Bahnhof für Neue Musik Basel- kommt nun das neue Programm Hyper Grid zur Uraufführung.

 

Hyper Duo © 2020 Pablo Fernandez. Bienne, le 07 octobre 2020. HyperDuo, séance vinyl 01

 

Die beiden Romands bezeichnen ihr Hyper Duo als ‚experimentelle Band‘. Julien Mégroz stammt aus Lausanne und spezialisierte sich nach dem dortigen Studium in Basel an der FHNW auf zeitgenössische Musik. Gilles Grimaitre kommt aus Genf, studierte an der HKB in Bern und war anschliessend Stipendiat der internationalen Ensemble Moderne Akademie in Frankfurt. Beide bezeichnen sich auch als Performer, Improvisatoren, Komponisten oder Projekterfinder.

Stil- und Genre-Grenzen zu überwinden und den Horizont zu erweitern ist das Zentrale ihres Duos, immer auch in enger Zusammenarbeit mit weiteren Kunst- und Musikschaffenden. Energiegeladen und humorvoll bewegt sich Hyper Duo zwischen traditioneller Komposition aus der klassischen Avantgarde, rockiger Elektro-Energie und absurder Poesie. Inspiration und einen Fundus an Werken beziehen sie dabei gleichermassen aus der E- und der U-Musik.

Neue Stücke für Ihre Besetzung und Klassiker der Moderne, ergänzt mit experimenteller Elektronik, Video oder auch Objekten, bilden den musikalischen Kern.  Die Kompositionen stammen von sinnesverwandten Musikschaffenden oder auch von ihnen selbst.

Bereits mehrere Hyper-Programme belegen den unkonventionellen Zugang zum traditionellen Konzertformat. Sie tragen Titel wie Hyper Cut, Hyper Stuck, Hyper Fuzz oder Hyper Rift.

 


Hyper Rift, Trailer ©Musikfestival Bern 2020

 

Hyper Rift bspw. war eine durch seismographische Daten gesteuerte Licht- und Soundinstallation am Musikfestival Bern 2020. Im Innenraum der Monbijoubrücke machte das Duo in einer Liveperformance zusammen mit dem Videokünstler Pascal Meury tektonische Verschiebungen hör- und erfahrbar. Dabei reizte es mit Perkussion und Synthesizer auch das gerade noch erträgliche Lautstärkenlimit aus.

In Hyper Temper, einem Trioprogramm mit dem Perkussionisten Miguel Angel Garcia Martin, hinterfragten die beiden das Instrument Konzertflügel auf seine Rolle im Musikbetrieb, der Musikgeschichte, aber auch als Objekt im Alltag. Im ‘pièce d’ameublement‘ von Cathy van Eck wurde er zum Zierpflanzen-tragenden Möbel und damit zum Sinnbild für bürgerliches Wohnen im 19.Jahrhundert.


E- und U-Musik zusammenführen

In Hyper Grid nun treten die beiden wieder an ihren Kerninstrumenten – verstärktem Klavier, Drumset und Elektronik – auf und knüpfen dabei an die Vorgängerprojekte Hyper Fuzz und Hyper Cut an.

Hyper Cut ergänzte Drumset, Klavier und Elektronik humorvoll mit Video, Stimme und Objekten in neuen Werken von u.a. Simon Steen-Andersen, Sarah Nemtsov oder Wolfgang Heiniger.

 


Hyper Duo: Hyper Cut, Simon Steen-Andersen, difficulties putting it into practice, Video ©Hyper Duo

 

Das Projekt Hyper Fuzz hingegen verband neue, explizit groovige Stücke und Klassiker der Moderne mit Bezug zu Pop, Rock und Jazz, ergänzt mit elektronischen Interludes vom jungen Schweizer Klangerfinder Cyrill Lim. Da hörte man Werke von Frank Zappa, der selbst in ästhetischen Gesamtprojekten E- und U-Musik zusammenführte, neben Musik von Stockhausen oder dem jungen Lausanner Komponisten Nicolas von Ritter. Das Programm kam sowohl in klassischen Konzertsälen und -festivals als auch in Rock- und Jazzclubs zur Aufführung.

 


Hyper Duo / Hyper Fuzz @Taktlos Festival Zürich 2018, Video ©Hyper Duo

 

 

Im neuen Projekt vertieft Hyper Duo die Zusammenarbeit mit zwei Musikschaffenden.

Der serbische Komponist Marko Nikodijevic wirkt in seiner Uraufführung grid/index [ I ] für das Hyper Duo selbst an der Elektronik mit. Nikodijevic arbeitet in seinen Stücken gern mit der Fusion von traditionellen Instrumenten mit digitalen Klängen und setzt Verfahren aus Techno und Pop ein. Grid / index [ I ] geht auf ein gleichnamiges Werk des Künstler Carsten Nicolai zurück, eine riesige Sammlung an Zeichnungen zweidimensionaler Gitter und Muster. Nikodijevic übersetzt die Referenz in einfache rhythmische und melodische Muster, die an den sogenannten ‘Minimal-Techno’ der 90er Jahre erinnern.

 

Portrait Kevin Juillerat © zVg Kevin Juillerat

 

 

Kevin Juillerat, Komponist aus Lausanne, bezieht sich in seinem Werk L’Être-On auf Nikodijevic. Sein Stück basiert auf einem Text des surrealen Dichters Antonin Artaud aus einer von ihm in den 40er Jahren selbst produzierten Radiosendung. Juillerat untersucht darin die Analogie zwischen Poesie und Klang und schafft ein rhythmisches, Elektronik-versehenes, halbstündiges ‘Mini-Oratorium’.

 


Kevin Juillerat, le vent d’orages lointains, for piano and strings, UA 2018

 

Experimentell sind sie unterwegs, die zwei Romands, und subversiv witzig, aber auch musikalisch-poetisch sind ihre Programme allemal. Davon kann man sich in ihren zahlreichen Videos überzeugen. Ob Hyper Hyper noch gesteigert werden kann, davon überzeugt man sich am besten live im neuen Programm Hyper Grid, am 2.6. im Gare du Nord und ab November an weiteren Orten. Zumal nun nach so langer Zeit wieder live Konzerte möglich sind.
Gabrielle Weber

 

Hyper Duo © 2020 Pablo Fernandez. Bienne, le 21 novembre 2020. HyperDuo, séance vinyl 02

 

Der Gare du Nord – Bahnhof für Neue Musik Basel lädt in Fokus Romandie über drei Saisons Ensembles aus der Romandie ein. Hyper Grid ist das dritte und letzte Romandie-Programm dieser ersten Saison.

Im Programm kommen die neuen Werke «L’Être-On» für verstärktes Klavier, Schlagzeug, Stimme und Effekt-Pedale von Kevin Juillerat sowie «grid/index [ I ]» für Drumset, Klavier und Electronica von Marko Nikodijevic zur Uraufführung.

Concerts
2.6. 21 Gare du Nord Basel
4.11.21 IGNM Zürich
17.12.21 Salle Farel, Bienne

Indigne de nous , das erste Studioalbum von Hyper Duo wird am 5. Juni 2021 bei Everest Records veröffentlicht.

Marko Nikodijevic, Frank Zappa, Karlheinz Stockhausen, Carsten Nicolai, Antonin Artaud, Sarah Nemtsov, Wolfgang HeinigerMiguel Angel Garcia Martin

 

neo-Profiles:
HYPER DUOKevin Juillerat, Gilles Grimaitre, Julien Mégroz, Cathy van Eck, Simon Steen-Andersen, Cyrill Lim, Nicolas von Ritter, Gare du Nord

Forum für junge Musikerfinderinnen

Christian Fluri
Sie sind wichtig, ja essentiell, Förderungseinrichtungen speziell für junge Komponistinnen und Komponisten, die nach oder noch vor ihrem Studienabschluss stehen. Das Musikforum Biel/Bienne 2021 widmet sich dieser  Aufgabe im Bereich der Orchestermusik.

Im 9. Sinfoniekonzert am 19. Mai stellt das Sinfonie Orchester Biel Solothurn in Biel unter Leitung seines Chefdirigenten Kaspar Zehnder drei Uraufführungen vor.

Die Werke stammen alle von jungen Komponistinnen: von der Spanierin Gemma Ragués Pujol, der Schweizerin Michal Muggli und der Armenierin Argenaz Martirosyan. Verbindendes Element ist, dass die drei derzeit in der Schweiz leben, hier studieren oder ihr Studium abgeschlossen haben. Verbindend ist ebenfalls, dass sie Musik von grosser Dichte, Spannung und eigenständiger Klangsprache kreieren, und dass sie mit ihren Werken bereits verschiedene Preise gewonnen haben.

 

Ordnung, Aufbruch, Dekonstruktion

 

Die 30-jährige, im Zürcher Oberland aufgewachsene Michal Muggli weist bereits einen grossen Werkkatalog auf. Sie schloss als Schülerin des Komponisten Beat Furrer ihr Studium mit dem Master in Graz ab – nach einem Bachelor an der Hochschule der Künste Bern bei Christian Henking. 2014 gewann sie protonwerk 4 mit ihrem Stück DICKdünn II für Flöte, Lupophon, Bassklarinette, Violine, Violoncello, Harfe, Klavier und DirigentIn.

 

Michal Muggli ©zVg Michal Muggli

 

Im ersten Teil des achtminütigen Stücks wird ein dichtes, erdiges und fortschreitendes Klanggewebe in einzelne, fragmentarische Figuren zerlegt, im Wechsel mit düstern, aufbegehrenden Klangballungen. Muggli führt ihre Musik in ein Stimmengewirr sich überlagernder gesprochener Worte, das in ein instrumentales Sprechen, Seufzen, Klagen übergeht. Ein Werk, das den Blick auch auf beide künstlerischen Leidenschaften Mugglis öffnet: die Musik und die Literatur. In einem zweiten Studium beschäftigt sie sich mit französischer Literatur- und Sprach- sowie mit Musikwissenschaft und Hermeneutik.

 

Michal Muggli, DICKdünn II, UA ensemble proton Bern, UA 2014 Bern / 2015 St. Petersburg International New Music Festival

 

Unruh nennt sie ihr neues Orchesterstück, das am Musikforum Biel/Bienne uraufgeführt wird. Wiederum geht es um Ordnung – hier der Uhrmechanik – und Aufbruch. “…scheinbar unkontrollierte Ausschweifbewegungen einer Sprialfeder” halten “die geregelte Ordnung der Zahnräder aufrecht”, schreibt Muggli zu ihrer Komposition. Unterschwellig bäumten sich die Unruhen gegen die mechanische Ordnung der ablaufenden Zeit auf und hielten diese damit in Gang. Muggli entwickelt in ihrem Stück einen dialektischen Prozess, der den Klang auch durch das Orchester wandern lässt, wie sie es ausdrückt. Und es geht ihr dabei auch um die immer neue Übertragung von Kräften zwischen den quasi ineinander verzahnten Orchestermusikerinnen und -musikern.

 

Ost und West im Heute verknüpft

 

Das Orchesterstück Zeitlos der Armenierin Argenaz Martirosyan kreist nicht allein um das Phänomen der Zeit, sondern will auch den Begriff in seinen unterschiedlichen semantischen Bedeutungen erkunden. Der Mechanismus eines Uhrwerks taucht auch hier auf, ebenso Momente des Ausbruchs. Martirosyan schreibt von “befreiter Zeit”. Ihre Musik entwickle sich in einer Dialektik von Stillstand und Bewegung, was wiederum auf die verschiedenen Dimensionen von Zeit zurückzuführen sei. Die Komponistin hofft, dass für die Hörenden die Zeit “wie im Flug” vergeht.

Die innere Spannung, die tiefgreifenden Klangerkundungen, die sich zur anregenden musikalischen Rede formen, ebenso ihre Nähe zur Improvisation, sind zu hören in Musik für Alto Saxophon und Percussions von 2020.

Aregnaz Martirosyan, Musik für Saxophone and Percussions, UA Lucerne Percussions New Music Days 2020

 

Martirosyan kam nach ihrer Ausbildung in Armenien fürs Masterstudium bei Dieter Ammann an die Hochschule nach Luzern. Sie verknüpft in ihrer Musik den Hintergrund östlichen Komponierens mit dessen weitläufigen, sich immer auch in harmonischen Bereichen bewegenden Klanggebilden und der westlichen musikalischen Gegenwart zur eigenen kraftvollen rhythmisierten Tonsprache.

Gekonnt entwickelt sie ihre Sprache im grossen Orchesterapparat: Das zeigt sich in Dreilinden für Solotrompete und Orchester von 2019. Aregnaz Martirosyan  hat mit diesem Orchesterstück bereits zwei renommierte Preise gewonnen

Aregnaz Martirosyan, Dreilinden, Konzert for Solo Trumpet and Orchestra, UA 2019

 

Klang und Bewegung

 

Auch die katalanische Komponistin Gemma Ragués Pujol setzt sich in ihrem für das Musikforum Biel/Bienne geschriebenen Orchesterstück Le temps bouge mais n’avance pas mit dem Phänomen der Zeit auseinander.  “Zeitlichkeit in der kreisförmigen und endlichen Bewegung eines Kreisels” bildet den Ausgangspunkt des Stücks, wie sie im Eingangstext schreibt. Dabei geht es ihr um die Beziehungen zwischen Bewegung, bzw. körperlichen Gesten und Klang, und um deren Schnittpunkte. Ein Beziehungsgeflecht, das die Komponistin, die in Barcelona, Stockholm und zuletzt an der Hochschule der Künste Bern ihr Masterstudium (bei Xavier Dayer und Simon Steen-Andersen) absolvierte, schon länger erkundet. So auch in ihrer streng choreographierten  Performance silence fantasy #1 in der drei zeitungslesende Performer*innen sich auf Stühlen bewegen und doch statisch wirken.

Gemma Ragués, silence fantasy #1, UA 2020

 

Zudem setzt sie sich mit den möglichen Verknüpfungen von elektronischen und akustischen Klängen auseinander. Sie kommt dabei zu quasi konträren Ergebnissen: In nit de sal für Stimme, Ensemble und Elektronik von 2019 setzt sie in teils exzessiven Klanggebilden Gedichte von Joana Raspall and Maria Mercè Marçal in Musik

Gemma Ragués, nit de sal, UA 2019

 

Abgerundet werden im Konzert des Sinfonieorchesters Biel Solothurn die drei Uraufführungen durch Ulrich Hofers Minutenpendel, einer jazzigen Improvisationsanlage, die er nun für ein Orchester bearbeitet, so – aufbauend auf den “Gestaltungsmitteln des Jazz” , wie er selbst schreibt, zur Komposition formt.
Christian Fluri

Die drei Orchesterstücke sind in voller Länge auf den Profilen der Komponistinnen auf neo.mx3 nachzuhören.

Das Konzert wird in der Sendung Neue Musik im Konzert auf SRF 2 Kultur am Mittwoch, 26.5. um 21h, ausgestrahlt.

Details zum Konzert:  Musikforum Biel/Bienne, 9. Sinfoniekonzert

 

Sendungen SRF 2 Kultur:
MusikMagazin, Samstag/Sonntag 22./23.5.21: Michal Muggli im Gespräch mit Florian Hauser
Neue Musik im Konzert, Mittwoch 26.5.21, 21h

neo-profiles:
Sinfonie Orchester Biel Solothurn, Michal Rebekka Muggli, Gemma Ragués, Aregnaz MartirosyanDieter Ammann, Beat Furrer, Christian Henking, Xavier Dayer, Simon Steen-Andersen, Ensemble Proton Bern, Ulrich Hofer