«In maletg da mia veta»

Gion Antoni Derungs (1935–2012) ist nicht nur der prominenteste Komponist Graubündens. Er gilt auch als eine der herausragenden Musikerpersönlichkeiten der Schweiz. Zehn Jahre nach seinem Tod erfährt er nun eine umfassende Würdigung mit einer Biografie und es fand ein Derungs-Festival in Chur statt.
Ein Porträt von Laura Decurtins.

 

Laura Decurtins
Von künstlerischer Fantasie, einer starken musikalischen Identität und unbändigem Schaffensdrang zeugt das umfangreiche Œuvre von Gion Antoni Derungs; er bezeichnete es selbst als «Bild seines Lebens». In produktiver Auseinandersetzung mit den einheimischen Musiktraditionen ebenso wie mit den internationalen musikalischen Strömungen des 20. und 21. Jahrhunderts gelangte Derungs zu seinem unverkennbaren Personalstil. Heute steht sein Name für hochstehende musikalische Kunstwerke, die einfache Lieder ebenso wie komplexe Instrumentalwerke umfassen und Laien wie professionelle Musiker ansprechen.

 


Portrait Gion Antoni Derungs zVg. Fundaziun Gion Antoni Derungs

 

Volkslieder als «Wurzel» und «Quelle»

Gion Antoni Derungs wurde am 6. September 1935 im kleinen Dorf Vella in der Val Lumnezia geboren. Nach dem verfrühten Tod des Vaters musste die Familie mit Wenig über die Runden kommen, doch auf die musikalische Erziehung der Kinder legte die selbst hochbegabte Mutter – sie war eine Schwester des berühmten Musikers Duri Sialm – nichtsdestotrotz grossen Wert. Romantische Klaviermusik, Opern und die Volkslieder der Surselva umgaben Derungs von klein auf. Als Hilfsmessmer durfte er bisweilen auch Gottesdienste auf dem Harmonium begleiten, sodass sich ihm die alten katholischen Kirchenlieder der Surselva tief einprägten. Die «canzun romontscha» wurde für Derungs gleichsam zu einer musikalisch-identitätsstiftenden Wurzel und zu einer Quelle, aus der er gerne kompositorisch schöpfte.

 

Vom Klavierstudenten zum Musikdirektor 

1949 trat Derungs in das Klostergymnasium in Disentis ein und wurde dort von Dorfmusiklehrer Giusep Huonder und zusätzlich vom Onkel Duri Sialm in Klavier und Orgel unterrichtet. Gleich nach der Matura erhielt er einen Studienplatz am Konservatorium in Zürich, wo er neben Klavier auch Komposition, Musiktheorie, Orgelspiel, Dirigieren und Partiturspiel studierte; an der Musikakademie belegte er Schulgesang. Als Nachfolger seines Onkels wurde er 1960, noch während des Studiums, zum Musikdirektor von Lichtensteig (im Toggenburg) gewählt und 1962 schliesslich zum Klavier- und Orgellehrer am Bündner Lehrerseminar in Chur, zum Organisten der dortigen Kathedrale und zum Leiter der romanischen Stadtchöre Alpina und Rezia.

 

Versuchskaninchen und «Hausinterpreten»

1968 gründete Derungs zusammen mit Pfarrer Gieri Cadruvi zur Förderung der romanischen Liedgutes die Schallplattenreihe «Canzuns popularas» (CPLP). Bis 1987 erschienen hier 13 Tonträger mit den unterschiedlichsten Programmen und Interpreten. Hauptinterpret war das von Derungs gegründete EnsembleQuartet grischun, ein Elite-Kammerchor, mit dem Derungs seine neusten, avantgardistischen Vokalkreationen ausprobieren konnte, etwa die Missa pro defunctis op. 57, für die er am internationalen Kompositionswettbewerb in Ibagué (Kolumbien) die Goldmedaille erhielt.

 

Gion Antoni Derungs, Quintett op 25 für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier, Eigenproduktion SRG/SSR

 

Zu eigentlichen «Hausinterpreten» seiner neusten instrumentalen Kammermusik wurden Derungs’ Kolleg:innen am Lehrerseminar, darunter seine Cousine, die Organistin Esther Sialm. Zwischen 1969 und 1971 bot das Radio Rumantsch Derungs’ sogenannter «musica moderna» eine Plattform – was ihm prompt den zweifelhaften Ruf eines «Modernen» einbrachte. Präsentiert wurden unter anderem das Quintett op. 25 für Flöte, Klarinette, Violine, Cello und Klavier, eine «symbiotische» Verbindung von linear-polyphonen Momenten mit Clusterklängen und Geräuschexplosionen, sowie die Silhouetten op. 17b für Klarinette und Klavier, wo aus einem anfänglichen «Durcheinander von Linien und Punkten» zunehmend silhouettenhafte Konturen entstehen.

 

Gion Antoni Derungs, Silhouetten op. 17b für Klarinette und Klavier, Eigenproduktion SRG/SSR

 

Von der Avantgarde zurück zur Tonalität

Solche «musica moderna» komponierte Derungs von 1968 bis gegen Mitte der 1970er Jahre. Schon als Student war er fasziniert von den Experimenten der musikalischen Nachkriegs-Avantgarde, vom Serialismus, der Aleatorik und der Minimal Music, aber auch von der Polnischen Schule der 1960er Jahre mit ihrer Klangflächen- und Klangfarbenmusik. Zu den damals tonangebenden Darmstädter-Kreisen und ihren Ferienkursen für Neue Musik blieb er hingegen auf Distanz.

 

Mitte der 1970er Jahre wandte sich Derungs der «einfacheren», neotonalen Musik der Postmoderne zu, ohne jedoch den einschlägigen Kreisen angehören zu wollen. Er benutzte die musikalischen Sprachen seines Jahrhunderts immer sehr frei und undogmatisch, wobei alles seine Berechtigung haben musste. In der wiedergewonnenen Tonalität sah Derungs «hoffnungsvolle Perspektiven» für die Weiterentwicklung seines Personalstils. Da er aber nie den augenblicklichen Erfolg suchte, warteten viele Werke Jahrzehnte «in der Schublade» auf ihre Uraufführung.

 

«Vorwärts schauen»: Durchbruch und Erfolg

Seinen Durchbruch in Graubünden erzielte Derungs mit einem Vokalwerk, das in dieser Zeit entstand: mit dem Opernballett Sontga Margriata op. 78. Zurückkommen zur Tonalität hiess für ihn nämlich auch, sich wieder mit seinen musikalischen Wurzeln zu beschäftigen: «Tradition bewahren heisst vorwärts schauen». Und gerade das Volkslied erlaubte es ihm, gleichzeitig aktuelle Musik mit einem einheimischen Ton zu erschaffen. Aus dem wohl ältesten romanischen Lied La canzun da Sontga Margriata entstand so ein zeitgenössisches Werk, das 1981 in einer Bündner-Genfer-Zusammenarbeit eine erfolgreiche Uraufführung feierte. Dieser schweizweite Erfolg motivierte ihn, die romanische Sprache auch für Gattungen zu verwenden, die in Graubünden keine Tradition besassen: für das Kunstlied einerseits, aber vor allem: für die grosse Oper. Diese «erfand» Derungs gewissermassen im Jahr 1984 mit seiner ersten Oper Il cerchel magic op. 101. Auch hierfür erhielt er über die Grenzen hinaus positive Resonanz – in Romanischbünden selbst gilt diese erste «opera rumantscha» seither als musikalischer Meilenstein.

 


Gion Antoni Derungs, Il cerchel magic (der magische Kreis), 1984, Eigenproduktion SRG/SSR

 

Im Laufe der Jahre komponierte Derungs ebenso eine Vielzahl instrumentaler Werke: von kleinbesetzter Kammermusik über Solokonzerte bis hin zu zehn grossen Sinfonien – diese allerdings alle aus persönlichem Antrieb. Kompositionsaufträge bekam er dagegen über all die Jahre von den verschiedensten Formationen im In- und Ausland, für die er dann jeweils in kürzester Zeit passende, auf die Interpreten zugeschnittene Werke schuf. Auch blieb es nicht nur bei einer einzigen Oper: Derungs vertonte ebenso eine Kriminalgeschichte, ein Märchen und das dramatische Leben des Rotkreuzgründers Henry Dunant; zuletzt entstanden für das Festival Origen im Surses noch drei geistliche Vokalopern nach mehrsprachigen Libretti des Indendanten Giovanni Netzer. Hier arbeitete Derungs vorwiegend mit einer Mischung aus freitonaler Harmonik, impressionistischen Farben, motettischen Techniken und einer starken Wort-Ton-Beziehung.

 

«Jeder Mensch tritt einmal ab»

 Ausgereift zeigte sich diese Tonsprache in seinem letzten a-cappella-Chorwerk, dem Nachtgebet Complet op. 189, das Derungs 2011 vollendete. Es war das Jahr, in dem er die Diagnose Krebs erhielt und sich plötzlich an den Gedanken eines baldigen Todes gewöhnen musste. Tatsächlich begleitete ihn der Tod schon seit Kindesbeinen und fand im Laufe der Jahre auch Eingang in diverse Kompositionen, er verband sie gewissermassen motivisch-thematisch, etwa das Requiem op. 74 mit der 2. Sinfonie op. 110, der Trauersinfonie, oder die Sontga Margriata mit der 8. Sinfonie «Sein-Vergehen». «Jeder Mensch tritt einmal ab», notierte Derungs zur 8. Sinfonie. «Und wir alle sind uns dessen bewusst.»

 


Gion Antoni Derungs, Sinfonie Nr.8, op. 158 (2002/2003), Eigenproduktion SRG/SSR

 

Gion Antoni Derungs starb am 4. September 2012, zwei Tage vor seinem 77. Geburtstag. Er hinterlässt ein riesiges Œuvre mit 191 Opuswerken und hunderten Kompositionen ohne Opuszahl. Schon 1996 verlieh man ihm dafür den Ehrentitel eines «Orpheus der Rätoromanen», eines Künstlers also, der Grenzen überwindet und die heimische Musiktradition in die Kunst überführt. Die höchste Auszeichnung, die man als Bündnerroman:in erhalten kann, sollte allerdings erst posthum folgen: 2015 wurde Derungs von den romanischen Medien zu «in dils nos» (einem der Unseren) erkoren – hatte er doch seine romanischen Wurzeln nie verleugnet und die «kleinen Wünsche» seiner Heimat stets berücksichtigt.
Laura Decurtins

 

Laura Decurtins ist Autorin der neuen, im Herbst 2022 im Chronos-Verlag erschienenen Biografie zu Gion Antoni Derungs.

Das Churer Gion Antoni Derungs-Festival fand vom 1. bis zum 4. September 20220 u.a. im Theater Chur statt, und wurde hauptsächlich vom Ensemble ö! bestritten. Die Konzerte wurden insgesamt von RTR auf Video aufgezeichnet und stehen auf neo.mx3 zur Verfügung.

Gion Antoni Derungs / Fundaziun

Duri Sialm, Giusep Huonder, Gieri Cadruvi, Quartet grischun, Esther Sialm, Giovanni NetzerHenry Dunant

Sendungen SRF 2 Kultur:
Neue Musik im Konzert, 14.12.22: Gion Antoni Derungs-Festival in Chur, Redaktion / Moderation Cécile Olshausen

neo-profile:
Gion Antoni Derungs, Ensemble ö!

 

 

 

 

Communiquer au-delà de la musique 

Eric Gaudibert, Genfer Pianist, Komponist und Dozent war eine Schlüsselfigur der zeitgenössischen-experimentellen Musikszene der Romandie. Verstorben vor zehn Jahren, prägte er als Pädagoge eine ganze Generation Musikschaffender und förderte wichtige Ensembles für zeitgenössische Musik. Vom 09. bis zum 17. Dezember veranstalten diese für ihn gemeinsam ein Festival mit Marathonkonzert in der Genfer Victoria Hall. Dabei kommen auch 22 Miniaturen seiner ehemaligen Studierenden zur Uraufführung.

Gabrielle Weber
Sie heissen Contrechamps, Ensemble Vortex, Eklekto Geneva Percussion Center oder Nouvel Ensemble Contemporain (NEC) und gemeinsam ist ihnen nicht nur, dass sie in der zeitgenössischen Musikszene der Romandie sehr aktiv sind, sondern auch, dass alle einen starken Bezug zu Eric Gaudibert haben.

Daniel Zea, Serge Vuille und Antoine François, die künstlerischen Leiter von Vortex, Contrechamps und NEC, initiierten das Festival als kollaboratives Projekt: «die Idee entstand spontan als wir uns über Eric unterhielten und es ergab sich ganz von selbst, dass wir es gemeinsam angehen wollten», meint Daniel Zea, denn Gaudibert sei für die Entwicklung der ganzen Szene wichtig gewesen. In der Haute école de musique Genève (HEMG) finden nun eine Tagung, ein Filmscreening mit table ronde, sowie ein Konzert von Vortex statt. In der Victoria Hall gibt es zum Schluss ein Marathonkonzert der Ensembles zusammen mit dem Orchester der HEMG.

 

Portrait Eric Gaudibert ©DR zVg. Contrechamps

 

Als «communiquer au-delà de la musique», ein Kommunizieren über die Musik hinaus, bezeichnete Gaudibert, was ihn zum Unterrichten antreibe. Dieses Kommunizieren erprobte er zunächst in Frankreich, wo er nach dem Klavierstudium in Lausanne und dem Kompositionsstudium in Paris ab 1962 im Bereich der «Animation», der Musikvermittlung, in ländlichen Regionen tätig war. Anschliessend, zurück in der Schweiz, unterrichtete er viele Jahre Komposition am Conservatoire Populaire de Genève, bevor er an die HEMG wechselte. Bereits Michael Jarrell oder Xavier Dayer, beides heute namhafte Komponisten und Dozenten mit Wurzeln in Genf, waren seine Schüler. Viele weitere nationale und internationale Laufbahnen begleitete er als künstlerische Leitfigur, Förderer und Netzwerker.

Serge Vuille, Leiter von Contrechamps, selbst kein direkter Schüler von Gaudibert, beindrucke am «Phänomen Gaudibert» dessen nachhaltige Präsenz in der Szene, die sich auch daran gezeigt habe, wie rasch weitere Partner fürs Festival zugesagt hätten. Contrechamps arbeite laufend mit ehemaligen Schüler:innen zusammen, seien es Interpret:innen oder Komponist:innen. «Am Festival wollte ich deshalb diesen Lehrer-Schüleraspekt in zweierlei Richtungen abbilden», sagt Vuille.

Da ist einerseits Nadia Boulanger, Gaudiberts Theorielehrerin in Paris: von ihr bringt Contrechamps ein Orchesterwerk zur Aufführung. Boulanger unterrichtete ihrerseits zahlreiche, heute weltweit gespielte Komponierende. Ihr eigenes Werk wird hingegen selten aufgeführt. Sie sei als Komponistin verkannt, da sie selbst hauptsächlich als Pädagogin wahrgenommen werde, so Vuille.

Andererseits gab Contrechamps im Kreis von Gaudiberts ehemaligen Studierenden Kurzkompositionen in Auftrag. Angesichts der hohen Zahl von 45 Absolvent:innen fragte man «nur» einen regional überschaubaren Kreis von weiterhin in der Romandie tätigen oder mit der Romandie verbundenen an. Von diesen sagten mit zwei Ausnahmen alle zu. «Dieses klare Bekenntnis seiner Schüler:innen war beeindruckend», sagt Serge Vuille.

Mit Vorgabe einer Dauer von nur einer Minute und offener Besetzung, vom grossen Ensemble bis zum Solo und ggf. Tonband, werden nun 22 Miniaturen aufgeführt, darunter Stücke von Arturo Corrales, Fernando Garnero, Dragos Tara oder Daniel Zea.

Daniel Zea hebt noch einen anderen Aspekt der Lehrer-Schüler-Kommunikation hervor: «Wir alle sind sehr dankbar dafür, was er uns mitgegeben und ermöglicht hat. Zugleich war es ein Hin und Her: Eric war offen und neugierig – ihn interessierte was uns interessierte. Wir beeinflussten ihn zum Beispiel mit unserem Interesse an unserer traditionellen Musik». Zea stammt wie einige Absolvent:innen von Gaudiberts Kompositionsklasse aus Südamerika. Sein Ensemble Vortex fand in Gaudiberts Unterricht zusammen und wurde von ihm bis zuletzt begleitet und gefördert.

 


Hekayât, pour rubâb, hautbois, hautbois baryton, alto et percussion, 2013 Eigenproduktion SRG/SSR, interpretiert von Khaled Arman an der Rubâb, einer arabischen Laute, ist eines der späten Werke Gaudiberts, in denen er Instrumente, deren Interpret:innen und Spielweisen aus anderen Kulturräumen zu integrieren sucht.

 

Elektroakustik und Diversität

 

Gaudibert, geboren 1936 in Vevey, studierte in Paris bei Nadia Boulanger und bei Henry Dutilleux, und ist vor allem für seine poetischen klangmalerischen Instrumentalwerke bekannt. Es gibt aber auch andere, weniger bekannte Seiten:Zurück in der Schweiz, forschte er in den frühen siebziger Jahren in seiner selbstbezeichneten «experimentellen» Phase im Experimentalstudio des Radios in Lausanne an elektronischen Klängen.

 

Portrait Eric Gaudibert zVg. Contrechamps

 

Vortex widmet ein Konzert am 10. Dezember ganz seinen elektroakustischen Werken, was der multimedialen Ausrichtung des Ensembles entspricht: «es ist eine wichtige, viel zu selten gezeigte Phase seines Schaffens», sagt Daniel Zea. Zusammen mit John Menoud, Komponist und Multiinstrumentalist, besuchte er Gaudiberts Witwe Jacqueline, wobei sie Videos, Tonkassetten und Partituren durchforstet hätten. Zur Aufführung kommen nun Stücke für Instrumente und Tonband oder Live-Elektronik, die oft nur ein-zwei Mal aufgeführt wurden, interpretiert von Musiker:innen, die eng mit Gaudibert zusammen gearbeitet haben. Benoît Moreau spielt bspw. En filigrane für Epinette (Spinett) und Tonband, das nur einmal, durch Gaudibert selbst an der Uraufführung 20018 gespielt wurde – Moreau war damals dabei.

 

Die Stückauswahl fürs Schlusskonzert zeigt die Vielseitigkeit Gaudiberts. «wir entschieden uns für eine Kombination von Schlüsselwerken wie Gong – sein letztes grosses Ensemblewerk – mit selten gespielte Stücken, um die Diversität seines Schaffens zu zeigen», so Vuille. Gong ist dem Pianisten Antoine Françoise gewidmet, der es auch am Festival interpretiert, zusammen mit Contrechamps. François, heute international gefragter Solo-Pianist und Leiter des NEC, hatte gleichfalls eine enge Beziehung zu Gaudibert. Selbst Pianist, begleitete und unterstützte Gaudibert die Entwicklung von François seit der ersten Begegnung als er 16 Jahre alt war und setzte auf sein Können für die anspruchsvolle Partie in Gong mit erst 24  Jahren.

 


Gong &Lémanic moderne ensemble, Eigenproduktion SRG/SSR

 

Nebst Instrumentalwerken ist auch in der Victoria Hall Gaudiberts elektroakustische Phase vertreten: Vortex bringt Ecritures von 1975 für eine Stimme und Tonband, entstanden im Experimentalstudio in Lausanne, in einer neuen Version für vier im Raum verteilte Stimmen zur Aufführung. «Das Stück lebt weiter mit neuen technischen Möglichkeiten. Das wäre in Gaudiberts Sinn gewesen», sagt Zea. Dass seine ehemaligen Studierenden weiterhin kollaborativ zusammenarbeiten, das hätte Eric Gaudibert sicherlich gleichfalls begrüsst – als Kommunizieren über die Musik hinaus.
Gabrielle Weber

Nadia Boulanger, Henri Dutilleux

 

 Im Filmportrait: Eric Gaudibert, pianiste, compositeur, enseignant (Plans fixes, 48min, Suisse, 2005) äussert sich Gaudibert zu seinen grossen Themen, bspw. seine Vorliebe für Literatur und Malerei, die Zeit in Paris, das Unterrichten und die Einflüsse anderer Kulturen in sein Musikschaffen: der Film steht im Zentrum einer Roundtable am Genfer Festival Gaudibert am 10. Dezember.

 

Festival Gaudibert:
9./10. Dezember 2022, HEMG: Tagung / Konzerte: An der Tagung an der HEMG diskutieren u.a. die Komponisten und Dozenten Xavier Dayer, Nicolas Bolens oder der Musikethnologe und Interpret Khaled Arman.
17.Dezember 2022, Victoria Hall Genève, 18:30h: Marathonkonzert Contrechamps, Eklekto, le NEC, Vortex, orchestre de la HEMG, Dirigent: Vimbayi Kaziboni, Gaudibert, Boulanger, UA 22 Miniaturen:

Neo-Profile
Eric Gaudibert, Daniel Zea, Antoine Françoise, Arturo Corrales, Fernando Garnero, Dragos Tara, Ensemble Vortex, Contrechamps, Nouvel Ensemble Contemporain, Eklekto Geneva Percussion Center, John Menoud, Benoit MoreauEnsemble Batida, Xavier Dayer, Michael Jarrell

Das Lucerne Festival Forward nimmt “ein sauberes Ende”

Jaronas Scheurer
Vom 18. bis 20. November 2022 findet in Luzern das Lucerne Festival Forward statt. Neben grosse Namen der internationalen zeitgenössischen Musik-Szene wie Anna Thorvaldsdottir, Patricia Kopatchinskaja und Tito Muñoz steht auch die kollektive Intervention Ein sauberes Ende zum Schluss des Festivals auf dem Programm.

 

Der Luzerner Komponist, Musiker und Experte für Reinigungsmaschinen Urban Mäder, zVg. von Urban Mäder.

 

Der Luzerner Komponist und Musiker Urban Mäder bezeichnete sich im Interview als Experte für die verschiedensten Reinigungsmaschinen – und das hat gute Gründe. Denn für den Schlusspunkt des diesjährigen Lucerne Festival Forward (LFF) stehen für einmal nicht die Musiker:innen des Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LCFO) im Rampenlicht, sondern unter anderem das Reinigungspersonal des KKL mitsamt ihren verschiedenen Staubsaugertypen, Nasswischern und Reinigungsmaschinen.

 


Urban Mäder und Peter Allamand: Klanginstallation ‘Balgerei’ im Rahmen des Festivals Alpentöne, Altdorf 2015.

 

Recherchearbeit um 6 Uhr morgens

Nach der ersten Ausgabe des LFF letztes Jahr und der in diesem Rahmen stattfindenden Aufführung des Stücks Ricefall von Michael Pisaro durch 49 Lai:innen aus der Bevölkerung, findet auch dieses Jahr am LFF eine partizipative Aktion statt: Ein sauberes Ende. Eine kollektive Intervention nennt sich die Aktion und dahinter stecken Urban Mäder, Nora Vetter, Pia Matthes und Peter Allamand. Und diese kollektive Intervention findet als Schlusspunkt des letzten Konzerts des vom 18. bis am 20. November stattfindenden LFF statt. Nun, was gibt es am Ende eines Festivals oder eines Konzertes zu tun: Putzen, damit das Ganze auch ein sauberes Ende nimmt. Von dieser Prämisse gingen die vier Künstler:innen aus und beschäftigten sich intensiv mit dem ganzen Putzequipment, das dafür zum Einsatz kommt. Denn, nach jedem Konzert im Kultur- und Kongresszentrum Luzern trabt am nächsten Morgen um 6 Uhr das fünfzehnköpfige Reinigungspersonal der Firma Vebego an und bringt den Konzertsaal, das Foyer, die Toiletten und alle Räumlichkeiten wieder auf Hochglanz. Die Mitarbeitenden benutzen dafür jedoch nicht Eimer und Besen, sondern etliche topmoderne Reinigungsmaschinen. Das Team hinter der Intervention Ein sauberes Ende habe sich intensiv mit den verschiedenen Maschinen beschäftigt und genau untersucht, was für Klänge aus all dem unterschiedlichen Reinigungsequipment herauszuholen seien, wie Urban Mäder berichtete. Sie hätten sich auch um 6 Uhr morgens mal ins KKL begeben, um dem Vebego-Team bei der Arbeit zuzuschauen. Aus dieser Recherchearbeit entstand dann eine Art Komposition für eine Gruppe von Lai:innen, die sich auf einen Aufruf des LFF hin als Performer:innen gemeldet haben.

 

Die Bratschistin, Komponistin und Performerin Nora Vetter, zVg. von Nora Vetter.

 

Das Team hinter Ein sauberes Ende

Hinter Ein sauberes Ende stecken neben dem Luzerner Komponist und Dozent für Improvisation Urban Mäder die Bratschistin, Komponistin und Performerin Nora Vetter, die Künstlerin und Szenografin Pia Matthes, die eine starken Affinität zur Klangkunst besitzt, und der langjährige Kollaborateur von Urban Mäder, Peter Allamand. Jede:r der vier Künstler:innen bringt eine andere Sichtweise mit hinein, so Nora Vetter im Gespräch. Urban Mäder besitze eine ganz eigene Klangsprache und einen unglaublichen Erfahrungsschatz in diesem Bereich, Pia Matthes habe ein sehr gutes Gefühl für Dramaturgie und, als ausgebildete Produktdesignerin, ein Auge für das Visuelle, Peter Allamand wisse wahnsinnig viel über das Funktionieren der Dinge und habe eine grosse Lust und Freude am Ausprobieren und Rumtüfteln. So habe er beispielsweise zu einer Sitzung der Vier einen Laubbläser mitgebracht, damit sie im Café, wo sie sich trafen, direkt ausprobieren konnten, wie so ein Ding klingt und funktioniert. Und für sie selbst, sagt Nora Vetter, sei, neben dem Fokus auf den klanglich-kompositorischen Aspekt, den sie mit Urban Mäder teile, die politische Dimension in dieser Arbeit von grosser Bedeutung. So sei es für sie wichtig gewesen, dass auch das tatsächliche Reinigungspersonal auftritt. Es haben sich daraufhin vierzehn der fünfzehn angestellten Reinigungskräfte gemeldet.

Während die Musiker:innen auf der Bühne aus aller Welt kommen und zu Recht für ihre Leistungen kräftig gefeiert werden, bleibt das häufig migrantisierte Reinigungspersonal im Verborgenen. Des Weiteren haftet dieser Tätigkeit das Klischee an, dass den Putzenden leider nichts anderes übrigbleibe. “Doch” so Nora Vetter “am Ende des Tages ist sowohl Musik machen als auch Putzen einfach Arbeit und beides ist gleichermassen notwendig dafür, damit ein Festival wie das LFF überhaupt durchgeführt werden kann.”

 


Nora Vetter: ‘Dream Paralysis’, latenz ensemble, Zürich 2021.

 

Ernst nehmen

Ernst nehmen – unter diesem Stichwort lassen sich vielleicht die verschiedenen Anliegen hinter der kollektiven Intervention Ein sauberes Ende versammeln: Ernst nehmen der Menschen, die die so wichtige, aber unsichtbare Arbeit des Putzens und Aufräumens übernehmen. Und ernst nehmen des klanglichen, ja gar musikalischen Potentials des Putzequipments.

 

Der Konzertsaal des Kultur- und Kongresszentrums Luzern, der am 20. November beim “sauberen Ende” gereinigt wird. ©KKL Luzern

 

Das Ziel der Aktion sei nicht, eine lustige Show abzuziehen, sondern die klanglichen Möglichkeiten der Reinigungstätigkeit und der Putzgeräte ernst zu nehmen, so Urban Mäder. Ihre Intervention basiere auf einer klaren musikalischen Vorstellung, das sei vergleichbar mit klassischen Kompositionen. “Wenn man ein Orchesterstück schreibt, kennt man sich mit der Zeit aus bei den Holzbläsern, den Blechbläsern, den Perkussionsinstrumenten usw. Wir kennen uns jetzt halt aus bei all den Putzmaschinen und wie die klingen.” Und vor allem – sieht das Publikum auch endlich mal die Menschen, die dafür sorgen, dass sich das KKL bei jedem Konzert von Neuem sauber, aufgeräumt und in tadellosem Zustand präsentiert, und kann sich dafür bei diesen meistens unsichtbaren Personen mit dem gebührenden Applaus bedanken.
Jaronas Scheurer

 

Trailer zur Intervention “Ein sauberes Ende” von Urban Mäder, Nora Vetter, Peter Allamand und Pia Matthes. Lucerne Festival Forward, 20. November 2022, KKL Luzern.

 

Das Lucerne Festival Forward fand vom 18. bis am 20. November in Luzern statt.
Die kollektive Intervention Ein sauberes Ende wurde im Rahmen des Abschlusskonzerts am 20. November im Konzertsaal des KKL uraufgeführt.
Neben Urban Mäder und Nora Vetter gehörten auch Pia Matthes und Peter Allamand zum Team hinter Ein sauberes Ende.

Neo-Profile:
Urban Mäder, Nora Vetter, Patricia Kopatchinskaja, Lucerne Festival Contemporary Orchestra

Die Komponistin mit dem Lötkolben

Sie lebt mit ihrer Familie auf der schwedischen Insel Gotland, wenn sie nicht gerade unterwegs ist mit Ihrer Musik, die inzwischen von den wichtigsten Ensembles für zeitgenössische Musik und grossen Sinfonieorchestern gespielt wird. Lisa Streich erschafft mit modernsten Kompositionstechniken eine universelle Musiksprache, die das Publikum direkt anspricht und den heutigen Zeitgeist trifft, ohne anbiedernd zu sein. Wie sie das schafft, versucht Annelis Berger im Gespräch mit ihr herauszufinden.

 

Portrait Lisa Streich zVg. Lisa Streich

 

Annelis Berger
Kontraste, immer wieder diese Kontraste: Scharfe Peitschenschläge dringen ans Ohr, und in den Lücken – diesen entsetzlichen Lücken zwischen den Schlägen – schweben seltsam entrückte Pianissimo-Akkorde, bei denen man nicht weiss, ob das Ohr sich täuscht oder ob da tatsächlich die Orchestermusiker:innen leise mitsingen. Staunend sitzt man da und taucht ein in eine überraschende Musiksprache, die irgendwie «einleuchtet», Sinn ergibt, obgleich sie komplex und vielschichtig ist. Segel heisst das Stück von Lisa Streich, das 2018 am Lucerne Festival uraufgeführt wurde.

Es ist mein erster Kontakt mit der Musik der schwedischen Komponistin. Später wird mir klar, dass diese Musiksprache typisch ist für die Werke von Lisa Streich: sie überraschen, gleichzeitig sprechen sie die Hörer:innen direkt an. Man fühlt sich nicht ausgeschlossen, auch beim ersten Hören nicht. Da ist kein hermetischer Überbau, an dem man sich erst mal abarbeiten muss, um Zugang zu dieser Musik zu finden. Und dies, obwohl in jedem der Stücke sehr aufwändige intellektuelle, künstlerische und handwerkliche Arbeit steckt.

 


In Segel aus dem Jahr 2017 setzte Lisa Streich erstmals eine «spektrale Tonalität» ein.

 

Lisa Streich, geboren 1985 in Schweden, hat sich zur Organistin ausbilden lassen und dann in Berlin, Stockholm, Salzburg, Paris und Köln Komposition studiert. Sie meidet das Scheinwerferlicht, die Bühne ist nicht ihr Ding. Auf der Empore aber, allein an der Orgel, diesem «atmenden Geschöpf, das dir nicht gehört und das in jeder Kirche anders riecht», dort fühlt sie sich wohl. Ebenso beim Komponieren zu Hause auf der Insel Gotland, die an der Ostsee zwischen dem Baltikum und Schweden liegt und wo sie, nahe am Meer und inmitten einer malerischen Insellandschaft, sich abwechselnd mit ihren Kindern beschäftigt oder komponiert. Dazu gehört auch tüfteln, basteln, Geräte bauen. Irgendwann hat Lisa Streich nämlich angefangen, Elektronik in ihre Musik einzubauen, kleine Maschinen, die sie in einem alten Schuppen neben ihrem Wohnhaus herstellt: Sie lötet, baut, fügt zusammen, um dann z.B. im Stück Pietà für motorisiertes Cello und Ensemble einen fast mechanischen Sound zu erzeugen, der gerade darum so aufregend ist, weil er durch die maschinelle Anonymität universell wird.

Pietà endet leise. Lisa Streichs Stücke enden alle, ohne Ausnahme, im Piano. Sie habe es sich bis jetzt untersagt, laute Schlüsse zuzulassen, ein Fortissimo-Finalschluss komme ihr vor wie ein Plagiat, abgenutzt, ein billiger Effekt. So sagt mir Lisa Streich im Interview. Solche Sätze sind typisch für die schwedische Komponistin, die perfekt deutsch spricht. Sie hat einen hohen, fast moralischen Anspruch, mit ihrer Musik ehrlich zu sein. Darum beschäftig sie eine Aussage des französisch-griechischen Komponisten Georges Aperghis bis heute, demzufolge ein Künstler ein guter Lügner sein müsse. Irgendwie leuchte ihr ein, was er damit meine. Aber für sie funktioniere das nicht, meint sie.

Nein, für Lisa Streich funktioniert das nicht. Was ihre Musik stattdessen auszeichnet, ist spielerische Spiritualität. Und die erreicht man nicht durch Blendwerk, sondern durch Authentizität, Ehrlichkeit, keine moralinsaure, sondern eine sinnliche Wahrhaftigkeit. Wie sie das schafft, bleibt ein Geheimnis, allerdings, so sagt sie, fange sie vielleicht mit ihrer Musik ein bestimmtes Zeitgefühl ein, was dem heutigen Publikum entspreche. Die Kontrolle darüber habe man naturgemäss nicht. Aber manchmal schleiche sich in einem Werk etwas ein, was genau den Kern unserer Zeit treffe.

 

Portrait Lisa Streich zVg. Lisa Streich

 

Was sind denn nun die wichtigsten kompositorischen Mittel, die Lisa Streichs Stücke so authentisch, spannend und «heutig» machen?

 

Spektrale Tonalität und elektronische Klänge

Da gibt es zum Beispiel die sogenannte spektrale Tonalität, die Lisa Streich zum ersten Mal im oben erwähnten Werk «Segel» anwandte. Um solch schwebende Akkorde zu schaffen, sucht sie nach Aufnahmen von Amateurchören, die naturgemäss nicht perfekt sind. Sie nimmt Akkorde von diesen intonatorisch nicht ganz sauberen Aufnahmen und macht eine spektrale Analyse davon. Mit diesem Spektogramm arbeitet die Komponistin; das Ergebnis ist mikrotonale oder eben «spektrale Tonalität». Lisa Streich sagt dazu, dass sie tonale Musik liebe, aber durch häufiges Spielen und Hören allmählich nichts mehr dabei fühlte. Hingegen habe sie, wenn sie Laienchöre höre, die nicht ganz sauber intonierten, Moll und Dur neu erlebt. Sprich: Wenn gewohnte Akkorde eine Spur falsch sind, kann man Dur und Moll wieder neu erfahren

Ein weiteres kompositorisches Mittel in der Musik von Lisa Streich sind elektronische Klänge, die sie erzeugt, indem sie kleine Geräte am Instrument anbringt. Dadurch entsteht eine sehr eigene, beseelt-maschinelle Atmosphäre – oft im Kontrast mit scharfen Ensembleklängen, die auf diese mechanischen «Olimpia-Welten» (E.T.A. Hoffmann) prallen.

 

Anklänge an die römische Mehrchörigkeit

Und schliesslich gibt es diese Affinität zur menschlichen Stimme und zur Chortradition, die sich durch Lisa Streichs Oevre hindurchzieht. Zum Beispiel im wunderbaren Werk Stabat für 32 Stimmen und vier Chöre. Es ist in Rom entstanden, während Streichs Aufenthalt in der Villa Massimo. Es ist eins ihrer längsten Stücke und inspiriert von der römischen Mehrchörigkeit. Diese wird im Gegensatz zur venezianischen kaum mehr gepflegt, da es sehr aufwändig ist, diese 400 Jahre alte, mehrchörige Musik aufzuführen. Damals haben Knaben auf den Balkonen und sogar in der Kuppel des Petersdoms gesungen, nur durch Luken mit dem Dirigat verbunden. Zwölf Balkone gibt es zum Beispiel in der KircheS. Giovanni in Laterano, wo das Chorwerk uraufgeführt wurde. Mit dieser Vielchörigkeit stellte man damals eine Art unplugged Dolby-Surround-Tonsystem her. Das hat Lisa Streich fasziniert und sie versuchte, in einem vierchörigen Werk diesen Klang ins 21. Jahrhundert zu holen. Das Stück Stabat, das daraus entstand, ist eine Art Meditation für Chor, die eine weite Landschaft suggeriert, oder eine zeit- und raumlose Ebene, in die man sich fallen lassen kann, ohne weich oder hart zu landen. Man IST einfach.

 


32 Stimmen, verteilt auf vier Chöre sind in Stabat von Lisa Streich aus dem Jahr 2017 zu hören. Hier übersetzt sie die 400 Jahre alte römische Mehrchörigkeit ins 21. Jahrhundert

 

Die Frage nach dem religiösen Gehalt solcher Werke, die schon vom Titel her auf eine kirchliche Tradition verweisen, beantwortet Lisa Streich zögernd. Ja, die Religion habe früher in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt. Heute weniger, aber sie sei immer noch wichtig. Allerdings weniger geknüpft an eine bestimmte Religion. «Dass es eine Welt gibt, die unsichtbar ist, aber stärker und grösser als unsere sichtbare Welt, da bin ich mir sicher.  Auch die Musik lässt uns ja Dinge erleben oder spüren, die vielleicht gar nicht von dieser Welt sind.»

Tatsächlich bietet Lisa Streichs Musik die Möglichkeit für spirituelle Öffnungen, wenn man sich denn darauf einlässt. Vielleicht liegt gerade darin die Anziehung im Werk der Komponistin, nicht als Programm, sondern als untergründiger Strom, den man bewusst oder unbewusst wahrnimmt.
Annelis Berger

 

Am Samstag, 8. Oktober, 19:30h, bringt das Collegium Novum Zürich in der Zürcher Tonhalle ihr neues Stück OFELIA zur Uraufführung.

Georges Aperghis

Sendung SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit, 12.10.22, 20h / 15.10.22, 21h: Im Innern der Orgel: Lisa Streich, Komponistin und Organistin, Redaktion Annelis Berger

 

Neo-Profile: Lisa Streich, Collegium Novum Zürich,

 

 

 

Thomas Adès, der Alchimist

Thomas Adès, einer der erfolgreichsten und meistgespielten Komponisten unserer Zeit ist im Sommer 2022 «Composer in residence» bei Lucerne Festival. Der 51-jährige Adès passt in vielerlei Hinsicht perfekt zum diesjährigen Motto «Diversity».

Moritz Weber
Allzu häufig ist es heutzutage nicht mehr, dass ein vielbeschäftigter und international aktiver Komponist auch noch regelmässig als Dirigent und Instrumentalist auftritt. Der Brite Thomas Adès aber tritt in der Musikwelt auf vielfältige Weise in Erscheinung: Neben seinem kreativen Schaffen gibt er Konzerte als Pianist, Kammermusiker und Liedbegleiter, spielt Werke ein, und er dirigiert zudem neben eigenen Werken auch das klassisch-romantische Repertoire.

 

Portrait Thomas Adès ©Marco Borggreve

 

 

In seinem Berufsalltag verwendet er die meiste Zeit fürs Komponieren, «denn ausser mir selbst kann niemand meine Stücke komponieren», sagt Thomas Adès lakonisch mit seiner tiefen Bassstimme.

Auch am Lucerne Festival tritt er in allen drei Rollen auf, sowie zusätzlich als Dirigier-Dozent. Spielen, dirigieren und komponieren vertragen sich bei ihm offenbar sehr gut, sagt er im Gespräch: «Das Klavierspielen läuft sozusagen immer mit, da ich am Klavier komponiere. Aber ich kann mich während der einen Tätigkeit auch gut von der anderen erholen. Im Gegensatz zum kreativen Prozess stehen beim Spielen etwa eher motorische Abläufe im Vordergrund. Die Finger müssen zudem fit bleiben, man muss sie trainieren wie ein Rennpferd», sagt Adès und zeigt seine eindrücklichen Pranken.

 

Zeit am Klavier für Imagination und Träume

Wenn er Zeit für sich hat, nicht für ein Konzert übt oder komponiert, nimmt er gerne irgendein Notenheft aus seinem Regal und spielt, worauf er gerade Lust hat. «Das stimuliert die Vorstellungskraft und das Träumen. Ich liebe es, die Musik Anderer zu spielen, ihre Gestalt und Form in der Zeit zu spüren.» Besonders oft ist es dann Schumann, und auch die Beethoven-Noten «schaffen es meistens nicht zurück ins Regal». Aber Adès nimmt auch die Werke von anderen grossen Komponisten wie Chopin, Haydn, Mozart oder Couperin immer wieder gerne hervor.

Auf François Couperin bezieht er sich denn auch explizit in drei seiner Werke, in der Sonata da Caccia (1993) für Horn, Barockoboe und Cembalo, Les baricades mistérieuses (1994) für Kammerensemble oder in den Three Studies from Couperin(2006) für Kammerorchester.

 


Thomas Adès, Three studies for Couperin for chamber orchestra, Tonhalle-Orchester, Dir. Alan Gilbert, 2006, Eigenproduktion SRG/SSR

 

Adès lässt sich generell gerne von bereits existierender Musik inspirieren. Wie viele zeitgenössische Komponierende bezieht er sich auf diverse Stile und Epochen und ist kein Avantgardist im engen Sinn, der sich den radikalen Bruch mit jeglicher Tradition auf die Fahne geschrieben hat. Igor Strawinsky beispielsweise war und ist für Adès in mancher Hinsicht ein «Leitstern», eine Art «Vaterfigur».

 

Vielfältige, brillante Musik

 

Schon in seinen frühen 20ern gelang Thomas Adès der internationale Durchbruch. Kompositionen wie Still Sorrowing (1992) für präpariertes Klavier ernteten Lobeshymnen, und seine steile Karriere wurde unter anderem dadurch weiter befeuert, dass er für sein erstes grosses Orchesterwerk Asyla (1997) mit dem renommierten Grawemeyer Award ausgezeichnet wurde – Adès war damit der jüngste Komponist, der diesen Preis erhielt.

 

Oper über eine Ausgestossene

Kühn war seine Stoffwahl für sein erstes abendfüllendes Bühnenwerk, die Kammeroper Powder her face (1995). «Ich setzte mich mit dem Autor Philip Hensher zusammen und sagte ihm, dass ich gerne eine Oper schreiben würde über eine Person, die durch äussere Kräfte zu Fall gebracht wird. Dies würde gut zu meiner musikalischen Sprache passen.» Hensher schlug umgehend die medial breit ausgeschlachtete Skandal-Scheidung der Society-Lady Margaret Campbell vor. «Das können wir nicht machen», war Adès’ erste Reaktion, doch flugs kamen den beiden schon Ideen für einzelne Szenen.

In der daraus entstandenen tragikomischen Groteske über die Liebschaften der hedonistischen und lebenslustigen Duchess of Argyll konnte der Komponist seine humorvolle Seite einbringen. Aber nicht nur: «Es war eigentlich auch eine Geschichte über uns: zwei heranwachsende schwule Männer im London der 90-Jahre vor dem Hintergrund der Aids-Krise. Wir fühlten, dass die Gesellschaft, in der wir lebten, auch uns als skandalös, frevelhaft und sogar gefährlich ansah – eine Gesellschaft, die empört so tat, als hätte sie noch nie was von Oralsex gehört. Dies und die Scheinheiligkeit wollten wir ins Zentrum meiner ersten Oper stellen. Denn auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: Die eine oder andere Eigenschaft dieser Gräfin steckt wohl in den meisten von uns.»

So entstand eine freche, schwungvolle und äusserst bühnenwirksame Kammeroper voller hinreissender Anklänge an Tango und Music Hall, inklusive einer musikalisch sehr expliziten Fellatio-Arie der Gräfin.

 


Thomas Adès, Powder her face, Ópera de Cámara Teatro Colón 2019

 

Gegen Ende des Stücks fand der Komponist andererseits auch einen berührenden Tonfall für die an der vorgegebenen Prüderie und Grausamkeit der Gesellschaft zugrunde gehenden Gräfin. Mitgefühl und Identifikation mit seiner Figur spricht dort aus jeder Note.

Zwei weitere abendfüllende, grösser besetzte Opern folgten nach diesem ersten Coup: Die moderne Shakespeare-Oper The Tempest (2003) und die von Luis Buñuels gleichnamigem Film inspirierte, übernatürlich-gruslige Oper The Exterminating Angel(2016).

 

Die Schöpfungsgeschichte als Klavierkonzert

Am diesjährigen Lucerne Festival wird auch eines der wenigen multimedialen Werke von Thomas Adès gespielt, ein Klavierkonzert über die Schöpfungsgeschichte mit dem Titel In Seven Days (2008) mit Visuals seines damaligen Lebenspartners, des Filmemachers und Videokünstlers Tal Rosner. Formal sind es Variationen über eine Akkordfolge, welche der Komponist schon für The Tempest im Sinn hatte, dort aber dafür keinen gebührenden Platz fand. Einer der besonders reizvollen Momente in diesem Konzertstück ist der fünfte Teil: Eine vertrackte Fuge, mit welcher Adès die Schaffung der Tiere und deren Auswuseln in die Welt darstellt.

 

Portrait Thomas Adès Photo © Marco Borggreve

 

Uraufführung des neuen Werks für Violine und Orchester mit Anne-Sophie Mutter

Die diesjährige Auftragskomposition der «Roche Commissions» ist ein Werk für Solist:in und Orchester: es heisst ganz schlicht «Air» (Arie bzw. Luft) und kommt im Konzert mit der Violinistin Anne-Sophie Mutter zur Uraufführung. Ganz anders als das erste, sich in wirbelnden Figuren hochschraubende 1. Violinkonzert Adès’ wirkt der Satz nach einem ersten Blick in die Partitur hier konzentrierter, ja fast reduziert. Hauptsächlich in ruhigen Viertelnoten entfaltet sich ein endlos scheinender Gesang, welcher während fast 15 Minuten in vom Komponisten so sehr geliebten ätherischen Höhen schwebt. «Die Ausdauer, die Konzentration, die Reinheit und die Klarheit ihres Spiels haben mich zu dieser Musik inspiriert» sagt der Komponist. «Musikalisch verschieben sich mehrere Linien in einem engen Kanon gegeneinander. Inhaltlich ist es ausserdem eine Kontemplation darüber, was wir während dieser Pandemie erlebt haben, eine Art Lamento. Ich habe während der Komposition die Textur immer mehr verdichtet, vieles weggestrichen – wie ich es oft tue – bis ich schliesslich zur Essenz der Musik vorgedrungen war.»

 

Ältere und neue Kammermusik

Die breit gefächerte Schau des Schaffens von Thomas Adès wird am Lucerne Festival mit Kammermusik abgerundet: Das Quatuor Diotima spielt das frühe Streichquartett Arcadiana (1996) und zusammen mit dem Klarinettisten Mark Simpson das im letzten Jahr uraufgeführte Klarinettenquintett Alchymia. Dieser Titel verweist auf die Alchimisten im London der Elisabethanischen Ära um 1600: «Ich denke alle kreativen Künstler:innen, und so auch ich, agieren sozusagen alchimistisch. Wir erwecken quasi regloses Material zum Leben, und wir verwandeln es durch eine Art Magie bestenfalls in Gold. In Alchymia konnte ich auf sehr intime Weise ausdrücken, wie ich mich persönlich fühle und was ich über die Welt denke.»
Moritz Weber

 

 

Thomas Adès, faber musicTal Rosner, Philip Hensher

Thomas Adès am Lucerne Festival – erwähnte Konzerte
20.8.22., 22h, Luzerner Saal KKL, Lucerne Festival Contamporary Orchestra, Dir. Elena Schwarz, u.a. In Seven Days
27.8.22., 19:30h, Konzertsaal KKL, Anne-Sophie Mutter, u.a. Air
4.9.22., 16h, Musikhochschule Salquin Saal, Kammermusik Quatuor Diotima

Sendungen SRF 2 Kultur
Musik unserer Zeit, 7.9.22, Redaktion Moritz Weber
Weltklasse live aus Luzern, 27.8.22, u.a. UA “Air”, Moderation Florian Hauser
MusikMagazin
, 10.9.22 Thomas Adès im Gespräch mit Moritz Weber
SRF-online-Text: Früher gemobbt, heute berühmt: Thomas Adès steht für Vielfalt, Autor Moritz Weber

Neoprofile
Thomas AdèsLucerne Festival Contemporary Orchestra

 

 

Yello – Gesamt-Kunstprojekt erhält Grand Prix Musik 2022

Yello – das legendäre Schweizer Elektropop-Duo erhält den Schweizer Grand Prix Musik 2022. Seit mehr als vierzig Jahren und 14 gemeinsamen Alben strahlt das Duo aus Boris Blank, dem Klangtüftler, und Dieter Meier, dem Frontmann mit sonoriger Stimme, von der Schweiz aus in die Welt.

 

Portrait Yello zVg. Yello ©Helen Sobiralski

 

Gabrielle Weber
Der rhythmisch-groovige Sound und Wortschöpfungen wie «Oh Yeah» oder «Claro que si» prägen eine ganze Generation in den Achtzigern Aufgewachsener. Und noch heute, vierzig Jahre später, nehmen Yellos Rhythmen, ihre Wort- und Bildkreationen ungebrochen ein. Und das, auch wenn sie sich scheinbar fast nicht veränderten – aber eben nur fast.

1981 – im Video zu The evening’s young formen sich tanzende bunte Leuchtstäbchen zum Schriftzug Yello. Ein Gesicht in Nahaufnahme -ein junger Mann: Boris Blank- von vorn, von der Seite, sein Ganzkörper im Schattenspiel, rasche Schnitte, verschiedene Perspektiven, starke Farben, dann Dieter Meier am Mikrofon, wechselnde monochrome Farben im Hintergrund. Alles wird übermalt, verfliesst und beginnt wieder von vorn. Überblendungen, Schnitte, Licht- und Farbspiel. Der Klang rhythmisch vielfältig, dazu Sprechgesang auf einer Tonhöhe. Ein audiovisuelles Kunstprodukt, das die Möglichkeiten des Mediums musikalisch und visuell experimentell ausschöpft aber nicht überfrachtet: einfach, spielerisch leicht, elegant, selbstbewusst und selbstironisch.

 


Yello: The young, Video 1981

 

So präsentiert sich Yello – und bleibt dabei – die Rollenverteilung konstant: Blank kreiert die Klanglandschaften aus Samples und rhythmischen Pattern, und Meier steht fürs Visuelle und die Stimme. Er sei Dilettant, habe nie etwas Artistisches gelernt, alles sei reiner Zufall, sagt Meier gern, und Blank wiederum bezeichnet sich als Klangmaler und versieht seine Samples liebevoll mit individuellen Namen.

Präsentiert sich das Video zu The evenings young noch hausgemacht, so ist das Video zu Bostich von 1984, dem Song, der Yello auf Vinyl-Maxisingle als „natural born hit“ zuoberst in die weltweiten Hitparaden katapultierte, etwas ausgefeilter: Blank und Meier sind wieder die Protagonisten, dazu kommen diesmal rhythmisch tanzende Geräte und Maschinenteile. Ganz leicht kommt es daher, mit einem touch von Underground.

 


Yelllo: Bostich, Video 1984

 

In die Achtziger fällt auch die Gründung von Music Television, MTV, in New York: mit seinen 50 regionalen Ablegern festigt der neue Verbreitungskanal zahlreiche Popkarrieren. Yellos audiovisueller Ausrichtung kommt das neue Medium ganz natürlich entgegen. Das Duo nutzt es zukunftsweisend nicht «nur» für Musikvideos, sondern spinnt dort auch gezielt humorvoll-subversiv skurrile Geschichten, wie bspw. in der Performance Dr. Van Steiner von 1994, wo Blank als Urwaldforscher, interviewt von Meier, seine Sounds vom unter dem Tisch versteckten Keyboard einspielt und mimisch imitiert.

 


Yello Video@MTV: Dr. Van Steiner, 1994

 

Die Videos sind Kult, umso mehr als sich Yello -im Gegensatz zu vielen anderen Bands- gezielt Live-Konzerten entzieht: nach wenigen frühen ersten Auftritten, noch im Trio mit Carlos Perón, Gründungsmitglied, in Zürich, und einem ersten legendären Auftritt 1984 im DJ-Club Roxy in New York, machte sich Yello bis 2016 rar: zum Album toy gab’s dann erst wieder Live-Gross-Auftritte im Berliner Kraftwerk zusammen mit einem Bläserensemble. Sie wurden zum ausverkauften Grosserfolg.

Dass Yello, auch durchs neue Medium, das Label Schweizer Export-Pop-Band erhält, wird dem Duo kaum gerecht. Denn Yello ist genauso sehr Kunstprojekt, das sich allen gängigen Kategorisierungen entzieht. Blank und Meier bewegen sich davor einzeln in experimentelleren Szenen. Meier in der Performancekunst: Mit absurden Aktionen zieht er in den siebziger Jahren in Zürich und New York oder 1972 an der Documenta in Kassel Aufmerksamkeit auf sich und vertritt die Schweiz 1971 im New Yorker Museum of Modern art an der Show Swiss Avantgarde. Die Subversion nimmt er ins Musikprojekt Yello mit. Blank, Elektronikpionier und Samplevirtuose, bewegt sich vor Yello im experimentellen Zürcher und Londoner Elektro-Underground und orientiert sich an Jazz-und Neue Musiklegenden wie John Coltrane, Pierre Boulez und György Ligeti. Den Innovationsgeist transportiert er in seine Yello-Klanggemälde, in die Meier sich mit seiner tiefen Stimme einklinkt.

 

Preise aus unterschiedlichen Ecken

Die Preise, die das Duo über die Jahre erhält, kommen folgerichtig aus unterschiedlichen Ecken, 1997 der Kunstpreis der Stadt Zürich, 2010 der Swiss music award für das Album touch yello, 2014 der Echopreis zu 35Jahren Yello, um nur ein paar zu nennen. Und im dicken Jubliäums-Printband „Oh Yeah!“, herausgegeben 2021 mit einfachem schwarz-weissen Cover in der Edition Patrick Frey, blickt Yello kunstvoll auf die gemeinsame 40jährige, musikalisch wie visuell durchkonzipierte Geschichte zurück.

In den Musikprojekten, die Blank und Meier parallel zu Yello verfolgen, leben die beiden weitere Seiten von sich aus. Meier setzt die Stimme in seiner 2012 gegründeten Band Out of chaos anders ein und entwickelt Stücke auch selbst, Blank integriert in seine eigenen Projekte weitere Stimmen und gräbt mit anderem Fokus in seiner reichen Soundlibrary. 2014 bspw. arbeitete er fürs Album Convergence eng mit der Sängerin Malia zusammen. Oder für Electrified im selben Jahr rezyklierte und digitalisierte er alte analoge Stücke aus der Prä-Yello-Ära für eine limitierte Special edition mit allen über die Jahre bespielten Formaten – Vinyl, DVD, CD, Kassette, in Kombination mit z.T. eigenen Videos. Mit den heutigen digitalen Tools experimentiert er genauso gern optisch wie auch akustisch.

Ausgeklügelte, eingängige Rhythmen und Soundscapes, verbunden mit knackigem Text und farbenfrohen, unaufwändig daherkommenden Visuals, zusammengemischt mit subversiver Ironie und leichter Eleganz. Diesen Ton, dieses Bild behalten Yello während 14 gemeinsamen Alben bei. Und sukzessive macht sich das Duo neue technische tools zu eigen und spielt mit den Mitteln der Digitalisierung.

 


Yello, Wabaduba, point, Video 2020

 

2020: In Wabaduba auf dem bislang letzten, dem 14. Album point, tanzen Meier und Blank synchron: nunmehr beide um die siebzig Jahre alt, in einfacher computeranimierter, an ihnen vorbeiziehender schwarz-weisser Sci-Fi-Grossstadtkulisse, Meier im Anzug und Blank im James Bond-schwarzen Rollkragenlook mit Sonnenbrille. Die Welt zieht vorbei – Meier und Blank bleiben – und überraschen uns immer wieder.

Zu der von Blank selbst entwickelten und erst vor ein paar Jahren lancierten App, Yellofire, mit der jeder und jede Yello-ähnliche Sounds generieren kann, meint Meier: «Damit gibt’s nun vielleicht Liveauftritte – wir haben ja noch zirka weitere 30 Jahre vor uns».

Sie sind cool und sie bleiben sich treu, die beiden Herren. Eine Marke, die sich sanft mit der Zeit verändert, alle medialen Entwicklungen gekonnt ausschöpft und dennoch immer unverkennbar bleibt: das macht Yello gegen alle Zeitströmungen bis heute zum Trendsetter und zum Gesamt-Kunstprojekt.
Gabrielle Weber

 

Portrait Yello zVg. Yello ©Helen Sobiralski

 

Auf den neo-Profilen von Yello und Boris Blank findet sich z.T. noch unveröffentlichtes Videomaterial, u.a. das Video The pick up zu Boris Blank: da wird Autobiografisches mit Sound- und Bildexperiment zur persönlichen Erzählung verwoben.

40Jahre Yello – Oh Yeah!: Ed. Patrick Frey; Boris Blank: Electrified 2014; Boris Blank&Malia: Convergence 2014; Malia; Dieter Meier: Out of chaos; Label Suisse, Carlos Perón

Grand Prix Musik: Yello
Weitere Schweizer Musikpreise:
L’Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp
Fritz Hauser; Arthur Hnatek; Simone Keller; Daniel Ott; Ripperton; Marina Viotti
Spezialpreise Musik:
AMR Genève; Daniel “Duex” Fontana; Volksmusiksammlung Hanny Christen

Die Preisverleihung findet am 16. September in Lausanne im Rahmen des Festivals Label Suisse statt.

Sendungen SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit, 27.7.22., 20h: Yello – Gesamt-Kunstprojekt erhält Grand Prix Musik 2022, Redaktion Gabrielle Weber / Wiederholung: Passage 28.8.22, 15h.
MusikMagazin, 14./15.5.22: Yello – Das Schweizer Elektropop-Duo bekommt den Grand Prix Musik, Redaktion Annelis Berger

Neo-Profile:

Yello, Boris Blank, Swiss Music Prize

Superinstrumente und schöne Monster – Xenakis wird 100

Zum 100. Geburtstag von Iannis Xenakis finden am 28. und 29. Mai 2022 die Xenakis-Tage Zürich statt. Initiiert hat das Festival der Musikwissenschaftler Peter Révai. Ihm gelang es 1986, Iannis Xenakis nach Zürich zu holen, an die von Révai gegründete «konzertreihe mit computer-musik». An den drei Konzerten der Xenakis-Tage wird die breite Palette von Xenakis Schaffen präsentiert.

 

Portrait Iannis Xenakis 1973 © les amis de Xenakis

 

Cécile Olshausen
Der Komponist Iannis Xenakis (1922-2001) wird meist mit drei Etiketten versehen: griechischer Widerstandskämpfer mit schwerer Gesichtsverletzung, Le Corbusiers Assistent (später auch Konkurrent), und musikalischer Mathematiker. Seine Tochter Mâkhi bringt einen weiteren und überraschenden Aspekt mit ins Spiel: sie berichtet, dass ihr Vater eigentlich ein Romantiker gewesen sei. Johannes Brahms war sein Lieblingskomponist. Das Buch, das Mâkhi Xenakis 2015 über ihren Vater geschrieben hat, erscheint dieser Tage in deutscher Übersetzung. Der Mitherausgeber Thomas Meyer wird an den Xenakis-Tagen in Zürich darüber berichten. Vater und Tochter verband eine liebevolle, aber auch ambivalente Beziehung. Xenakis wollte unbedingt, dass seine Tochter den mathematisch-naturwissenschaftlichen Weg einschlägt, erst dann sollte die Kunst kommen; so wie er es vorgelebt hatte. Als Kompromiss studierte Mâkhi Xenakis dann Architektur, aber sie wurde nicht Architektin, sondern Bildhauerin und Malerin.

Xenakis also liebte Brahms und entwickelte gleichzeitig visionäre Klangwelten. Er beschäftigte sich mit elektronischer Musik und Schlagzeug, da er hier ein grosses Potential nie zuvor gehörter Klänge sah.

 


Iannis Xenakis beschäftigte sich oft mit Schlagwerk, ein Instrument, in dem er ein grosses Potenzial an neuen Klängen sah, Rebonds B für Schlagwerk (1987-1989), Marianna Bednarska, Lucerne Festival 22.8.2019, Eigenproduktion SRG/SSR
Aber auch eine der traditionellsten Gattungen, das Streichquartett, verwandelte er in etwas Neues. Seine Streichquartette werden in Zürich gesamthaft aufgeführt, und zwar vom Arditti Quartet, für das Xenakis zwei der vier Quartette komponiert hat. Eine tour de force, denn die Werke sind rabiat schwer zu spielen.

 

«Superinstrument» Streichquartett

 

Goethes Bonmot, man höre beim Streichquartett «vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten» kann man dabei gleich vergessen. Denn Xenakis bricht mit fast allen Traditionen des Streichquartetts. Da gibt es keinen Austausch musikalischer Gedanken, keine Motiventwicklungen, keine individuellen Wortmeldungen. Vielmehr scheint Xenakis hier für ein einziges, verschlungenes «Superinstrument» zu schreiben. Ein Superinstrument, das durch den ganzen Tonraum rast, von extrem tief bis spitzig hoch, das seine Klangfarben ständig ändert mit unterschiedlichen Tremoli, mit Pizzicati aller Art und mit col legno-Partien, also mit dem Bogenholz gestrichenen oder geschlagenen Tönen. Und vor allem: Die vier Streicher sausen mit ihren Fingern über die Griffbretter und hinterlassen dabei regelrechte Feuerschweife. Gerade in den ersten beiden Quartetten (ST/4 und Tetras) ist das Glissando Xenakis liebstes musikalisches Mittel. Er erzeugt damit eine faszinierende Schwerelosigkeit des Klangs. Dieses Schwebende hat Xenakis auch in seiner Architektur verwirklicht: der von ihm für die Weltausstellung 1958 in Brüssel entworfene Philips-Pavillon mit seinen kühnen Kurven ist eine in Beton gegossene Glissando-Musik.

 


In Phlegra für Ensemble von 1975 lässt sich Xenakis’ Vorliebe für Glissandi gut hören, Ensemble Phoenix Basel, Dir. Jürg Henneberger, Gare du Nord, 3.11.2018, Eigenproduktion SRG/SSR

 

An den Xenakis-Tagen in Zürich werden aber auch Raritäten zu hören sein, die eine ganz andere Seite seines Schaffens offenbaren, nämlich Kammermusik, die an Volksmusik erinnert. Diese Kompositionen weisen weit in Xenakis Vergangenheit. Er wurde in Rumänien geboren. Die erste Musik überhaupt, die Xenakis als Kind hörte, war Volksmusik, die in seiner Geburtsstadt Brăila in den Kaffeehäusern und im Radio erklang. Die traditionelle rumänische und griechische Musik findet ein Echo in diesen Kammermusikwerken.

Ein weiterer Aspekt von Xenakis Schaffen wird in einer Matinée am Sonntagmorgen im Pavillon Le Corbusier gezeigt. Dort erklingt Xenakis letzte elektronische Komposition: GENDY3 aus dem Jahr 1991. Hier wurde Xenakis grosser Traum eines komponierenden Automaten Wirklichkeit. In GENDY3 kontrolliert der Computer mittels Zufallsoperationen nicht nur die Klangereignisse, also Rhythmus, Tonhöhe und Tonfolge, sondern auch die Klangfarben. Im Vergleich zu manch heutiger computergenerierter Musik, die keinesfalls nach Computer klingen soll, wird bei GENDY3 nicht versteckt, dass da eine Maschine komponiert, es röhrt und quietscht und brummt. Xenakis sagte einmal, er hoffe, seine Musik töne nicht «wie ein Monster». GENDY3 klingt aber tatsächlich wie ein lebendiges Ding, – ein fantastisches, schönes Monster.
Cécile Olshausen

 

Portrait Iannis Xenakis 1988 © Horst Tappe

 

Les amis de Xenakis, Iannis Xenakis, Johannes Brahms, Mâkhi Xenakis, Thomas Meyer, Arditti Quartet, Le Corbusier, Philips Pavilion, Peter Révai, Pavillon Le Corbusier

 

Xenakis Tage Zürich, 28. und 29. Mai 2022

Erwähnte Veranstaltungen:
Samstag, 28. Mai, 20h, Konzert Streichquartette, Arditti Quartet, Vortragssaal Kunsthaus Zürich
Sonntag, 29. Mai, 11h, Gesprächskonzert, GENDY3, Pavillon Le Corbusier
Sonntag, 29. Mai, 18h: Konzerteinführung mit Thomas Meyer / Konzert Kammermusik, Swiss Chamber Soloists, Kirche St. Peter Zürich

 

Sendungen SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit, Mittwoch, 25.5.2022, 20h, Musik und Architektur – Iannis Xenakis zum 100 Geburtstag, Redaktion Cécile Olshausen
Musik unserer Zeit, Mittwoch, 23.6.2021, 20h, Nackte Wucht: Iannis Xenakis’ “Metastasis”, Redaktion Moritz Weber

neo-Profile:
Iannis Xenakis, Arditti Quartet

Eine Seele – viele Seelen: Dieter Ammann 60

Dieter Ammann, Komponist grosser Orchesterwerke und bekennender Langsamschreiber feiert seinen 60igsten Geburtstag, u.a. mit Konzerten der Basel Sinfonietta und des Luzerner Sinfonieorchesters.

Musikredaktor Florian Hauser traf ihn zum persönlichen Portraitgespräch:

 

Dieter Ammann Portrait © Dieter Ammann

 

Eine Seele

… von Mensch. Der, wenn er sich Zeit nimmt, viel davon hat. Der fragt, erzählt, lacht und lebt, bei einem Interview zum Beispiel, bei Kaffee und Ostereiern und Tabak, und ganz langsam, unmerklich geht es zur Sache, geht es hinein in die verschiedenen Schichten der Konzentration. Oder – auch das kann sein – die Assoziationen springen nur so und die Themen jagen sich. Ein Treffen mit Dieter Ammann ist ein direkter Ausdruck dessen, wie es in seinem Inneren zugeht. Da wo sie wohnen: die …

 

Zwei Seelen

 

… in seiner Brust. Aus denen er Energie saugt: Da ist die improvisierende, vorwärts stürmende Seele, und da ist die komponierende, reflektierende. Sie befeuern sich gegenseitig, und die eine erscheint wie das Reversbild der anderen. Treffen sie aufeinander, entsteht ein Netz von Kräften, die in verschiedene Richtungen zerren und die Musik bis zum Zerreissen spannen. Beim Improvisieren zwingt einen der Auftritt, die Mitmusiker, der Groove dazu, im Fluss zu bleiben und immer weiterzumachen. Wenn er eine Idee hat, dann spielt er sie. Wenn er dagegen als Komponist eine Idee hat, dann zerlegt er sie, legt sie auf den Prüfstein. Da wird dieses Unbewusste angehalten. Die Zeit wird angehalten. Dann probiert er, experimentiert, klopft die Ideen ab, ob sie etwas taugen und wie viel sie taugen. So ist die Musik, die Ammann komponiert, wie eine eingefrorene Improvisation. „Wenn ich mit einem Stück fertig bin“, sagt der ausgesprochene Langsamschreiber Ammann, „ist es für mich wie ein Schmuckstück, ein Kleinod, das ich poliert habe. Ich lege es dann weg, schaue in die nächste Schachtel – und die ist wieder vollkommen leer. Dann beginne ich wieder von neuem.“

 

Von 2014 bis 2016 komponierte der Langsamschreiber Dieter Ammann sein Orchesterstück glut für Orchester, hier in der Aufnahme mit dem Lucerne Festival Academy Orchestra, Dir. George Benjamin, 1. September 2019, KKL Lucerne Festival, Eigenproduktion SRG/SSR

 

Viele Seelen

 

Mit Altrocker Udo Lindenberg oder Jazzlegende Eddie Harris hat Dieter Ammann gejammt, sich als Trompeter, Saxofonist und Bassist bei den Donkey Kongs und in Steven’s Nude Club ausgetobt, an den Jazzfestivals Köln, Willisau, Antwerpen und Lugano ist er aufgetreten.

Komposition und Theorie hat er studiert, bei Roland Moser und Detlev Müller-Siemens, bei Witold Lutoslawski und Wolfgang Rihm. Dann, Anfang der 90er, stellte ihn das Ensemble für Neue Musik Zürich in einem Konzert mit komponierenden Jazzern vor. Das war eine Initialzündung mit Folgen: erste CD, erste Auszeichnungen – er wird bekannt. Als composer-in-residence in Davos und anschliessend beim renommierten Lucerne Festival. Es regnet Preise: Schweizer Musikpreis, Hauptpreis der IBLA-Foundation New York, Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung (den Siemens-Hauptpreis, den ‘Nobelpreis’ der Musik bekommt er irgendwann auch noch…)

 

Was ist so besonders an Ammans schneller, vitalen Musik? Dass sie keinen Leerlauf kennt. Die ständige Bewegung und das Unerwartete kennt sie, und ständig kann sie implodieren oder explodieren.

Mit dem Ergebnis, dass sich die Energie seiner Musik unmittelbar mitteilt: Es ist nicht eine Musik, bei der man das Gefühl hat, man müsse sich erst durch eine dicke Schale beissen, bevor man an den Kern herankommt. Nein, die Kontaktaufnahme funktioniert schnell: Da wird man nicht nur eingeladen, sondern geradezu mitgezogen, mitgerissen.

 

Noch mehr Seelen

 

Das spüren und davon profitieren auch seine Student*innen. Seit über 30 Jahren unterrichtet Ammann an der Hochschule Luzern die Fächer Komposition Klassik, Komposition und Arrangement Jazz sowie Theorie Klassik. Er fördert und fordert die jungen Kolleg*innen, denn er ist beileibe keiner, der Nachfolger züchten will. „Ich will die Studierenden nicht in eine vornherein definierte ästhetische Richtung zwingen, sondern sie vielmehr dazu bewegen, ihren eigenen Weg zu gehen und die musikalische Sprache zu entwickeln, die in jedem Einzelnen von ihnen angelegt ist.“

 


Am Geburtstagskonzert der Basel Sinfonietta kommen auch zwei Orchesterwerke von Dieter Ammanns Student:innen zur Uraufführung, u.a. von der jungen, aus Armenien stammenden Komponistin Aregnaz Martirosyan (*1993), hier ihr Orchesterstück Dreilinden: UA durch das Armenien national Philharmonic Orchestra, am 14. Mai 2021

 

Wohin ihn seine eigene, in ihm angelegte Sprache noch führt? Wohin sie sich entwickelt? Keine Ahnung. Und das ist auch gut so. „Vielleicht ist es eben genau das: dieses Unsicher-Sein und dieses permanente Suchen, was mich am Komponieren wirklich reizt. Das Spannende am Komponieren ist eben dieses es-ist-so-noch-nicht-da und ich muss das jetzt irgendwie mir erarbeiten.“

 

Ammann ist nicht einer, der dem Selbstgelingen der Arbeit als Beobachter zuschauen kann. Aus der Vogelperspektive sozusagen. „Ich bin nicht der Vogel, ich bin eher der Frosch. Wenn ich zwei gekreuzte Grashalme vor mir sehe, muss ich mir überlegen, ob ich rechts oder links herum gehe, mittendurch schlüpfe oder darüber springe. Von oben betrachten kann ich die Grashalme aber nicht. Ein Beispiel: ich habe in der Vertikalen, also im Harmonischen, den Anspruch, dass jeder gesetzte Ton zu jedem anderen in einer sinnvollen Beziehung steht. Dass dies, gerade in einer Textur für Orchester, zu äusserst langwierigen Entscheidungsprozessen führt, liegt auf der Hand. Als intuitiv vortastender Komponist kann ich ja keinerlei Verantwortung an die Prädisposition des musikalischen Materials abschieben, da diese Vorformungen gar nicht existieren. Nebst der Tonhöhe gilt dasselbe natürlich auch für alle anderen musikalischen Aspekte, inklusive der nicht planbaren Gestaltwerdung der Gesamtform: ich bin in allen Belangen die einzige, immer ungesicherte (und unsichere) Beurteilungsinstanz.“

Ad multos annos, lieber Frosch!
Florian Hauser


Udo Lindenberg, Eddie Harris, Detlev Müller-Siemens, Witold Lutoslawski, IBLA-Foundation – New York, Ernst von Siemens MusikstiftungJazzfestival WillisauEstival Jazz Lugano
Basel Sinfonetta «Musik am Puls der Zeit», 23.5.22: Dieter Ammann – Sechzig Jahre im Groove, Gespräch mit Robin Keller und Baldur Brönnimann

 

Konzerte zum Geburtstag:
Basel Sinfonietta:
Donnerstag, 26. Mai, 19h, Stadtcasino Basel : 5. Abo-Konzert «60 Jahre im Groove», Dieter Ammann: «Unbalanced instability» für Violine und Kammerorchester (2013), «Core» (2002), «Turn» (2010), «Boost» (2000/01) für Orchester, Dirigent Principal Conductor Baldur Brönnimann, Solistin Simone Zgraggen (Violine)
18h Pre-Concerttalk Dieter Amman & Uli Fussenegger (Leiter Zeitgenössische Musik Hochschule für Musik FHNW) / Vorkonzert Studierende FHNW

Sonntag, 22. Mai,19h, Club auf dem Jazzcampus Basel: Dieter Ammann live in concert im intimen Rahmen als Improvisator auf Keyboards, an der Trompete und am Bass, mit Jean-Paul Brodbeck (Piano), Christy Doran (Guitar) und Lucas Niggli (Drums, Percussion)

Luzerner Sinfonieorchester:
Dieter Ammann zum 60. Geburtstag: “Glut”, 31. 5. 2022, KKL, 19:30h, Dir. Michael Sanderling

Sendungen SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit, Mittwoch, 18.5.2022, 20h / Samstag, 21.5.2022, 21h: Durchwachte Nacht. Mit und zu Dieter Ammann, Redaktion Florian Hauser.

Musik unserer Zeit, Neue Musik auf dem Sofa, Mittwoch, 23.2.2022: u.a. über glut von Dieter Ammann, mit Doris Lanz und Marcus Weiss, Redaktion Benjamin Herzog
neoblog, 21.8.2020: Ich bin einer der langsamsten Komponisten Europas, Dieter Ammann im Gespräch zum Film Gran Toccata, Autorin Gabrielle Weber

Neo-Profile:
Dieter Ammann, Basel Sinfonietta, Wolfgang Rihm, Roland Moser, ensemble für neue musik zürich, Aregnaz Martirosyan, Davos Festival young artists in concert, Lucerne Festival ContemporarySwiss Music Prices, Luzerner Sinfonieorchester

Der Wahnsinn der Welt

Cécile Olshausen
“Manchmal habe ich das Gefühl, ich wohne im Zug», lacht Helga Arias. Die Komponistin kommt aus dem spanischen Baskenland, ist 1984 in Bilbao geboren und lebt in der Schweiz. Sie selbst bezeichnet sich als Nomadin, denn seit ihrer Kindheit ist sie ständig unterwegs und hat schon an vielen verschiedenen Orten gelebt. Im Frühling 2020 aber steht plötzlich alles still, wegen Corona.

 

Portrait Helga Arias zVg Helga Arias

 

Stundenlange Video-Calls

Helga Arias hatte eigentlich einen längeren Aufenthalt in den USA geplant; das International Contemporary Ensemble(ICE), ein Künstlerkollektiv aus New York, hatte sie eingeladen als composer in residence. Aber die Komponistin muss wegen der Pandemie in Europa bleiben. Und auch die Musiker:innen des ICE in New York sind isoliert und können sich wegen des Lockdowns nicht zu Proben treffen. Dieser Stillstand setzt bei Helga Arias kreative Energien frei. So entsteht das Werk I see you für verstärktes Streichquartett und Live-Video, das am Eröffnungskonzert des Festival SONIC MATTER im Dezember 2021 in Zürich uraufgeführt wurde.

Weil also weder reale Begegnungen noch die geplanten kollektiven Arbeitsformen möglich sind, führt Helga Arias das Ensemble per Video-Call zusammen. Zuerst verbindet sie sich  einzeln mit jedem Mitglied, nimmt stundenlang Klänge und Töne auf, aber auch Gespräche über Kunst und Geschmack, über Musik und seelisches Befinden. Das audio-visuelle Material fügt sie zusammen und verteilt es dann wieder unter den Quartett-Mitgliedern. So verwebt sie alle miteinander, obwohl jeder einzeln zu Hause festsitzt. Eine künstliche, aber auch kunstvolle Form der Kommunikation.

Erst wenige Stunden vor der Premiere in Zürich haben sich die Komponistin und das Quartett schliesslich persönlich kennengelernt und konnten vor Ort die virtuell geschaffene Video- und die Quartett-Partitur von I see youzusammensetzen. In der Corona-Pandemie ist also ein kreatives und variables Modell der Zusammenarbeit entstanden. Ein Modell, bei dem alle Beteiligten, sowohl Komponistin als auch die Spielenden gleichberechtigt künstlerisch involviert sind.

 

Helga Arias, I see you, International Contemporary Ensemble, UA Festival Sonic Matter Zürich, 2.12.2021 / Sound-recording: Eigenproduktion SRG/SSR

 

Im Rausch der Reize

Helga Arias ist eine sensible Zeitgenossin. Sie beobachtet alles und blendet beim Komponieren die Welt, auch die virtuelle Welt der digitalen Medien nicht aus: Hatespeech, Me Too-Debatte und Fake News sind Elemente ihrer Musik. «Der Kontakt mit der Gesellschaft ist mir sehr wichtig», sagt sie, «es heisst ja zeitgenössische Musik, also muss sie auch zeitgenössisch sein. Was in der Welt passiert, das hat auch eine Wirkung auf meine musikalischen Ideen.»

In ihrer Performance Hate-follow me – die Uraufführung fand am Musikfestival Bern im September 2021 statt – mischt Arias die vokalen Klänge von vier Sopranistinnen mit den aufdringlichen Signalen von Handys und per Video rauschen dazu Bilder aus Social Media vorbei: Gehässige Beleidigungen wechseln ab mit aufdringlichen Körperposen, eine Mischung aus sinnentleerter Verführung und Hass. Begleitet von unaufhörlichem Vibrieren, Klingeln, Zwitschern und Piepen.

 

Helga Arias: Hate-follow me, UA Musikfestival Bern, UA 5.9.2021

 

Dieses bedrängende Übermass an akustischen und visuellen Reizen ist dabei das Ziel der Komponistin. Helga Arias macht auf diese Weise aufmerksam auf den Wasserfall an Meldungen, der tagtäglich auf uns einprasselt. Selbst wenn wir eine Nachricht lesen könnten, wird sie sofort von der nächsten verdrängt. Die einzelne Information verliert jede Bedeutung. Dabei verdichtet die Komponistin Klang und Bild auf erschreckend faszinierende Weise und man beginnt zu ahnen, wieso gerade Hass-Nachrichten eine so schnelle und grosse Verbreitung finden.

 

«So sorry»

Hate-follow me zeigt drastisch auf, dass der unbegrenzte Raum des World Wide Web nicht für ein Maximum an Offenheit und Diversität genutzt wird. Vielmehr verengt sich die Perspektive, wenn Influencerinnen und Blogger normierte Klischees verbreiten und alte Rollenbilder zementieren. Und anstatt im Internet differenzierte Vielstimmigkeit zu feiern, lässt ungehemmte Hassrede viele verstummen. Hate-follow me endet – nach einem medialen Kollaps – in einem Schwall von Entschuldigungen. Versöhnlich aber ist das nicht. Denn auch die tausendfachen «Sorrys» wirken klebrig und scheinheilig. Dieses Stück ist ein erstaunliches Paradox: Helga Arias komponiert eine Musik, die uns nicht loslässt, aber eigentlich auffordert, sie abzustellen. Wenn wir es tun, entziehen wir uns dem Wahnsinn der Welt, wenn wir es nicht tun, unterwerfen wir uns ihm.

Für Helga Arias sind Werke wie Hate-follow me oder I see you Möglichkeiten, über ihre eigene Rolle als Komponistin und ihre Beziehung zu Interpret:innen und Publikum nachzudenken: «Die Interpreten meiner Musik sind keine Spielmaschinen und ich bin kein Chef, der sagt: du machst das! Vielmehr geht es um komplexe Interaktionen.» Auch mit dem Publikum. Und so vermittelt Helga Arias auch keine Botschaft. Wir Zuhörenden müssen selbst herausfinden, wie wir mit den Widersprüchen und Verrücktheiten klarkommen.
Cécile Olshausen

 

Portrait Helga Arias zVg Helga Arias

 

International Contemporary Ensemble

Am 26. März ist Helga Arias in Ascona in einer conferenza-concerto im Rahmen des Festival Ticino Musica zu erleben.

 

Sendungen SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit: I see you – die Komponistin Helga Arias, Redaktion Cécile Olshausen, Mittwoch, 9.2.22, 20:00h / Samstag, 12.2.22, 21:00h
SRF-online, 14.2.22: Komponistin Helga Arias – Sie macht auch Hate Speech zu Musik, Text Cécile Olshausen

neo-Profile:
Helga Arias, Festival Sonic Matter, Musikfestival Bern, Ticino Musica

 

Portrait unserer Zeit

Vortex – der Wirbel im Innern des Hurrikans, der übermächtige Strudel, dem man nicht entkommt. Der Name ist Programm: Aufwirbeln und Neumischen – darum geht es dem Genfer Ensemble für Neue Musik Vortex.

In Genf, in der Romandie und im Ausland ist das Ensemble Vortex eine feste Grösse – in der deutschen Schweiz trat es noch kaum auf. Zu seinem Saisonauftakt ist es nun zu Gast in der Gare du Nord in Basel, im Rahmen des Focus Romandie, dem Schwerpunkt zur französischsprachigen Schweiz.

Mit Daniel Zea, Komponist, Co-Gründer und -Leiter unterhielt ich mich zu Selbstverständnis und Ausrichtung des Ensembles und zur kommenden Saison.

 

Portrait Daniel Zea © zVg Daniel Zea

 

Am Anfang stand das gemeinsame Interesse, Schnittstellen auszuloten: zu Improvisation, Jazz, Tanz, Theater, Installation, Radiophonie und visuellen Künsten. “Uns verband die Neugier auf Experiment und die Faszination an Neuem”, sagt Daniel Zea. Und so schloss sich eine Handvoll Absolvent:innen der Genfer Musikhochschule zum Ensemble zusammen, um genau das auszuprobieren. Das war im Jahr 2005. Und immer sollte Elektroakustik dabei sein. “Das war damals noch gar nicht selbstverständlich”, meint Zea.

Sie stammen aus der Schweiz, Europa und Südamerika und die meisten sind bis heute dabei. Nebst Zea – er wuchs in Kolumbien auf, bevor es ihn fürs Studium nach Genf verschlug – sind da bspw. die Komponisten Fernando Garnero, Arturo Corrales und John Menoud oder die Interpret:innen Anne Gillot und Mauricio Carrasco. “Wir waren alle noch im Konservatorium und ganz jung: wir wollten unsere und die Stücke von anderen jungen Komponist:innen hören und spielen. Wir wollten sie möglichst frei erarbeiten, gemeinsam mit den Interpret:innen”, sagt Zea. Die Mitglieder – zirka zehn bilden den festen Kern – nehmen dabei oft beide Rollen ein.

Vortex führt ausschliesslich neue Stücke auf, die es fürs Ensemble in Auftrag gibt, uraufführt und anschliessend ins Repertoire aufnimmt. Insgesamt sind so bereits an die 150 neue Werke zusammengekommen. Und damit auch ein grosser Kreis an Komponierenden.

Ein wichtiger Wegbereiter war der Genfer Komponist und Dozent Eric Gaudibert: Er unterstützte die Ensemblegründung und stand dem jungen Ensemble bis zu seinem Tod 2012 zur Seite. “Eric Gaudibert war eine wichtige Persönlichkeit für die Neue Musik-Szene der französischen Schweiz und für Vortex. Er war unglaublich vernetzt: er inspirierte und beriet uns und ermöglichte Vieles” sagt Zea. Zum Abschluss der Saison veranstaltet Vortex deshalb ein Minifestival in Genf in Gedenken an seinen 10jährigen Todestag. Es findet im Dezember statt. Ungleich anderer Akteure orientieren sich die Vortex-Saisons am Kalenderjahr.

Eric Gaudibert, Gong pour pianofort concertante et ensemble, Lemanic Modern Ensemble, Dir. William Blank,  2011/12, Eigenproduktion SRG/SSR

 

Immer haben sie einen thematischen Schwerpunkt. In der nun bereits 17. Spielzeit mit dem Motto ‘Resonance comes between notes and noise’ geht es um die Gesellschaft nach der Pandemie. Diese habe die Parameter unseres Umgangs miteinander neu gemischt und vieles ins Digitale verlagert. Unsere Zeit stehe unter einem hohen Druck, und den wollten sie zum Ausdruck bringen, sagt Zea.

Exemplarisch stehen dafür zum Saisonauftakt die zwei in Basel gezeigten Stücke: The Love letters? von Zea (UA 2019), und Fabulae von Fernando Garnero (UA 2016). “Beide Stücke spiegeln die heutige Gesellschaft auf unterschiedliche Weise – zusammen bilden sie ein Portrait unserer Zeit”, meint Zea.

 

“Inszenierung der Schwächung des Menschen durch Technologie”

 

In The Love letters? sitzen sich zwei Performer – ein Mann und eine Frau – gegenüber, beide am Computer. Bewegungen, Mimik und Blicke werden aufgezeichnet und auf Videogrossleinwand gezeigt – live, verzögert, überlagert, verfremdet – und übersetzt in elektronische Musik und Text.

 

Daniel Zea: The Love Letters?, Ensemble Vortex: Anne Gillot, Mauricio Carrasco, UA 2019

 

Zea befragt im Stück das Kommunizieren im digitalen Raum mittels Gesichtserkennung. In Suchmaschinen, Smartphones, Social Media oder staatlicher Überwachung kommt sie durch Algorithmen zum Einsatz, meist ohne dass wir uns dessen bewusst wären. Der Titel trägt ein Fragezeichen: Ist das Aufgezeichnete/Gezeigte nun das Echte oder sind es die echten Akteure auf der Bühne? Können Gefühle, die wir über digitale Geräte austauschen, ‘echt’ sein?

Love Letters? ist ein Liebesdialog der zeigt, wie absurd heutiges Kommunizieren über den Umweg digitaler Tools ist. Soziale Medien ermächtigen sich unser: es ist eine Inszenierung der Schwächung des Menschen durch Technologie”, so Zea.

Für Zea hat das Stück, das bereits 2018 entstand, fast etwas Prophetisches: In der Pandemie habe die Thematik eine grössere Relevanz erhalten, da digitales Kommunizieren omnipräsent wurde.

 

Vermeintlich Vertrautes verfremden

 

Auch Fabulae von Fernando Garnera verfremdet vermeintlich Vertrautes durch zusätzliche Blickwinkel. Video, Elektronik und Zusatztexte ergänzen das bekannte Grimmsche Märchen Cinderella um weitere Erzählebenen und entlarven überkommene Moralvorstellungen. So wird es in eine bizarre digital transformierte Gegenwarts-Zukunft versetzt.

“Dahinter lauert eine versteckte Kritik an der heutigen kapitalistischen Gesellschaft, die sich durch die Pandemie noch verschärfte”, sagt Zea.

 

Fernando Garnero, Fabulae, Ensemble Vortex, UA 2016

 

Einen radikal anderen Zugang auf unsere Gesellschaft vermittelt das nächste Projekt der Saison: Suma, eine Kollaboration mit dem Ensemble Garage aus Köln. Als Ausgangslage habe die Frage gestanden, wie Musik heute anders gemacht werden könne, gemeinsam und gegenwärtig, nachdem das Zusammenarbeiten über Distanzen zur Gewohnheit geworden sei. Das Resultat sei eine Art von Antwort auf die Pandemie, sagt Zea. “Wir kreieren im Kollektiv ein gemeinsames zeitgenössisches Ritual, durch das die Musik wieder ihre Verbindung zum ‘Heiligen’, zur Natur findet, basierend auf Erinnerung, Ritual und Schamanismus. Damit hinterfragen wir die Rolle von Technologie und Kommunikation heute”.

 

Composer’s next generation

 

Vortex widmet sich auch regelmässig der kommenden Generation – nicht zuletzt, um selbst ‘jung’ zu bleiben. Im biennalen interdisziplinären Laboratorium Composer’s next generation betreibt Vortex regelrechte Nachwuchsförderung. 2021 fand es bereits zum vierten Mal statt: auf einen Call for projects werden jeweils fünf junge Komponierende oder Klangkünstler:innen ausgewählt. Mit ihnen arbeitet Vortex dann eine Saison lang eng zusammen, gefolgt von einer Carte blanche am Neue Musik-Festival Archipel Genève und Folgeaufträgen u.a. im l’Abri, dem Ort für visuelle- und Klang-Kunst mitten in Genf. Damit bindet Vortex die Teilnehmenden weiter ans Ensemble und an die Genfer Szene. “Teilnehmer:innen waren bspw. Chloé Bieri, Barblina Meierhans oder Helga Arias – alle waren damals noch recht am Anfang, alle sind nun international unterwegs und weiterhin eng mit Vortex verbunden”, so Zea.

 

Ensemble Vortex / Composer’s next generation

 

Vortex wirbelt auf und mischt neu – auch die Genfer Neue Musik-Szene: die meisten Akteure der Romandie sind mittlerweile durch gemeinsame Projekte mit dem Ensemble assoziiert. Und natürlich haben sich die Vortexianer:innen inzwischen auch einzeln im In- und Ausland einen Namen gemacht.
Gabrielle Weber
Ensemble VortexDaniel Zea, Chloé Bieri, Anne Gillot, Mauricio Carrasco, Ensemble Garage, Festival Archipel, L’Abri, Festival acht Brücken Köln

 

Konzerte Ensemble Vortex:
23.2.22, 20h, Gare du Nord Basel: The Love letters? / Fabulae, im Anschluss Gespräch mit den Mitwirkenden

Suma: Ensemble Vortex & Ensemble Garage:
6.4.22 Archipel; 2.5.22 Köln: Festival acht Brücken

remember Eric Gaudibert – Mini-Festival: 10./17.Dezember 22, Genf

neo-Profile:
Daniel Zea, Ensemble Vortex, Eric Gaudibert, Arturo Corrales, Fernando Garnero, John Menoud, Barblina Meierhans, Helga Arias, William Blank, Lemanic Modern Ensemble