Unser Gedächtnis neigt dazu, sich an Extreme zu erinnern

Gabrielle Weber
100 Jahre Donaueschinger Musiktage – ein historisches Ereignis: 100 Jahre schon setzt sich die epochemachende Institution für Erhalt und Verbreitung der Gegenwartsmusik ein. Das wichtigste europäische Festival der musikalischen Moderne, Uraufführungsschmiede, Ort der Begegnung und der Debatte feiert das Jubiläum mit zahlreichen Veranstaltungen unter Mitwirkung von langjährigen WeggefährtInnen vom 14. bis zum 17. Oktober.

Ein Ensemble, das mitfeiert, ist das junge, in der Schweiz basierte Ensemble Nikel. Yaron Deutsch, E-Gitarrist und Kopf von Nikel, war mit dem Ensemble und als Solist bereits mehrfach in Donaueschingen dabei. Zum Jubiläum führt Nikel neue Stücke von Rebecca Saunders und der jungen türkischen Komponistin Didem Coskunseven auf. Deutsch ist zudem Solist im neuen Stück von Stefan Prins mit dem Orchestre Philharmonique du Luxembourg.

 

Portrait Ensemble Nikel 2016 © Markus Sepperer
Ensemble Nikel  2016, zVg. Ensemble Nikel

 

Gegründet 2006, tourt Nikel mittlerweile weltweit und blickt dieses Jahr auf sein fünfzehnjähriges Bestehen zurück. Ein ‚alternativer Kammermusikklang‘ aus einer Mischung von elektronischen und instrumentalen Klängen ist charakteristisch für das Ensemble. Die ungewöhnliche Besetzung, E-Gitarre, Klavier, Saxophon und Perkussion geht auf den allerersten Auftritt zurück. Das sich laufend erweiternde Repertoire besteht ausschliesslich aus Stücken, die für Nikel komponiert werden.

Mit Yaron Deutsch unterhielt ich mich per Zoom an einem Samstag frühmorgens, er im Hotel in Parma. Er sei ein Morgenmensch und bereits um 4:30h aufgestanden. Nach einem Auftritt am Festival für zeitgenössische Musik Traiettorie ging es weiter zu Proben nach Bern.

Wie fanden Sie mit der E-Gitarre zur zeitgenössischen klassischen Musik..?

2005 befand ich mich in einer Phase der Suche nach meinem eigenen musikalischen Weg. Mit der E-Gitarre war ich assimiliert in der Musik des Rock und Jazz, fühlte mich aber dort wie eine ‘Copy Cat’ einer amerikanischen Kultur, die nicht meine ist. Da stiess ich über ein Stück von Louis Andriessen: ‘Hout‘ (1991) für die Besetzung Saxophon, E-Gitarre, Percussion und Klavier. Es fühlte sich wie ein ‘Heureka’-Moment an. Das Stück mischt Musikgenres und -elemente unkompliziert. Ich fand darin eine Verbindung zu meinen europäischen Wurzeln und fühlte mich wie zuhause angekommen in der europäischen klassischen Musikavantgarde. Es gab mir eine Art Richtung vor, in welche Klangwelt ich gehen wollte.

 

Ensemble Nikel / Yaron Deutsch 2016, zVg. Ensemble Nikel

 

Wie kam’s zu Nikel? Wieso diese Besetzung?

Mit ‘Hout‘ gaben wir unser erstes Konzert in Tel Aviv. Die Instrumente des Stücks wurden zur festen Besetzung von Nikel. Nach wenigen Wechseln bilden wir nun seit ungefähr zehn Jahren die feste Stammformation: Brian Archinal an der Perkussion, Antoine Françoise, Klavier, Patrick Stadler, Saxofon, und ich mit der E-Gitarre. Wir inspirieren uns gegenseitig.

Woher stammt der Name Nikel?

Drei Punkte: Zuerst wollte ich keinen Namen der Musik assoziiert. Im Namen sollte zudem ‘Metall’ als eine unserer Klangfarben anklingen. Und zuletzt erinnert Nikel an die israelische Künstlerin Lea Nikel und ihre abstrakten farbintensiven Arbeiten. Sie war In den sechziger und siebziger Jahren in Paris und New York tätig und verstarb 2005 in Tel Aviv.

 

Es ist wie wenn Wassertropfen langsam zu einem Organismus zusammenfinden.

 

Wie kam es zum Standort Schweiz..?

Dass drei von vier Mitgliedern in der Schweiz sind, ergab sich von selbst. Ich war immer ein ‘Missionar’ für Musikschaffen ohne Nationalität, für ein Modell von Ensembles ohne eine nationale oder lokale Festlegung: es geht mir darum, mit den Musikern zusammenarbeiten, die ich am spannendsten finde, die mich inspirieren, egal wo sie leben. So kam es bspw. zu Patrick Stadler in Basel. Unsere Vision ist aber eine internationale.
Es ist wie wenn Wassertropfen langsam zu einem Organismus zusammenfinden.

Ausgehend von einer Einladung für ein Konzert finden wir zusammen. Unsere Aufgabe als Künstler ist es, so faszinierend, interessant und auch gut zu sein, um einen Bedarf zu schaffen. Es geht dabei um Passion: solange wir passioniert sind, existieren wir als Gruppe.

 


Anne Cleare, the square of yellow light that is your window (excerpt), UA 2014 Ensemble Nikel

 

Wie kam’s zum ersten Auftritt in Donaueschingen?

2010 traten wir an den Darmstädter Ferienkursen auf. Der damalige neue künstlerische Leiter Thomas Schäfer wollte in seiner ersten Ausgabe neue Stimmen präsentieren und lud uns ein. Der Auftritt hatte ein grosses Echo. Kurz danach rief uns Armin Köhler, der damalige Intendant von Donaueschingen an, und lud uns zwei Jahre später ans Festival ein. 2012 waren wir erstmals dort.

Was bewirkte dieser Auftritt für Nikel?

Der Auftritt vor grossem Publikum mit internationaler Resonanz war das eine. Donaueschingen ermöglichte uns aber auch, vier Uraufführungen von vier substanziellen Komponisten zu spielen, die ihre Stücke extra für unsere Besetzung schrieben. Wir hatten nicht die finanziellen Möglichkeiten, solche Stücke selbst in Auftrag zu geben. Diese völlig unterschiedlichen Stücke spielten wir seither in der ganzen Welt.

Und dieser Mechanismus geht seither weiter: wenn wir eingeladen werden, geben die Festivals Stücke für uns in Auftrag. Diese behalten wir danach im Repertoire. Bei der Auswahl bringen wir uns immer ein und schlagen KomponistInnen vor, von denen wir begeistert sind. In unseren Auftritten ist dann diese Begeisterung spürbar.

Sie führen an der Jubiläumsausgabe eine neues Stück von Rebecca Saunders auf, zusammen mit der Kontra-Altistin Noa Frenkel, und ein weiteres der jungen türkischen Komponistin Didem Coskunseven: wie kam es zu dieser Stückauswahl?

Rebecca Saunders wollte schon lange mit uns zusammenarbeiten, da ich in anderen Kontexten Stücke von ihr interpretierte, bspw. mit dem Klangforum Wien. Es kam aber noch nie dazu. Nun hatten wir Glück. Ein grosses Auftragsstück konnte aufgrund der Pandemie nicht realisiert werden und Rebecca schlug als Alternative vor, ein Stück mit uns und einer Sängerin zu erarbeiten. Die Komponistin Didem Coskunseven ergab sich dazu im Gespräch mit Björn Gottstein.

Die Auftritte von Nikel sind bekannt für einen oft radikal lauten Elektroniksound – Wie arbeitet Nikel mit der Stimme zusammen..?

Zuerst muss ich das Prädikat ‘lautes’ Ensemble zurückweisen: Wir spielen auch viele subtile Stücke, stille, taktile Musik. Wahrscheinlich führt unsere virtuose Qualität zum Eindruck: “die Musiker können spielen, dass die Wände wackeln..”. (lacht..)

Ein maskuliner Power, das ist nicht unser Ding. Unser Gedächtnis neigt dazu, sich an Extreme zu erinnern. Aber es geschieht so viel ausserhalb der Extreme, eigentlich das Meiste..

Nach der ersten Probenwoche betonte Rebecca die gute Balance zwischen der Sängerin und uns. Wir ‘dienen’ ihrer Musik: wir geben der Sängerin einen Raum und fanden einen spezifischen Klang für das Stück. Wir sind wie ein ‘elektrifiziertes Streichquartett’, ein Organismus der sehr gut zusammen funktioniert und dessen Klang sich sehr gut mischt. Wir können ganz fein abstufen zwischen laut und leise.

 


Stefan Prins, Fremdkoerper 2 (excerpt), UA 2010 Ensemble Nikel

 

Gibt es einen spezifischen Nikel-Sound?

Wir spielen immer wieder Stücke die eklektisch sind, die Elemente mischen, aber nie zufällig oder unnötig. Eine klare musikalische, nicht eindimensionale Linie verbindet alles. Nikel-Konzerte klingen immer anders. In diesem Konzert sind zwei völlig verschiedene Seiten, zwei völlig unterschiedliche Klangfarben zu hören.

Und wie klingt die Klangfarbe in Didem Coskunsevens Stück ?

Ihr Stil lässt sich nicht in einem Satz zusammenzufassen, das würde ihr nicht gerecht. Man kann sicher sagen: sie arbeitet mit minimalistischem Material, sehr farbenreich und expressiv, auf subtile Weise, nicht laut. Durch Kontinuität und Minimalismus kommen so Variationen zum Tragen.

 

Didem Coskunseven, Day was departing, UA Manifeste 2021, Ircam / Paris

 

Gehen wir nochmals etwas zurück: war der erste Auftritt in Donaueschingen für Nikel  ein Karrierestart?

Donaueschingen war nicht der Start, aber es war ein entscheidender ‘boost’, ein Schub: die Vertrautheit mit der internationalen Szene, das war sehr wichtig für unser Wachstum.

 

Musikmachen ist vergleichbar mit Sport. Wir wollen immer das Beste geben..

 

Nun sind Sie am 100Jahr-Jubiläum dabei: was bedeutet das für Nikel?

Da gibt’s zwei Antworten: ein Konzert ist ein Konzert. Musikmachen ist vergleichbar mit Sport. Wir wollen immer das Beste geben, egal wie gross oder klein der Rahmen ist.

Aber darüber hinaus: es ist für uns eine unglaubliche Ehre. Wir sind historisch bewusste Menschen und Musiker. Donaueschingen ist eine ‘ historische Plattform ‘, das am längsten existierende Neue Musik-Festival. Wir sind dankbar, dass unsere Arbeit so geschätzt wird, dass wir gefragt wurden, Teil dieses wichtigen Anlasses zu sein.
Interview: Gabrielle Weber

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Ensemble Nikel, Louis AndriessenThomas Schäfer, Armin KöhlerBjörn Gottstein, Didem Coskunseven, Stephen MenottiTrio Accanto

 

Uraufführungen Schweizer Musikschaffende @ Donaueschinger Musiktage 2021:
Donnerstag, 14.10., 20h: UA Beat Furrer, neues Werk für Orchester, SWR Symphonieorchester, Solist: Stephen Menotti, Posaune (CH)

15./16./1.10., 9:45h: Johannes Kreidler ‘Rhythms of history’ für Film, mit Alexandre Babel

Freitag, 15.10., 14h/17h: Trio Accanto, SWR Experimentalstudio

Samstag, 16.10., 16h: UA Daniel Ott, Donau Rauschen, Landschaftskomposition

Samstag, 16.10., 20h: Lucerne Festival Contemporary Orchestra, Leitung Baldur Brönnimann

 

Auftritte Ensemble Nikel / Yaron Deutsch Donaueschingen:
Freitag, 15.10.2021, 20h: Soloauftritt, Uraufführung von Stefan Prins, Orchestre Philharmonique du Luxembourg unter Stefan Volkov.

Sonntag, 17.10.2021, 11h: Ensemble Nikel und Noa Frenkel (Kontra-Alt), UA Rebecca Saunders und Didem Coskunseven


Weitere kommende Auftritte Ensemble Nikel:

November Music, s’Hertogenbosch:
12.11.21: Wiederholung Konzert Donaueschingen: UA Rebecca Saunders / Didem Coskunseven
WienModern:
14./27./28.11.21: Werke von Thomas Kessler, Klaus Lang, Hugues Dufourt, Leitung Jonathan Stockhammer

 

Sendungen SRF 2 Kultur:
Künste im Gespräch, 14.10.21, 9:00 Uhr: 100 Jahre Donaueschinger Musiktage, Redaktion Florian Hauser

Kultur Aktuell, 18.10.21, 8:15 Uhr: Redaktion Florian Hauser

Musik unserer Zeit, 3.11.21, 20 Uhr: 100 Jahre Donaueschinger Musiktage, Redaktion Florian Hauser

 

neo-Profiles:
Ensemble Nikel, Donaueschinger Musiktage, Rebecca Saunders, Beat Furrer, Alexandre Babel, Lucerne Festival Contemporary Orchestra, Daniel Ott, Johannes Kreidler, Marcus Weiss, Thomas Kessler, Jonathan Stockhammer

Exzellenzorchester für neue Musik

Benjamin Herzog
Lucerne Festival Contemporary Orchestra heisst ein neu geschaffener Klangkörper des am 13. August angelaufenen Lucerne Festival. Das neue Orchester ist stark eingebunden in die ebenfalls neu geschaffene Sparte „Contemporary“, mit der das Lucerne Festival über eine einzigartige Struktur für die Ausübung neuer Musik verfügt.

Felix Heri, Leiter der Sparte “Contemporary“ erklärt, was so einzigartig ist daran.
Sie sind zwischen 30 und 35 Jahren alt, sind aktuelle und ehemalige TeilnehmerInnen der Lucerne Festival Academy und sie spielen neu seit diesem Jahr in einem Orchester, das, so Felix Heri, ein „Exzellenzorchester für neue Musik“ werden soll. Es hat also einen ähnlichen Anspruch wie das vor bald zwanzig Jahren gegründeten Lucerne Festival Orchestra (LFO). Jenem Klangkörper, dem unter der Leitung seines ersten Dirigenten Claudio Abbado geradezu magische Qualitäten nachgesagt wurden.

 

Portrait Felix Heri ©Gregor Brändli / zVg Lucerne Festival

 

 

Der 35-jährige Solothurner Felix Heri ist der Kopf der neuen Sparte „Contemporary“ des Lucerne Festival. Er hat in Luzern Klarinette und in Basel Kulturmanagement studiert, und war anschliessend sechs Jahre lang Geschäftsführer beim Orchester basel sinfonietta. Seit letztem Jahr nun ist Heri Leiter von Lucerne Festival Contemporary.

Lucerne Festival Contemporary: das ist ein Dach, unter dem sich eine dreiteilige, organisch gewachsene und laufend weiterentwickelnde Struktur befindet. Akademie, Orchester und ein (statt dem gestrichenen Piano-Festival) im November stattfindendes, neues Festival, genannt Lucerne Festival Forward. „Wir haben ein einzigartiges Netzwerk von 1300 Leuten auf der ganzen Welt“, erklärt Heri: „Musikerinnen und Musiker, die irgendeinmal die Festival Academy besucht haben, und im damaligen Orchester der Academy oder im Alumni-Orchester mitgespielt haben, in- und ausserhalb des Festivals.“ Es seien die „Besten und Interessiertesten“, die nun im Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO) mitspielen.

 

Gründer Boulez

Seine Kenntnisse vertiefen, wie neue Musik im Orchester gespielt werde. Das ist Ziel der 2003 noch vom 2016 verstorbenen Pierre Boulez gegründeten Festival Academy. Einer Art Meisterklasse für neue Musik, seit fünf Jahren von Wolfgang Rihm geleitet. Die Resultate dieser Arbeit konnten FestivalbesucherInnen bislang in den Konzerten des zur Akademie gehörenden Orchesters hören. “Einem Orchester, dem -wenn auch nur ganz leicht- doch der Duft eines Studentenorchesters anhaftete”, wie Heri heute sagt.

 

Magische Anziehung

2013 bildeten die ehemaligen AkademistInnen sodann ein “Alumni-Orchester”, also die nächste, schon professionellere Stufe. Offenbar funktioniert der Luzerner Magnet. Wer hier unter Grössen wie Pierre Boulez oder Wolfgang Rihm gelernt hat, will wiederkommen. Dieses Alumni-Orchester spielte auch ausserhalb des Festivals. Und ausserhalb Luzerns. Uraufführungen in New York, London, Peking, Zürich und auch Luzern zeugen von Netzwerkcharakter und Ausstrahlung.

 


Wolfgang Rihm, Dis-Kontur für grosses Orchester (1974/84): Lucerne Festival Alumni, Leitung Ricardo Chailly, 8.9.2019 KKL Lucerne Festival, Eigenproduktion SRG SSR

 

Logische Weiterentwicklung

Das nun neu gegründete LFCO ist die logische Weiterentwicklung dieser Struktur. Es ist die Zusammenführung der beiden ehemaligen Orchester, die personell ohnehin nie ganz getrennt waren. „Alle Mitglieder des LFCO haben mindestens einmal die Festival Academy besucht“, sagt Heri. „Hier spielen die Besten und Talentiertesten dieser Jahrgänge mit.“  Darüber hinaus gibt es pro Stimmgruppe je einen „Leader“, fünfzehn an der Zahl. Diese StimmführerInnen wählen ihrerseits die weiteren Mitglieder ihrer Gruppe, ihres Registers aus, die dann für maximal zwei Jahre im Orchester mitspielen können. Durch diese Mitbestimmung ist ein organisches Zusammenwachsen möglich.

 

Alumni der Lucerne Festival Academy im “Gedenkkonzert für Pierre Boulez”, Leitung
Matthias Pintscher (Luzern, 20.03.2016) © Priska Ketterer / zVg Lucerne Festival

 

Exzellenz trifft aus Exzellenz

StimmführerInnen sind zurzeit bspw. die vier Mitglieder des Arditti Quartetts, sowie für die Trompeten der Niederländer Marco Blaauw oder der Pianist Nicolas Hodges für die Tasteninstrumente. Dass das LFCO seine Mitglieder nicht danach beurteilt, auf welcher Sprosse der Karriereleiter sie stehen, sondern nach deren persönlicher Hingabe, zeigt sich darin, dass es keine Altersgrenze gibt und weder Akademisten noch bereits arrivierte MusikerInnen ausgeschlossen sind. So spielen im LFCO und unter der sommerlichen Luzerner Festivalsonne auch MusikerInnen des Klangforum Wien, des Ensemble Intercontemporain oder des Frankfurter Ensemble Moderne mit. 

Darin gleicht der neue Luzerner Moderne-Klangkörper sehr seinem älteren Bruder, dem Lucerne Festival Orchestra. Hier wie dort spielen Profis aus den führenden Orchestern ihres Genres mit. Für das Festival sollen künftig beide Orchester gleich starke Aussenwirkung haben.

 

Mit oder ohne Chef? – Mitsprache des Orchesters

Das neue Orchester hat aber, anders als das LFO mit zurzeit Riccardo Chailly, keinen Chefdirigenten, keine Chefdirigentin. „Wir diskutieren, ob es das braucht“, sagt Felix Heri. Eine solche Position habe Vor- und Nachteile. „Die Vorteile sind klar: mehr Ausstrahlung, Renommee, eine andere Art von Netzwerk. Aber es ist auch gut, die DirigentInnen zu den Projekten jeweils ganz gezielt auszuwählen.“ Und auch bei dieser Wahl setzt das LFCO auf Mitbestimmung aller Mitglieder. Mitsprache wird auch bei der Programmwahl grossgeschrieben. So verantwortet das Sommerprogramm zwar nach wie vor der künstlerische Leiter des Orchesters, Wolfgang Rihm. Das Programm des neuen Herbstfestivals „Forward“ wird aber von den Führungsfiguren des Orchesters selbst beeinflusst. Sie fungieren kollektiv als Co-KuratorInnen.

 

Barblina Meierhans, Auf Distanz, für Bassflöte und kleines Ensemble (UA 2020), Lucerne Festival Alumni, Leitung Baldur Brönnimann, Lucerne Festival KKL 23.8.2020, Eigenproduktion SRG SSR

 

Ein Showcase der neuen Musik

Dieses Jahr wird das LFCO bereits an den renommierten Donaueschinger Musiktagen oder an den Berliner Festspielen auftreten und für 2022 ist eine internationale Orchestertournee geplant. Gerade das Herbstfestival in Luzern aber soll, so Heri, zu einem „Showcase der neuen Musik“ werden und dabei aktuelle Strömungen aus Europa, den USA und Asien aufzeigen. Ermöglicht wird das durch die globale Vernetzung der Mitglieder des Orchesters, deren Leader und deren eigener Netzwerke.

 

Kollektives Mastermind

Von seiner früheren Arbeit bei der “basel sinfonietta” kennt Heri basisdemokratische Strukturen im Orchester. So weit geht das LFCO aber nicht. Aber: „Die Mitbestimmung bringt eine starke Identifikation mit sich “ betont Heri. Diese brauche es in einem auf neue Musik spezialisierten Orchester viel mehr als in einem klassischen Sinfonieorchester. „Wir nehmen die Leute ernst mit ihren Ideen.“ Das sei eine einzigartige Ausgangslage. „Wir sind ein kollektives Mastermind.“

Und er wiederholt: „Für mich soll das Orchester Massstäbe setzen. Wir wollen mutig sein und auch neue Konzertformate ausführen. Dabei ist die Einbindung in das Lucerne Festival natürlich ein Vorteil. Gleichzeitig aber wollen wir uns die nötigen Freiheiten nehmen, um davon losgelöst ein Pendant zum Festival Orchester zu werden. Das ist unser Ziel, daran messen wir uns.“
Benjamin Herzog

 

Probe Lucerne Festival Academy, Leitung Heinz Holliger © Stefan Deuber / zVg Lucerne Festival

 

Das LFCO bestreitet auch die diesjährige Opernproduktion des Luzerner Theaters in Koproduktion mit dem Lucerne Festival, Mauricio Kagels „Staatstheater“, 5.9. (Premiere)-19.9.21

Konzerte LFCO am Lucerne Festival 2021

Das Herbstfestival Lucerne Festival Forward findet vom 19. bis 21. November 2021 statt.

 

Klangforum Wien, Ensemble Intercontemporain, Ensemble Modern, Donaueschinger Musiktage, Riccardo Chailly, Felix Heri, Pierre Boulez, Wolfgang Rihm, Mauricio Kagel, Claudio Abbado, Arditti Quartet, Marco Blaauw, Nicolas Hodges

Sendungen SRF 2 Kultur:
neoblog, 1.8.21: Engagement für neue und neuste Musik – Rebecca Saunders composer in residence @ Lucerne Festival 1, Text Gabrielle Weber

Kontext – Künste im Gespräch 26.8.2021: Rebecca Saunders: composer-in-residence Lucerne Festival, Redaktion Annelis Berger

Kultur kompakt Podcast, 30.8.2021 (ab 4:59min): Lucerne Festival Contemporary Orchestra, Redaktion Florian Hauser

Musik unserer Zeit, 22.9.2021, 20h: Rebecca Saunders, Redaktion Annelis Berger

Neue Musik im Konzert, 22.9.2021, 21h: Portraitkonzert Rebecca Saunders 2, u.a. the mouth & skin

neo-profiles:
Lucerne Festival Contemporary Orchestra, Wolfgang Rihm, Lucerne Festival Academy, Lucerne Festival ContemporaryBasel Sinfonietta

 

Lucerne Festival – Engagement für neue und neuste Musik

Rebecca Saunders, gefeierte britische Komponistin, ist composer-in-residence am Lucerne Festival. Acht Schweizer Erstaufführungen und eine Uraufführung gibt es von ihr zu hören. Viele der Stücke werden vom neuen ‘Lucerne Festival Contemporary Orchestra’ interpretiert: es steht für das langjährige Engagement für neue und neuste Musik des Festivals und bildet künstlerischen Kern des neuen Herbstfestivals für Gegenwartsmusik ‘Lucerne Festival Forward’.

Der neoblog portraitiert den neuen Fokus zeitgenössische Musik am Lucerne Festival in mehreren Folgen: Den Einstieg bildet Rebecca Saunders – composer-in-residence am Sommerfestival.

 

Portrait Rebecca Saunders © Astrid Ackermann / zVg Lucerne Festival

 

Gabrielle Weber
Rebecca Saunders, Trägerin des Ernst-von-Siemens-Musikpreises 2019 und weltweit gefragte Komponistin, ist dieses Jahr in Luzern hautnah zu erleben. Seit ihrem Studium bei Wolfgang Rihm in Karlsruhe lebt die britische Komponistin in Berlin und ist an allen wichtigen Festivals der zeitgenössischen Musik präsent: sei es mit Kammermusik, Orchesterwerken oder auch mit performativen Klanginstallationen.

In Luzern kann man nun so umfassend wie selten in Saunders Musik der Stille, der Farben und der Körperlichkeit eintauchen. 

“Stille ist wie die Leinwand hinter dem Klang, Stille rahmt den Klang”, sagt Saunders. Die Stille mischt Saunders mit Klangfarben und leisen Klangfarbenveränderungen. Oft schwebt Saunders beim Komponieren als erstes ein einzelner Klang, eine reale Farbe oder eine Stimmung vor. “Man begibt sich beim Komponieren in eine Landschaft, in eine klangliche Situation, und irgendwann erreicht man eine absolute Fokussiertheit – dann ist alles was man macht richtig”.

Nach Möglichkeit geht Saunders neue Stücke zusammen mit den Interpretinnen und Interpreten an, im gemeinsamen behutsamen Herantasten an die Eigenheiten von Instrumenten. „Was gibt es Schöneres als im Austausch mit den Musikern zu sein, und über jedes kleine Detail bis zum Schluss zu diskutieren“, meint sie dazu.

Das Solostück blaauw aus dem Jahr 2004 komponierte Saunders bspw. für den niederländischen Trompeter Marco Blaauw, der es in Luzern selbst spielen wird. Mit seiner von ihm entwickelten Doppeltrichtertrompete führt Blaauw in Saunders Stück ein Gespräch, nicht nur zwischen den zwei Teiltrompeten, sondern auch mit der Raumakustik oder mit einem Konzertflügel, in dessen Resonanzraum die Trompete spielt, und mit dem Publikum. Der Titel steht für den Interpreten Blaauw und ist gleichzeitig leise augenzwinkernde Anspielung an Saunders Vorliebe für Farben.

 

Rebecca Saunders: blaauw, 2004, Nenad Markovic, Trompete / Ensemble Laboratorium, Davos Festival 2012, Eigenproduktion SRG

 

Auf Blaauws Doppeltrichtertrompete sind nicht nur Vierteltöne, sondern auch feine und abrupte Klangfarbenveränderungen oder extrem lange und grosse Glissandi möglich.

Glissandi prägen auch das neue Klavierkonzert To an Utterance, geschrieben für den Pianisten Nicolas Hodges. Saunders lotet hier fast körperliche Grenzen pianistischer Virtuosität aus, erläutert sie im Vorgespräch mit Mark Sattler, Festivaldramaturg für die zeitgenössische Musik am Lucerne Festival.

Gemeinsam mit dem Pianisten Hodges erforschte sie die Realisierbarkeit von extremen Glissandis unter verschiedenen Vorgaben, bspw. unter Einbezug ausschliesslich aller schwarzen oder aller weissen Tasten. Als energiebeladene Klanggesten verbunden mit melodischen Linien ziehen sie sich durch das Stück und erschaffen einen ungeahnten Farbenreichtum.

 

Portrait Rebecca Saunders © Astrid Ackermann / zVg Lucerne Festival

 

“Das Klavier ist mein Zuhause” sagt Saunders. Die starke Beziehung zum Instrument sei der Grund, weshalb sie viele Stücke für Klavier geschrieben habe und schon seit Jahren den starken Wunsch verspürte, ein Klavierkonzert zu schreiben. Mit der Uraufführung von to an utterance, Saunders erstem Klavierkonzert, wird der Traum in Luzern nun wahr.

 


Rebecca Saunders, The underside of green for Clarinet, Violin &Klavier 1994, Collegium Novum Zürich, Eigenproduktion SRG: The underside of green gehört zu einer Reihe von Kompositionen, die durch den Schlußmonolog der Molly Bloom in James Joyce Ulysses angeregt wurden.

 

Literatur, Prosa, Lyrik aber auch lexikalische und Sachtexte faszinieren Saunders seit jeher. Autoren wie Samuel Becket oder James Joyce begleiten ihr Komponieren ständig.

Aus der Faszination entstehen manchmal reine Instrumentalstücke, die auf Texten oder Worten basieren aber ohne Worte auskommen. Dann übersetzt Saunders die Farbe der Sprache in Klang, wie im Streichquartett Fletch (UA 2012)Die zischende Aussprache des titelgebenden Wortes (Fletch = ‘befiedert’ steht für das befiederte Ende eines Pfeils) verwandelt sie in pfeilartige, impulsive Gesten des Streicherklangs.

Oder es resultieren Stücke für Stimme, in denen ein Text oder manchmal auch nur einzelne Worte im Zentrum stehen. Nether für Sopran und Ensemble (UA 2019) bspw. dreht sich um den Monolog der Molly Bloom aus dem letzten Kapitel von James Joyces Jahrhundertepos ‘Ulysses’. Den Stimmpart übernimmt in Luzern die britische Sopranistin Juliet Fraser, mit der Saunders schon lange zusammenarbeitet.

Sie wolle einen Text nicht bloss vertonen, sondern das, was den Text ausmache, hörbar und spürbar zu machen, sagt Saunders. Viel geschieht dabei ‘hinter dem Text’, in Zwischenmomenten. ‘Nether’ bedeutet im Deutschen so viel wie ‘unter’, also das unter der Oberfläche Verborgene. Aus Mollys Monolog entsteht eine emotionale, fast theatrale, räumlich angelegte Vokalperformance. «Die Zuhörer*innen befinden sich im Innern der Musik», so Saunders, «als würden sie mitten in einer musikalischen Skulptur, im Gewebe des Klangs sitzen.»

The Mouth für Sopran und Tonband und Skin für Stimme und Ensemble schrieb Saunders Fraser auf den Leib oder auf die Stimme. Der Mund und die Haut sind für Saunders zwei der wichtigsten Schnittstellen des Menschen zwischen seinem Inneren und der Aussenwelt. Für The Mouth entwickelte Saunders in enger Zusammenarbeit mit Fraser ‘unverbrauchte Artikulationsformen’, die diese Schnittstelle fühlbar machen.

 

Rebecca Saunders, The mouth, Juliet Fraser, World premiere 2020, Centre Pompidou Paris

 

Sie wolle ‘von der Oberfläche des Klangs zur Essenz der Stimme vordringen: dem physischen Körper, der diesen Klang produziert’, schreibt Saunders zu The Mouth (UA 2020). “Klang ist körperliche Erfahrung, ein Erleben das auf alle Sinne zugreift”, so Saunders.
Gabrielle Weber

 

Portrait Rebecca Saunders © Johannes List – Ernst von Siemens Musikstiftung / zVg Lucerne Festival

 

Rebecca Saunders – composer-in-residence am Lucerne Festival

Portraitkonzerte:
21.8., 11h: Marco Blaauw, Trompete, Arditti Quartet, Trio Accanto (u.a. blaauw, fletch)
4.9., 11h: Juliet Fraser, Sopran, Solist*innen der Hochschule Luzern – Musik: Daniela Argentino, Sopran, Clemens Heil, Dirigent (u.a. The Mouth / Skin)

Weitere erwähnte Konzerte:
28.8., 22h: Juliet Fraser, Sopran, Ensemble des Lucerne Festival Contemporary Orchestra, Dirigentin: Johanna Malangré (u.a. Nether, Schweizer Erstaufführung)
4.9., 18:30h: Nicolas Hodges, Klavier, Lucerne Festival Contemporary Orchestra, Dirigent: Ilan Volkov (u.a. to an utterance, Uraufführung)

 

Rebecca SaundersWolfgang Rihm, Juliet Fraser, Marco Blaauw, Arditti Quartet, Trio Accanto

 

Sendungen SRF2Kultur:
Kultur-Aktualität, 17.1.2019: Ernst von Siemens Musikpreis an Rebecca Saunders: die Lautmalerin der Stille, Redaktion Florian Hauser (verlinken):

Musikmagazin, 22.10.2016: Kaffee mit Rebecca Saunders, Redaktion Florian Hauser

Kontext – Künste im Gespräch 26.8.2021: Rebecca Saunders: composer-in-residence Lucerne Festival, Redaktion Annelis Berger

Musik unserer Zeit, 22.9.2021, 20h: Rebecca Saunders, Redaktion Annelis Berger

Neue Musik im Konzert, 22.9.2021, 21h: Portraitkonzert Rebecca Saunders 2, u.a. the mouth & skin

 

Neo-profiles:
Rebecca SaundersLucerne Festival ContemporaryLucerne Festival Contemporary Orchestra, Davos Festival – Young artists in concert, Collegium Novum Zürich

Vogel, flieg!

Der Synthesizer und ich – das könnte der Titel sein über Nicolas Buzzis Leben. Seit seiner Kindheit spielt der Schweizer Künstler elektronische Musikinstrumente. Heute erfindet er Klänge, die es – vielleicht – zuvor noch nicht gegeben hat.

 

Nicolas Buzzi im Klang-Rohr, Portrait ©zVg Nicolas Buzzi

 

Benjamin Herzog
Es gibt nicht einmal ein Wort dafür. Synthesizerist, Synthesizeristin? Elektromusiker*in? Nein. Aber es gibt Menschen, die ihr Leben dem Synthesizer widmen. Und mit ihm der elektronischen Musik. Bei Nicolas Buzzi hat diese Passion früh angefangen. An ungewöhnlichem Ort. Auf dem Dachstock eines Bauernhauses nämlich. Dort fand der Zwölfjährige einen alten Yamaha-Synthesizer. «Ein Glücksfall», sagt Buzzi. Für sein Leben, denn er ist heute ein viel gesuchter Musiker.

 

Nicolas Buzzi: US VII/VIII/IX, unison in seven parts, 2.12.2020:

 

Autodidaktisch habe er sich das Spiel beigebracht. Eine ganze Jugend lang. War’s Liebe auf den ersten Blick? Schon, aber im engen Sinne ist Nicolas Buzzi nicht treu. Der Yamaha ist Vergangenheit, verflossen. «Die Geräte sind gekommen und gegangen», sagt er, «nur die Art des Umgangs mit ihnen, das Musikdenken, das ist stets geblieben.» Das mit dem Musikdenken allerdings, das ist etwas verwickelter, als man auf den ersten Blick annehmen könnte. Holen wir also etwas aus.

 

Donald “Don” Buchla – neue Klänge erfinden

 

San Francisco, die 1960er Jahre. Wenn man sich Donald Buchla, eine Hauptfigur in der Entwicklung des Synthesizers, dort mit Blumenhemd, langem Haar und blau getönter Nickelbrille vorstellt, dürfte das nicht ganz falsch sein. Diesen Look jedenfalls hat «Don» Buchla bis zu seinem Tod kultiviert. Etwas Guruhaftes. Und bis zu seinem Tod hat Buchla zahlreiche Modellreihen von elektronischen Musikinstrumenten vorgestellt: die Buchla-Synthesizer.

 

Nicolas Buzzi am Buchla, Portrait ©zVg Nicolas Buzzi

 

Auf einem solchen spielt auch Nicola Buzzi hauptsächlich. Dem «Buchla 200e». Synthesizer zu sagen, ist vielleicht nicht korrekt. Denn Klänge, die es schon gibt, zu «synthetisieren», nachzuahmen, das war nicht Buchlas Anliegen.

Ihm ging es darum, neue Klänge zu erfinden. Eine neue Musik, passend zur Aufbruchsstimmung jener Jahre. John Cage etwa experimentierte in San Francisco am selben Institut mit verschiedenen Zufallstechniken. Für Musik allerdings, die von Menschen auf herkömmlichen Instrumenten gespielt wird. (Mehr oder weniger: Cage schrieb auch Musik für klingenden Kaktus.)

 

Don Buchla nun erfand einen entsprechenden Generator, einen Zufallsgenerator, für seine Geräte. Und damit können sie, die Buchla-Synthesizer, vom Menschen nicht vorhergesehene, nicht programmierte Abläufe generieren.

Der Synthesizer also «macht» Musik, richtig? Nicolas Buzzi relativiert. Er sagt, zwar bekomme er Impulse von seinem Instrument, das so konstruiert ist, dass es selbstständig Prozesse durchläuft. Zufällige, aber meist doch gesteuerte. Also das, was er will, wozu er dem Instrument die Bahn vorgibt. Aber das heisst wiederum auch: «Die meisten Instrumente und wir Spieler orientieren sich / uns an bestehender Musik.» Fraglich also, ob so etwas wirklich Neues entstehen kann.

 


Nicolas Buzzi, Negotiating the space between rhythm and timber, 2020

 

«Wenn ich als Nicolas Buzzi spiele, habe ich ja doch immer mein kulturelles Gedächtnis, das ich nicht so einfach auslöschen kann», sagt Buzzi. «Mein Körper, der Puls, der Atem – auch das spielt beim Musikmachen eine Rolle.»

Es menschelt also im Reich der künstlichen Töne. Und dazu gehören auch wir, die Hörer*innen, die wir sofort einordnen, was wir hören. Vergleichen, Bekanntes herbeiziehen, Schubladen aufreissen, um das Unbekannte ordentlich zu verstauen.

 

Eigentlich müsste man das Ganze Maschinen überlassen…

Eigentlich müsste man das Ganze Maschinen überlassen.Tatsächlich gibt es Forschungsprojekte dazu mit selbstlernenden Computern, die eine nicht-menschliche, nicht an Erinnerungen geknüpfte Musik erschaffen sollen. «Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das klingt», meint Buzzi skeptisch. Zu Recht. Jedenfalls ist so etwas schwer vorstellbar. Aber eben: unsere Vorstellungen … Wenn Musik nicht in Beziehung zu unserer Welt steht, woran soll sie sich denn orientieren? «Vielleicht an der Wahrnehmung», sagt Buzzi. «An der Wahrnehmung von Zeit, von Klang, von Figuren.» Einer anderen Wahrnehmung somit, ist zu vermuten. Nur, kann ich wahrnehmen, was ich gar nicht kenne? Hier wird’s dunstig.

 

Eine Musik, die sich an der an der Wahrnehmung von Zeit, von Klang, von Figuren orientiert

 

Das Musikdenken, das Buzzi fast sein ganzes Leben lang mit seinen Synthesizern beschäftigt, könnte in Abgründe führen. Vielleicht ist es ganz gut, dass man da handfeste Partnerschaften eingeht. Mit anderen Musiker*innen. Mit seiner Ehefrau, der Künstlerin und Musikerin Martina Buzzi, und mit der Architektin und Musikerin Li Tavor spielt Buzzi im Trio. Drei Synthesizer verbinden sich hierbei in einem Projekt. «Pain» heisst es. Nicht unpassend, denn das Schmerzenskind ist im Coronajahr 2020 entstanden. «Da alle Orte, an denen wir hätten auftreten können, geschlossen waren, haben wir den gemeinsamen Klangraum ins Digitale verlegt», erklärt Buzzi.

 

Kopfhörermusik ist so entstanden. In und mit einem, beziehungsweise bis zu drei verschiedenen, digitalen Klangräumen. Da reagiere man ganz anders auf seine Partner, sagt Buzzi. Man sei unabhängiger, freier, das Hören sei unverbrauchter. Ideale Voraussetzungen eigentlich für Neues aus dem magischen Buchla-Apparat.

 


Nicolas Buzzi / pain mit Martina Buzzi und Li Tavor: places 2
Hören wir hin. Streckenweise sind in den «Pain»-Klängen gegenseitig sich zuschnarrende, zugrunzende Wesen zu hören. Es bellt, es zittert, es faucht. Unabhängiges Klangbestiarium. Und daran halte ich mich fest. Was würde passieren, wenn ich mich in diesen doch recht unbekannten Kosmos hineinfallen liesse?

 

Nicolas Buzzi am Buchla von hinten ©zVg Nicolas Buzzi

 

Loslassen – da funkt mir mein Hirn dazwischen, das bei dieser Musik offenbar lieber einen imaginären Zoo durchwandert. Die neue Musik auf Buzzis Buchla 200e, das «Musikdenken» dazu, das betrifft eben auch mich, den Hörer, der sich offenbar gerne an seinem Ast festklammert, wie ein Vogel im Baume. Flieg!
Benjamin Herzog

 

Im Projekt I sing the body electric traf Nicolas Buzzi auf das Ensemble Thélème. Es entstand die Verbindung von Synthesizer und Renaissancemusik:


Nicolas Buzzi und thélème: I sing the body electric, Buchla Synthesizer trifft Chansons von Josquin, Eigenproduktion SRG/SSR

 

Vom 21. bis zum 23 September ist das Projekt Rohrwerk – Fabrique sonore nach Basel, Lausanne (SMC) und Zürich, nochmals in Lausanne zu hören. Diesmal im Rolex Learning Center der EPFL. Darin gibt es Klanginstallationen von Nicolas Buzzi, Germán Toro Pérez, Marianthi Papalexandri Alexandri etc.

 

Don Buchla, Li Tavor

Sendungen SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit, 3.3.21, Nicolas Buzzi und sein Synthesizer, Redaktion Benjamin Herzog / verlinken:

Neue Musik im Konzert, 31.3.21, 21h, I sing the body electric, Redaktion Florian Hauser

Neoblogpost, 2.9.2019Reibung erzeugt Wärme: Marianthi Papalexandri Alexandri @ Rohrwerk – Fabrique sonore/Zeiträume Basel, Text Theresa Beyer

 

Neo-profiles:
Nicolas Buzzi, thélème, Germán Toro Pérez, Marianthi Papalexandri Alexandri,  Musikpodium der Stadt Zürich, Beat Gysin, Société de musique contemporaine – SMC Lausanne

 

tuns contemporans 2021 – Graubünden trifft Welt

Bereits 2019 initiierten die beiden professionellen Klangkörper des Kantons Graubünden, das Ensemble ö! und die Kammerphilharmonie Graubünden, gemeinsam die Biennale für Neue Musik Graubünden – tuns Contemporans.

Die zweite Ausgabe von tuns contemporans legt den Fokus einerseits auf Komponistinnen, andererseits auf das lokale Musikschaffen. Aus einem Call for scores for ladies only werden drei Stücke uraufgeführt, ausserdem vergab die Biennale Auftragskompositionen an drei Generationen Bündner Komponisten.

Das Motto: Graubünden trifft Welt, Bekanntes trifft Unbekanntes, Neues trifft noch Neueres.

Kammerphilharmonie Graubünden ©zVg Kammerphilharmonie Graubünden

Gabrielle Weber
Die Churer Biennale für zeitgenössische Musik tuns contemporans hat einen etwas schweren Start in ihre erst zweite Ausgabe. Im September 2020 lancierte sie einen Call for Scores for ladies only. Zu dem Zeitpunkt sah die nahe Zukunft für die Musikwelt gerade etwas besser aus. Man konnte hoffen, dass im Frühling danach Live-Konzerte stattfinden können.

Nun, mitten in der dritten Pandemiewelle ohne baldige Aussicht auf Livekonzerte mit Publikum, entschied man sich, die Biennale dennoch durchzuführen. Wie so viele Festivals, live gespielt, ohne Publikum vor Ort, ausgestrahlt per Live-stream.

Glück im Unglück. Denn an vier Konzerten von Freitagabend bis Sonntag, 9.-11. April, wird nun eine Vielfalt an neuen Werken zu hören sein, in und aus Chur, in der ganzen Welt.

Die Biennale entstand auf Initiative von David Sontòn Caflisch, dem künstlerischen Leiter des Ensemble ö!, zusammen mit der Kammerphilharmonie Graubünden.

David Sonton Caflisch ©zVg David Sonton Caflisch

 

Sontòn Caflisch ist nebst seinem Engagement für das ensemble ö! als Geiger in diversen Formationen zeitgenössischer Musik und als Komponist aktiv. Das Churer Ensemble ö! bringt regelmässig neue Stücke von Nachwuchskomponist*innen, aber auch gezielt von Bündner Musikschaffenden zur Uraufführung. Es spielt nebst Chur immer auch in Zürich und Basel und gastiert international.

 

Stefanie Haensler, Im Begriffe für Quintett, UA ensemble ö! 2016, Video Eigenproduktion SRG/SSR, Launch neo.mx3 & Ensemble ö!, Postremise Chur, 11.Oktober 2020.

Call for scores – for ladies only!

Die auf den Call for Scores eingesandten Partituren wurden von einer Jury bestehend aus ausgewiesenen Kennerinnen und Kennern der Neue Musik-Szene beurteilt:
Da sind einerseits zwei Frauen, Asia Ahmetjanova, Pianistin und Komponistin Ensemble ö!, und Karolina Öhman, Solo-Cellistin und u.a. Mitglied des Ensemble Mondrian. Dazu kamen Philippe Bach, künstlerischer Leiter Kammerphilharmonie Graubünden und tuns contemporans, Baldur Brönnimann, Gastdirigent tuns contemporans und künstlerischer Leiter Basel Sinfonietta, wie auch Sontòn Caflisch.

Aus den 124 eingereichten Werken wurden folgende drei Stücke für eine Uraufführung ausgewählt: Fragmente einer Erinnerung für kleines Ensemble von Elnaz Seyedi (Teheran), Still Images von Vera Ivanova (Moskau) für grosses Ensemble und Accord von Katrin Klose (Deutschland) für Kammerorchester. Sie werden an je einem der Konzerte der Biennale uraufgeführt.

Katrin Klose: Preisträgerin Call for Scores / Kat. Kammerorchester, UA Accord mit Kammerphilharmonie Graubünden, Eröffnungskonzert Theater Chur, Freitag, 9.4.21, 19h.

Zu hören gibt es an tuns contemporans vier Generationen des Bündner Musikschaffens. Es wurden Kompositionsaufträge für drei neue Werke vergeben – an Sontòn Caflischs, Martin Derungs und Duri Collenberg. Und in einer Matinée am Sonntag werden Lieder und ein Cello solo von Benedikt Dolf (1918 -1985) wieder aufgeführt.


Benedikt Dolf, Concertino für Streichorchester 2008, Eigenproduktion SRG/SSR

Für das einheimische Musikschaffen setzt sich die Kammerphilharmonie Graubünden seit jeher ein, sowohl in Chur, wie auch an kleineren Konzertorten in den Tälern Graubündens. Mit ihrem Engagement für tuns contemporans  und den Call for Scores setzt sie nun zusätzlich ein Zeichen für die Erneuerung des Orchesterrepertoires und für mehr Genderdiversität bei der nachrückenden Generation Orchesterkomponierender.

Als composer in residence konnte der international arrivierte finnische Komponist Magnus Lindbergh gewonnen werden. Er ist während der gesamten Biennale anwesend. In jedem der vier Konzerte werden Werke von ihm aufgeführt.
Am Eröffnungsabend mit der Kammerphilharmonie Graubünden im Theater Chur ist sein Violinkonzert von 2006 zu hören. Zusammen mit einer Uraufführung von Sontòn Caflisch und dem neuen Stück von Katrin Kloss, Gewinnerin des Call for Scores in der Kategorie Kammerorchester.


David Sontòn Caflisch, Enceladus-Variationen 2019, Eigenproduktion SRG/SSR

Apartment House nach John Cage, das vielversprechende Vermittlungsprojekt von tuns contemporans, musste coronabedingt kurzfristig abgesagt werden. Cages wegweisendes Werk von 1976 hätte in Chur zum Plädoyer für gesellschaftliche Vielfalt und kollektive Kunst werden sollen. Das Festival wollte in Kollaboration mit einer Vielzahl an lokalen Akteuren alle Räume des Theater Chur und den Aussenbereich bespielen. Nun wird es zum Symbol für das aktuelle physical distancing.

An der Biennale beteiligt sind auch das Theater Chur und das Bündner Kunstmuseum, von wo aus alle Konzerte live gestreamt werden. Die zeitgenössische Musik soll in Chur wieder näher ans alltägliche kulturelle Leben rücken. Ein Vorsatz, den man sich in manch grösserer Stadt wünschen würde.

Die Tuns contemporans versprechen ein dichtes und vielseitiges Programm: Graubünden trifft Welt!
Gabrielle Weber

Am Call for Scores nahmen 60 Komponistinnen aus 30 verschiedenen Ländern teil. 124 Werke wurden eingereicht, davon 84 Werke in der Kategorie Kleines Ensemble, 22 Werke in der Kategorie Grosses Ensembleund 18 Werke in der Kategorie Kammerorchester. Ausgewählt wurden drei Werke zur Uraufführung in jeweils einer Kategorie.

Alle Konzerte und Angaben zum Livestream im Überblick sind zu finden auf: tuns contemporans.

In der Postremise in Chur fand unter Mitwirkung des ensemble ö! im Oktober 2020 der RTR-Launch von neo.mx3 statt: im kurzen Zeitfenster in dem Live-Konzerte möglich waren. Das ganze Konzert wurde von RTR auf Video aufgezeichnet. Die Aufnahmen finden sich auf dem Profil des ensemble ö! auf neo.mx3.

tuns contemporans, Magnus Lindberg, Katrin KloseElnaz SeyediVera Ivanova

Sendungen SRF 2 Kultur:
Neue Musik im Konzert: Ein Fest der neuen Musik, Abschlusskonzert tuns contemporans 2019, Redaktion Cécile Olshausen, 15.4.2020

neoblog, Ein Prost auf die Neue Musik!, Text von Thomas Meyer, 27.9.2020

Musik unserer Zeit: ö! ensemble für neue Musik, Redaktion Florian Hauser, 11.11.2020

Neo-Profiles:
Ensemble ö!, Kammerphilharmonie Graubünden, David Sontòn Caflisch, Karolina Öhman, Asia Ahmetjanova, Basel Sinfonietta, Ensemble Phoenix Basel, Philippe BachStefanie Haensler

Musique de création –  Geheimtipp aus Genf im GdN Basel

Ungewöhnlich ist die Besetzung, und überzeugend : drei Schlagzeuge und zwei Klaviere. Und noch ungewöhnlicher ist die Zusammenarbeit mit dem Cartoon-Kollektiv Hécatombe. In Diĝita verbindet das Genfer Ensemble Batida Musik mit Comics. Zu erleben am 26. November im Gare du Nord, im Saisonschwerpunkt „Romandie“.

Der Schwerpunkt des Basler Bahnhofs für Neue Musik erstreckt sich gleich über drei Saisons, mit drei mal drei Konzerten. Damit stärkt er längerfristig Brücken zur anderen Schweizer Sprachregion. Und gerade jetzt sind diese wichtig: denn die Ensembles aus der frankophonen Schweiz können aufgrund des Lockdowns in der Romandie dort nicht auftreten.

Der neoblog portraitiert die Gastensembles und neo.mx3 begleitet zusammen mit RTS Livesendungen zu den Konzerten.

Folge eins: Ensemble Batida Genève: Ein Portrait

Gabrielle Weber
Zum Gespräch traf ich Jeanne Larrouturou, Perkussionistin und Co-künstlerische Leiterin, per Zoom, im Genfer Lockdown. Larrouturou stammt aus Frankreich und wuchs in Genf auf. Nach dem Studium an der Haute école de musique Genève (HME) spezialisierte sie sich an der Hochschule für Musik Basel (FHNW) auf zeitgenössische Musik. Seither agiert sie als Brückenbauerin zwischen den Szenen der beiden Regionen.

Ensemble Batida: Concert Le Scorpion © Pierre-William Henry

Zur Besetzung von Batida kam es eher zufällig. Als “klassische Bartok-Formation ” sei Batida ursprünglich entstanden, sagt Larrouturou. Sie bezieht sich damit auf Bartoks  Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug von 1937/38 für zwei Klaviere und zwei Schlagzeuge. Dazu formierten sich 2010 vier der Ensemblemitglieder für ein Schlusskonzert an der HME. Weitere gemeinsame Auftritte folgten. Als eine Perkussionistin die Gruppe für einen Auslandaufenthalt verliess, sprang Larrouturou ein, und blieb anschliessend gleich dabei. Die Kernformation besteht seither unverändert: die drei Perkussionistinnen Jeanne Larrouturou, Alexandra Bellon und Anne Briset ergänzen Viva Sanchez Reinoso und Raphaël Krajka am Klavier.

Ein Glücksfall, denn für die einmalige Besetzung entstanden viele neue Werke. Einerseits von befreundeten KomponistInnen, andererseits durch kollektives Komponieren der Ensemblemitglieder. Und auch das begann zufällig. In einem Projekt mit einer Tanzkompagnie habe der Choreograph Batida gebeten, etwas zu komponieren. “So kamen wir zum ersten Kompositionsauftrag. Und das gemeinsame Komponieren führten wir anschliessend weiter. Als nächstes komponierten wir für ein Projekt mit einem Marionettentheater”, so Larrouturou.

Ensemble Batida, Haïku, kollektive Komposition 2013

“Die Art wie wir komponieren kommt stark aus dem Experimentieren. Wir haben eine Idee der generellen Struktur, eines Konzepts. Dann ‘machen’ wir: wir spielen, wir hören uns gegenseitig an, nehmen uns auf, hören das Aufgezeichnete gemeinsam. Wir strukturieren, organisieren und notieren “. Eine Art der Kreation also, die Improvisation und Notation verbindet. In der Regel werden auch improvisatorische Elemente beibehalten.

musique de création

In einem musikalischen Genre will sich Batida nicht eindeutig verorten. “Wir sehen uns in der zeitgenössischen Musik. Wir mögen aber nicht so sehr was hinter dem Etikett steht”, meint Larrouturou. In Frankreich gäbe es verschiedene gelungenere Bezeichnungen: ‘Musique de création’ sei für sie am treffendesten: “der Begriff ist genug offen, schliesst aber gleichzeitig die alte „zeitgenössische Musik’ aus”.

Ensemble Batida: Mean E, kollektive Komposition 2013

Batida hatte bislang kaum Auftritte in der Deutschen Schweiz. Nach dem Concours Nicati in Bern 2014 folgten Auftritte beim Festival Zeiträume Basel und in Andermatt. Ganz im Gegenteil zur französischen Schweiz wo das Ensemble an vielen Festivals präsent ist, wie auch zum Ausland. In Frankreich, Russland, Portugal, Zypern waren sie bereits auf Tournee. Eine weitere – mit Diĝita in die USA – ist geplant (und wegen der Pandemie bereits schon  verschoben).

Wie erklärt sich Larrouturou diesen überschaubaren Austausch der Sprachregionen?

“Ich lebe seit zirka vier Jahren in Basel und habe mein Netzwerk in Basel, Genf und Lausanne. Mich erstaunt immer wieder, dass die Szenen sich gegenseitig wenig kennen. An der Hochschule in Basel stellte ich fest, dass es grundsätzliche Unterschiede in der ästhetischen Ausrichtung gab. An gewissen Musikschaffenden kommt man in Basel nicht vorbei, die waren aber in der Romandie kaum präsent. Die französische Schweiz ist stärker mit Frankreich, die deutsche Schweiz stärker mit Deutschland vernetzt”, meint Larrouturou.

Zusammen mit dem Komponisten Kevin Juillerat, Basler Studienkollege und in Lausanne domiziliert, kuratiert Larrouturou die Lausanner Konzertreihe Fracanaüm. Dort versuchen die beiden solche Gräben zu überwinden. ” Die Frage woher jemand kommt stellen wir uns gar nicht. Wir laden unser Netzwerk aus beiden Regionen ein. Aus solchen kleinen Initiativen entstehen Beziehungen auf lange Sicht “, ist Larrouturou überzeugt.

Batida geht es aber auch um Brücken zwischen den Sparten. Die meisten Projekte sind  transdisziplinär angelegt und entstehen in Kollaboration mit weiteren Kunstschaffenden, mit Tanz, Marionettentheater, Architektur, Video oder Comiczeichnern.

Mit dem Genfer Zeichnerkollektiv Hécatombe kollaborieren Batida seit einem ersten gemeinsamen Projekt 2016 laufend.

Ensemble Batida & Hécatombe: Oblikvaj, kollektive Komposition 2016-2018

“Beim ersten gemeinsamen Projekt Oblikvaj (2016-2018 ) stellte sich gleich heraus, dass wir dieselbe Wellenlänge hatten. Jedes der fünf Hécatombe-Mitglieder schuf eine grafische Partitur, je einen 24seitigen schwarz-weiss Comic. Batida reagierte darauf mit kollektiven Kompositionen. Das funktionierte blendend”. Später gab es dann Konzerte mit Live-Begegnungen.

In Diĝita geht es nun erstmals um den gemeinsamen Kreationsprozess. “Im Sommer 2019 vergruben wir uns alle zusammen in einer 14tägigen Retraite in einem alten Hof ‘au milieu de nulle part’. Wir brachten keine Instrumente mit, sondern sammelten vorhandene Klänge und zeichneten diese auf, bspw. von grossen Maschinen, Traktoren und Motoren.”

Diĝita, Trailer ©Gare du Nord, Batida & Hécatombe

Der Titel Diĝita steht einerseits konkret für die ‘Finger’, andererseits für digital vs. analog. Die aufgezeichneten und gesampelten Klänge verweisen auf das Digitale, die Musikerperformer auf die Arbeit mit Fingern. Die Musiker spielen innerhalb eines transparenten Kubus. Die Wände sind Screens, auf die 3D-Videos der Zeichner projiziert werden: lebensgrosse Comicfiguren auf den Videos überlagern und verfremden so die realen Musikerkörper im Kubus.

Diĝita konnte am 31. Oktober noch ein Konzert in Lausanne geben: “Das war ein Erlebnis in extremis. Uns war klar, dass wir sobald nicht mehr live spielen würden und wir haben den Moment noch stärker ausgekostet” meint Larrouturou dazu. Die weitere Diĝita -Tournee mit Folgekonzerten in Genf ist nun durch den Lockdown der Romandie unterbrochen.

En passant stellte sich im Gespräch heraus, dass Batida dieses Jahr gerade sein zehnjähriges Bestehen feiert. Ein Fest mit Partnern und Publikum in Genf sei geplant, aufgrund der Pandemie werde es aber sicherlich erst 2021 stattfinden.
Gabrielle Weber

 

Ensemble Batida Portrait ©Batida

Ensemble Batida: Klaviere: Viva Sanchez Reinoso, Raphaël Krajka
Percussion; Jeanne Larrouturou, Alexandra Bellon, Anne Briset
Diĝita: Video: Giuseppe Greco, Ton: David Poissonnier

Gare du Nord: Batida & Hécatombe: Diĝita, 26.11.20, 20h
(aufgrund des Basler Lockdowns spielten sie 2x für 15 Personen, mit Livestream für alle anderen)

Ensemble Batida, FracanaümKevin Juillerat, haute école de musique genève – neuchâtel, Hochschule Musik Basel, Hécatombe,

Sendung RTS:
l’écho des pavanes, 20.11.20, rédaction Anne Gillot, Gespräch mit Désirée Meiser, Intendantin Gare du Nord
Sendung SRF 2 Kultur:
in: Musik unserer Zeit zu neo.mx3, 21.10.20, Redaktion Florian Hauser / Gabrielle Weber

neo-Profiles: Ensemble Batida, Gare du NordAssociation Amalthea, Kevin Juillerat

 

Wien Modern spielt ohne Publikum

17 Neuproduktionen als Stream im Lockdown: 6.-29.11.20

Gabrielle Weber
Die Stadt Wien traf es hart. Zuerst frühzeitig zur Quarantäneregion erklärt, dann der kurzfristig ausgerufene Lockdown für den Monat November. Kurz darauf die unfassbare Terrorattacke. Das einzigartige Musikfestival Wien Modern ist zeitlich und geographisch mittendrin. Es bespielt die Wiener Innenstadt normalerweise jeweils während des ganzen Monats an diversen Orten.

Saal Konzerthaus ohne Publikum ©Markus Sepperer 

Unter dem Motto “Stimmung” spürt das Festival vielschichtig und vieldeutig der aktuellen Stimmungslage im Jahr 2020 nach. 44 neue Produktionen und 85 neue Stücke hätten zur Aufführung kommen sollen, verteilt auf 32 Tage. Nur das Eröffnungswochenende fand mit Publikum statt. Gezeigt wurden sechs Produktionen und damit gerade mal 14% des Gesamtprogramms.

Am dritten und zugleich zweitletzten Abend konnte noch die Uraufführung von Edu Haubensaks Grosser Stimmung gespielt werden. Wien Modern scheut keinen Aufwand – fast vorausahnend wurde der Zuschauerraum des Wiener Konzerthauses für die elf verschieden gestimmte Konzertflügel leergeräumt. Das Publikum war freilich noch präsent – auf den Rängen.

So konnte Haubensaks Grosse Stimmung erstmals als Ganzes live erlebt werden. Denn nach Teilaufführungen wurde die geplante integrale Uraufführung im Sommer an der Ruhrtriennale bereits Pandemiebedingt abgesagt. Angereist waren trotz Quarantäne die drei Schweizer Pianistinnen Simone Keller, Tomas Bächli und Stefan Wirth.

Edu Haubensak, Grosse Stimmung © Markus Sepperer

Dann kam der Lockdown mit Veranstaltungsverbot und Ausgangsbeschränkung. Rasch fiel der Entscheid: Insgesamt 24 Veranstaltungen und damit über die Hälfte der Konzerte werden nun ohne Publikum aufgeführt und per Stream kostenlos öffentlich zugänglich gemacht.

Bereits fünf Tage nach dem Lockdown fand das erste Konzert vor leerem Saal für den Stream statt: die Uraufführung von Sofia Gubaidulinas lange erwartetem neuem Orchesterwerk Der Zorn Gottes im Musikverein am Freitag, 6. November. Unter dem Dirigat von Oksana Lyniv spielt das Radiosinfonieorchester Wien (RSO). Die geplante Uraufführung bei den Salzburger Osterfestspielen mit der Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann erlebte nach mehrmaligem Verschieben bereits eine coronabedingte Absage.

Dass es nun online doch zur Uraufführung kam, ist gerade jetzt, in der vom Terror versehrten Stadt Wien, wichtig. Die Aufführung versteht Gubaidulina als Zeichen des Friedens in einer Zeit des zunehmenden Hasses und «einer allgemeinen Überanspannung der Zivilisation“.

Klaus Lang: tönendes Licht

Klaus Lang, tönendes Licht, Livestream aus dem Stephansdom, 19.11.20

Wichtige weitere Highlights sind am 18. November im Wiener Konzerthaus ein Konzert mit drei Uraufführungen. Nebst neuen Werken von Friedrich Cerha und Johannes Kalitze wird auch ein Stück von Matthias Kranebitter, dem Preisträger des Erste Bank Kompositionspreises uraufgeführt – eine neue Enzyklopädie der Tonhöhe und Abweichung. Aufgeführt durch das Klangforum Wien und dirigiert von Kalitzke selbst. Oder live aus dem Wiener Stephansdom am 19. November die Uraufführung tönendes licht von Klaus Lang, ein “Riesenorgelkonzert” (Zit. Wien Modern) für die weit auseinandersitzenden Wiener Symphoniker unter Leitung von Peter Rundel.

20 Jahre Ensemble Mondrian – Jubiläumskonzert in Wien: Die Produktion musste am 16.11.2020 aufgrund einer Schweizer Quarantänevorschrift leider auf 2021 verschoben werden.

 

Portrait Mondrian Ensemble & Thomas Wally © Markus Sepperer

Auch aus der Schweiz gibt es etwas zu hören: Am 21. November präsentiert das Mondrian Ensemble zu seinem 20Jahr-Jubiläum in Wien Werke von Martin Jaggi und Thomas Wally, beides langjährige Weggefährten des Basler Ensembles.


Ensemble Mondrian, Thomas Wally, Podcast

Uraufführungen von Andres Bosshard mit Zahra Mani und Mia Zabelka mussten hingegen auf November 2021 verschoben werden. Ebenso das Konzert des Basler Ensembles Nikel mit Werken von Thomas Kessler und Hugues Dufourt.

Bernhard Günther, der künstlerische Leiter von Wien Modern, äusserte sich in einem längeren Statement zum Lockdown und zur kulturellen Stimmung in Österreich folgendermassen: ” Die Stimmungslage in diesem Bereich ist derzeit so, dass es dringend ganz deutliche Signale braucht, damit Kultur nicht als Opfer des Gesundheitswesens, des Wintertourismus in den Bergen und des Weihnachtsgeschäfts empfunden wird. Es ist klar, dass ein Kapitän versuchen muss, einem Eisberg auszuweichen, aber er muss jetzt alles dafür tun, damit das Schiff nicht an der anderen Seite auf Grund läuft.”  (Zit. Günther)

Durch die Streams versucht nun Wien Modern, einen Teil des Wiener kulturellen Lebens aufrecht zu erhalten und zugänglich zu machen. Vielleicht kann damit immerhin -gemäss dem Festivalmotto- die aktuelle Stimmungslage etwas verbessert werden, auch wenn die existenzbedrohende Lage für das Kulturschaffen dadurch nicht geschmälert wird.

Als Zeichen der Solidarität seitens SRF 2 Kultur und neo.mx3 freuen wir uns, an dieser Stelle auf die Streams hinzuweisen.
Gabrielle Weber

Portrait Bernhard Günther © Wien Modern

 

Der Zorn Gottes ist ab 6. November 7 Tage lang per Stream nachzuhören auf: www.wienmodern.at

Alle Streams sind zu finden auf: Wien Modern
sowie teilweise auf den Homepages von Musikverein und ORF RSO 

Sendungen SRF 2 Kultur

Kultur kompakt Podcast9.11.20: Theresa Beyer, “Der Zorn Gottes” entlädt sich im Stream zur UA Wien Modern, Sofia Gubaidulina:

Neoblog, Corinne Holtz: Wenn aus Leidenschaft Subversion wird – Portrait Simone Keller

Kontext, 21.10.20, Corinne Holtz: Zehn neu gestimmte Klaviere

In Musik unserer Zeit21.10.20: Florian Hauser / Gabrielle Weber:  zu neo.mx3: Simone Keller & Edu Haubensak

Neo-profiles
Simone Keller, Stefan Wirth, Wien Modern, Edu Haubensak, Mondrian Ensemble, Martin Jaggi, Thomas Kessler

“Das Universum der Klänge ist unendlich”

Hier sollte zunächst ein rundum strahlendes Geburtstagsportrait zu 10 Jahren ensemble proton bern stehen. Dazu gehörten zahlreiche Veranstaltungshinweise zur Jubiläumssaison.

Mit Martin Bliggenstorfer, dem Managing director, führte Christian Fluri deshalb kurz nach dem Lockdown der ersten Pandemiewelle ein Gespräch. Zu diesem Zeitpunkt äusserte er sich voller Zuversicht und Tatendrang.

Jetzt, kurz vor der ursprünglich geplanten grossen Geburtstagsfeier am 16. November, stecken wir mitten in der zweiten Welle. Und sie trifft uns mit unerwarteter Heftigkeit.

Wie sich die neue Situation aufs ensemble proton bern und seine Jubiläumssaison auswirkt, besprach ich daher mit Bliggenstorfer nochmals. In einem zweiten Gespräch, direkt nach der Bekanntgabe der neuen Vorgaben des Bundesrates vom 18. Oktober. Seither ändern sich die Maßnahmen laufend weiter und die meisten Aufführungen sind faktisch unmöglich geworden.

Das ensemble proton bern steht damit im Beitrag auch stellvertretend für viele Ensembles, Musikschaffende und Veranstalter, die plötzlich mit Absagen, Verschiebungen und einer unplanbaren Zukunft konfrontiert sind.

ensemble proton bern: Gruppenportrait © Oliver Oettli


Christian Fluri
Das ensemble proton bern forscht mit grosser Passion seit zehn Jahren nach neuen Klängen, neuen Stücken und neuen Komponisten wie Komponistinnen. Es gehört international zu den gefragtesten Ensembles und wird oft an Festivals und zu Konzerten in- und ausserhalb Europas eingeladen.

Seit seiner Gründung 2010 hat das in der Dampfzentrale Bern domizilierte Ensemble in 128 Konzerten 273 Werke von 180 Komponist*innen gespielt, 175 davon waren Uraufführungen. Es trat vor grossem Publikum in der Mariinsky Concert Hall in St. Petersburg auf und tourte nebst weiteren Highlights an der Westküste der USA.

Während der ersten Coronawelle hat das Ensemble noch einigermaßen Glück gehabt, wie Managing Director, Oboist und Lupophonspieler Martin Bliggenstorfer im Gespräch sagt: “Gerade vor dem Lockdown konnten wir in der Dampfzentrale noch das Konzert protonwerk no. 9 spielen. Die Wiederholung im Gare du Nord Basel mussten wir aber bereits absagen.”

protonwerk, das ist ein Förderprogramm für junge Komponist*innen, denen das Ensemble Kompositionen in Auftrag gibt.


Adrian Nagel, Netzwerk, UA: protonwerk no.7 / ensemble proton bern 2017

“Unser auf Mai geplantes Programm terrible ten, ein Konzert mit Uraufführungen von Thomas Kessler (My lady soul) sowie Michael Pelzel und Stefan Wirth, konnten wir kurzfristig verschieben und bereits im September spielen. So ging zumindest nichts von unseren geplanten Programmen ganz verloren“ freut sich Bliggenstorfer.

Gemeinsames Musizieren vermisst

Den Wiedereinstieg ins Konzertleben nach dem Lockdown konnte das Ensemble kaum erwarten. terrible ten war dann auch etwas ganz Besonderes: erstmals wieder gemeinsam zu musizieren und das Musikmachen mit dem Publikum live zu teilen, sei für alle Beteiligten ein Erlebnis gewesen, meint Bliggentorfer.


Thomas Kessler, My lady soul, UA ensemble proton bern 2019

Auch wenn die Musiker*innen des Ensembles die Zeit des Lockdowns produktiv nutzen konnten. “Was uns gefehlt hat, war das gemeinsame Musizieren, der direkte Kontakt miteinander, die Proben mit den Konzerten vor Augen. Zugleich hatte es aber auch etwas Gutes, für ein paar Wochen Kopf und Körper etwas ausruhen zu lassen.”

Existenzangst musste das Ensemble bis zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise keine haben. “Wir mussten für ausgefallene Konzerte keine Subventionen und Unterstützungsbeiträge zurückgeben. So konnten wir unsere Honorare und die unserer Gäste auszahlen.” Bliggenstorfer ist sehr dankbar für die grosszügige Haltung der Geldgeber in der Schweiz.

“Das Universum der Klänge ist unendlich..”

Das ensemble proton bern  ist also  nach wie vor bestens aufgestellt und will sich stetig weiter entwickeln. Dies jedoch ohne seinen langjährigen Dirigenten Matthias Kuhn, der seit der Gründung dabei war. “Er will sich künstlerisch neu ausrichten.” Das versteht Bliggenstorfer, so wichtig Kuhn für den Aufbau des jungen Ensembles gewesen ist. Künftig arbeitet das Ensemble mit achtköpfiger Stammbesetzung und ohne festen Dirigenten. Kammermusikalische Projekte sollen so vorangetrieben werden, wie auch Konzerte und Auftritte mit grösseren Besetzungen und Gastdirigenten.

Ungebrochen ist die Leidenschaft für die Neue Musik in ihren unterschiedlichen Stilen und Ausrichtungen. Denn Scheuklappen hat das ensemble proton bern keine. Es zeigt mit seiner Spielfreude, wie lustvoll, lebendig und vital zeitgenössiche Musik ist. “Das Universum der Klänge und deren Kombinationsmöglichkeiten ist unendlich”, weiss Bliggenstorfer: “Es gibt ein Leben lang Neues zu entdecken”.


Verschiedene Komponisten click & faun, ensemble proton bern 2019

Auch seien die Klangmöglichkeiten der neuen Instrumente noch lange nicht ausgeschöpft: so die von Richard Haynes wiederentdeckte Klarinette d’amore, die von Martin Bliggenstorfer und Elise Jacoberger gespielten Doppelrohrblattinstrumente Lupophon und Kontraforte, auch Maximilian Hafts Strohgeige – oder die Vielfalt im Bereich der elektronischen Klangerzeugung. Das ensemble proton bern wird weiter forschen.
Christian Fluri

2. Gespräch am 21. Oktober 2020:
Gabrielle Weber
Trotz der wachsenden Unsicherheit und drohender Einschränkungen war Bliggenstorfer am 21. Oktober noch zuversichtlich, Konzerte so lange als möglich durchzuführen: “Kulturelle Veranstaltungen sollten nicht abgesagt werden, solange sie nicht verboten sind. Natürlich muss das Schutzkonzept perfekt umgesetzt sein. Das funktionierte bislang auch gut.”

Fest standen noch Auftritte als main act im Jubiläumsprogramm „5 Jahre Kultur-Kino Rex“ zusammen mit zwei Visual Artists. Da sollte der Komponist Ennio Morricone von einer unbekannten Seite beleuchtet werden. „Morricone kennt man ja landläufig als Filmmusikkomponisten – er war aber auch in der ‘Kunstmusik’ aktiv, u.a. als Trompeter der Gruppo di improvisazzione Nuova Consonanza, in den 60er/70er Jahren”.

Mit den neuen Berner Auflagen vom 23. Oktober – Kinos und Museen waren per sofort zu schliessen – mussten die Konzerte aber wenig später abgesagt werden.

“fette fête” – das Konzert zum 10 Jährigen Bestehen des Ensembles

Die “fette fête” war für den 16. November in Bern geplant: eine grosse Geburtstagsfeier mit Uraufführungen und Werken von Louis Andriessen, Christian Henking und Annette Schmucki. Ausserdem vergab das Ensemble einen Kompositionsauftrag an den jungen Schweizer Komponisten Tobias Krebs. “Wir freuen uns ausserordentlich darüber – er ist ein hervorragender junger Komponist, den wir von protonwerk kennen”.


Tobias Krebs, ambra, UA Duo Vers 2018

An einer Durchführung hielt Bliggenstorfer beim Gespräch noch fest, denn “solange es möglich ist, Kunst live erlebbar zu machen, wollen wir die Möglichkeit zu Konzertieren nicht aufgeben. Wir wollen verantwortungsvoll mit der Situation umgehen, indem wir das Schutzkonzept einhalten”.

Auf das Konzert muss nun leider – seit den neuesten Auflagen – doch ganz verzichtet werden (Stand 30.10.20). Es soll im Februar 2021 nachgeholt werden (tbc.)..

Eine weitere Planungsunsicherheit kommt für zukünftige Projekte mit Gästen aus dem Ausland hinzu: “Wenn sie nicht einreisen können, müssen wir nach Ersatz suchen.” Und geplante Auslandengagements fallen vorläufig aus. Für die Jubiläumssaison hatte das Ensemble Einladungen bspw. nach New York und Salzburg.

Was das alles finanziell bedeutet,  ist noch nicht abzuschätzen: “Momentan stehen wir finanziell immer noch gut da. Aber ungewiss sind die mittel- bis langfristigen Auswirkung der Krise auf die Förderlandschaft.”

Das ensemble proton bern zeigt sich weiterhin voller Tatendrang. Forscher- und Innovationsgeist sind ungebrochen, Spiel- und Entdeckungslust ebenso. Wie aber die langfristigen Folgen für Konzerte, und insbesondere die weitere internationale Positionierung, ist gerade nicht abzusehen.
Gabrielle Weber

 

ensemble proton bern Gruppenportrait © Oliver Oettli

 

Konzerte Jubiläumssaison 20/21 &aktuelle updates

30.Oktober: The dark side of Ennio Morricone, Kino Rex Bern: ABGESAGT

16. November: “fette fête” – 10Jahre proton, Dampfzentrale Bern: ABGESAGT: VERSCHIEBEDATUM 2. Februar 2021 (tbc)**
17. November, 20h, Konzert Gare du Nord Basel: protonwerk nr.9 (Wiederaufnahme)

Sendungen SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit, 28.10.20: Redaktion Florian Hauser, Gespräch zu My lady soul, mit Thomas Kessler, Martin Bliggenstorfer, Bettina Berger, Vera Schnider
Neue Musik im Konzert
, 28.10.20: My lady soul mit terrible ten, Konzertaufzeichnung vom 15.9.20, Dampfzentrale Bern, Redaktion Florian Hauser.
Musikmagazin, 25.7.20: u.a. Richard Haynes, Redaktion Florian Hauser

**DATUM OFFEN: Neue Musik im Konzert: “fette fête”, Konzertaufzeichnung, Dampfzentrale Bern, Redaktion Florian Hauser.

ensemble proton bern, Martin Bliggenstorfer, Matthias Kuhn, Richard HaynesHanspeter Kyburz, Louis Andriessen

neo-profiles: ensemble proton bern, Thomas Kessler, Michael Pelzel, Stefan Wirth, Christian Henking, Annette SchmuckiTobias KrebsTobias Krebs

Musicus universalis – Rudolf Kelterborn

Folge 4 der Neoblog-Portraits zum Schweizer Musikpreis 2020:

Rudolf Kelterborn bekommt einen der Schweizer Musikpreise 2020.

Florian Hauser
1985 wars. Da habe ich zum ersten Mal Musik von Rudolf Kelterborn gehört: die unheimlich intensive Cellosonate, die gerade frisch komponiert war. Wie kann jemand, habe ich mich als junger Mensch gefragt, eine solche Musik schreiben? Die zornig ist und klar strukturiert. Sich ihrer eigenen Kraft sehr wohl bewusst. Die diese musikalische Geste in der Tiefe umkreist, beschwört, entwickelt. Bis sie sich hinaufschwingt in die Höhen. Singt, klagt, sich windet, sich verliert. Jubelt. Die erzählt und zu mir spricht.

Rudolf Kelterborn Portrait in jungen Jahren

«Bei meiner Arbeit», hat Rudolf Kelterborn einmal gesagt, «ist für mich nicht in erster Linie wichtig, ob ich etwas grundlegend Neuartiges schaffe. Wichtig ist mir, dass mein Werk bei Zuschauern und Zuhörern etwas in Bewegung setzt. Mit Bewegung meine ich nicht eine nebulose Gefühlsduselei, sondern das Gegenteil von Erstarrung. Auch etwas, das nichts mit der Tagesaktualität zu tun hat, kann aktuell sein, indem es zum Nachdenken anregt, anrührt, beeindruckt, fasziniert, erregt.»

“Etwas grundlegend Neuartiges schaffen..”

Das ist es. Seine Musik soll aus sich selber wirken. Das war und ist immer sein Credo. Und sie braucht auch keine Zusätze. Da ist Rudolf Kelterborn ganz alte Schule, und wenn heute die Musik, die neue Musik immer interdisziplinärer wird, oder transdisziplinärer, wenn sie an den Rändern ausfranst und Allianzen, um nicht zu sagen Amalgame eingeht mit anderen Disziplinen, wenn Theater und Tanz und Installation und Elektronik und Performance und alles mögliche auch noch mitmischen will – dann ist das seine Sache nicht.


Rudolf Kelterborn, Musica luminosa für Orchester 1984/85, Basel Sinfonietta

Er ist ein Urgestein der Schweizer Musiklandschaft, Zeitzeuge fast eines ganzen Jahrhunderts, beherzt, engagiert, voller feinem Humor und unerbittlich. Er ist einer, der es sich und seinem Umfeld nie leicht gemacht hat.

..ein Urgestein der Schweizer Musiklandschaft..

Nicht zufällig hatten die Kolleg*innen seinen Namengern auch mal verballhornt, als er in den siebziger Jahren die Musikabteilung von Schweizer Radio DRS leitete: Poltergern. Ja, er konnte und kann poltern – und zwar dann, wenn er auf Gedankenlosigkeit trifft. Dann ist er streitbar und unbequem und polemisch und vielleicht auch ungerecht.


Rudolf Kelterborn, Klavierstück 7 “Quinterno”, 2005, Klavierduo Soós-Haag

Aber das ist nur die Kehrseite einer Haltung, die das Laue verabscheut und stattdessen das bedingungslose Engagement will. Einer Haltung, die dem Publikum eine dichte, erzählerische, hochemotionale Musik bietet – der es sich dann aber auch bitteschön aussetzen soll. Bequemlichkeit? Bitte nicht. Das Publikum hat ein Recht darauf, gefordert zu werden, daraus dann aber einen enormen Gewinn zu ziehen, einen Erfahrungsgewinn, Erkenntnisgewinn, Lustgewinn.
Florian Hauser

Rudolf Kelterborn Portrait © Universität Oldenburg

Rudolf Kelterborn: Musinfo; Ricordi

Sendung SRF 2 Kultur:
Musik unserer Zeit, 16.9.2020: Portrait Rudolf Kelterborn, Redaktion Florian Hauser

Neo-Profiles: Rudolf Kelterborn, Klavierduo Soós-Haag, Basel Sinfonietta, Swiss Music Prize

Ma rencontre avec le futur – ANNULÉ!

Passages – so lautet das Motto des Genfer Festivals für zeitgenössische Musik Archipel. Vom 26. März bis zum 6. April widmet sich Archipel der musikalischen Vision einer Gesellschaft ohne Grenzen. Zwischen Menschen, Kulturen, Generationen und Künsten. Die Schweiz steht dabei für einen zentralen Knotenpunkt innerhalb Europas in einer Welt in Transformation. Und Musik für eine vibrierende Kunstform im Fluss, die Brücken bildet und Grenzen überwindet.

Marc Texier, scheidender Intendant, kuratiert die diesjährige Ausgabe letztmals. Einen Ausblick in die Zukunft bildet die ganztägige Carte Blanche Ma rencontre avec le futur am 31. März, programmiert vom designierten Intendantenduo Marie Jeanson und Denis Schuler.

Gabrielle Weber
Wie soll sich Archipel in Zukunft positionieren und wie sieht die Zusammenarbeit als Duo aus? Wie bezieht sich die Carte Blanche auf die übergreifende Thematik Passages und inwiefern weist Ma rencontre avec le futur auf die zukünftige Ausrichtung des Festivals? Im Gespräch stellt sich das Intendantenduo vor und präsentiert die Carte Blanche wie auch die Sicht aufs zukünftige Festival.

Marie Jeanson kommt als Veranstalterin aus den Bereichen experimentelle und improvisierte Musik wie auch Klangkunst und radiophone Musik. Das Einbringen ihrer Schwerpunkte ins Festival bedeute Kontinuität. Denn Archipel sei zwar in der komponierten zeitgenössischen Musik verankert. Improvisierte Musik wie auch Klangkunst bildeten aber immer schon einen Teil. “Es handelt sich weniger um einen Richtungswechsel als um ein Zurückkehren der experimentellen Musik ans Festival”, so Jeanson.
Für Denis Schuler, Komponist und künstlerischer Leiter des Genfer Ensemble Vide, ist die neue Tätigkeit als Festivalintendant eine Weiterführung dessen was er aktuell tut. Die gemeinsame Co-Intendanz sei eine ideale Kombination. Denn beide brächten ihre individuelle Erfahrung und ihr Netzwerk ein. Ein gemeinsames ästhetisches Terrain und gegenseitige Neugierde sehen beide als Grundvoraussetzung der Zusammenarbeit.

Marie Jeanson & Denis Schuler © Gabrielle Weber, neo.mx3

Ma rencontre avec le futur ist in vielerlei Hinsicht repräsentativ. Denn jedes Einzelprojekt repräsentiert sie beide als Duo, beinhaltet also sowohl Komposition als auch Improvisation.

La musique c’est fait pour être vécue ensemble

Offenheit ist durchgängiges Prinzip. Das zeigt sich an der Dauer -ein ganzer Tag-, dem einheitlichen Ort -die maison communale de Plainpalais wird gesamthaft bespielt-, dem Rahmen -Gastfreundschaft mit gemeinsamen Mahlzeiten und Gefässen für den Austausch-. Denn: “Musik ist da, um zusammen gelebt zu werden”, so Schuler.

‘cohérence poétique’

Im Unterschied zur langjährigen Intendanz von Marc Texier will sich das Festival in Zukunft weniger auf die Musikschaffenden als auf das Publikum ausrichten. “Wir möchten einen Rahmen schaffen, wo man berührt wird durch eine poetische Kohärenz. Wir erzählen Geschichten und möchten in den Menschen ein Begehren wecken, wiederzukommen”, so Jeanson.

‘faire exister la création’

Am Festival-Wettbewerb um die meisten und besten Uraufführungen will Archipel nicht mitmischen. “Vielen geht es ja nur darum, die ersten zu sein, die irgendetwas tun oder zeigen”, so Schuler. Dem Duo geht es hingegen darum, die Kreation am Leben zu erhalten. “Uns interessiert die Mischung von Komposition mit dem was direkt im Moment entsteht. Bspw. wird an der Carte Blanche die holländisch-schweizerische Klangkünstlerin Cathy van Eck in ihrer Performance Klangverordnung die ganze maison communale bespielen und kurzfristig entscheiden wo sie wann auftritt.


Cathy van Eck, Klangverordnung, a performance for mobile loudspeaker horns 2012

‘partage de l’écoute’

Auch Transdisziplinarität steht nicht im Zentrum des künftigen Festivals. Vielmehr geht es um das ‘reine Hören’. “Wir möchten einen besonderen Rahmen schaffen in dem das konzentrierte Hören im Zentrum steht”, so Jeanson. Konzentration schaffe eine besondere Präsenz, die paradoxerweise der Stille fast nahekomme. An der Carte Blanche gibt es bspw. ‘Salons d’écoute‘, Räume für das reine Hören also, mit Klangdiffusionssystem (Acousmonium) und Soundingenieur. Wer will bringt eine eigene CDs zum gemeinsamen Hören und Besprechen mit.

Carte Blanche = ‘Mega-Metakonzert

Und es werden Musikschaffende zusammengeführt, die sich vorher nicht kannten. An der Carte Blanche treten bspw. Shuyue Zhao (Klarinette, China-CH) und Maximilian Haft (Geige, USA-Genf) erstmals zusammen auf. “Wir provozieren Begegnungen und schaffen den Rahmen: die Musiker*innen können in einem gegebenen Zeitrahmen spielen, was und wo sie wollen. Sie entscheiden kurzfristig, so dass es auch das Publikum überrascht wird”, so Schuler. Auch das Basler Ensemble Neuverband trifft neu auf die Improvisatorin Shuyue Zhao in einem komponierte-improvisierten Programm, u.a. mit einer Uraufführung der Komponistin Junghae Lee. Und zum Schluss tritt der Perkussionist Will Guthrie zusammen mit einem Gamelanorchester auf. Dabei geht es nicht zuletzt darum, wie verschiedene musikalische Kulturen kombiniert werden, ohne einer Art von Exotismus zu erliegen.


Shuyue Zhao, Noise fragments

Passages sind auch bei Ma rencontre avec le future zentral – zwischen Ländern, Genres, Musiker*innen und Publikum. “Ein Meta-Megakonzert mit allem was dazu gehört”, so Jeanson.
Interview Gabrielle Weber, Genf, 26. Februar 2020

Das Genfer Festival Archipel findet vom 26. März bis 6. April statt. Eingebunden sind alle wichtigen Klangkörper Genfs, zudem arbeiten zahlreiche Institutionen erstmals zusammen. Highlights bilden u.a. Coro von Luciano Berio, ein ‘Fresko’ für 40 Stimmgruppen als Koproduktion der Musikhochschulen Genf, Lausanne und Lugano in der Victoria Hall, oder eine Opern-Koproduktion mit dem Grand Théâtre de Genève.

Ma rencontre avec le futur, 31. März 2020, 12-24h: Carte Blanche – Marie Jeanson & Denis Schuler, mit: Maximilian Haft & Shuyue Zhao, Cathy van Eck, Ensemble neuverBand, Will Guthrie & Ensemble Nist-Nah

Grand théâtre de Genève, Will Guthrie & Ensemble Nist-NahCathy van Eck, Maximilian Haft, Ensemble Vide, Denis Schuler

Sendungen SRG
RTS: Musique d’avenir, Redaktion Anne Gillot
SRF2 Kultur: Musikmagazin, 21./22.3., Redaktion Florian Hauser (abgesagt)

neo-profiles: Festival Archipel, Shuyue Zhao, NeuverBand, Denis Schuler, Ensemble Vide, Cathy van Eck